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Gesangspädagogik
Die Gesangspädagogik beschäftigt sich mit dem Aufbau einer für den musikalischen Gebrauch geeigneten Gesangstechnik und mit der Verbindung der erworbenen …
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Gegenstand und Bedeutung
Gesangspädagogik beschäftigt sich mit dem Aufbau einer für den musikalischen Gebrauch geeigneten Gesangstechnik und mit der Verbindung stimmtechnischer Fertigkeiten mit der künstlerischen Interpretation von Vokalmusik. Gesangsunterricht findet an Musikschulen, Konservatorien, Musikhochschulen, Volkshochschulen und im Privatunterricht statt. Meist wird er einzeln erteilt, zunehmend auch in Kleingruppen oder Klassen. Für Chöre gibt es die chorische Stimmbildung.
Unter Stimmbildung versteht man die konkrete Arbeit an allen Voraussetzungen einer künstlerisch verwendbaren Stimme: Körperhaltung, Atmung und Stützvorgang, Phonation, Stimmeinsatz, Vokal- und Konsonantenartikulation, Klangformung im Ansatzrohr, Register, Stimmsitz, Resonanz, Dynamik, Legato, Staccato, Beweglichkeit, Verzierungen und Triller. Diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig. Eine Veränderung der Körperarbeit kann beispielsweise Atmung und Klanggebung verbessern; Atemübungen können umgekehrt die Haltung beeinflussen.
Eine allgemeingültige Methode für die perfekte Stimme gibt es nicht. Die geeignete Vorgehensweise hängt unter anderem von individueller Disposition, Alter, Leistungsstand, Einstellung zum Singen und Ausbildungsziel ab. Auch die Persönlichkeit, die Gesundheit und die jeweiligen musikalischen Anforderungen müssen berücksichtigt werden.
Historische Entwicklung
Die ersten Spuren einer Gesangsschule finden sich im antiken Griechenland. Die steigenden Anforderungen des Theaters führten zu spezialisierten Ausbildungsstätten. Um 500 v. Chr. entstand in Athen der Dionysische Verein, der Schauspieler, Sänger und Musiker ausbildete und sich anschließend über Griechenland und seine Kolonien bis nach Rom verbreitete.
Im Mittelalter prägten kirchliche Gesangsschulen die Ausbildung. Nach der Zustimmung Konstantins des Großen zur Musik in der christlichen Kirche im Jahr 325 entstanden unter anderem in Mailand und Rom Ausbildungsstätten für liturgischen Gesang. Der Unterricht dauerte im Regelfall vier Jahre und wurde zunächst mündlich erteilt. Besonderer Wert lag auf Schönklang, einem einheitlichen Chorklang sowie dem Verzicht auf ungeplante Improvisationen und Verzierungen. Guido von Arezzos Notenschrift, die Guidonische Hand und die Solmisation erleichterten später die schriftliche Vermittlung. Ab etwa 850 entwickelte sich die Mehrstimmigkeit oder Polyphonie. Guido von Arezzo formulierte außerdem frühe Regeln für das Legato: Die Stimmen sollten verschmelzen, sodass ein Ton fließend in den nächsten übergeht. Im weltlichen Bereich entstanden Sängervereinigungen und Schulen der Troubadours und Meistersinger.
In der Renaissance führten die wachsenden Anforderungen des polyphonen Gesangs zur Gründung allgemeiner Gesangsschulen, unter anderem um 1500 in Neapel. Leonardo da Vinci, Fabricius de Aquapendente und Camillo Maffei untersuchten die Tonerzeugung im Kehlkopf, die Stimmlippen und die Glottis. Maffeis Discorso della voce von 1562 behandelte Körperhaltung, Atemführung, Tongebung und Koloraturübungen.
Im Barock entwickelte sich der italienische Belcanto. Schriften von Giulio Caccini, Pier Francesco Tosi und Giambattista Mancini beschrieben Atemdauer, Agilität, Legato, Aussprache und einen ausgeglichenen Stimmklang. Die zunehmende Verzierungskunst konnte jedoch Melodielinie und Textverständlichkeit beeinträchtigen. Christoph Willibald Glucks Opernreform stellte deshalb die dramatische Wirkung und den musikalischen Willen des Komponisten wieder in den Mittelpunkt.
