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Geschichte der Juden in Belgien
Der Holocaust traf viele Juden, doch war auch der Widerstand in der Bevölkerung beachtlich. In der Gegenwart wird über eine Auswanderung nach Israel diskutiert, …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und frühe Geschichte
Die Geschichte der Juden in Belgien umfasst wechselnde Phasen von Ansiedlung, wirtschaftlicher Bedeutung, Einschränkungen und Verfolgung. Im Mittelalter ähnelte die Lage der jüdischen Bevölkerung derjenigen in Deutschland. Unter den Habsburgern wurde Belgien zeitweise zu einem Zufluchtsort für Flüchtlinge aus Spanien und Portugal, zugleich wurde jüdische Zuwanderung immer wieder begrenzt. Der Holocaust zerstörte einen großen Teil der jüdischen Gemeinschaft; zugleich gab es bemerkenswerten Widerstand in der nichtjüdischen Bevölkerung. In der Gegenwart wird angesichts des wachsenden Antisemitismus über eine Auswanderung nach Israel diskutiert.
Die ersten Juden kamen etwa um 50 n. Chr. während der Römerzeit. Sie lebten vor allem entlang einer Linie von Brügge bis Köln sowie in der Grafschaft Flandern. Sint-Truiden besaß früh eine Synagoge und einen Rabbiner. In Brabant sind jüdische Gemeinden seit dem 13. Jahrhundert in Löwen (1220), Tienen (1232) und Mechelen (1273) belegt; besonders zahlreich war die Gemeinschaft in Brüssel.
Die rechtliche und gesellschaftliche Lage war unsicher. 1261 ordnete Herzog Hendrik III. in seinem Testament die Vertreibung der Juden und der Cahorsinen beziehungsweise Kawerzen an, die er mit Wucherzinsgeschäften verband. Christen sollten von ihren Zinspflichten befreit werden. Adelheid von Burgund fragte Thomas von Aquin um Rat; dieser empfahl unter anderem, Juden zu besteuern und sie zum Tragen von Erkennungszeichen zu verpflichten. Nach den Vertreibungen aus England 1290 und aus Frankreich 1306 sowie erneut 1320 wanderten weitere Juden in die Region ein.
Während des Kreuzzugs der Armen von 1309 griff eine bewaffnete Gruppe Juden an. Herzog Johann II. schützte sie im Kastell Genepiën. Besonders schwer waren die Verfolgungen während der Großen Pest ab 1348, als Juden der Brunnenvergiftung beschuldigt wurden. In Brüssel starben 600 Juden; auch in Antwerpen, Löwen, Mechelen, Hasselt und Sint-Truiden gab es Tote. 1370 wurden in Brüssel und Löwen erneut Juden verbrannt, diesmal wegen angeblichen Diebstahls und angeblicher Hostienschändung. Durch dieses wechselnde Maß an Verfolgungsdruck nahm die Zahl der dauerhaft ansässigen Juden ab.
Sephardische Zuwanderung und Habsburgerzeit
Ende des 15. Jahrhunderts kamen viele Conversos aus Spanien und noch mehr aus Portugal nach Antwerpen. Conversos, auch Marranen genannt, waren zum Christentum übergetretene Juden, von denen manche jüdische Praktiken heimlich oder offen weiterführten. Zu den bekannten Kaufleuten gehörten Diogo Mendes († 1543 in Antwerpen) und die Händlerfamilie Rodriguez d’Evora, die nach 1600 in den Adel aufstieg. In Belgien und den Niederlanden ließen sich in der Folge viele sephardische Juden nieder. Sephardim sind Juden mit Wurzeln auf der Iberischen Halbinsel.
Antwerpen wurde auch durch den Druck hebräischer Talmudschriften und Rabbinerbibeln bedeutend. Daniel Bomberg druckte solche Werke in Antwerpen und Venedig mithilfe geflohener Marranen. Kaiser Karl V. erlaubte 1526 durch ein Edikt die Ansiedlung von Juden mit Familien und Dienstboten. Dies förderte besonders den ertragreichen Gewürzhandel.
Die Duldung blieb jedoch eingeschränkt. Viele Conversos wurden verdächtigt, weiterhin heimlich jüdisch zu leben. 1530 standen Alfonse Fourco, Diego Lopez, Adam Vaes und Antonio Vaes in Antwerpen wegen jüdischer Praktiken und Waffenlieferungen an die Osmanen vor Gericht; sie wurden freigesprochen. Diogo Mendes wurde 1532 wegen Spionage für die Türken inhaftiert und musste sich mit 50.000 Dukaten freikaufen. Karl V. bestätigte sein früheres Edikt 1536. Joseph Nasi ließ sich zeitweise unter dem Namen Juan Miguez in Antwerpen nieder.
Ein Edikt von 1540 verbot heimliche Sabbatfeiern, und 1544 musste Antwerpen ein Marranenregister anlegen. Wohlstand konnte teilweise schützen: Der aus Portugal stammende Kaufmann Loys Perez wurde 1546 in den Adelsstand erhoben. 1549 mussten Conversos, die weniger als sechs Monate im Land waren, Belgien wieder verlassen. Die Bankiersfrau Gracia Nasi (1510–1569) zog darauf zunächst nach Venedig. Nach der spanischen Eroberung Antwerpens 1585 wanderten viele Marranen nach Hamburg, Amsterdam oder vorübergehend ins katholische Köln aus. 1613 kehrte Abraham Senior Teixera zurück und wurde als „Konsul“ der Gemeinde bestätigt. Der Dreißigjährige Krieg führte jedoch zu weiteren Ortswechseln. In Antwerpen wirkte außerdem der Arzt und Philosoph Juan de Prado († um 1670). Die erste Schokoladenherstellung in Belgien von 1663 ging auf einen Converso zurück, der den Rohstoff über Fernhandel bezog.
