Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte der Sowjetunion
Die Geschichte der Sowjetunion beginnt mit der Oktoberrevolution der Bolschewiki im Jahr 1917 in Russland unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin und …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Entstehung
Die Geschichte der Sowjetunion begann mit der Oktoberrevolution der Bolschewiki im Jahr 1917 in Russland unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin und endete mit der Alma-Ata-Deklaration am 21. Dezember 1991 während der Amtszeit Michail Gorbatschows. Die Sowjetunion war ein Staat unter der Herrschaft der kommunistischen Einheitspartei KPdSU und während ihres Bestehens flächenmäßig der größte Staat der Erde.
Vorläufer waren die revolutionären Unruhen von 1905 bis 1907 und die Februarrevolution 1917, in der Arbeiteraufstände die etwa 300 Jahre dauernde Zarenherrschaft beendeten. Danach bestand kurz eine Provisorische Regierung, während zugleich Sowjets, also Arbeiter- und Soldatenräte, politischen Einfluss beanspruchten. Unter der Losung „Alle Macht den Sowjets“ wollten Bolschewiki und andere revolutionäre Kräfte die Bildung einer bürgerlichen parlamentarischen Demokratie verhindern.
In der Nacht zum 25. Oktober julianisch / 7. November 1917 gregorianisch stürzten die Bolschewiki unter Lenin in der Oktoberrevolution die Provisorische Regierung. Lenin proklamierte die Sozialistische Sowjetrepublik. Die Macht lag beim Politbüro der Kommunistischen Partei und beim Rat der Volkskommissare, dem Gegenstück zu einer Regierung. Die Duma wurde durch den Volksdeputiertenkongress ersetzt, der gegenüber Parteiführung und Räten machtlos blieb. 1918 wurde die Partei in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) umbenannt, ab 1925 hieß sie Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki), ab 1952 Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU).
Bürgerkrieg, Staatsgründung und frühe Ordnung
Nach der Oktoberrevolution entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der bis Ende 1920 dauerte. Die Rote Armee kämpfte gegen verschiedene Gegner, darunter die Weiße Armee, ukrainische Kräfte, Kosaken und unabhängige Einheiten. Auch ausländische Mächte wie Japan und Deutschland griffen durch Unterstützung der antibolschewistischen Truppen ein. Die wichtigsten Kriegsschauplätze lagen unter anderem in der Ukraine, im Don- und Kubangebiet, in Sibirien, Finnland und den baltischen Staaten. Am Ende besiegten die Sowjets die Hauptkräfte des militärischen Widerstands. Der Bürgerkrieg forderte insgesamt rund acht Millionen Menschenleben durch Kampf, Chaos, Hungersnot und Seuchen. Der Kronstädter Matrosenaufstand von 1921, der sich gegen die Parteiherrschaft richtete, wurde niedergeschlagen.
Lenin verstand den neuen Staat als Diktatur des Proletariats, also als Herrschaft der Arbeiterklasse unter Führung einer zentralistischen Kaderpartei. Mit seinem Dekret über den Boden übernahm er Forderungen der Bauern nach Enteignung adeliger Grundbesitzer. Nach dem Bürgerkrieg wurde die Idee der sofortigen Weltrevolution zurückgestellt. Die Kommunistische Internationale sollte die Unterordnung anderer kommunistischer Parteien unter die sowjetische Linie sichern.
Am 29. Dezember 1922 wurde der Vertrag über die Gründung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken zwischen der Russischen SFSR, der Ukrainischen SSR, der Weißrussischen SSR und der Transkaukasischen SFSR unterzeichnet und am 30. Dezember gebilligt. Moskau wurde Hauptstadt. 1924 erhielt die Sowjetunion ihre erste Verfassung. In den folgenden Jahrzehnten entstanden die 15 Unionsrepubliken. Grenzen wurden teils nach ethnischen Gesichtspunkten, teils willkürlich festgelegt. 1940 wurden Estland, Lettland, Litauen, Moldawien und der finnische Teil Kareliens nach sowjetischer Besetzung als Sowjetrepubliken beziehungsweise Unionsgebiete eingegliedert. Karelien verlor 1956 wieder den Status einer Unionsrepublik.
