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Gerhard A. Ritter

Ritter gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter einer kritischen Sozialgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Als innovativ gelten seine …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und wissenschaftliches Profil
  2. 2. Lebensweg und akademische Laufbahn
  3. 3. Arbeiterbewegung, Parlamentarismus und Wahlen
  4. 4. Sozialstaat und deutsche Einheit
  5. 5. Wissenschaftsorganisation und Auszeichnungen

Bedeutung und wissenschaftliches Profil

Gerhard Albert Ritter (29. März 1929–20. Juni 2015) war ein deutscher Historiker und Politikwissenschaftler. Er gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter einer kritischen Sozialgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Sozialgeschichte untersucht gesellschaftliche Strukturen, Gruppen, Lebensverhältnisse und soziale Veränderungen. Innovativ waren Ritters frühe Hinwendung zu diesem Ansatz, die Verbindung von Geschichts- und Politikwissenschaft sowie sein systematischer Vergleich verschiedener Länder.

Ritters Forschung hatte vier Schwerpunkte: die deutsche Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung, Parlamentarismus und Wahlen im 19. und 20. Jahrhundert, die Entwicklung des modernen Sozialstaats sowie die politischen und sozialen Folgen der deutschen Wiedervereinigung. Hinzu kamen Arbeiten zur Geschichte der Geschichtswissenschaft und anderer wissenschaftlicher Einrichtungen. Die Sozialgeschichte blieb dabei das verbindende Zentrum, auch wenn Ritter kein theoretisches Gesamtkonzept der Sozialgeschichte entwickelte und sich nicht an den Debatten über ihre genaue Definition und Abgrenzung beteiligte.

Durch zahlreiche Veröffentlichungen, seine universitäre Lehre und die Betreuung vieler Nachwuchswissenschaftler trug Ritter wesentlich zum Aufstieg der Sozialgeschichte bei. Über mehr als fünf Jahrzehnte veröffentlichte er Dutzende Bücher und weit über hundert wissenschaftliche Aufsätze.

Lebensweg und akademische Laufbahn

Ritter wurde am 29. März 1929 in Berlin geboren. Seine Familie stammte aus einfachen Verhältnissen und war sozialdemokratisch orientiert. Die Eltern waren im Berliner Arbeiterviertel Moabit aufgewachsen; sein Vater Wilhelm Ritter arbeitete als Verlagsbuchhändler und gründete einen kleinen Theaterverlag, seine Mutter Martha, geborene Wietasch, war Schneiderin. Gerhard A. Ritter wuchs im bürgerlichen Berlin-Dahlem auf. Eigene Beobachtungen sozialer Unterschiede und Erzählungen seiner Großmütter über ihre Arbeit als Dienstmädchen beeinflussten später sein Interesse an der Sozialgeschichte.

Von 1947 an studierte Ritter Geschichte, Politische Wissenschaften, Philosophie und Germanistik an der Universität Tübingen und der Freien Universität Berlin. Zu seinen wichtigsten akademischen Einflüssen gehörten Hans Herzfeld, Hans Rosenberg, Ernst Fraenkel, Wilhelm Berges, Walter Schlesinger und Rudolf Stadelmann. 1952 wurde er im Alter von 23 Jahren bei Herzfeld mit einer Arbeit über die Arbeiterbewegung im ersten Jahrzehnt des Wilhelminischen Reichs promoviert.

Von 1952 bis 1954 forschte Ritter am St Antony’s College in Oxford. Die Begegnung mit der britischen Politik und Kultur verstärkte sein Interesse am internationalen Vergleich. 1959 erwarb er an der Oxford University den Grad Bachelor of Letters mit einer Studie über die britische Arbeiterbewegung und ihre Russlandpolitik von 1917 bis 1925. Seine Habilitation, also die Qualifikation für eine Professur, schloss er 1961 bei Herzfeld in Neuerer Geschichte und Politikwissenschaft mit einer Untersuchung der britischen Arbeiterbewegung von 1900 bis 1917 ab.

