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Arminius
Die Humanisten erhoben ihn zum ersten Deutschen. In den konfessionellen Auseinandersetzungen wurde er von protestantischer und katholischer Seite vereinnahmt.
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Arminius: Wer er war und warum er wichtig ist
Arminius (auch Armenius; * um 17 v. Chr.; † um 21 n. Chr.) war ein Fürst der Cherusker, eines germanischen Stammes. Im Jahr 9 n. Chr. besiegte er den römischen Statthalter Varus in der Varusschlacht und vernichtete dabei drei Legionen (die 17., 18. und 19.) samt sechs Kohorten und drei Alen – eine der verheerendsten Niederlagen Roms. Varus nahm sich das Leben.
Wissen über Arminius beruht ausschließlich auf römischen Schriftquellen und archäologischen Funden, da die Germanen keine Schriftkultur besaßen. Wichtige Autoren sind Strabon, Velleius Paterculus und vor allem Tacitus, der ihn als „Befreier Germaniens“ (liberator haud dubie Germaniae) bezeichnete. Die antiken Quellen enthalten nur wenige biografische Angaben und verwenden häufig Topoi, also feststehende Klischees über „Barbaren“, die die tatsächlichen Verhältnisse oft nur widerspiegeln.
Der germanische Name des Arminius ist unbekannt. Die Form „Arminius“ gilt als originär römisch; möglicherweise war ein etruskisches Rittergeschlecht der Arminii Namenspatron bei der Verleihung des Bürgerrechts. Der Name „Hermann“ (aus germanisch *Charioman „Heermann“) wird meist Martin Luther zugeschrieben, eventuell zuerst bei Johannes Aventinus 1526 belegt.
Seit dem 18. Jahrhundert wurde Arminius als „Hermann der Cherusker“ eine nationale Mythen- und Symbolfigur Deutschlands; erst seit den 1970er Jahren betrachtet die Forschung ihn nüchterner, teils als Anführer einer Revolte germanischer Hilfstruppen in römischen Diensten.
Herkunft, Jugend und der Aufstand gegen Varus
Arminius wurde um 18/17 v. Chr. als Sohn des Cheruskers Sigimer (Segimer) geboren, der als princeps gentis („Erster/Fürst seines Stammes“) die prorömische Partei führte. Wie sein Bruder Flavus diente Arminius als Führer germanischer Verbände im römischen Heer, von Ende 4 bis mindestens 6 n. Chr., erwarb das römische Bürgerrecht, den Ritterrang und lernte Latein. Um 7/8 n. Chr. kehrte er zu den Cheruskern zurück; gegen den Widerstand von Segestes heiratete er dessen Tochter Thusnelda.
Im Herbst 9 n. Chr. nutzte er den geplanten Vorstoß des Varus zum Aufstand. Er hielt sich im Lager des Varus auf und gewann sein Vertrauen; die Warnung Segestes’ schlug Varus aus. Arminius galt als römischer Verbündeter und Anführer der benötigten germanischen Hilfstruppen. Auf dem Marsch durch unbekanntes Gelände geriet das römische Heer in einen Hinterhalt und wurde vernichtet. Als Schlachtort wird seit Fundmünzfunden (schon bei Theodor Mommsen) der Raum Bramsche-Kalkriese bei Osnabrück vermutet; seit 1987 wird dort gegraben, und chemische Untersuchungen haben diese Annahme erhärtet.
Nach der Schlacht fielen alle römischen Kastelle rechts des Rheins, bis auf den nicht sicher lokalisierten Stützpunkt Aliso. Arminius ließ die Köpfe der Getöteten an den Wall tragen; auf das Gerücht eines Anmarsches des Tiberius zogen sich viele Germanen zurück.
Motive laut Tacitus: Vaterland, Ahnen, Tradition, Ruhm und Freiheit; dazu Varus’ strenge Verwaltung, Tributforderungen und arrogantes Auftreten. Der Überfall war keine gemeinsame Tat „der Germanen“, sondern betraf vor allem Stämme zwischen Ems und Weser; Friesen und wohl Chauken blieben romtreu.