Im 18. und 19. Jahrhundert verlangten größere Orchester Stimmen mit größerer Tragfähigkeit. Neue Stimmfächer wie Mezzosopran und Bariton entstanden. Gilbert Duprez prägte mit dem hohen c in Bruststimme das Vorbild des Heldentenors. Richard Wagners Musikdramen erforderten besonders ausdauernde Sänger, die teilweise über eine halbe Stunde hinweg über ein großes Orchester hörbar bleiben mussten; eine Oper konnte drei bis fünf Stunden dauern. Manuel García setzte als Erster einen Kehlkopfspiegel ein und beeinflusste zahlreiche Gesangspädagogen.
Im 20. Jahrhundert erweiterten Neue Musik und experimentelle Werke die Anforderungen um Sprechen, Rufen, Zischen, Hauchen, Murmeln, Weinen, Schreien und Lachen. Auch ungewöhnliche Intervalle, spezielle Notationen und die jeweilige Bedeutung von Text und Improvisation müssen beherrscht werden. Im Pop-, Jazz- und Rockgesang wird stärker die individuelle Klangfarbe entwickelt. Eine wichtige Technik ist das Belting, bei dem die Bruststimmfunktion in höhere Lagen geführt wird. Unabhängig vom Stil bleibt eine gesunde Grundtechnik für eine langlebige Stimme notwendig.
Methoden und physiologische Grundlagen
In der Gesangspädagogik lassen sich drei grobe methodische Richtungen unterscheiden:
- Mechanisch ausgerichtete Methoden trainieren beteiligte Organe und Muskeln bewusst, etwa Atemart, Kieferöffnung, Zungen- und Kehlkopfstellung, Vokaltrakt, Resonanzräume sowie Bauch- und Brustmuskulatur. Ziel ist die Automatisierung einer bestimmten muskulären Einstellung.
- Funktionale Methoden setzen stärker auf Selbstregulation und natürliche Reflexe. Sie verzichten weitgehend auf eine aktive Voreinstellung von Atemstütze, Kehlkopf und Klangräumen. Beispiele sind die Funktionale Stimmbildung nach Cornelius L. Reid, das Lichtenberger und das Rabine-Institut sowie Speech Level Singing.
- Intuitive Methoden orientieren sich an der Erfahrung des Pädagogen, an Gehör und Beobachtung sowie an musikalischem Ausdruck, Bildern und Emotionen.
Zwischen den Richtungen gibt es fließende Übergänge. Alle können wissenschaftliche Erkenntnisse einbeziehen und durch Körperschulung, etwa Yoga, Taiji, Qi Gong, Feldenkrais oder Alexander-Technik, ergänzt werden.
Die ökonomische Haltung ist ein natürlicher, aufrechter Stand zwischen Erdung und Aufrichtung. Er muss Stabilität geben und zugleich ein freies Spiel der Atem- und Phonationsmuskulatur erlauben. Fehlhaltungen können Atembewegung und Kehlkopffunktion stören.
Bei der Stimmatmung wird die Einatmung über Mund, Nase oder beide Wege möglichst geräuschlos ausgeführt. Das Zwerchfell, die Bauchmuskulatur und die Zwischenrippenmuskulatur verändern dabei Bauch- und Brustraum. Viele Autoren halten die Kosto-Abdominalatmung, eine Verbindung von Brust- und Zwerchfell-Flankenatmung, für besonders ökonomisch; andere betonen, dass die geeignete Atemform von Haltung, Bewegung und individuellem Atemtyp abhängt. Entscheidend ist vor allem das Verhältnis zwischen Atemdruck und Stimmlippentätigkeit.
Der Stützvorgang führt den Ausatmungsstrom für eine optimale Kehlkopffunktion und verlängert die Ausatmung durch möglichst langes Beibehalten der Einatmungsstellung. Stütze bedeutet kein Pressen, Stemmen oder Drücken, sondern ein elastisches Wechselspiel von Zwerchfell, Zwischenrippenmuskulatur und Bauchdecke. Überstützung oder fehlende Stütze können langfristig Stimmstörungen und Stimmschäden verursachen.
Bei der Phonation halten und schließen die Stimmlippen die Ausatemluft auf. Ihre regelmäßige Schwingung erzeugt den Grundschall. Die myoelastische Theorie erklärt ihn als Wechselspiel von subglottischem Atemdruck und Muskelkräften; der Bernoulli-Effekt unterstützt die Schließbewegung der Stimmlippen. Die genaue Phonation ist dennoch nicht vollständig erforscht.