Ritter war von 1962 bis 1964 Professor für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, von 1964 bis 1974 Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster und von 1974 bis zu seiner Emeritierung 1994 Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er betreute in Berlin und Münster 17, in München 36 Dissertationen sowie insgesamt zwölf Habilitationen. Eine einheitliche „Ritter-Schule“ mit einem gemeinsamen Forschungsgebiet entstand jedoch nicht.

Ritter war seit 1955 verheiratet und hatte zwei Söhne. Nach seiner Emeritierung lebte er zunächst am Starnberger See und ab Dezember 2001 wieder in Berlin. Er blieb bis ins hohe Alter wissenschaftlich tätig. Nach langem Krebsleiden starb er am 20. Juni 2015 im Alter von 86 Jahren in Berlin.

Arbeiterbewegung, Parlamentarismus und Wahlen

Ritters erstes Forschungsfeld war die Geschichte der deutschen Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung. Seine Dissertation galt als Pionierarbeit, weil dieses Thema in der frühen Bundesrepublik wenig erforscht war. Er untersuchte nicht nur Parteien und Organisationen, sondern auch das soziale und kulturelle Umfeld der Arbeiter. Die Arbeiterbewegung verstand er als „Emanzipations- und Kulturbewegung“. Durch seine Forschungen in Oxford ergänzte er die deutsche Perspektive um Vergleiche mit der britischen Arbeiterbewegung.

In den frühen 1970er Jahren plante Ritter gemeinsam mit dem historischen Arbeitsbereich der Friedrich-Ebert-Stiftung die Reihe „Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts“. Dieses bis zu seinem Tod von ihm betreute Großprojekt entstand auch in Konkurrenz zur marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung der DDR. Gemeinsam mit Klaus Tenfelde veröffentlichte Ritter darin das Grundlagenwerk „Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871–1914“.

Sein zweites großes Arbeitsgebiet war die Parlamentarismus- und Wahlforschung. Parlamentarismus bezeichnet ein politisches System, in dem ein gewähltes Parlament eine zentrale Rolle bei Gesetzgebung und Regierungsbildung oder -kontrolle spielt. In „Deutscher und Britischer Parlamentarismus“ von 1962 verglich Ritter die Verfassungs- und Parteienentwicklung beider Länder und arbeitete Strukturdefizite auf deutscher Seite heraus. Besonders beschäftigte ihn die Frage, warum die erste deutsche Demokratie 1933 scheiterte. Seine Untersuchungen zum britischen Parlamentarismus reichten bis zu den Konflikten zwischen König und Parlament im 16. und 17. Jahrhundert zurück.

Ritter regte außerdem das langfristig angelegte „Handbuch der Geschichte des deutschen Parlamentarismus“ an, das die Entwicklung vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart untersucht. Seine statistischen Arbeitsbücher zur Wahl- und Sozialgeschichte wurden in den 1970er und 1980er Jahren wichtige Hilfsmittel für Lehrveranstaltungen. Nach 1990 bezog er besonders die wiedergegründeten ostdeutschen Länder in seine Forschungen ein.

Ein weiteres Projekt untersuchte die Inflation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Ritter behandelte ihre sozialen Folgen im internationalen Vergleich und sah sie als eine der größten Herausforderungen für die Legitimität und Integrationskraft der Weimarer Republik.

Sozialstaat und deutsche Einheit

Ritters dritter Forschungsschwerpunkt war die Entstehung und Entwicklung des modernen Sozialstaats. Ein Sozialstaat sichert seine Bevölkerung durch soziale Rechte und Leistungen gegen Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Altersarmut ab. Ritter verglich insbesondere Deutschland und England. Seine 1989 erstmals veröffentlichte internationale Geschichte des Sozialstaats gilt als Standardwerk und erschien 2010 in dritter Auflage. Damit legte er die erste internationale Geschichte des Sozialstaats vor.

In einer Studie von 1998 untersuchte Ritter den deutschen Sozialstaat und wollte durch die Darstellung seiner historischen Prägung zur Diskussion über Reformen beitragen. Zudem gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat des elfteiligen Projekts „Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945“ an. Für dessen Band „1989–1994. Bundesrepublik Deutschland. Sozialpolitik im Zeichen der Vereinigung“ trug er selbst die Verantwortung.