Weitere Kämpfe mit Rom und Arminius’ Tod
Die Niederlage bedeutete nicht den endgültigen römischen Rückzug: Tiberius führte 10–12 n. Chr. Feldzüge (Ergebnisse in den Quellen widersprüchlich), die drei verlorenen Legionen wurden ersetzt, die Rheinarmee auf acht Legionen verstärkt. Arminius’ Bündnisangebot an den Markomannenkönig Marbod (dem der Kopf des Varus gesandt wurde) wurde abgelehnt; Marbod schickte den Kopf an Augustus, der ausrief: „Quintilius Varus, gib mir die Legionen zurück!“
Ab 13 n. Chr. führte Germanicus mit acht Legionen Wiedereroberungsfeldzüge. Stärke des Arminiusheeres: neuere Schätzungen etwa 50.000 Mann (Pastenaci: 40.000), ohne gesicherte Quellenlage. 15 n. Chr. ließ Segestes seine schwangere Tochter Thusnelda an Germanicus ausliefern; ihr Sohn Thumelicus wuchs in Ravenna auf, sein weiteres Schicksal ist unbekannt. In der Schlacht an den langen Brücken lockte Arminius die römische Reiterei in eine Falle; der Kampf blieb unentschieden. In der mehrtägigen Caecinaschlacht setzte sich auf Drängen des Onkels Inguiomer der Angriff auf das römische Lager durch – ein Rückschlag; Arminius blieb unverletzt, Inguiomer wurde schwer verwundet.
16 n. Chr.: Vor der Schlacht soll Arminius an der Weser ein Streitgespräch mit seinem Bruder Flavus geführt haben (Vaterland und Freiheit gegen Größe Roms). Bei Idistaviso siegten laut Tacitus die Römer; Arminius wurde schwer verwundet und entkam nur, indem er sich das Gesicht mit Blut bestrich. Auch in der Schlacht vom Angrivarierwall siegten die Römer, doch Germanicus musste Germanien schon im Sommer verlassen – der Eroberungsversuch war endgültig gescheitert. Tiberius überließ die Germanen ihren inneren Zwistigkeiten.
Verbündete des Arminius waren u. a. Brukterer, Usipeter, Chatten, Chattuarier, Tubanten, Angrivarier, Mattiaker und Lander. 17 n. Chr. besiegte er Marbod, konnte den Erfolg aber nicht ausnutzen. Ein Angebot des Chattenfürsten Adgandestrius, Arminius zu vergiften, lehnte Rom formal ab. Im Jahr 21 wurde Arminius von Verwandten ermordet.
Die Siegfried-Hypothese
1837 vertrat der Germanist Adolf Giesebrecht die These, Arminius und der Drachentöter Siegfried aus dem Nibelungenlied seien dieselbe Person; schon Karl Ludwig Sand (1820) hatte das behauptet. Im 20. Jahrhundert wurden diese Ideen u. a. von Dieter Timpe, Ernst Bickel und Otto Höfler diskutiert.
Argumente der Befürworter: Der Wortstamm „Sieg-“ im Namen des Vaters Sigimer sei über Generationen weitergegeben worden; Arminius’ germanischer Name könnte Siegfried gewesen sein. Beide wurden heimtückisch von Verwandten ermordet. Die Tarnkappe deute auf Arminius’ unsichtbares Leben unter den Römern, der Drache auf das gepanzerte Heer des Varus, der Hildesheimer Silberschatz auf Siegesbeute. Tacitus berichtet zudem von germanischen Heldenliedern über Arminius – doch ob dort wirklich frühe Heldenlieder geschildert werden oder nur ein antiker Topos, ist umstritten.
Die Mehrheit der Fachwissenschaftler hält die Gleichsetzung für unbeweisbare Spekulation: Kein Glied der Argumentationskette ist gesichert, es wird selektiv mit der Sage umgegangen, und der zeitliche Abstand von über zwölf Jahrhunderten zwischen Ereignis und Verschriftlichung des Nibelungenlieds macht die Verbindung sehr fraglich.
Rezeption: vom Humanismus bis heute
Bis zum Mittelalter spielte Arminius kaum eine Rolle. Erst die Wiederentdeckung von Tacitus’ Germania (1455) und der Annalen (1507) weckte das Interesse. Ulrich von Hutten (1529) rühmte ihn als „ersten Vaterlandsverteidiger“ und stellte ihn neben Alexander, Hannibal und Scipio; protestantische und katholische Seite vereinnahmten ihn, da sein Kampf gegen Rom eine Parallele zum Konflikt mit der römischen Kirche bot.
Im Barock wurde der Stoff als Unterhaltung mit Liebesgeschichte um Arminius und Thusnelda behandelt, Gegenspieler war der „Verräter“ Segestes. Bedeutend: Lohensteins Roman Großmuethiger Feldherr Arminius (1689/90), in dem Arminius Kaiser Leopold I. als Vorbild eines Reichseinigers spiegelt. Klopstocks „Barditen“ (Hermanns Schlacht 1769, Hermann und die Fürsten 1784, Hermanns Tod 1787) machten Arminius zum Vorbild vaterländischer Opferbereitschaft. Im 18. Jahrhundert (Höhepunkt der Arminius-Opern mit mindestens 37 Titeln) beschäftigten sich Schlegel, Möser, Wieland, Bodmer, Hölderlin und Goethe mit dem Stoff.
