Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Geschichte Sardiniens
Die dokumentierte Geschichte Sardiniens beginnt in der Antike, auf Sardinien finden sich aber umfangreiche Spuren älterer Kulturen.
Inhalt6 Abschnitte
Grundlagen und frühe Besiedlung
Die Geschichte Sardiniens ist seit der Antike dokumentiert, doch die Insel besitzt deutlich ältere Spuren menschlicher Besiedlung und Kultur. Ihre Entwicklung wurde stark durch die Insellage geprägt: Seit dem Miozän schwankte der Wasserspiegel des Mittelmeeres stark; zuletzt lag er um etwa 11.000 v. Chr. etwa 100 m unter dem heutigen Niveau. Auch auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit war Sardinien aber nicht mit dem Festland verbunden.
Für die Tierwelt des Paläolithikums waren Artenarmut und das Fehlen großer Fleischfresser typisch. Dadurch entwickelten sich manche Großsäuger auf Inseln zur Langsamkeit und Verzwergung. Auf Sardinien sind aus der jüngeren Inselfauna nur wenige Säuger bekannt, darunter Megaceros cazioti, ein Hirsch, Cynotherium sardus, ein kleiner Hund, und Kleinnager wie Prolagus sardus, ein ausgestorbener kaninchengroßer Nager. Die ältere Tierwelt wurde im mittleren Pleistozän, vor etwa 900.000 Jahren, durch eine neue ersetzt.
Wichtige Hinweise liefert die Grotta Corbeddu bei Oliena. Dort wurden drei Schichten untersucht: In der untersten fanden sich Knochen des Hirsches Megaceros cazioti mit einem C14-Datum von 11610 ± 140 v. Chr.; Bearbeitungsspuren deuten auf menschliche Jagd hin. In der mittleren Schicht fanden sich Holzkohle mit dem Radiokarbondatum 7130 ± 380 v. Chr. und Knochen von Prolagus sardus mit Brand- und Kauspuren. Die obere Schicht enthielt Feuerstellen mit einem Radiokarbondatum von 4280 ± 180 v. Chr., Reste von Schnecken, Krustentieren, Fischen, Haustieren und Wild sowie Obsidianwerkzeuge und jungsteinzeitliche Keramik.
Die Besiedlung reicht damit bis ins Paläolithikum zurück. 1979 wurden 150.000 Jahre alte menschliche Überreste gefunden. Molekulargenetische Analysen deuten darauf hin, dass vor etwa 13.000 Jahren eine Bevölkerungsgruppe aus dem westlichen Mittelmeerraum zuwanderte, mit genetischen Ähnlichkeiten zur Bevölkerung des heutigen Baskenlandes. Später folgten neolithische Bauern. 2011 fand man bei Marina di Arbus Knochen mesolithischer Inselbewohner aus etwa 9000 v. Chr.
Prähistorische Kulturen und Nuraghen
Das Neolithikum begann auf Sardinien um 6000 v. Chr. mit der Einwanderung von Angehörigen der Cardial- oder Impressokultur. In dieser Zeit kamen Landwirtschaft und Viehhaltung auf die Insel. Belege dafür sind Mörser, Handmühlen, Getreidekörner und Knochenreste von Haustieren.
Von der Jungsteinzeit bis zur römischen Besetzung 238 v. Chr. prägten mehrere Kulturen die Insel. Genannt werden unter anderem Su-Carroppu und Filiestru, die Bono-Ighinu-Kultur, die Ozieri-Kultur, Abealzu-Filigosa, die bronzezeitliche Monte-Claro-Kultur, die Bonnanaro-Kultur und besonders die Nuraghenkultur. Obsidian, ein Lavagestein vom erloschenen Vulkan Monte Arci, wurde für einfache Werkzeuge genutzt und gelangte auch nach Korsika, in die Toskana, die Emilia, nach Ligurien und Südfrankreich.
Wichtige prähistorische Zeugnisse sind Kult- und Grabhöhlen wie Grotta Pirosu, Backofengräber des Sinis, Domus de Janas („Häuser der Feen“), Dolmen, Galerien, Gigantengräber, Menhire, Statuenmenhire, Steinkreise, Steinreihen und heilige Brunnen. Von den heiligen Brunnen gibt es etwa 35.
Ab etwa 1750 v. Chr. bestand die Nuraghenkultur. Sie ist nach den turmartigen Nuraghen benannt. Heute existieren noch über 3.000 von ursprünglich etwa 7.000 bis 10.000 Nuraghen. Besondere Funde oder Anlagen sind unter anderem die Steinkisten von Li Muri, der Nuraghentempel von Malchittu, das megalithische runde Galeriegrab Masone Perdu bei Laconi und die Figuren vom Monte Prama.