Nach 1713 ermöglichte die österreichische Herrschaft eine stärkere Öffnung. Nun wanderten auch erste aschkenasische Juden in größerer Zahl ein. Kaiser Joseph II. gewährte Juden das Recht, Handel zu treiben und Grundbesitz zu erwerben. Schließlich durften sie auch eigene Friedhöfe anlegen. Aschkenasische Juden sind hier die aus Mittel- und Osteuropa stammenden jüdischen Gruppen.
Jüdisches Leben im unabhängigen Belgien
Nach der Unabhängigkeit Belgiens 1831 erkannte der Nationaal Congres, das erste belgische Übergangsparlament, den jüdischen Gottesdienst an. 1832 wurde das Zentrale Israelitische Konsistorium gegründet. Es entstand eine dauerhafte institutionelle Grundlage für jüdisches religiöses Leben.
Die erste belgische Synagoge wurde 1865 in Aarlen errichtet. Die Hauptsynagoge in der Brüsseler Regentschapsstraat entstand 1876 bis 1877, die Synagoge in der Antwerpener Bouwmeesterstraat 1892. Bedeutende Bankiers mit internationalen Kontakten waren Mitglieder der Familien Bischoffsheim, Rothschild und Oppenheimer. Jacob Wiener wurde als Graveur bekannt.
Ein besonderes Problem ist die ewige Grabruhe. Sie ist auf belgischen Friedhöfen gesetzlich nicht gesichert, nach halachischer, also jüdisch-religiöser, Vorschrift jedoch geboten. Deshalb liegen Friedhöfe der jüdischen Gemeinden Antwerpens im niederländischen Putte. Der Begräbnisplatz der Synagogengemeinde Lüttich befindet sich im niederländischen Eijsden.
Um die Jahrhundertwende übernahm Antwerpen von Amsterdam die Stellung als Weltzentrum des Diamantenhandels. Im Ersten Weltkrieg flohen viele jüdische Händler in die Niederlande. Der Antwerpener Camille Huysmans holte sie ab 1919 zurück. In den 1920er Jahren kamen zusätzlich viele Einwanderer aus Polen und Rumänien. Mit ihnen verbreiteten sich orthodoxe Richtungen des Judentums.
Holocaust und Besatzungszeit
Bis 1939 lebten in Belgien etwa 75.000 Juden, vor allem in Antwerpen und Brüssel. Hinzu kamen 22.000 Flüchtlinge aus Deutschland. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nahm der Antisemitismus durch Ausschlüsse und Angriffe zu.
Die deutsche Besetzung Belgiens dauerte von Mai 1940 bis September 1944. Viele Juden wurden inhaftiert, teilweise auch durch die belgische Polizei. Ein Internierungsort war das Fort Breendonk. 1942 begannen die Massendeportationen in den Osten Europas. Als Durchgangslager diente die Dossin-Kaserne in Mechelen, in der sich heute eine Gedenkstätte befindet.
Von August 1942 bis Juli 1944 wurden etwa 25.000 Juden in 28 Zugkonvois abtransportiert. Nur 5 Prozent von ihnen überlebten. Eine besonders bekannte Widerstandsaktion war der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz am 19. April 1943. Drei Jungen vom Ukkeler Atheneum waren daran beteiligt, darunter Youra Livchitz.
Die Rolle der belgischen Gesellschaft und Behörden war widersprüchlich. Ein großer Teil der nichtjüdischen Bevölkerung verriet Juden nicht als solche an die Deutschen; zugleich kooperierten belgische Behörden mit der deutschen Besatzungsmacht. Über die Erinnerung an den Holocaust wird öffentlich diskutiert, unter anderem über die Frage, ob ein Holocaust-Museum für Belgien Teil der belgischen Erinnerungspolitik werden soll.
Jüdisches Leben seit 1945 und Gegenwart
Gegenwärtig leben etwa 45.000 Juden in Belgien, davon allein 20.000 in Antwerpen. Die Stadt wird deshalb als „Jerusalem des Nordens“ bezeichnet. Das jüdische Viertel nahe dem Hauptbahnhof, die Joodse Buurt, wird besonders durch etwa 6.000 Chassidim geprägt. Chassidim sind Anhänger chassidischer, streng religiöser jüdischer Richtungen; laut Artikel wanderten sie erst ab dem 19. Jahrhundert zu.
In bestimmten Gemeinden wird weiterhin Jiddisch als Muttersprache gelernt, ähnlich wie in bestimmten Gemeinden in New York oder Israel. Belgien besitzt viele jüdische Schulen und fünf jüdische Zeitungen. Im ganzen Land gibt es 45 Synagogen, davon 30 in Antwerpen. Sophie Wilmès wurde 2019 die erste belgische Premierministerin mit jüdischen Familienwurzeln.
Im 21. Jahrhundert nahm der Antisemitismus in Belgien in Form des Antiisraelismus erheblich zu. Der Artikel nennt auch eine starke muslimische Einwanderung als Zusammenhang. Inzwischen werden Schulwege militärisch bewacht. Im Mai 2014 wurden beim Anschlag auf das Belgische Jüdische Museum in Brüssel vier Menschen von einem Franko-Algerier erschossen.
Eine weitere juristische Debatte betraf das Schächten, also das rituelle Schlachten von Tieren. Es wurde aus Gründen des Tierschutzes für Juden und Muslime verboten und beendete damit eine jüdische Tradition. 2019 und 2020 wurden dem traditionellen Karnevalsumzug in Aalst antisemitische Darstellungen vorgeworfen. Daraufhin aberkannte die UNESCO den Titel als Weltkulturerbe; außerdem leitete die Europäische Union Ermittlungen ein.