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Geschichte Quedlinburgs
Reformation und Frühneuzeit · Garnisonsstadt seit 1815 · Pflanzzuchtzentrum und Industrialisierung im 19. Jahrhundert · Kaiserreich 1871 bis 1914 · Erster Weltkrieg.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und frühe Besiedlung
Quedlinburg liegt im nördlichen Harzvorland. Seine Geschichte reicht als Stadt mehr als 1000 Jahre zurück; Siedlungsspuren in der Umgebung reichen bis in die Altsteinzeit. Die ertragreichen Böden zogen besonders im Neolithikum Siedler an. Neolithische Begräbnishügel liegen unter anderem auf Moorberg, Bockshornschanze und Brüggeberg. Westlich der Wüstung Marsleben wurde 2005 eine Kreisgrabenanlage der Stichbandkeramik untersucht, die in Alter, Ausdehnung und Form mit der Anlage von Goseck vergleichbar ist; über sie verläuft heute die B 6n.
Funde aus dem Neolithikum sind an mindestens 55 Plätzen in und um Quedlinburg belegt. Zur Walternienburger–Bernburger Kultur gibt es unter anderem Funde am Krankenhaus, an der Boxhornschanze, am Radelberg, Petersberg, Liebfrauenberg, an der Altenburg und am Moorberg. Befunde aus den Metallzeiten, besonders aus der römischen Kaiserzeit, wurden etwa auf Moorberg und Galgenberg dokumentiert.
Seit dem Ende des 8. Jahrhunderts häufen sich Nachrichten über Orte der Umgebung. Die Wipertikirche wurde als Filiale der Abtei Hersfeld wahrscheinlich um 835/63 gegründet.
Königspfalz und Damenstift
Quedlinburg gewann im 10. Jahrhundert als Königspfalz der Ottonen besondere Bedeutung: Die Herrscher feierten dort das Osterfest, das höchste christliche Fest. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte am 22. April 922 als „villa quae dicitur Quitilingaburg“ in einer Urkunde König Heinrichs I. Die legendäre Königserhebung Heinrichs I. am Quedlinburger Finkenherd fand nach dem Artikel tatsächlich 919 in Fritzlar statt.
Heinrich I. bestimmte Quedlinburg zu seiner Grablege und wurde nach seinem Tod 936 in Memleben in der Pfalzkapelle auf dem Schlossberg bestattet. Seine Witwe Königin Mathilde gründete mit Bestätigung Ottos I. ein Damenstift zur Totenmemorie, also zum Gedenken an Verstorbene. Sie leitete es 30 Jahre lang, ohne Äbtissin zu sein. Ihre Enkelin Mathilde erhielt 966 die Leitung des Stiftes. Königin Mathilde starb am 14. März 968; ihr Grab und Sarkophag sind erhalten, Heinrichs Grablege ist leer.
Wichtige Hoftage fanden 973 und 1000 statt. 973 leisteten Boleslav I., Herzog von Böhmen, und Mieszko I., Herzog der Polanen, Otto dem Großen den Treueid. Otto III. verlieh 994 seiner Tante, Äbtissin Mathilde, Markt-, Münz- und Zollrecht. Diese Rechte waren eine wesentliche Voraussetzung für die städtische Entwicklung. Die Quedlinburger Annalen bezeugen die reichspolitische Bedeutung im 11. und 12. Jahrhundert und nennen 1009 erstmals schriftlich „Litua“, den Namen Litauens.
Das Stift erhielt umfangreichen Besitz: Otto I. schenkte 48 Orte, Otto II. elf und Otto III. zehn; später kamen weitere 150 Orte und andere Schätze hinzu.
Stadtentwicklung, Reformation und Preußen
Vom 12. bis zum 15. Jahrhundert stieg Quedlinburg wirtschaftlich und politisch auf. Gewandschneider- und Kaufmannswesen waren besonders wichtig. Um 1330 wurden Altstadt und die im 12. Jahrhundert gegründete Neustadt belehnt und handelten fortan geschlossen als Stadt. 1336 besiegte Quedlinburg im Konflikt zwischen dem Halberstädter Bischof und den Grafen von Regenstein die Grafen und nahm größere Unabhängigkeit von der Äbtissin als Stadtherrin ein. Die Stadt baute ihre Befestigungen aus, trat 1384 dem Niedersächsischen Städtebund und 1426 dem Hansebund bei.
1477 scheiterte der Versuch, Äbtissin Hedwig von Sachsen gewaltsam aus der Stadt zu vertreiben. Truppen ihrer Brüder, der Wettiner Herzöge Ernst und Albrecht, eroberten die Stadt; 80 Quedlinburger fielen. Die Bürgerschaft unterwarf sich, verließ alle Bündnisse, und der 1440 aufgestellte Roland als Symbol von Marktfreiheit und städtischer Unabhängigkeit wurde zerstört. Eine neue Rolandstatue wurde erst 1869 aufgestellt.