Bronzezeitliche Kontakte
In der Bronzezeit war Sardinien in den Austausch des Mittelmeerraums eingebunden. 1979 wurde auf Sardinien erstmals mykenische Keramik entdeckt. In den 1980er Jahren wuchs das Wissen über Kontakte zwischen Sardinien, dem mykenischen Griechenland und den Inseln des östlichen Mittelmeeres. Besonders die Funde am Nuraghen Antigori machten die Verbindung Sardiniens mit dem ägäischen Raum wichtig für die Forschung.
Die Funde ägäischen Materials halfen, die Chronologie der Nuraghenkultur genauer zu bestimmen. Zugleich zeigten sie, dass mykenische, zypriotische und möglicherweise kykladisch-minoische Handelskontakte Sardinien erreichten. Dabei ging es auch um den Austausch von Objekten und um Bodenschätze der Insel. Mykenische Ware lenkte zudem neue Aufmerksamkeit auf ägäisch-zyprische Ochsenhautbarren, also charakteristisch geformte Kupferbarren.
Ältere Theorien erklärten den Bau der Nuraghen wegen ihrer Tholos-Architektur, also einer kuppelartigen Bauform, mit ägäischem Einfluss. Neuere Studien betonen jedoch, dass die kulturellen Formen des bronzezeitlichen Sardiniens nicht einfach als Übernahme aus dem Osten verstanden werden können. Besonders die Skulpturen vom Monte Prama gehen der ägäischen Großskulpturentwicklung voraus.
Umstritten ist die Beziehung der Scherden oder Schardana zu Sardinien. Sie sind aus ägyptischen Quellen als „Seevolk“ bekannt. Manche Forscher vermuten, sie seien aus dem östlichen Mittelmeer nach Sardinien gekommen; andere nehmen an, sie stammten ursprünglich aus Sardinien und hätten sich nach den Seevölker-Unruhen um 1200 v. Chr. im libanesischen oder nord-kanaanitischen Raum angesiedelt. Eindeutige Belege für eine Einwanderung fehlen. Eine zeitweilige Präsenz von Sarden im östlichen Mittelmeerraum ist aber durch Funde in Kommos auf Kreta belegt, wo Keramikfragmente der Nuraghenkultur aus der Zeit um 1200 v. Chr. gefunden wurden.
Phönizier, Punier und Römer
Die phönizisch-punische Zeit begann im 9. Jahrhundert v. Chr. Die von Tyros ausgehende phönizische Phase dauerte etwa 300 Jahre bis etwa 550 v. Chr.; die folgende punische Phase endete nach ebenfalls etwa 300 Jahren im 3. Jahrhundert v. Chr. Schon seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. hatten Seefahrer aus dem östlichen Mittelmeer Sardinien aufgesucht, darunter Mykener und Zyprer.
Die Punier interessierten sich besonders für die Erzvorkommen des Iglesiente. Sie gründeten Handelsniederlassungen und Kolonien, unter anderem Karali, das römische Carales und heutige Cagliari, Othoca, Nora, Sulki, Su Fraigu und Tharros. Ob die Nuraghenkultur der punischen Landnahme Widerstand leistete, ist umstritten. Eine Inschrift auf der Stele von Nora aus dem 9. Jahrhundert spricht allerdings von Kampfhandlungen.
Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. kontrollierten die Punier den Süden und Westen Sardiniens. Sie verhinderten 540 v. Chr. in der Seeschlacht von Alalia eine griechische Besiedlung Korsikas und begannen, ihren Teil Sardiniens zur Kornkammer umzugestalten. Nach Cicero wurden punisch-libysche Siedler als Landarbeiter auf die Insel gebracht. Punisches und Sardisches verband sich ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. in den besetzten Gebieten zu einer gemeinsamen Kultur, besonders sichtbar im religiösen Leben.
Im Ersten Punischen Krieg erkannte Rom zunächst im Friedensvertrag von 241 v. Chr. Karthagos Hoheitsrechte über Sardinien an. 238 v. Chr. gelangte Rom jedoch durch die Drohung mit Krieg gegen das geschwächte Karthago rechtswidrig zur Herrschaft über Sardinien. Zusammen mit Korsika wurde die Insel als Provinz Sardinia et Corsica jahrhundertelang Teil des Imperium Romanum. Das Landesinnere blieb noch weit bis in die römische Zeit weitgehend autonom.
