Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Integrative Geographie
Die Integrative Geographie (seltener auch Integrierte Geographie) ist derjenige Teil der Geographie, der sich mit Mensch-Umwelt-Beziehungen befasst.
Inhalt4 Abschnitte
Gegenstand und Bedeutung
Die Integrative Geographie ist der Teil der Geographie, der sich mit Mensch-Umwelt-Beziehungen befasst. Sie bildet die Schnittstelle zwischen physischer Geographie und Humangeographie und wird neben diesen beiden Bereichen auch als dritte „Säule“ der Geographie bezeichnet. Ihr Gegenstand ist damit die Verbindung naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Fragen: Untersucht wird, wie Menschen und natürliche Umwelt miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.
Die Integrative Geographie besitzt kein eigenes, einheitliches methodisches Instrumentarium. Sie verbindet vielmehr Methoden und Ansätze der physischen Geographie und der Humangeographie. Sie ist daher weniger durch eine bestimmte Methode als durch die Bearbeitung integrativer Problemstellungen gekennzeichnet.
Begriff und Konzeption
Für eine geographische Teildisziplin zu Mensch-Umwelt-Beziehungen gibt es keine allgemeingültige Bezeichnung. Physische Geographie und Humangeographie haben sich theoretisch und methodisch so weit auseinanderentwickelt, dass frühere Versuche einer umfassenden Synthese, wie sie besonders die Landschaftskunde verfolgte, als überholt gelten.
Der relativ junge Begriff „Integrative Geographie“ hebt den prozessualen Charakter der Forschung hervor: Natur- und sozialwissenschaftliche Ansätze werden miteinander kombiniert. Andere Bezeichnungen setzen unterschiedliche Schwerpunkte. „Humanökologische Geographie“ und „Physische Anthropogeographie“ betonen den Menschen als biotisches Lebewesen und seinen Umgang mit der natürlichen Umwelt. „Ökogeographie“ und „Umweltgeographie“ stellen stärker heraus, dass der Mensch Teil eines Ökosystems ist. Der Begriff Umweltgeographie, im Englischen environmental geography, findet neben integrated geography zunehmend im angloamerikanischen Raum Beachtung.
Entwicklung integrativer Ansätze
Die Idee, die beiden großen Teilbereiche der Geographie zu verbinden, wurde wiederholt diskutiert, auch in der Hoffnung auf ein besonderes fachliches Profil gegenüber anderen Wissenschaften. Ein bekannter Vorschlag war Harlan H. Barrows’ Rede „Geography as human ecology“, die er 1922 als Präsident der Association of American Geographers hielt.
Karlheinz Paffen verstand die Physische Anthropogeographie enger als Schnittfelddisziplin zwischen Bevölkerungsgeographie und Biogeographie. Albrecht Penck sah bereits 1924 ein zentrales Problem in der Bevölkerungskapazität der Erde, insbesondere im Hinblick auf den Nahrungsbedarf der Menschheit.
Spätestens ab den 1970er Jahren entfernten sich physische Geographie und Humangeographie theoretisch und methodisch zunehmend voneinander. Dadurch erwies sich die Vorstellung einer einheitlichen Geographie als wenig zweckmäßig. Umweltprobleme konnten außerdem nicht mehr einfach als Anpassungsprobleme des Menschen an seine Umwelt im Sinne der Humanökologie verstanden werden. Gerade diese Trennung machte jedoch integrative Ansätze notwendig.
Richard J. Chorley schlug dafür systemanalytische Verfahren vor. Aus der kritischen Humangeographie entwickelten sich unter anderem die Politische Ökologie sowie später geographische Adaptionen der Akteur-Netzwerk-Theorie und des Assemblage-Ansatzes von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Diese Ansätze fordern eine stärkere Ausrichtung auf einen materiellen Begriff des geographischen Raums, der nicht auf die Darstellung menschlicher Vorstellungen wie Sinn und sprachliche Bedeutung beschränkt ist. Daran knüpfen die „Mehr-als-menschlichen Geographien“ an.
Themen und Anwendungsfelder
Die Integrative Geographie wird vor allem durch Problemstellungen und weniger durch klar abgegrenzte Themengebiete bestimmt. Im Mittelpunkt stehen insbesondere Fragen der Gesundheit und Nachhaltigkeit.
Im Allgemeinen werden ihr die medizinische Geographie sowie die geographische Katastrophen- und Risikoforschung zugerechnet. Außerdem arbeitet die Geographie integrativ an der Erforschung bestimmter Mensch-Umwelt-Systeme. Dazu gehören die Gebirgs-, Küsten-, Polar-, Tropen- und Wüstenforschung.