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Geschichte Südtirols
Die Geschichte Südtirols umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des heutigen Südtirol von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart.
Inhalt6 Abschnitte
Kernüberblick
Die Geschichte Südtirols beschreibt die Entwicklung des Gebiets des heutigen Südtirol von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart. Eine eigenständige Geschichte Südtirols im heutigen Sinn begann erst nach dem Ersten Weltkrieg: Im November 1918 besetzten italienische Truppen die Region, 1919 fiel sie durch den Vertrag von Saint-Germain an das Königreich Italien und wurde dessen nördlichste Provinz.
Wichtig ist der historische Zusammenhang: Bis 1918 meinte „Südtirol“ oft alle Teile Tirols südlich des Brenners, besonders auch das heutige Trentino. Das heutige Südtirol war bei der Annexion mehrheitlich deutschsprachig und wurde danach zu einem zentralen europäischen Minderheiten- und Autonomieproblem. Die politische Entwicklung war geprägt von italienischer Annexion, Faschisierung und Italianisierung, der Option im Zweiten Weltkrieg, dem Kampf um Autonomie nach 1945 und dem heutigen Minderheitenschutz für deutsche und ladinische Bevölkerungsteile.
Tirol vor 1918 und der Erste Weltkrieg
Seit etwa dem 8. Jahrhundert gehörte Tirol, besiedelt von Bajuwaren, Langobarden und Rätoromanen, zum Stammesherzogtum Baiern. Die Grafen von Tirol einigten das Gebiet von der Bozner-Meraner Gegend aus. 1363 fiel Tirol durch Erbvertrag von den Meinhardinern an das Haus Habsburg und wurde habsburgisches Erbland. Als Gefürstete Grafschaft Tirol war es Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, später Teil der Habsburgermonarchie. Von 1804 bis 1867 gehörte Tirol zum Kaisertum Österreich, mit einer Unterbrechung von 1805 bis 1814 während der napoleonischen Kriege. Von 1867 bis 1918 war es als Kronland Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Italien Mitglied des Dreibunds mit dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn. Weil der Dreibund ein Defensivbündnis war, trat Italien nach der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an Serbien zunächst nicht in den Krieg ein. Die italienische Regierung verfolgte jedoch expansionistische Ziele. Im geheimen Londoner Vertrag vom 26. April 1915 sicherten die Entente-Mächte Italien unter anderem den südlichen Teil Tirols bis zum Brennerpass zu. Daraufhin erklärte Italien Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 den Krieg.
Von 1915 bis 1918 führte Italien einen verlustreichen Gebirgskrieg. Erst mit alliierter Hilfe und wegen zunehmender Versorgungs- und Nationalitätenprobleme in der österreichisch-ungarischen Armee kam die Wende. Die Schlacht von Vittorio Veneto vom 24. Oktober bis zum 3. bzw. 4. November 1918 führte zum Waffenstillstand von Villa Giusti und zur Niederlage Österreich-Ungarns.
Bevölkerung und Sprachgruppen
Bei der Annexion war das heutige Südtirol überwiegend deutschsprachig. Laut Volkszählung von 1910 sprachen bei insgesamt 251.000 Einwohnern 89 % Deutsch, 3,8 % Ladinisch, 2,9 % Italienisch und 1,7 % andere Sprachen. Die Sprachgruppen sind für die Geschichte Südtirols besonders wichtig, weil politische Rechte, Schule, Verwaltung und Autonomie eng mit ihnen verbunden wurden.
Die Volkszählungen zeigen deutliche Veränderungen. 1880 lag der deutschsprachige Anteil bei 90,6 %, 1910 bei 89,0 %. Nach der Eingliederung in Italien sank er: 1921 lag er bei 75,9 %, 1961 bei 62,2 %. Gleichzeitig stieg der italienischsprachige Anteil stark an, besonders durch staatlich geförderte Zuwanderung in der faschistischen Zeit und danach: 1910 betrug er 2,9 %, 1921 10,6 %, 1961 34,3 %. 2011 wurden 62,2 % Deutschsprachige, 23,3 % Italienischsprachige, 4,0 % Ladinischsprachige und 10,5 % Andere gezählt. Für 2024 nennt die Tabelle 57,6 % Deutschsprachige, 22,6 % Italienischsprachige, 3,7 % Ladinischsprachige und 16,1 % Andere bei insgesamt 536.933 Einwohnern.