Mittelalterliche Herrschaften
Nach dem Zerfall Westroms wurde Sardinien ab 455 n. Chr. achtzig Jahre lang von den Vandalen besetzt. 534 begann die byzantinische beziehungsweise oströmische Phase, als der kaiserliche Feldherr Belisar die Inseln im westlichen Mittelmeer zurückeroberte. In dieser Zeit verarmte Sardinien materiell und kulturell, nahm aber auch oströmische Einflüsse in der Folklore auf. 552 eroberten Ostgoten unter Totila kurzzeitig Cagliari; langobardische Eroberungsversuche ab 568 blieben erfolglos.
Mit der Eroberung von Sulcis im Jahr 704 begann eine mehr als zweihundertjährige Phase sarazenischer Überfälle auf die Küsten. Viele Bewohner flohen ins Inselinnere, Handel und städtisches Leben gingen zurück, und die Bevölkerung lebte stärker von Subsistenzwirtschaft, also Selbstversorgung. 753 besetzte ein muslimisches Heer den Süden der Insel; 815 bat Sardinien Ludwig den Frommen vergeblich um Hilfe. Die byzantinische Herrschaft endete offiziell um 832.
Ab dem 9. Jahrhundert war Sardinien in vier Judikate geteilt: Arborea, Cagliari, Gallura und Torres. Judikate waren einheimische Herrschaftsgebiete mit Feudalherrschern, die als „Richter“ bezeichnet wurden. Eine dauerhafte muslimische Eroberung wurde bis 1014/15 verhindert. Nachdem Mudschahid von Dénia mit 120 Galeeren große Küstengebiete erobert hatte, vermittelte Papst Benedikt VIII. ein Bündnis zwischen Genua und Pisa. 1016 schlugen deren Seestreitkräfte die arabischen Flotten und vertrieben Mudschahid wieder.
Später wurde Sardinien Teil größerer Machtkämpfe. Friedrich II., König von Sizilien, ernannte 1239 seinen illegitimen Sohn Enzio zum König von Sardinien. Daraus leitete sich der Status der Insel als Königreich ab, der bis 1861 erhalten blieb. Danach fiel Sardinien zunächst an das Königreich Aragón und gehörte seit dem frühen 16. Jahrhundert in Personalunion zum Königreich Spanien. In Alghero wurde die autochthone Bevölkerung vertrieben oder durch katalanische Siedler ersetzt; deren Nachkommen sprechen bis heute Katalanisch.
Neuzeit, Italien und Autonomie
Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg fiel Sardinien 1714 an die österreichische Linie des Hauses Habsburg. 1720 trat Österreich die Insel im Tausch gegen Sizilien an das Haus Savoyen ab. So entstand das Königreich Sardinien mit der Hauptstadt Turin; sein politischer Schwerpunkt lag aber mit Savoyen und Piemont auf dem italienischen Festland.
1794 kam es, fünf Jahre nach der Französischen Revolution, zu einem Aufstand der sardischen Oberschicht. Er führte zur Ausweisung piemontesischer Funktionäre aus Sardinien. 1796 folgte eine gescheiterte Revolte gegen die feudale sardische Oberschicht. Während der französischen Okkupation des norditalienischen Reichsteils zwischen 1799/1800 und 1814 regierten Karl Emanuel IV. und Viktor Emanuel I. unter dem Schutz der britischen Flotte direkt von Sardinien aus. Im Zuge der italienischen Einigung wurde Viktor Emanuel II. im Jahr 1861 König von Italien.
Durch die Einigung Italiens 1860/61 wurde Sardinien weiter an den Rand der politischen Macht gedrängt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel zwischen dem 10. September und dem 5. Oktober 1943 von deutschen Truppen geräumt. Am 27. Januar 1944 wurde ein Hochkommissariat unter Pietro Pinna Parpaglia eingerichtet. Anfang 1945 entstand eine Consulta regionale mit 18 vom italienischen Ministerpräsidenten ernannten Mitgliedern, die Entwürfe für ein Regionalstatut ausarbeitete.
1946 erhielt Sardinien Autonomie als Autonome Region Sardinien. Das Sonderstatut trat nach Verzögerungen und Änderungen 1948 in Kraft; die ersten Regionalwahlen fanden am 8. Mai 1949 statt. Bis 1982 gab es vereinzelte, teils bewaffnete Rebellionen für eine vollständige Unabhängigkeit Sardiniens, häufig verbunden mit Entführungen. Der sardische Nationalismus umfasst Bewegungen, die konsequente Autonomie oder Unabhängigkeit von Italien anstreben. Durch ein Regionalgesetz von 1997 und ein Gesetz der Italienischen Republik von 1999 wurde Sardisch als Minderheitensprache anerkannt.