Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte der Psychiatrie

Die Psychiatriegeschichte kann in drei große Epochen gegliedert werden. Vom Altertum bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dominierte die Beschreibung und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entwicklungslinien
  2. 2. Vom Altertum zur Verwahrung
  3. 3. Entstehung der Anstaltspsychiatrie
  4. 4. Wissenschaftliche Psychiatrie und ihre Verbrechen
  5. 5. Reformen und moderne Versorgung nach 1945
  6. 6. Erinnerung und historische Vermittlung

Gegenstand und Entwicklungslinien

Die Geschichte der Psychiatrie untersucht, wie geistig-seelische Erkrankungen wissenschaftlich erklärt, gesellschaftlich bewertet und medizinisch behandelt wurden. Sie lässt sich in drei große Epochen gliedern: Vom Altertum bis zum Ende des 18. Jahrhunderts standen Beschreibung und Behandlung des „Wahnsinns“ im Mittelpunkt. Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert begann die Psychiatriegeschichte im engeren Sinn, weil eine systematische Versorgung der Kranken aufgebaut wurde. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Psychiatrie zur akademischen Wissenschaft.

Psychiatriegeschichte gehört zur Medizin- und Psychologiegeschichte und berührt Philosophie, Sozialgeschichte und Wissenschaftssoziologie. Auch Psychoanalyse, Psychiatriekritik, Antipsychiatrie und feministische Psychiatriekritik sind Teil ihrer Entwicklung. Ihre Darstellung ist nicht völlig neutral, weil Vorstellungen vom Menschen, Erwartungen an normales Verhalten sowie politische und gesellschaftliche Bedingungen die Psychiatrie geprägt haben. Die Ziele reichten von bloßer Verwahrung über die Linderung von Symptomen und die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit bis zur Behandlung von Ursachen, Heilung oder Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen.

Auch die Erklärungen psychischer Symptome wechselten: Sie reichten von dämonischer Besessenheit oder Karma über die Humoralpathologie, also die Lehre vom Ungleichgewicht der Körpersäfte, und Stoffwechselstörungen im Gehirn bis zu psychologischen oder sozialen Ansätzen wie verdrängten Konflikten, Traumatisierung, gestörten Familiensystemen oder einer „kranken Gesellschaft“. Diese Annahmen bestimmten jeweils die Behandlung. Die Psychopathologie untersucht Symptome, Syndrome und Nosologien, also die systematische Einteilung von Krankheiten. Manche früher psychiatrisch behandelten Krankheitsbilder gehören heute zu anderen medizinischen Fachgebieten.

Vom Altertum zur Verwahrung

Psychiatrische Einrichtungen sind schon aus der Antike bekannt. Das Asklepieion bei Pergamon, in dem Tempelschlaf als Heilmethode angeboten wurde, kann aus heutiger Sicht als frühe psychosomatische Klinik gelten. Römische Autoren beschrieben zahlreiche Krankheitsbilder; Galenos bezeichnete Halluzinationen als „Paraphrosyne“ und verstand sie als Symptom von Psychosen. Die meist humoralpathologisch begründeten Behandlungen umfassten Massagen, Aderlässe, Diäten, Schröpfen, Nieswurz und Ölumschläge. Daneben sollten Lesen, Befragungen, Theater- und Brettspiele oder Reisen den Verstand und die Aktivität fördern. Es gab aber auch Isolation und Fesselung; Aulus Cornelius Celsus empfahl Ketten.

Die ersten Spezialanstalten für psychisch Kranke entstanden im 12. Jahrhundert unter anderem in Damaskus, Kairo und Granada. Berichte sprechen teilweise von guter Pflege, daneben bestanden reine Verwahrungsorte. Im deutschsprachigen Raum sind seit dem 14. Jahrhundert abgetrennte Zellen sowie hölzerne Narrenkäfige, Tollkästen und Dorenkisten belegt. Das Bethlehem Hospital in London, bekannt als „Bedlam“, wurde 1377 gegründet. Unruhige oder aggressive Menschen wurden teils außerhalb der Städte in Holzkisten oder in Stadttoren eingesperrt.

Im späten Mittelalter wurden Symptome häufig als Wirken des Teufels gedeutet. Vom 15. bis 17. Jahrhundert wurden Tausende Erkrankte als angebliche Hexen oder Zauberer gefoltert und verbrannt. Johann Weyer wandte sich im 16. Jahrhundert mit „De praestigiis daemonum“ gegen diese Verfolgung psychisch Kranker.