Sein vierter Schwerpunkt waren die politischen und sozialen Folgen der deutschen Einheit. In „Der Preis der deutschen Einheit“ von 2006 untersuchte Ritter die Wirtschafts- und Sozialpolitik von Ende 1989 bis zur Bundestagswahl im Oktober 1994. Er nutzte neu zugängliche Akten aus dem Bundeskanzleramt, dem Bundesfinanzministerium und dem Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung sowie 14 Interviews mit Beteiligten wie Norbert Blüm und Regine Hildebrandt. Er rekonstruierte erstmals vollständig den Weg zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion.

Ritter bewertete die schnelle Erhöhung der ostdeutschen Löhne als Fehler, der wesentlich zur mangelnden Wettbewerbsfähigkeit und zum Zusammenbruch großer Teile der ostdeutschen Industrie beigetragen habe. Zugleich sah er kaum eine echte Möglichkeit für umfassendere Reformen. Die Übertragung der westdeutschen Sozialordnung auf die neuen Länder hielt er für notwendig und organisatorisch für eine „Meisterleistung“, weil beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft zahlreiche Institutionen neu aufgebaut werden mussten. Gleichzeitig geriet der bereits in den 1980er Jahren begonnene Umbau des westdeutschen Sozialstaats ins Stocken. Nach Ritter war dessen Krise seit Anfang der 1990er Jahre daher auch eine Folge der Wiedervereinigung. Trotz aller politischen Umbrüche erkannte er eine weitreichende Kontinuität des deutschen Sozialstaats seit den 1880er Jahren.

In seiner Darstellung von 2009 betrachtete Ritter die Ostdeutschen als Träger der friedlichen Revolution, die zur Einheit führte. 2013 untersuchte er die Rolle Hans-Dietrich Genschers und des Auswärtigen Amts. Gestützt auf 271 Aktenbände wandte er sich gegen eine einseitige Konzentration auf Helmut Kohl und das Bundeskanzleramt sowie gegen die Behauptung einer grundlegenden Rivalität zwischen Kohl und Genscher. Nach seinem Urteil sicherten beide den Vereinigungsprozess in gemeinsamer Arbeitsteilung außenpolitisch ab.

Wissenschaftsorganisation und Auszeichnungen

Ritter beschäftigte sich auch mit Wissenschaftsgeschichte. Er veröffentlichte Arbeiten über seinen Lehrer Hans Herzfeld, über Großforschungseinrichtungen in der Bundesrepublik und über Friedrich Meinecke sowie dessen emigrierte Schüler. Eine Quellenedition von 2006 dokumentierte anhand von Briefen und Aufzeichnungen Meineckes Beziehungen zu emigrierten Schülern. 2012 gab Ritter gemeinsam mit Gisela Bock eine Sammlung mit knapp 400 Briefen Meineckes und mehr als 120 weiteren Dokumenten aus den Jahren 1878 bis 1953 heraus.

Als Wissenschaftsorganisator war Ritter von 1976 bis 1980 Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands. 1991/92 leitete er die Struktur- und Berufungskommission für den Neuaufbau der Geschichtswissenschaft und Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der von ihm umgesetzte Plan schuf 15 Lehrstühle beziehungsweise Professuren für Geschichtswissenschaft, drei für Ethnologie und zwei für Ur- und Frühgeschichte. Er unterstützte außerdem den Aufbau des Historischen Kollegs in München sowie der Deutschen Historischen Institute in London und Washington. Seine frühen Kontakte zu israelischen Historikern förderten den wissenschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Israel.

Ritter gehörte zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen an, darunter der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und seit 1989 der Academia Europaea. Er erhielt Ehrendoktorwürden der Universität Bielefeld im Jahr 1994 und der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 1999. Für „Der Preis der deutschen Einheit“ wurde ihm im September 2007 der mit 30.000 Euro dotierte Preis des Historischen Kollegs verliehen. 2008 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland; außerdem wurde er mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

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