Im 19. Jahrhundert wurde Arminius als „Hermann der Cherusker“ deutschnational vereinnahmt: In den Befreiungskriegen gegen Napoleon galten deutsche Soldaten als „Cherusker“ bzw. „Enkel Hermanns“. Kleists Drama Hermannsschlacht (1808/09, uraufgeführt 1860) deutete die Römer als napoleonische Besatzer. Ab 1838 baute Ernst von Bandel das Hermannsdenkmal bei Detmold, eingeweiht 1875 mit Spenden von Reichstag und Kaiser Wilhelm I.; die Inschrift des Schwertes lautet: „Deutsche Einigkeit meine Stärke – meine Stärke Deutschlands Macht.“ Schulbücher nannten die Varusschlacht als erstes Ereignis deutscher Geschichte; der Kult steigerte sich zu Überlegenheitsansprüchen (Felix Dahn 1872). Auch deutsche Einwanderer errichteten 1888–1897 ein Hermannsdenkmal in New Ulm (Minnesota).
Um 1909 (1900-Jahr-Feier in Detmold) erreichte die Begeisterung ihren Höhepunkt. In der Weimarer Republik verschob sich die Deutung zum tragischen, durch innere Zwietracht ermordeten Helden (Dolchstoßlegende); völkische Kreise wie Moeller van den Bruck instrumentalisierten ihn antidemokratisch. Die Nationalsozialisten griffen den Mythos 1933 im Wahlkampf auf, distanzierten sich später aber, da der „Führer“ Hitler selbst Leitfigur war und Rücksicht auf den Verbündeten Italien galt; keine Wehrmachts- oder SS-Einheit trug den Namen Arminius.
Heute gilt Arminius nicht mehr als Identifikationsfigur der Nation. Seit der Kalkriese-Identifikation erscheinen zahlreiche historische Romane (nach 1945 mindestens 66 Titel), mehrere Verfilmungen (u. a. 1967 „Hermann der Cherusker“, Netflix-Serie Barbaren 2020). Das Hermannsdenkmal dient eher der Vermarktung; in rechtsextremen Kreisen lebt eine nationalistische Arminiusverehrung fort (z. B. 2009 als „Widerstandskämpfer“ gegen Migranten dargestellt).
Neuere Forschung und Kontroversen
Dieter Timpes Arminius-Studien von 1970 leiteten eine neue, sachbezogene Forschungsphase ein. Nach Timpe war Arminius ein unter Eid stehender römischer Befehlshaber; der Aufstand war demnach keine breite Volksbewegung, sondern eine Meuterei germanischer Hilfstruppen gegen die Legionen. Augustus habe dies verschwiegen, um die eigene Strategie nicht in Frage zu stellen. Die These stößt auf geteilte Zustimmung (u. a. wegen späterer römischer Rekrutierungsschwierigkeiten), wird aber kritisiert: Keine Quelle erwähnt eine solche Meuterei, und Cassius Dio wie Tacitus betonen die Erhebung von Stammesadel (principes) und Volk (plebs) gemeinsam, so Gustav Adolf Lehmann. Die Grabungen am Kalkrieser Berg fanden keine Waffen germanischer Stammeskrieger, was die These stützt; Reinhard Wolters lehnte sie gleichwohl strikt ab.
Umstritten ist auch die Velleius-Stelle „adsiduus militiae nostrae prioris comes“. Ernst Hohl übersetzte „ständiger Begleiter meiner früheren Dienstzeit“ und vermutete eine römische Offizierskarriere des Arminius parallel zu Velleius, mit anderem Lebenslauf (Geburt 19 v. Chr., Geisel auf dem Palatin, Tribun, Teilnahme am Orientfeldzug des C. Caesar, Rückkehr 6 n. Chr.). Die Mehrheit der Forscher ist dem nicht gefolgt.
Weitere Deutungen: Barbara Patzek (1988) sieht die Varusschlacht nicht als Volksaufstand, sondern als Folge kultureller Verunsicherung, die der „Fast-Römer“ Arminius politisch formulierte. Alexander Demandt (1995) betrachtet sein Handeln als Ansatz zu einem Verfassungswandel hin zu einem Stammeskönigtum, das an Adel (Verwandtenmord, Sturz Marbods) und an Roms Königs- bzw. Adelspolitik scheiterte.