Die Neue Ökonomische Politik (NEP), 1921 von Lenin verkündet, ersetzte den Kriegskommunismus. Sie erlaubte Bauern, Überschüsse über das Ablieferungssoll hinaus frei zu verkaufen, um die Landwirtschaft zu beleben. Die NEP endete 1927 mit dem XV. Parteitag der KPdSU.
Stalinismus, Zwangskollektivierung und Terror
Josef Stalin wurde am 3. April 1922 Generalsekretär der Partei. Der schwer kranke Lenin warnte vor Stalin und forderte seine Ablösung, doch Stalin kontrollierte zunehmend den Zugang zu Lenin und zur Parteiorganisation. Nach Lenins Tod am 21. Januar 1924 setzte sich Stalin im Nachfolgekampf gegen Leo Trotzki durch. Bis Ende 1930 war der Machtwechsel im Politbüro vollzogen.
Ab 1928 wurde die Wirtschaft durch Fünfjahrespläne gelenkt. Diese zentrale Planung über Gosplan sollte Industrialisierung und Infrastruktur, besonders auch im asiatischen Teil der Sowjetunion, vorantreiben. Gleichzeitig begann die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft: Einzelhöfe und traditionelle Dorfgemeinschaften sollten durch Kolchosen und Sowchosen, also sozialistische Großbetriebe, ersetzt werden. Zwischen Juni 1928 und Juli 1932 wurden mehr als 61 Prozent der Bauernwirtschaften in Kolchosen überführt. Die sogenannten Kulaken, oft tatsächliche oder angebliche wohlhabendere Bauern, wurden verfolgt, deportiert und enteignet. Bei der Entkulakisierung kamen rund 530.000 bis 600.000 Menschen um. Der Zusammenbruch der Landwirtschaft war eine zentrale Ursache der Hungersnot in der Sowjetunion in den 1930er Jahren, zu der auch der Holodomor in der Ukraine und die Hungersnot in Kasachstan von 1930–33 gehörten.
Seit 1935 verschärfte Stalin Verfolgungen und Deportationen. Die Stalinschen Säuberungen kulminierten im „Großen Terror“ von 1936 bis 1938. Sie richteten sich gegen angebliche Verschwörer, politische Gegner, Parteimitglieder, Militärs, Geistliche, ethnische Minderheiten und viele weitere Gruppen. In Schauprozessen wie den Moskauer Prozessen wurden Geständnisse unter Folter erpresst. Allein 1937 und 1938 gab es nach Schätzungen etwa eine Million Hinrichtungen. Zeitweise waren bis zu 2,5 Millionen Menschen inhaftiert, und in den Lagern des Gulag gab es über eine Million Todesopfer. 1936 wurde zwar eine demokratisch und human wirkende Verfassung geschaffen, doch die Regierung entzog sich weitgehend den verfassungsrechtlichen Regeln.
Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg
Am 24. August 1939 unterzeichneten Molotow für die Sowjetunion und Joachim von Ribbentrop für das Deutsche Reich den Hitler-Stalin-Pakt. Das geheime Zusatzprotokoll, das die UdSSR bis 1988 leugnete, regelte Interessensphären in Polen und Rumänien sowie sowjetische Einflusszonen in Estland, Lettland und Litauen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 besetzte die Rote Armee am 17. September Ostpolen. 1940 ermordete der sowjetische NKWD im Massaker von Katyn zehntausende polnische Kriegsgefangene. Im Winterkrieg gegen Finnland ab dem 30. November 1939 wurde die Sowjetunion aus dem Völkerbund ausgeschlossen; Finnland blieb nach dem Frieden von Moskau am 13. März 1940 selbstständig, musste aber Gebiete abtreten.