Im 17. und 18. Jahrhundert verbreiteten sich Einrichtungen wie das Pariser „Hôpital général“, englische „Workhouses“ und deutsche „Zuchthäuser“. Sie ähnelten Gefängnissen: Psychisch Kranke lebten häufig angekettet zusammen mit Armen, Prostituierten, Landstreichern, Menschen mit Behinderungen und Straftätern; Ärzte fehlten. Zwangsarbeit, harte Strafen, Vernachlässigung und Misshandlungen waren verbreitet. Mancherorts wurden Kranke gegen Bezahlung vorgeführt. Der 1784 errichtete Wiener Narrenturm gehörte bereits zu einem Allgemeinkrankenhaus und stellte daher zugleich einen Schritt zur medizinischen Versorgung dar.

Entstehung der Anstaltspsychiatrie

Die moderne Anstaltspsychiatrie entstand vor dem Hintergrund des europäischen Bevölkerungswachstums und des Pauperismus, also der massenhaften Verarmung. Ärzte betrachteten Verhaltensstörungen zunehmend als medizinische Probleme. Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich eine klinische Psychiatrie heraus, die mit der Behandlung in besonderen Anstalten verbunden war.

Zum Symbol wurde die nicht sicher belegte Erzählung, Philippe Pinel habe 1793 in der Bicêtre Kranke von ihren Ketten befreit. Ähnliche Reformen werden Abraham Joly in Genf (1787), William Tuke in York (1796) und Johann Gottfried Langermann in Bayreuth (1804/1805) zugeschrieben. John Conolly forderte ab 1839 den Verzicht auf mechanischen Zwang. Das um 1856 eingeführte englische „No-restraint-System“ wurde international zum Vorbild.

Somatiker sahen psychische Symptome als Folgen körperlicher Verletzungen oder organischer Erkrankungen und deshalb grundsätzlich als heilbar an. Pinel entwickelte eine Krankheitssystematik und erwartete bei Manien und Melancholien eine Heilungsrate von über 50 Prozent innerhalb von 18 Monaten. Die tatsächlichen Erfolge rechtfertigten diesen Optimismus jedoch nicht; pessimistische Degenerationsvorstellungen erhielten Auftrieb. Die sogenannten Psychiker deuteten Geisteskrankheiten dagegen als Erkrankungen der körperlosen Seele infolge von Sünden. Auch sie setzten teils äußerst brutale Maßnahmen ein, darunter Schläge, Drehstuhl, Eiswasser, Zwangsstehen, Brech- und Abführmittel, Hungerkuren, schmerzhafte Hautreizungen, Elektrizität und glühende Eisen.

Der Wiener Narrenturm von 1784 gilt als weltweit erste psychiatrische Klinik und war bis 1866 belegt. Tukes „Retreat“ von 1796 bot dagegen eine ruhige Umgebung ohne Zwang und Gewalt. Johann Christian Reil kritisierte 1803 die Zustände in Zucht- und Tollhäusern und unterschied körperlich fassbare Nervenerkrankungen von psychologisch begründeten „Geisteszerrüttungen“. Langermann baute in Bayreuth ab 1805 ein „Tollhaus“ zu einer modernen „Irrenanstalt“ aus; sie gilt als erste psychiatrische Heilanstalt Deutschlands.

Im 19. Jahrhundert setzte sich die No-restraint-Bewegung schrittweise durch: In einer englischen Einrichtung sank die Zahl gefesselter Patienten von 39 unter 92 im Jahr 1830 auf 2 unter 120 im Jahr 1837. Hinzu kamen soziale Veranstaltungen, Beschäftigung in Handwerk und Landwirtschaft sowie tägliche ärztliche Visiten. Bedeutende Reformer wie Tuke, Pinel, Reil, Conolly und Ludwig Meyer traten für humanere Behandlung ein, während einzelne Pioniere Beschäftigungstherapie, geschultes Pflegepersonal und gesonderte Räume für Genesende forderten. Dennoch blieb die Praxis lange von älteren Vorstellungen geprägt. Wilhelm Griesinger formulierte 1842 den später einflussreichen Grundsatz, „Geisteskrankheiten“ seien Gehirnkrankheiten.