Annexion, Faschismus und Italianisierung
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurden Südtirol und Welschtirol im November 1918 von Italien besetzt. Südtiroler Vertreter versuchten zunächst, politisch bei Deutschösterreich zu bleiben. Am 4. November 1918 entstand in Bozen ein provisorischer Nationalrat für Deutsch-Südtirol, der am 16. November sogar die Unteilbare Republik Südtirol ausrief. Diese Körperschaft wurde nach der italienischen Besetzung aufgelöst. Am 10. Oktober 1920 annektierte Italien die Gebiete südlich des Brenners formalrechtlich.
Die Annexion widersprach dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung, das US-Präsident Woodrow Wilson in seinen Vierzehn Punkten formuliert hatte. Obwohl König Viktor Emanuel III. 1919 lokale Institutionen und Selbstverwaltung versprach, wurden Autonomiebestrebungen bald enttäuscht. 1921 erreichte der Deutsche Verband bei den Wahlen zum römischen Parlament 90 % der Stimmen in Südtirol und vier Sitze, konnte aber die politische Entwicklung nicht wenden.
Mit der Machtergreifung Benito Mussolinis begann die Italianisierung. Eine zentrale Rolle spielte Ettore Tolomei. Am 15. Juli 1923 stellte er in Bozen sein Assimilierungsprogramm vor. Ab 1923 wurden Orts- und Flurnamen italianisiert, der Name Tirol wurde verboten. Zwischen 1923 und 1925 wurde Italienisch zur einzigen zugelassenen Amts- und Gerichtssprache. Deutschsprachige Zeitungen wurden verboten, mit wenigen Ausnahmen. Die faschistische Schulreform von 1923 verbot in den folgenden Schuljahren Deutsch an allen Schulen. Als Reaktion entstanden ab 1925/26 deutsche Geheimschulen, die sogenannten Katakombenschulen.
1927 wurde die Venezia Tridentina geteilt: Es entstanden die Provinz Trient und die Provinz Bozen. Das ladinische Siedlungsgebiet wurde auf Bozen, Trient und Belluno aufgeteilt. 1928 wurde in Bozen das Siegesdenkmal errichtet, ein faschistisches Herrschaftsmonument. Ab 1928 förderte der Staat durch ein Industriegebiet in Bozen die Ansiedlung italienischer Betriebe und Arbeiter. Die Bevölkerung Bozens wuchs dadurch stark. Ab Herbst 1938 traf die antisemitische Rassegesetzgebung Italiens auch Südtirols jüdische Bevölkerung; offiziell wurden in der Provinz Bozen 938 Menschen erfasst und diskriminiert.
Zweiter Weltkrieg und Option
Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 weckte bei vielen Südtirolern die Hoffnung, Südtirol werde ebenfalls zum Reich kommen. Adolf Hitler erklärte jedoch die Brenner-Grenze für unantastbar. 1939 schlossen Hitler und Mussolini das sogenannte Optionsabkommen. Die deutschsprachigen Südtiroler mussten wählen, ob sie für Deutschland optieren und auswandern oder in Südtirol bleiben und die italienische Staatsbürgerschaft behalten wollten. Die Auswanderungsbefürworter hießen Optanten, die Bleibenden Dableiber.
Der nationalsozialistische Völkische Kampfring Südtirols warb stark für die Option. Mit Propaganda, darunter der „sizilianischen Legende“, wurde behauptet, Italien plane die Deportation der deutschsprachigen Südtiroler nach Sizilien oder Abessinien. Rund 85 % der etwa 200.000 Befragten votierten für die Option. Tatsächlich übersiedelten bis 1943 etwa 75.000 Optanten ins Reich, davon etwa 50 % im Jahr 1940.
Nach Mussolinis Sturz im Juli 1943, dem Einmarsch der Wehrmacht und der Errichtung der Operationszone Alpenvorland unter Franz Hofer endeten Auswanderung und italienische Zuwanderung. Viele Südtiroler begrüßten deutsche Truppen zunächst als Befreier. Die NS-Herrschaft brachte jedoch Sondergerichte, Wehrpflicht und Verfolgung. Ab November 1943 galt eine radikalisierte Sondergerichtsbarkeit; am 6. November 1943 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, deren Nichtbefolgung mit dem Tod bestraft werden konnte. Südtiroler wurden auch in deutsche Verbände und in die Waffen-SS eingegliedert.
