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Amarna-Briefe
Bei den sogenannten Amarna-Briefen aus dem Amarna-Archiv handelt es sich um einen umfangreichen Fund an Tontafeln in akkadischer Keilschrift des Palastarchives …
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Überblick und Überlieferung
Die Amarna-Briefe sind ein umfangreicher Fund von Tontafeln aus dem Palastarchiv des Pharao Echnaton in Achet-Aton, dem heutigen Tell el-Amarna in Ägypten. Sie gehören zum Neuen Reich (1550 bis 1070 v. Chr., 18. bis 20. Dynastie) und sind eine zentrale Quelle für Diplomatie, Handel und Machtkonflikte der späten Bronzezeit.
Die Abkürzung EA leitet sich von el-Amarna ab. Wahrscheinlich wurden die ersten Tafeln 1887 gefunden; die Fundumstände sind unterschiedlich überliefert. Mehr als 300 Tafeln gelangten über den Antiquitätenhandel in Museen. W. M. Flinders Petrie grub 1891 bis 1892 das königliche Archiv aus. Insgesamt sind heute 382 Tafeln bekannt. Davon sind 32 keine Briefe oder Brief-Inventare, sondern unter anderem Mythen, Epen, Schul- und Wortlisten.
Jørgen Alexander Knudtzon ordnete die Sammlung in internationale Korrespondenz und die wesentlich größere Korrespondenz mit ägyptischen Vasallen. Die Briefe innerhalb der Regionen wurden nach Schriftmerkmalen und innerer Logik ungefähr chronologisch geordnet.
Sprache, Datierung und Forschung
Die Briefe sind in Keilschrift geschrieben, meist in Altbabylonisch, einem Dialekt des Akkadischen. Sie zeigen zugleich kanaanäischen Einfluss. Diese Diplomatensprache bewahrt alte Logogramme und Schreibweisen, vermischt sie aber teilweise mit neueren Formen. Deshalb ist ihre Übersetzung besonders schwierig; grundlegende Übersetzungen stammen von Jørgen Alexander Knudtzon (1915) und William L. Moran (1987).
Die Tafeln sind nicht datiert. Nur Könige von Mitanni, Babylon und Assyrien nennen den Pharao beim Namen. EA 23 trägt jedoch den hieratischen Eingangsvermerk eines Schreibers mit dem 36. Regierungsjahr Amenophis’ III.; das Archiv beginnt daher wahrscheinlich etwa in dessen 30. Regierungsjahr. Das Ende ist umstritten: Als Terminus post quem gilt meist eine Aufschrift mit Jahr 12 Echnatons auf EA 254, die nach Moran aber auch Jahr 32 Amenophis’ III. heißen könnte. Umstritten ist außerdem, ob Tutanchamun noch Briefe in Amarna erhielt. Rolf Krauss nimmt eine Aufgabe der Stadt zwischen den Weinernten des 1. und 2. Jahres Tutanchamuns an, während Erik Hornung ein Ende des Archivs bald nach Echnatons 12. Regierungsjahr, vor oder zu Beginn der Mitregentschaft Semenchkares, für wahrscheinlich hält.
Für die Herkunft des Tons wurden Dünnschliffe petrographisch untersucht und Neutronenaktivierungsanalysen eingesetzt; die Methoden wurden 2002 veröffentlicht. Sie sollen Absender genauer lokalisieren. Umstritten ist auch, ob die Hilferufe von Vasallen tatsächlichen Gebietsverlust belegen: Cyril Aldred deutet viele Fürstentümer eher als abhängige Staaten denn als direkte Teile Ägyptens. Dramatische Briefformeln könnten üblich gewesen sein; Ägypten habe möglicherweise bewusst das Kräftegleichgewicht zwischen Kleinherrschern erhalten.
Korrespondenz der Großmächte
Die Großreiche am östlichen Mittelmeer sahen sich als exklusiven Kreis von Mächten und redeten einander als „Brüder“ an. Ihre Briefe behandeln Freundschaft, dynastische Heiraten, Geschenke, Handel und die Behandlung von Boten.
Babylonien (EA 1–14): Unter Kadašman-Enlil I. und Amenophis III. wurden Heiraten und wertvolle Geschenke verhandelt. Der babylonische König verlangte auch eine ägyptische Prinzessin; Amenophis III. antwortete: „Seit jeher wurde keine Tochter des Königs von Ägypten irgendjemandem gegeben.“ Unter Burna-buriaš II. und Amenophis IV. kühlten die Beziehungen ab. Burna-buriaš II. beklagte minderwertiges Gold, zurückgehaltene Boten und einen Überfall auf seine Handelsgesandtschaft in Kanaan. Den aufsteigenden Assyrern, die er als Vasallen bezeichnete, wollte er den Kontakt zu Ägypten verwehren.
Assyrien (EA 15–16): Aššur-uballiṭ I. nahm zunächst vorsichtig Kontakt auf, nannte sich später aber „Großkönig“ und den Pharao „Bruder“. Er verlangte Gold und die Rückkehr seiner Boten. Die beiden Briefe bezeugen den Machtanstieg Assyriens.