Wissenschaftliche Psychiatrie und ihre Verbrechen

Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde die Psychiatrie stärker klinisch und naturwissenschaftlich ausgerichtet. Pinels Vorstellung einer „manie sans délire“, einer psychischen Störung ohne deutliche Beeinträchtigung des Verstandes, bereitete die Beschäftigung mit weniger auffälligen Störungen vor. Dazu gehörten später sogenannte affektive, neurotische und Persönlichkeitsstörungen. Jean-Étienne Esquirol entwickelte daraus die später wegen ihrer Unschärfe abgelehnte Monomanielehre; die Begriffe „Kleptomanie“ und „Pyromanie“ blieben erhalten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hoffte man, Psychosen auf anatomische Veränderungen des Gehirns zurückführen zu können. Paul Brocas Entdeckung des Sprachzentrums stärkte diese Erwartung und die Verbindung zur Neurologie. Zugleich rückten Neurosen und Hypnose in den Mittelpunkt. Sigmund Freud und andere entwickelten daraus psychotherapeutische Ansätze, während die deutsche Psychiatrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts besonders der Psychoanalyse oft skeptisch gegenüberstand. Richard Wahle vertrat 1931 eine ausschließlich physiologisch begründete Psychiatrie.

Emil Kraepelin ordnete psychische Erkrankungen 1899 nach Verlauf und Prognose und grenzte ab 1901 das manisch-depressive Irresein, heute den affektiven Störungen zugeordnet, von der Dementia praecox, einer Gruppe der Schizophrenien, ab. Diese Unterscheidung wurde zur Grundlage der modernen psychiatrischen Systematik. Freud erklärte hysterische Zustände als Folgen traumatischer Erlebnisse oder unterdrückter Triebphantasien und begründete die Psychoanalyse. Weitere wichtige Entwicklungen waren die Beschreibung der Katatonie, die Begriffe „Neurasthenie“, „Schizophrenie“ und „endogen“ sowie die erfolgreiche Behandlung der Neurolues als Spätfolge der Syphilis. Hypnose gilt in diesem Zusammenhang als Vorläufer moderner Psychotherapien.

Die Behandlung blieb teilweise gewaltsam und riskant. Traumatisierte Soldaten des Ersten Weltkriegs wurden mit Stromschlägen behandelt. Zwischen 1915 und 1918 starben in psychiatrischen Anstalten etwa 70.000 Patienten an Unterernährung, deren Tod häufig nicht verhindert wurde. Später kamen Cardiazol-Schocktherapie, Elektrokrampftherapie – 1938 erstmals von Ugo Cerletti und Lucio Bini in Rom eingesetzt – sowie Psychochirurgie mit präfrontaler Lobotomie hinzu. Manfred Sakel begründete 1933 die Insulinschockbehandlung.

Besonders folgenreich war die Verbindung mit Erbkrankheits- und Degenerationslehren. 1920 propagierte Alfred Hoche die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Im Nationalsozialismus legalisierte das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Zwangssterilisationen. Mehr als 350.000 Menschen wurden in deutschen Krankenhäusern größtenteils zwangssterilisiert. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden etwa 100.000 psychisch Erkrankte im Rahmen der „Aktion T4“ und der Kinder-„Euthanasie“ ermordet; insgesamt forderten die nationalsozialistischen Krankenmorde über 200.000 Opfer. Gesundheitsverwaltung, Ärzte und Pflegepersonal waren beteiligt. Die Verbrechen wurden nach 1945 jahrzehntelang verschwiegen.

Reformen und moderne Versorgung nach 1945

Nach 1945 entwickelte sich die deutsche Psychiatrie nur langsam weiter. In der DDR forderten die Rodewischer Thesen von 1963 die Abschaffung der Verwahrungspsychiatrie, die gesellschaftliche Integration der Kranken sowie ambulante und teilstationäre Dienste. Zunächst wurden diese Ziele nur in wenigen Regionen umgesetzt.

In der Bundesrepublik befasste sich der Deutsche Ärztetag 1970 erstmals mit der psychiatrischen Versorgung. Die 1971 eingesetzte Psychiatrie-Enquête untersuchte mit rund 200 Fachleuten bis 1979 die Lage. Ihr 430 DIN-A4-Seiten umfassender Bericht vom September 1975 kritisierte Brutalität in Krankenhäusern, den deutlichen Mangel an ambulanter Versorgung und ergänzenden Angeboten wie Kunsttherapie sowie den hohen Anteil unfreiwilliger Behandlungen: Insgesamt seien mehr als 70 Prozent der Patienten gegen ihren Willen behandelt worden. Der Bericht löste zahlreiche Reformen aus.