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann aus sowjetischer Sicht der „Große Vaterländische Krieg“. Die nationalsozialistische Führung führte den Krieg als Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Anfangs erzielte die Wehrmacht große Erfolge, doch die Schlacht um Moskau scheiterte für Deutschland. Die Leningrader Blockade dauerte von September 1941 bis Januar 1944. In der Schlacht von Stalingrad Ende 1942 bis Anfang 1943 zeichnete sich die Wende zugunsten der Roten Armee ab. Bis 1945 befreite sie zunächst sowjetisches Gebiet und dann Länder Ost-, Mittel- und Südosteuropas von der deutschen Besatzung. Die Opferzahlen schwanken: Genannt werden unter anderem 13,6 Millionen militärische Verluste und 7 Millionen Zivilopfer, über 40 Millionen Tote, oder nach heutiger Mehrheitsannahme 25 bis 30 Millionen Tote, etwa zur Hälfte Zivilisten.
Nach 1945 begann der Kalte Krieg. Die Sowjetunion wurde Mitglied der UNO und Vetomacht im Sicherheitsrat. Sie brachte bis 1948 die Ostblockstaaten sowie die Mongolei und das nördliche Korea unter ihre Kontrolle. Die Berlin-Blockade vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 und die erste sowjetische Atombombe 1949 verschärften den Konflikt. Die abhängigen Ostblockstaaten wurden politisch und militärisch eng an Moskau gebunden. Der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) entstand 1949, der Warschauer Pakt 1955. Innenpolitisch blieb Stalin bis zu seinem Tod im März 1953 Diktator; auch nach dem Krieg gab es Repressionen, Lagerhaft, Verbannung und Kampagnen gegen Dissidenten und angebliche Gegner.
Chruschtschow, Breschnew und die Spätphase des Systems
Nach Stalins Tod wurde Nikita Sergejewitsch Chruschtschow im Juni 1953 Erster Sekretär der KPdSU und 1958 auch Regierungschef. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 leitete er mit seiner Geheimrede „Über den Personenkult und seine Folgen“ die Entstalinisierung ein. Dazu gehörten Teilamnestien für Zwangsarbeiter, Kritik am Personenkult, begrenzte Aufklärung stalinistischer Verbrechen, weniger Zensur und die außenpolitische Linie der friedlichen Koexistenz. Trotzdem blieb die sowjetische Kontrolle über die Satellitenstaaten bestehen: Der Ungarische Volksaufstand 1956 wurde durch die Rote Armee blutig beendet. 1961 stimmte Chruschtschow der Abriegelung der Berliner Sektorengrenze zu; am 13. August begann der Bau der Berliner Mauer. Die Kubakrise 1962 brachte die Welt an den Rand eines Weltkriegs, endete aber mit dem Abzug sowjetischer Raketen aus Kuba und amerikanischer Zusagen gegenüber Kuba sowie dem Abzug amerikanischer Mittelstreckenraketen aus der Türkei. 1964 wurde Chruschtschow wegen politischer und wirtschaftlicher Misserfolge vom Zentralkomitee entmachtet.
Leonid Breschnew wurde nach Chruschtschows Sturz zunächst Erster Sekretär, ab 1966 Generalsekretär der KPdSU. Die Entstalinisierung wurde kaum fortgeführt, Reformen wurden zurückgenommen und die Meinungsfreiheit wieder stark eingeschränkt. Die Zeit galt wegen einer überalterten Führung, Zentralismus, Nomenklatura und Kommandowirtschaft als Phase der Stagnation. Der Prager Frühling 1968 in der Tschechoslowakei, der einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ anstrebte, wurde durch Staaten des Warschauer Pakts militärisch beendet. Die Breschnew-Doktrin erklärte am 12. November 1968 die Souveränität der sozialistischen Staaten für begrenzt: Sie finde ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft.
