Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Geschichte der Juden in Hannover

Von den Nationalsozialisten wurde dies als „Anschlag des Weltjudentums“ hochstilisiert und zum Vorwand für die lange geplanten Novemberpogrome 1938 genommen, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Anfänge und frühe Entwicklung
  2. 2. Gleichstellung und Wachstum im 19. Jahrhundert
  3. 3. Verfolgung, Deportation und Konzentrationslager
  4. 4. Neuanfang nach 1945
  5. 5. Jüdische Gemeinden heute
  6. 6. Erinnerungsorte und Friedhöfe

Anfänge und frühe Entwicklung

Die Geschichte der Juden in Hannover begann im 13. Jahrhundert; bereits im 14. Jahrhundert lebten Juden in der Stadt. Sie bildeten eine Minderheit und hielten an religiösen Regeln wie dem Sabbatgebot und den Speisegesetzen fest. Als sogenannte Schutzjuden hatten sie einen besonderen Rechtsstatus: Sie benötigten die ausdrückliche Genehmigung der Obrigkeit und besaßen nicht die gleichen Rechte wie die übrigen Einwohner.

Nach judenfeindlichen Predigten und gewalttätigen Krawallen verbot der Rat der Stadt Hannover 1588 den Handel zwischen Christen und Juden. Dadurch verloren die Juden ihre wirtschaftliche Grundlage und verließen die Altstadt. Sie zogen in die damals selbstständige Calenberger Neustadt, während in der hannoverschen Altstadt bis ins 19. Jahrhundert keine Juden mehr lebten.

Auch in der Calenberger Neustadt kam es zu Unterdrückung und Vertreibung. 1593 wurde ihre Gebetsstätte auf Befehl Herzog Heinrich Julius’ zerstört; der Besitz wurde der Kirche zugesprochen. 1608 durften die Juden zurückkehren und errichteten 1609 eine neue Gebetsstätte. Diese wurde jedoch 1613 auf fürstlichen Befehl niedergerissen. Deshalb hatten die Juden längere Zeit keinen gemeinsamen Gottesdienstraum. 1688 durften sie im Haus ihres Vorstehers Levin Goldschmidt eine kleine Synagoge einrichten. 1703 erhielt Leffmann Behrens die Erlaubnis, am früheren Standort eine neue Synagoge zu bauen. Die jüdische Kultur wurde in dieser abgeschiedenen Lage, in einem für die Öffentlichkeit nicht einsehbaren Hinterhof, bewahrt.

Der Wohltätigkeitsverein der Synagogengemeinde Hannover bestand von 1762 bis ins 20. Jahrhundert. Das erste gedruckte Adressbuch Hannovers von 1798 verzeichnete einzelne jüdische Händler und Gewerbetreibende in der Calenberger Neustadt.

Gleichstellung und Wachstum im 19. Jahrhundert

Für kurze Zeit besaßen jüdische Männer bis 1814 im französisch regierten Königreich Westphalen die gleichen Bürgerrechte wie andere Männer. Insgesamt lebte die jüdische Minderheit jedoch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts am Rand der Gesellschaft. Viele Juden arbeiteten im Handel und im Finanzwesen. Ihre Zahl stieg bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts allmählich auf etwa 500 Personen.

Die 1703 errichtete Synagoge wurde nach 120 Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen. An derselben Stelle entstand 1827 die Neue Synagoge, die später Alte Synagoge genannt wurde. 1828 verfügte die Regierung des Königreichs Hannover, dass Juden feste Namen annehmen mussten. 1842 wurde das Ausnahmerecht aufgehoben und Juden wurden gesetzlich den anderen Bürgern gleichgestellt. Israel Simon galt in der Mitte des 19. Jahrhunderts als erster Bankier Hannovers.

Mit dem Wachstum der jüdischen Bevölkerung wurde die Alte Synagoge zu klein. Zwischen 1864 und 1870 entstand in der Bergstraße, der heutigen Roten Reihe, die Neue Synagoge. Der Architekt Edwin Oppler entwarf sie im Stil des Historismus. Der Bau neben den Hauptkirchen Hannovers symbolisierte das wachsende Selbstbewusstsein und die gesellschaftliche Anerkennung der Juden und wirkte stilbildend für Synagogen im Deutschen Kaiserreich.

Alexander Moritz Simon gründete 1893 in Ahlem die Israelitische Erziehungsanstalt, die 1919 in Israelitische Gartenbauschule Ahlem umbenannt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts lebten rund 5000 Juden in Hannover. Bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 verbesserten sich ihre gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten. Gleichzeitig engagierten sich säkular orientierte Juden wie Werner Scholem und Iwan Katz in der Arbeiterbewegung. Ein neuer, antiliberaler und antidemokratischer Antisemitismus wurde ab 1933 zur Staatsdoktrin. Durch die erneute Verfolgung sank die Zahl der hannoverschen Juden bis 1936 auf etwa 4800.