Klang, Register und stimmtechnische Arbeit
Der im Kehlkopf erzeugte Primärton wird im Vokaltrakt beziehungsweise Ansatzrohr durch Rachen, Mund- und Nasenhöhle sowie durch Zunge, Zähne und Lippen geformt. Die Nasennebenhöhlen sind für die Klangformung nicht relevant, auch wenn dort Vibrationen empfunden werden können. Resonanzräume verstärken bestimmte Teiltöne, die als Formanten bezeichnet werden. Vokalformanten F1 und F2 prägen die Vokale; Sängerformanten F3 bis F5 tragen unabhängig vom Vokal zu Tragfähigkeit, Metall und Brillanz bei.
Physikalisch lässt sich die Stimme durch vier Parameter beschreiben: Frequenz, Schalldruck, Spektrum und Dauer. Frequenz wird in Hertz angegeben; 1 Hz entspricht 1 Schwingung pro Sekunde, und eine Verdopplung der Frequenz entspricht einer Oktave. Der Kammerton a1 wurde 1938 in London auf 440 Hz festgelegt; historische Aufführungspraxis verwendet häufig 415 oder 435 Hz. Die Lautstärke wird in Dezibel gemessen: Hörschwelle 0 dB, Schmerzschwelle 140 dB; subjektiv entspricht eine Verdopplung der Lautstärke ungefähr einer Steigerung um 10 dB. Grundton und Obertöne bilden das Spektrum, das als Klangfarbe wahrgenommen wird.
Register bezeichnen Frequenzbereiche, die mit unterschiedlichen stimmlichen Mechanismen erzeugt werden. Bernhard Richter schlägt fünf Bereiche vor: 40 bis etwa 70/80 Hz für Strohbass oder Vocal Fry; 80 bis etwa 300/350 Hz für Modal-, Brust- oder Sprechstimme; oberhalb von 350 bis 750 Hz für M 2, Belting, Ruf- und Bühnenstimme sowie Falsett; oberhalb von 750 bis etwa 1100 Hz für Kopfstimme, wobei das c3 der Sopranistinnen bei 1046 Hz liegt; und oberhalb von 1100 bis 4000 Hz für Pfeif- oder Flageolettstimme. Die Zuordnung dieser funktionalen Bereiche zu den vielen traditionellen Registerbezeichnungen ist wissenschaftlich weiterhin schwierig.
Das Vibrato besteht aus rhythmischen Schwankungen von Tonhöhe, Lautstärke und Klangfarbe. Als durchschnittliche Vibratofrequenz werden 5 bis 6 Schwingungen pro Sekunde angegeben. Tremolo bezeichnet schnellere Formen mit 8-10-12 Pulsationen pro Sekunde, Wobble langsamere Formen mit größeren Tonschwankungen.
Zur Stimmbildung gehören außerdem Stimmeinsatz, Dynamik, Legato, Staccato, Koloraturen und Registerausgleich. Beim Stimmeinsatz unterscheidet man gehauchten, festen und weichen Einsatz; im klassischen Gesang gilt der weiche Einsatz als Ideal. Legato bedeutet eine möglichst nahtlose Verbindung der Töne, Staccato ein kurzes, leichtes Anstoßen. Koloraturen und Triller verlangen Beweglichkeit und können mit untextierten Solfeggien trainiert werden. Ziel des Registerausgleichs ist ein gleichmäßiger Klang ohne hörbare Brüche. Beim Vibrato ist umstritten, ob es sich durch ausgewogene Koordination von selbst entwickelt oder gezielt geschult werden kann.
Stimmgesundheit, Stimmfächer und künstlerische Ziele
Stimmhygiene umfasst Disziplin beim Singen und Üben, individuelles Warm-up, Regeneration nach Belastung und regelmäßige Stimmruhe. Die Stimme hängt vom gesunden Körper ab. Als mögliche Belastungen gelten unter anderem Rauchen, lautes Sprechen, häufiges Räuspern, austrocknende Getränke, Schlafmangel, Erkältungen, Allergien, ungünstige Witterung und bestimmte Medikamente. Mit dem natürlichen Altern soll durch gute Technik, Gelassenheit, passende Literatur und angepasste Anforderungen umgegangen werden.