Im Bauernkrieg wurden vier Klöster zerstört. Die Reformation setzte sich laut Abschnitt 1539 durch und machte das Stift zu einem evangelischen „Freien weltlichen Stift“; die Zeitleiste nennt dagegen 1546. Pestepidemien in den Jahren 1565/6, 1577, 1598, 1611, 1626 und 1636/7 forderten jeweils mehrere hundert Todesopfer. Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden die meisten der 1.200 erhaltenen Fachwerkhäuser. Nach Bränden 1676 und 1797 wurde Quedlinburg 1698 von brandenburgischen Truppen besetzt; Preußen war fortan Schutzmacht. Das seit 936 bestehende Damenstift wurde 1802 im Zuge der Säkularisation aufgelöst.
Industrialisierung, Krieg und Republik
Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert schufen Blumen- und Saatgutzucht Wohlstand; Jugendstilvillen prägen dies städtebaulich. 1834 richtete G. Chr. Hanewald in Quedlinburg die erste Zuckerfabrik des Regierungsbezirks Magdeburg ein. Zuchtverfahren, Eisenbahnanschluss und Separation von 1834 bis 1858 förderten Saatzuchtfirmen wie Gebr. Dippe AG, Heinrich Mette & Co GmbH und Rudolf Schreiber & Söhne bis zur weltwirtschaftlichen Bedeutung. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gewann Gemüsezucht an Gewicht. Von 1815 bis 1938 war Quedlinburg außerdem Garnisonsstadt.
Im Ersten Weltkrieg arbeiteten zeitweise 17.000 Kriegsgefangene aus Russland, Frankreich, England, Belgien und Italien in der Landwirtschaft. Sie waren im Lager auf dem Ritteranger, etwa 2 km nordöstlich der Stadt, untergebracht. Das seit September 1914 errichtete Lager brannte im Juni 1922 nieder. 1920 starben bei Kämpfen im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch 7 Soldaten und 14 Zivilisten. Die Inflation prägte die Folgejahre. Ein Bodehochwasser zerstörte 1926 alle Brücken und lähmte die Infrastruktur.
Nationalsozialismus und DDR
Die SS nutzte die Tausendjahrfeier des Todestages Heinrichs I. 1936 propagandistisch. Heinrich Himmler ließ 1938 Wipertikrypta und Kirche St. Servatii beschlagnahmen und zu SS-„Weihestätten“ umfunktionieren. Bis 1944 fanden jährliche Feiern statt. Die 1937 von der SS gezeigten angeblichen Gebeine Heinrichs I. wurden nach dem Krieg als plumpe Fälschungen entlarvt. Die Aussage, Himmler habe sich für die Reinkarnation Heinrichs I. gehalten, wird im Artikel als aus seinem Umgang mit dem König abgeleitet dargestellt.
In der Reichspogromnacht wurden jüdische Geschäfte und viele Privatwohnungen geplündert; danach begann die Verschleppung jüdischer Bewohner. Es bestanden drei Außenstellen von Konzentrationslagern. Seit 1943/44 war Quedlinburg Lazarettstadt mit über 8.000 Verwundeten. Am 19. April 1945 nahmen amerikanische Truppenverbände die Stadt fast kampflos ein. Das Verbringen von V2-Teilen verhinderte nach dem Artikel eine Bombardierung; Kriegszerstörungen blieben daher vor allem auf Artillerietreffer begrenzt.
Nach dem Krieg gehörte Quedlinburg zunächst zu Sachsen-Anhalt, seit 1952 zum Bezirk Halle. MERTIK wurde zu einem großen Betrieb für Mess- und Klimaregelungstechnik. Proteste vom 17. Juni 1953 wurden mit sowjetischen Streitkräften unterbunden. Die DDR errichtete Wohnungen in Süderstadt und Kleers, konnte den Verfall der Altstadt aber nicht stoppen. Pläne zum vollständigen Abriss scheiterten am Geldmangel. Seit 1976 wurden einzelne Häuser mit Hilfe polnischer Restauratoren aus Toruń saniert.
Friedliche Revolution und Welterbe
Die evangelisch geprägte Jugendgruppe „Haltestelle“, die sich Anfang der 1980er Jahre an die Ägidii-Kirchengemeinde anschloss, bildete einen Nährboden für die gewaltlose Revolution. Die Demonstrationen 1989 fanden donnerstags statt. Am 2. November demonstrierten 15.000 Menschen gewaltlos, am 9. November über 30.000; gleichzeitig wurde die Mauer geöffnet. Die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit wurde am 12. Dezember 1989 aufgelöst, nachdem wichtige Akten zuvor vernichtet worden waren.
1990 erhielt die Stadt Hilfen zur Sicherung gefährdeter Bausubstanz, darunter 100.000 Dachziegel aus Niedersachsen. 1993 kehrten 1945 geraubte Teile des Quedlinburger Domschatzes aus den USA zurück. Im Dezember 1994 wurden große Teile der Altstadt und der Königshofkomplex zur Tausendjahrfeier der Markt-, Münz- und Zollrechte in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Historische Ansichten und Karten zeigen Quedlinburg unter anderem 1581 nach Braun-Hogenberg, 1647 nach Merian, 1782 sowie zwischen 1890 und 1905.