Verfolgung, Deportation und Konzentrationslager

Ab 1933 wurden Juden im nationalsozialistischen Deutschland unter Ausnahmerecht gestellt. Unter Stadtbaurat Karl Elkart kam es in Hannover zu Arisierungen, Ausweisungen und Verfolgung. Dadurch wurde die Jüdische Gemeinde Hannover zerstört; viele der etwa 4800 Juden, die 1938 in Hannover lebten, entschieden sich zur Emigration.

Am 28. Oktober 1938 wurden im Rahmen der Polenaktion 484 Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Hannover zusammengetrieben, im Saal des Rusthauses in der Burgstraße 30 gesammelt und vom Hauptbahnhof aus über die polnische Grenze ausgewiesen. Unter ihnen war die Familie Grünspan. Ihr Sohn Herschel Grünspan, der sich in Paris aufhielt, schoss am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft auf den Legationsrat Ernst Eduard vom Rath. Nach dessen Tod am 9. November nutzten die Nationalsozialisten den Vorgang als Vorwand für die lange geplanten Novemberpogrome 1938. In Hannover wurde die Neue Synagoge in Brand gesetzt. Sie brannte aus, wurde später gesprengt und abgetragen. Außerdem wurden 94 jüdische Geschäfte und 27 Wohnungen zerstört. 334 Juden aus Hannover und Umgebung wurden verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Am 25. Juni 1939 wurde nochmals eine kleinere Gruppe abgeschoben.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs lebten noch rund 2000 Juden in Hannover. Im Rahmen der „Aktion Lauterbacher“ mussten am 3. und 4. September 1941 insgesamt 1200 Juden ihre Wohnungen verlassen. Sie wurden unter katastrophalen Bedingungen in 15 sogenannten Judenhäusern zusammengepfercht. Dazu gehörten unter anderem die Alte Synagoge, Gebäude in der Lützowstraße und Ohestraße, das jüdische Krankenhaus und Altersheim, das Heinemanhof, die Predigthalle des neuen jüdischen Friedhofs und die Israelitische Gartenbauschule Ahlem.

Die Gartenbauschule Ahlem diente anschließend als Sammellager. Am 15. Dezember 1941 wurden 1001 Menschen vom Bahnhof Fischerhof in Linden nach Gepäckkontrollen und Leibesvisitationen in das Ghetto Riga deportiert. Bis 1944 folgten sechs weitere Transporte in die Konzentrationslager und Ghettos Auschwitz, Theresienstadt und Warschau; 1945 gab es einen achten Transport von einem anderen Bahnhof. Insgesamt wurden von Hannover aus rund 2400 Menschen aus der Stadt und dem südlichen Niedersachsen deportiert. Die wenigsten überlebten die Schoa. Vom ersten Transport mit 1001 Personen sind 68 Überlebende bekannt.

1943 und 1944 entstanden im heutigen Stadtgebiet sieben Außenlager des KZ Neuengamme. Sie waren Industriebetrieben zugeordnet, in denen die Häftlinge, darunter viele jüdische Menschen, als Arbeitskräfte eingesetzt wurden. Dazu gehörten die Lager Hannover-Ahlem, Hannover-Langenhagen, Hannover-Limmer, Hannover-Misburg, Hannover-Mühlenberg sowie zwei Lager in Hannover-Stöcken bei den Akkumulatorenwerken und Continental.

Neuanfang nach 1945

Als amerikanische Truppen Hannover am 10. April 1945 besetzten, hielten sich nur noch rund 100 Juden in der Stadt auf. Zurückkehrende Überlebende aus Konzentrationslagern erhielten von anderen Bürgern Geld und zusätzliche Lebensmittelkarten. Viele benötigten ärztliche Hilfe, Beistand und Beratung.

Am 10. August 1945 genehmigte die britische Militärregierung die Gründung einer jüdischen Gemeinde. Noch im selben Jahr wurde Norbert Prager zum ersten Vorsitzenden gewählt. Mit Unterstützung jüdischer Organisationen und der niedersächsischen Landesregierung konnte die soziale Betreuung der Gemeindemitglieder organisiert werden. Durch Zuzug entstand allmählich neues jüdisches Leben.

Nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen ließen sich auch jüdische Überlebende aus dem DP-Camp Belsen in Hannover nieder. Im Januar 1946 wurde Chaim Pinchas Lubinsky zum Oberrabbiner ernannt. Solomon Wolf Zweigenhaft wurde zunächst zweiter Rabbiner und 1949 zum einzigen Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Hannover gewählt. Später wurde er Oberrabbiner von Hannover und Niedersachsen.