Mitanni (EA 17, 19–30): Die Beziehungen zu Ägypten wurden durch Heiraten gestärkt, etwa durch Giluḫepa, eine Tochter Šuttarnas II., die Amenophis III. in dessen 10. Regierungsjahr heiratete. Tušratta erneuerte nach inneren Konflikten das Bündnis und verhandelte die Heirat seiner Tochter Taduchepa mit Amenophis III., die spätestens im 36. Jahr des Pharaos vollzogen war. EA 23 begleitet die Sendung der Statue der Ischtar von Ninive. Unter Amenophis IV. beschwerte sich Tušratta zunehmend über minderwertige Geschenke und zurückgehaltene Boten. EA 24 ist der einzige Brief Tušrattas auf Hurritisch statt Akkadisch.
Arzawa (EA 31–32) und Alašija (EA 33–40): Amenophis III. bat Tarḫundaradu von Arzawa um dessen Tochter; die beiden Briefe sind ungewöhnlich auf Hethitisch verfasst. Alašija ist durch Untersuchungen des Tons zweifelsfrei mit dem südlichen Zypern gleichzusetzen. Es lieferte Kupfer und Holz nach Ägypten und erhielt Silber sowie „süßes Öl“. Seuche, Lieferprobleme, Überfälle durch Luka und die Rückgabe von Boten und Schiffen sind wichtige Themen.
Hethiterreich (EA 41–44): Nur wenige, teils stark beschädigte Briefe sind erhalten. In EA 41 verspricht Šuppiluliuma I. einem kürzlich inthronisierten ägyptischen König die Fortsetzung freundschaftlicher Beziehungen, beklagt aber nicht übergebene Geschenke. Die Identität des als Ḫurij[a] bezeichneten Adressaten – vermutlich Amenophis IV., Semenchkare oder Tutanchamun – ist ungeklärt.
Nördliche Vasallen und Amurru
Die Vasallenkorrespondenz zeigt, wie schwierig Ägyptens Herrschaft über die Levante war. Nördlich von Byblos lag Amurru, ein Gebiet ohne große Stadtstaaten. Dort traten die Habiru als mobile, teils gewaltsam agierende Gruppen hervor. Abdi-Aširta, ihr Anführer, dehnte seine Macht aus, betonte gegenüber Ägypten aber stets seine Loyalität.
Rib-Addi von Byblos war Abdi-Aširtas wichtigster Gegner. In zahlreichen Briefen bat er den Pharao dringend um reguläre Truppen. Er schilderte, wie Städte wie Irqata, Ardata, Ambia und Sigata bedroht oder erobert wurden. Für Ägypten war die Region strategisch wichtig: Sumur war Verwaltungszentrum mit pharaonischem Palast, Befestigung, ägyptischer Besatzung und einem Kommissar (rabisu).
Abdi-Aširta wurde schließlich von ägyptischen Truppen gefangen genommen und starb aus unbekannten Gründen. Sein Sohn Aziru setzte die Expansion fort, sagte dem Pharao Treue zu und verzögerte zugleich Audienzen in Ägypten. Rib-Addi wurde von seinem Bruder gestürzt, suchte bei Aziru Zuflucht und wurde von diesem an die Herrscher von Sidon ausgeliefert, wo er wohl starb. Als die Hethiter weiter vorrückten, wechselte Aziru die Seite und schloss mit Šuppiluliuma I. einen Vasallenvertrag; eine akkadische und eine hethitische Fassung wurden in Hattuša gefunden (CTH 49).
Südliche Vasallen in Palästina
Für die südlichen Vasallen aus dem Gebiet des heutigen Palästina gibt es kein ähnlich geschlossenes Briefkorpus. Hauptthema sind Konflikte zwischen Stadtfürsten. Labaju von Sichem versuchte wie Aziru, sein Herrschaftsgebiet zu vergrößern. Sein Gegner Biridija von Megiddo berichtete, Megiddo werde nach dem Abzug ägyptischer Truppen und während einer Seuche von Labaju belagert (EA 244).
Labaju bestritt in EA 254, von den Raubzügen seines Sohnes mit den Habiru gewusst zu haben. Der Brief zeigt, dass Vasallen mit den Habiru zusammenarbeiten konnten. Labaju starb, bevor er an Ägypten ausgeliefert wurde; Biridija beschuldigte Surata von Akko, ihn in einem Hinterhalt erschlagen zu haben. Seine Söhne führten seine Politik fort.
Auch Jerusalem war in diese Kämpfe verwickelt. Šuwardata von Gat nannte Abdi-Hepa von Jerusalem einen „zweiten Labaju“, weil dieser Städte an sich reiße. Abdi-Hepa bestritt dies und beschuldigte umgekehrt die Söhne Labajus, Milkilu von Gezer und Habiru-Gruppen. In EA 288 bat er dringend um militärische Hilfe und beschrieb seine Lage „wie ein Schiff auf hoher See“.