Die jüdische Gemeinde Merans wurde schwer getroffen. Im September 1943 wurden 24 Mitglieder verhaftet und ins Lager Reichenau verschleppt; 19 starben in Auschwitz, vier in Reichenau. Im Juli 1944 entstand das Polizeiliche Durchgangslager Bozen, in dem bis Ende April 1945 etwa 11.000 Menschen interniert waren; etwa 3.500 wurden nach Auschwitz, Dachau und Mauthausen deportiert. Widerstand gab es unter anderem im deutschsprachigen Andreas-Hofer-Bund und auf italienischsprachiger Seite im Comitato di Liberazione Nazionale. Nach Kriegsende wurde Südtirol auch Durchgangs- und Versteckraum für NS-Flüchtlinge und Kriegsverbrecher, darunter Adolf Eichmann und Josef Mengele.
Autonomiekampf und Gegenwart
Nach 1945 hofften viele Südtiroler erneut auf eine Wiedervereinigung mit Nordtirol. Die Südtiroler Volkspartei sammelte 155.000 Unterschriften, die am 22. April 1946 dem österreichischen Bundeskanzler Leopold Figl übergeben wurden. Bei den Friedensverhandlungen 1946 in Paris forderte Österreich eine Volksabstimmung über die Rückgliederung. Stattdessen blieb Südtirol bei Italien. Im Gruber-De-Gasperi-Abkommen wurden der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung autonome Grundrechte zugesichert; Österreich wurde als Schutzmacht anerkannt.
Das Erste Autonomiestatut von 1948 enttäuschte viele Südtiroler, weil wichtige Kompetenzen bei der mehrheitlich italienischsprachigen Region Trentino-Tiroler Etschland lagen. Besonders umstritten war die geförderte Zuwanderung italienischer Arbeitskräfte. 1957 versammelten sich etwa 35.000 Südtiroler bei Schloss Sigmundskron und forderten unter Silvius Magnago die Loslösung der Provinz Bozen von Trient. 1960 brachte Österreich unter Außenminister Bruno Kreisky die Südtirolfrage vor die UNO; die UN-Resolution 1497/XV stellte fest, dass der Pariser Vertrag für Italien bindend sei.
Parallel kam es ab 1956 zu Bombenanschlägen. Anfangs zielte der BAS um Sepp Kerschbaumer vor allem auf Sachschäden, später kam es auch zu Gewalt gegen Menschen, besonders nach der Feuernacht 1961. Von 20. September 1956 bis 30. Oktober 1988 wurden 361 Anschläge gezählt, mit 21 Toten und 57 Verletzten. Auch italienische Behörden trugen ab 1961 durch Folterungen und geheimdienstliche Provokationen zur Eskalation bei.
Nach Verhandlungen wurde das Südtirol-Paket 1969 von der Südtiroler Volkspartei und dem österreichischen Nationalrat sowie 1971 vom italienischen Parlament genehmigt. 1972 trat das Zweite Autonomiestatut als Verfassungsgesetz in Kraft. Bis 1992 wurden die Paketbestimmungen umgesetzt; Österreich gab daraufhin gegenüber Italien und den Vereinten Nationen die Streitbeilegungserklärung ab.
Die heutige Autonomie beruht unter anderem auf Selbstverwaltung, eigenen Gesetzgebungskompetenzen, finanziellen Mitteln und dem ethnischen Proporz. Dieser verteilt Stellen im öffentlichen Dienst und Sozialwohnungen entsprechend der Stärke der Sprachgruppen. Südtirol gilt deshalb als Modellregion für Minderheitenautonomie. Dennoch bestehen Spannungen fort: Das Schulsystem trennt Sprachgruppen, viele Italienischsprachige empfinden „Disagio“ gegenüber der Autonomie, und politische Debatten über Zugehörigkeit, Selbstbestimmung und finanzielle Autonomie bleiben wiederkehrende Themen. Die Europäische Union, der Euro und die Europaregion Tirol–Südtirol–Trentino haben zugleich die Grenzen im historischen Tirol politisch und wirtschaftlich weniger trennend gemacht.