Im Chorgesang werden Sopran, Alt, Tenor und Bass unterschieden. Im Sologesang kamen Mezzosopran und Bariton hinzu. Der Countertenor ist ein physiologisch und hormonell normaler Mann, der die hohe Lage seines Stimmumfangs nutzt; seine Modalstimme gehört meist zur Baritongattung. Das deutsche System der Stimmfächer verbindet Stimmqualität, Timbre und die Anforderungen bestimmter Opernliteratur. Die Festlegung sollte nicht allein nach der erreichbaren Tonhöhe erfolgen, sondern nach charakteristischem Klang, Wohlgefühl der Stimme und diagnostischem Hören. Sie kann sich durch biologische Veränderungen ändern. Eine falsche Einordnung und dauerhaftes Singen in einem ungeeigneten Fach können bis zu irreparablen Stimmschäden führen.
Die Arbeit an der Gesangsliteratur verbindet Technik mit Interpretation. Sänger müssen Notentext, Gehörbildung, Harmonielehre, Stilgeschichte und gesungenen Text verstehen; je nach Repertoire sind Kenntnisse in Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch sowie gegebenenfalls weiteren Sprachen erforderlich. Die Literaturauswahl richtet sich nach Stimme, Begabung, technischem Stand und Lernziel. Im klassischen Unterricht spielt das Kunstlied eine wichtige Rolle.
Künstlerische Ziele reichen vom Aufbau eines rollenbezogenen Bühnenrepertoires über Mimik, Gestik und Schauspiel bis zur Abstimmung mit einem Begleiter. In der Neuen Musik werden schnelle Auffassung und der Umgang mit komplexen Informationen verlangt. Pop-, Rock- und Jazzgesang benötigen außerdem Bandpraxis, Mikrofontechnik und ein eigenes künstlerisches Profil. Die Stimme ist zugleich Teil der Persönlichkeit. Lernbegierde, Selbstdisziplin, Geduld, Frustrationstoleranz, Kreativität und Spielfreude unterstützen die Ausbildung; zunehmende technische Sicherheit kann das Selbstvertrauen und den künstlerischen Ausdruck stärken.
Unterrichtsqualität, Ausbildung und Voraussetzungen
Guter Gesangsunterricht schafft eine gesunde emotionale Atmosphäre. Die Lehrkraft soll unter anderem Mentor, Kreativitätsförderer und verlässlicher Partner sein, die Wirkungsweise der Stimme kennen, Haltung und Atem sinnvoll unterstützen, sich für die Schüler als Personen interessieren und wissenschaftlich haltbare Aussagen machen. Methodik und Didaktik richten sich nach den Voraussetzungen des Schülers, der Persönlichkeit des Lehrers und den Aufgaben des Unterrichts. Sicht- und hörbare Fortschritte, die etwa durch Ton- und Videoaufnahmen dokumentiert werden können, sind ein wichtiges Kennzeichen gelungenen Unterrichts.
An deutschen und österreichischen Musikhochschulen gibt es Studiengänge der Gesangspädagogik mit unterschiedlichen Abschlüssen und Schwerpunkten. Das Studium umfasst die Ausbildung der eigenen Stimme, Musiktheorie und Musikwissenschaft, Klavier, Gehörbildung, Ensemble- und Chorleitung, Lehrproben, Praktika sowie Anatomie und Physiologie der Gesangsstimme. Den Abschluss bildet eine Bachelor- oder Masterarbeit. Das Gesangspädagogische Zertifikat des Bundes deutscher Gesangspädagogen ersetzt kein Hochschulstudium und berechtigt nicht zu einer Dozenten- oder Professur an einer Universität. Die Berufsbezeichnung „Gesangspädagoge“ ist rechtlich nicht geschützt.
Grundvoraussetzungen für eine Gesangsausbildung sind eine gesunde, belastbare Stimme und ein funktionstüchtiges Gehör. Manche Hochschulen verlangen ein positives phoniatrisches Gutachten. Bereits vorhandene Stimmschäden können durch spezialisierte Phoniater oder Logopäden behandelt werden.
Mit der Ausbildung kann im Kindesalter begonnen werden, sofern die besonderen physiologischen Bedingungen der Kinderstimme beachtet werden. Während der Mutation ist nur ein vorsichtiger Gebrauch der Stimme möglich; nach einer Stabilisierungsphase kann die Ausbildung für die erwachsene Stimme beginnen. Technische Hilfsmittel wie Spiegel, Computerprogramme, Ton- und Videoaufnahmen, Begleit-CDs, DVDs und Disklaviere unterstützen die Kontrolle und Dokumentation. Im Musical- und Popgesang kommen zusätzlich Mikrofone und Verstärker zum Einsatz.