Gleichzeitig gab es Entspannungspolitik. Die KSZE begann 1973 in Helsinki, die Schlussakte von Helsinki wurde 1975 unterzeichnet und enthielt Vereinbarungen unter anderem zu Menschenrechten, Sicherheit und Zusammenarbeit. Der Moskauer Vertrag von 1970 und die SALT-Verhandlungen sollten Spannungen mindern; SALT I und der ABM-Vertrag wurden 1972 unterzeichnet, SALT II 1979 abgeschlossen, aber nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan nicht mehr von den USA ratifiziert. Der Afghanistankrieg begann mit dem Einmarsch der Sowjetunion am 25. Dezember 1979. Statt eines schnellen Abzugs geriet die UdSSR in einen jahrelangen Guerillakrieg gegen vom Westen unterstützte islamische Aufständische. Rund 15.000 sowjetische Soldaten starben; 1989 zog die Armee ab. Nach Breschnew folgten die gesundheitlich stark eingeschränkten Parteichefs Juri Andropow (1982–1984) und Konstantin Tschernenko (1984–1985).
Gorbatschows Reformen und Auflösung
1985 wurde Michail Sergejewitsch Gorbatschow Parteichef der KPdSU. Er leitete Reformen unter den Schlagworten Glasnost und Perestroika ein. Glasnost bedeutete Transparenz und größere Offenheit, Perestroika Umgestaltung von Politik und Wirtschaft. Dadurch wurden die wirtschaftliche und politische Krise, Versorgungsprobleme und der Vertrauensverlust in das System immer deutlicher sichtbar. Gorbatschow verjüngte das Politbüro, doch das Gremium verlor an Macht. 1991 beteiligten sich mehrere führende Funktionäre an einem erfolglosen Putschversuch gegen ihn.
Außenpolitisch trugen Gorbatschow und Außenminister Eduard Schewardnadse die Entspannung mit den USA. Nach Treffen in Genf 1985, Reykjavík 1986 und weiteren Besuchen wurde 1987 der INF-Vertrag zur nuklearen Abrüstung unterzeichnet. 1988 erklärte Gorbatschow mit der sogenannten Sinatra-Doktrin faktisch das Ende der Breschnew-Doktrin: Die osteuropäischen Staaten durften eigene Wege gehen. 1989 kam es zu überwiegend friedlichen Revolutionen in Osteuropa, der Eiserne Vorhang fiel, der Kalte Krieg endete, und die deutsche Wiedervereinigung wurde möglich. Der sowjetisch-afghanische Krieg endete 1989 mit dem Truppenabzug.
Am 17. März 1991 fand das einzige Referendum der Sowjetgeschichte über einen Neuen Unionsvertrag statt, doch mehrere Republiken hatten bereits ihre Unabhängigkeit erklärt oder nahmen nicht regulär teil. Der Putschversuch in Moskau im August 1991 durch das Staatskomitee für den Ausnahmezustand scheiterte nach drei Tagen, beschleunigte aber den Zerfall. Es folgten Unabhängigkeitserklärungen zahlreicher Republiken, darunter Ukraine, Belarus, Moldau, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan, Armenien, Aserbaidschan, Turkmenistan und Kasachstan.
Boris Jelzin, am 12. Juni 1991 zum Präsidenten Russlands gewählt, übernahm zunehmend Kontrolle über Medien und Schlüsselministerien. Gorbatschow trat am 25. Dezember 1991 als Präsident der UdSSR zurück. Am 26. Dezember 1991 beschloss der Oberste Sowjet die Auflösung der Sowjetunion als Völkerrechtssubjekt. Die Russische Föderation übernahm unter Jelzin als Fortsetzerstaat die völkerrechtlichen Rechte und Pflichten der UdSSR, einschließlich des Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Mit Ablauf des 31. Dezember 1991 hörte die Sowjetunion auf zu existieren. Übrig blieben 15 souveräne Staaten; die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten wurde am 8. Dezember 1991 von Russland, der Ukraine und Belarus gegründet und später erweitert.