Jüdische Gemeinden heute

In Hannover bestehen vier jüdische Gemeinden mit zusammen etwa 6200 Mitgliedern. Die Jüdische Gemeinde Hannover K. d. ö. R. hat ungefähr 5000 Mitglieder. Ihr Gemeindezentrum in der Haeckelstraße umfasst unter anderem eine Synagoge, Schul- und Klubräume, ein Gemeindebüro und einen Saal für kulturelle Zwecke. Die Synagoge wurde am 10. November 1963 eingeweiht. Ab 1957 gab es wieder geregelten Religionsunterricht für jüdische Kinder. Seit 1990 wurden besonders Jugend-, Kultur-, Sozial- und Seniorenarbeit ausgebaut. Die Mitgliederzahl stieg von ursprünglich 900 auf etwa 5000 im Jahr 2009.

Die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover hat rund 700 Mitglieder. Sie entstand 1995, als sich nach internen Konflikten 79 Mitglieder von der Jüdischen Gemeinde trennten. 1997 war sie Gründungsmitglied der Union progressiver Juden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Januar 2009 eröffnete sie in Leinhausen die Synagoge „Etz Chaim“, die aus einer ehemaligen evangelischen Kirche hervorgegangen ist. Das Gemeindezentrum ist zugleich Geschäftsstelle des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen.

Die Gemeinde bucharischer Juden eröffnete im September 2009 eine Synagoge in Ricklingen. 2013 entstand dort in einer ehemaligen evangelischen Kirche ein Gemeindezentrum mit Synagoge, die wegen ihrer Wandfarbe „blaue Synagoge“ genannt wird. 2024 erhielt sie eine Mikwe. Die Gemeinde hat etwa 400 Mitglieder.

Die chassidisch-orthodoxe Bewegung Chabad Lubawitsch betreibt seit 2021 im Bahnhof Bismarckstraße das Bildungs- und Kulturzentrum „Haus Benjamin“ und hat rund 400 Mitglieder.

Erinnerungsorte und Friedhöfe

Seit 1994 erinnert das Mahnmal für die ermordeten Juden Hannovers auf dem Opernplatz an die Judenverfolgung. Stolpersteine an früheren Wohnorten erinnern an einzelne jüdische Bewohner; bis 2015 wurden 330 Steine in Hannover verlegt. Am früheren Standort des KZ-Außenlagers Hannover-Ahlem befindet sich eine zentrale Gedenkstätte für die Region Hannover. Zum 70. Jahrestag der ersten Deportation am 15. Dezember 2011 wurden unter anderem 1001 Kerzen in Form eines Davidsterns auf dem Trammplatz entzündet. Außerdem gab es eine Ausstellung im Neuen Rathaus und ein Symposium.

Die jüdischen Friedhöfe Hannovers spiegeln die Entwicklung der Gemeinden wider: Der Alte Jüdische Friedhof an der Oberstraße bestand von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis 1864. Der Friedhof an der Strangriede wurde von 1864 bis 1924 genutzt, der Friedhof in Bothfeld besteht seit 1924. Der Friedhof der Liberalen Jüdischen Gemeinde war von 2001 bis 2017 eine Abteilung des Stadtfriedhofs Lahe und ist seit 2017 eigenständig.

Weiterlesen

Juden Religiöse wie nichtreligiöse Juden verstehen sich im Anschluss an die Bibel als Teil dieses Volkes, einer durch Abstammung und Geschichte verbundenen … Jüdische Speisegesetze Was koscher ist, ergibt sich aus den entsprechenden Vorschriften der Halacha. Sie basieren auf den Speisegeboten der Tora, den fünf Büchern Moses, und wurden im … Deutsches Kaiserreich Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt … Machtergreifung Als Machtergreifung (auch Machtübernahme oder Machtübergabe) wird die Ernennung des Nationalsozialisten Adolf Hitler zum Reichskanzler durch den … Arbeiterbewegung Arbeiterbewegung im engeren Sinne ist der organisatorische Zusammenschluss von Handwerkern und Lohnarbeitern in Arbeitervereinen, Gewerkschaften und Parteien … Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Novemberpogrome 1938 Ab dem 10. November wurden mindestens 30.000 Juden verhaftet und in Konzentrationslager verbracht. Hunderte starben an den Folgen der mörderischen … Schutzstaffel Die Schutzstaffel (SS, Eigenschreibweise ᛋᛋ) war eine nationalsozialistische Organisation in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, … Zweiter Weltkrieg Als Zweiter Weltkrieg (1. September 1939 – 2. September 1945) wird der zweite global geführte Krieg sämtlicher Großmächte im 20. Jahrhundert bezeichnet. Deportation von Juden aus Deutschland Die systematische Deportation von Juden aus Deutschland in den Osten begann Mitte Oktober 1941, also noch vor dem 20. Januar 1942, dem Tag der … Wannseekonferenz Die Wannseekonferenz war eine geheime Besprechung am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee in Berlin. Fünfzehn hochrangige Vertreter von … Ghetto Riga Das Ghetto von Riga war ein kleiner, abgesperrter Bereich im Lettgallischen Viertel der lettischen Hauptstadt Riga, in dem deutsche Besatzer während des …