Eine zweite Entwicklung war die Pharmakopsychiatrie, also die medikamentöse Behandlung psychischer Erkrankungen. Die Entdeckung des Chlorpromazins als Antipsychotikum im Jahr 1952 gilt als ihr Beginn. Psychopharmaka ermöglichten eine gezielte Beeinflussung seelischer Vorgänge, wurden wegen erheblicher und teils irreversibler Nebenwirkungen wie Spätdyskinesien aber auch kritisch beurteilt. Kritisiert wird außerdem die Medikalisierung, wenn leicht zu verordnende Medikamente andere therapeutische Möglichkeiten verdrängen.

Gleichzeitig verbesserten unterschiedliche Psychotherapieverfahren die Heilungs- und Rehabilitationsmöglichkeiten; ihre Wirksamkeit wird weiterhin erforscht. 1992 wurde die Facharztbezeichnung „Psychiatrie“ durch „Psychiatrie und Psychotherapie“ ersetzt. Internationale Klassifikationen – die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme sowie das „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ – sollen eine einheitliche Diagnostik ermöglichen.

Erinnerung und historische Vermittlung

Zahlreiche Museen und Dauerausstellungen in Deutschland und anderen Ländern vermitteln die Geschichte der Psychiatrie. Sie zeigen den Wandel der Einrichtungen, Therapien, Medikamente und medizinischen Geräte sowie der rechtlichen und politischen Grundlagen. Deutsche Ausstellungen behandeln häufig besonders die Psychiatrie im Nationalsozialismus und sind mit Gedenkorten oder Erinnerungsstätten verbunden. Viele dieser Museen befinden sich auf dem Gelände traditionsreicher psychiatrischer Kliniken.

Weiterlesen

Geschichte Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen diejenigen Aspekte der Vergangenheit, derer Menschen gedenken und die sie deuten, um sich über den Charakter … Wissenschaft Wissenschaft ist die Methodik des überprüfbaren Erkenntnisgewinns. Sie nutzt dazu die Arbeitsmittel Beobachtung, Experiment, Analyse, Theorie, Veröffentlichung, … Altertum 1 Jungsteinzeit · 2 Ausweitung · 3 Die Hohe Bronzezeit · 4 Das Ende der Bronzezeit · 5 Die Eisenzeit · 6 Die klassische Antike · 7 Der Hellenismus · 8 Das Römische … Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im … Michel Foucault Michel Foucault [miˈʃɛl fuˈko] (* 15. Oktober 1926 in Poitiers als Paul-Michel Foucault; † 25. Juni 1984 in Paris) war ein französischer Philosoph. Karma Es gibt im Hinduismus einerseits den allgemein gültigen sadharanadharma, der die Pflichten eines jeden Individuums beinhaltet wie etwa Gewaltlosigkeit (ahimsa) … Soziologie In neuerer Zeit steht der soziale Wandel im Fokus von Modernisierungstheorien. ... soziale Verbände oder die Politik, selten aber nachhaltiger auch durch soziale … Römisches Reich Die altrömische Überlieferung datiert die Gründung Roms zwischen 814 und 728 v. Chr., meist jedoch um das Jahr 750 v. · Der letzte römische bzw. etruskische … Kairo Kairo ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens und der Arabischen Welt. Die Stadt ist Sitz der ägyptischen Regierung, des Parlaments, … Soziale Frage Die Kinderarbeit gibt es in der ländlichen Familienwirtschaft seit Menschengedenken, aber mit der Industrialisierung nahm sie im 18. und 19. Jahrhundert in … Quäkertum Das Quäkertum ist eine religiöse Gemeinschaft mit christlichen Wurzeln im England der 1650er Jahre. Als Gründer gilt George Fox, aber auch Margaret Fell, … Bayreuth Bayreuth [ˈbaɪ̯rɔʏ̯t oder baɪ̯ˈrɔʏ̯t] (ostfränkisch Barreid) ist eine fränkische kreisfreie Stadt im bayerischen Regierungsbezirk Oberfranken.