Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Otto-Suhr-Institut
Als Nachfolger der Deutschen Hochschule für Politik ist es seit 1959 Teil des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften. ... Politik- und …
Inhalt5 Abschnitte
Profil und Bedeutung
Das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) ist ein Institut der Freien Universität Berlin (FU) und gehört seit 1959 zum Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften. Es ist auf Politikwissenschaft spezialisiert und betreibt angewandte Grundlagenforschung. Träger ist die Freie Universität Berlin, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts; grundfinanziert wird das Institut vom Land Berlin. Der Standort ist Berlin, die Leitung hat Thomas Rixen.
Das Institut gilt laut Artikel als renommiertestes politikwissenschaftliches Institut Deutschlands. Im QS-Universitätsranking für Politikwissenschaft nimmt es jährlich den Spitzenplatz in Deutschland ein; auch im CHE-Ranking 2021 wird es entsprechend eingeordnet. Für die Immatrikulation in den Studiengang Politikwissenschaft galt im Wintersemester 2023/24 ein Numerus clausus von 1,0. Namensgeber ist Otto Suhr (1894–1957, SPD), ehemaliger Regierender Bürgermeister von Berlin.
Entstehung und Entwicklung
Das OSI entstand 1959 aus zwei Vorgängereinrichtungen: dem Institut für politische Wissenschaft der FU und der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Politik. Während der nationalsozialistischen Herrschaft war die Deutsche Hochschule für Politik als Auslandswissenschaftliche Fakultät unter der Leitung von Franz Six Teil der Berliner Universität. Nach ihrer Stilllegung am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 18. März 1948 am 15. Januar 1949 wieder eröffnet.
In den 1950er Jahren stand das OSI für einen Neuanfang der Politikwissenschaft in Deutschland. An der Reformuniversität FU konnten sozialdemokratische und linkssozialistische Exilanten eine größere Rolle spielen als an westdeutschen Ordinarienuniversitäten. Besonders genannt werden Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel und Ossip K. Flechtheim. Zur zweiten Generation gehörten unter anderem Johannes Agnoli, der ab 1962 als Assistent Flechtheims am OSI lehrte, Elmar Altvater, der 1971 eine Professur für Politische Ökonomie erhielt, und Peter Grottian, der ab 1979 am Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche Forschung als Professor tätig war.
Das Institut wurde zu einem Zentrum gesellschaftskritischen Denkens und später auch linksgerichteten politischen Aktivismus. In den Jahren 1967 bis 1969 politisierten sich Studierende und Teile des Mittelbaus stärker und teilweise radikaler als zuvor und als an vergleichbaren Instituten der Bundesrepublik.
1995 kam es zu einem öffentlich beachteten Streit zwischen dem AStA der FU Berlin und der als Freiwilligenprojekt am OSI angesiedelten osi zeitung. Im Mittelpunkt standen die formale Herausgeberschaft des AStA, die verweigerte Übernahme der Druckkosten sowie Vorwürfe der Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit. Anlass waren zwei Artikel, die AStA-Verantwortliche als unliebsam und geschichtsrevisionistisch bewerteten; anschließend wurde auch das meinungsoffene redaktionelle Konzept der Zeitung umstritten.
2003 wurde im Zuge der internationalen Vereinheitlichung der Studiengänge der Diplomstudiengang Politikwissenschaft reformiert und durch konsekutiv gestufte Studiengänge mit Bachelor-of-Arts- und Master-of-Arts-Abschluss ergänzt. Die Einführung der EDV-gestützten „Campus-Management“-Verwaltung der Studienverläufe führte zu anhaltenden Konflikten zwischen Studierenden und Universitätsleitung. Seit der Bewilligung des Sonderforschungsbereichs 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Jahr 2006 kritisieren Teile der Studierenden und Lehrenden außerdem eine stärkere Ausrichtung auf Internationale Beziehungen zulasten der Politischen Theorie und Ideengeschichte. Daraus entstanden heftige Auseinandersetzungen über Berufungsverfahren.
Gebäude und historischer Ort
Das Hauptgebäude des OSI wurde am 7. Mai 1962 eingeweiht. Die Baukosten betrugen sechs Millionen DM; die Hälfte davon übernahmen die USA auf Initiative von Eleanor Dulles, der Berlin-Beauftragten im US-Außenministerium.
Ein Teil des Instituts befindet sich im ehemaligen Gebäude des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Anfang der 1940er Jahre forschte dort auch Josef Mengele. Eine Gedenktafel erinnert an die NS-Verbrechen. Neben den metallenen Buchstaben „Otto-Suhr-Institut“ steht in schwarzer Schrift die Bezeichnung „Johannes-Agnoli-Institut für Kritik der Politik“.
Forschung und Studienprogramme
Zu den wichtigsten aktuellen Forschungsschwerpunkten gehören Area Studies einschließlich Europäischer Politik, Internationale Beziehungen, Sicherheitsforschung und Umweltforschung. Am OSI ist außerdem der Sonderforschungsbereich „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ angesiedelt. Neben der Grundfinanzierung arbeitet das Institut an einer Vielzahl von Drittmittelprojekten.
Das OSI bietet gemeinsam mit der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität zu Berlin den Master of Arts in Internationale Beziehungen an. Hinzu kommen deutsch-französische Programme, die von der Deutsch-Französischen Hochschule anerkannt sind:
-
Im integrierten Programm mit HEC Paris können jährlich zwanzig Studierende aus aller Welt innerhalb von zwei Studienjahren den Master of Science in Management der HEC und den Master of Public Policy and Management der Freien Universität Berlin erwerben. Außerdem können jährlich drei OSI-Studierende im Grundstudium ein Semester in Paris studieren.
-
Im Programm mit dem Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) erwerben Studierende in vier Semestern, davon zwei Jahre in Nancy und zwei Jahre in Berlin, einen deutsch-französischen Doppel-Bachelor in Politik- und Sozialwissenschaften. Eine entsprechende Masteroption verbindet den Master of Arts in Politikwissenschaft der FU mit dem Master de Sciences Po und den Schwerpunkten „Affaires Internationales“ oder „Affaires Européennes“.
Lehrende, Alumni und berufliche Felder
Zum Kreis der aktuellen Persönlichkeiten am OSI zählen unter anderem Tanja Börzel, Achim Brunnengräber, Bettina Engels, Thorsten Faas, Sabine Kropp, Bernd Ladwig, Lena Partzsch, Thomas Risse und Michaele Schreyer. Zu den früheren Lehrenden und Angehörigen gehören beispielsweise Johannes Agnoli, Elmar Altvater, Arnulf Baring, Christopher Daase, Ernst Fraenkel, Axel Honneth, Peter Grottian, Gesine Schwan, Richard Stöss und Heinrich August Winkler.
Die Alumni des Instituts sind in unterschiedlichen Bereichen tätig. In Politik und Verwaltung finden sich unter anderem Reem Alabali-Radovan, Ferda Ataman, Dorothee Bär, Walter Momper, Otto Schily, Lisa Paus, Michael Roth und Hermann Scheer. In der Wissenschaft werden beispielsweise Wilhelm Bleek, Peter Brandt, Werner Jann und Johannes Tuchel genannt. Weitere Alumni arbeiten in den Medien, darunter Béla Anda, Franziska Augstein, Annette Dittert, Lorenz Maroldt und Anne Will. Aus der Wirtschaft wird Arend Oetker als Unternehmer und Kunstsammler aufgeführt.