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Günter Wallraff
Hans Günter Wallraff (* 1. Oktober 1942 in Burscheid) ist ein deutscher investigativer Journalist und Schriftsteller. Er ist durch seine Reportagen über …
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Kern und Bedeutung
Hans Günter Wallraff (* 1. Oktober 1942 in Burscheid) ist ein deutscher investigativer Journalist und Schriftsteller. Bekannt wurde er durch Reportagen über Großunternehmen, die Bild-Zeitung und verschiedene Institutionen. Sein wichtigstes Arbeitsprinzip ist die verdeckte Recherche: Er nimmt eine andere Identität an, arbeitet oder lebt im Umfeld seines Recherchegegenstands und beschreibt Missstände aus eigener Erfahrung.
Wallraffs Arbeit prägte in Deutschland das Bild des investigativen Journalismus. Seine Reportagen sollten soziale, politische und wirtschaftliche Probleme sichtbar machen, zum Beispiel schlechte Arbeitsbedingungen, Rassismus, Machtmissbrauch oder fragwürdige journalistische Methoden. Sein Vorgehen war oft umstritten, weil Betroffene ihm Täuschung, Eingriffe in Persönlichkeitsrechte oder die Verletzung von Betriebsgeheimnissen vorwarfen. Gerichte stuften sein Vorgehen in wichtigen Fällen jedoch als legal ein und verwiesen auf Pressefreiheit und öffentliches Interesse.
Biografie und frühe Reportagen
Wallraff wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Vater Josef Wallraff arbeitete unter anderem bei Ford in Köln und erkrankte schwer; Wallraff bezeichnete dessen Arbeitsplatz später als „Lackhölle“. Nach dem Tod des Vaters verließ Wallraff nach der 10. Klasse das Gymnasium und schloss 1962 eine Buchhändlerlehre ab.
1963 wurde er zur Bundeswehr eingezogen, obwohl er Kriegsdienstverweigerer werden wollte. Er verweigerte zehn Monate lang, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, und dokumentierte seine Erfahrungen. 1964 wurde er als „verwendungsunfähig auf Dauer“ entlassen; im Bericht wurden unter anderem seine pazifistischen Überzeugungen genannt. Später veröffentlichte er seine Bundeswehr-Erfahrungen.
Von 1963 bis 1966 arbeitete Wallraff als Arbeiter in Großbetrieben, unter anderem in einer Sinteranlage eines Thyssen-Stahlwerks. Erste Reportagen erschienen 1965 in der Gewerkschaftszeitung Metall. 1966 veröffentlichte er den Sammelband Wir brauchen dich – Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben. Diese Industriereportagen machten ihn bekannt, weil sie direkte Einblicke in die Arbeitswelt gaben.
Für 13 unerwünschte Reportagen (1969) nahm Wallraff verschiedene Rollen an, etwa die eines Alkoholikers in einer psychiatrischen Klinik, eines Obdachlosen, eines Studenten auf Zimmersuche und eines möglichen Napalmlieferanten. Wegen einer Rolle als angeblicher Ministerialrat wurde er angeklagt, aber am 9. Dezember 1969 vom Amtsgericht Frankfurt am Main freigesprochen.
Wichtige Aktionen und Bücher
1974 protestierte Wallraff in Athen gegen die griechische Militärdiktatur. Er kettete sich am 10. Mai 1974 auf dem Syntagma-Platz an einen Lichtmast und verteilte Flugblätter. Er wurde misshandelt, gefoltert und zu 14 Monaten Einzelhaft verurteilt. Nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur kam er im August frei. Seine Erfahrungen beschrieb er in Unser Faschismus nebenan.
1976 gab Wallraff sich als Waffenhändler und Unterhändler von Franz Josef Strauß aus und traf den früheren portugiesischen Staatspräsidenten General Spínola. Er machte angebliche Putschpläne am 7. April 1976 auf einer Pressekonferenz in Bonn öffentlich. Daraus entstand mit Hella Schlumberger das Buch Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spínola-Aktion.
1977 arbeitete Wallraff dreieinhalb Monate unter dem Namen Hans Esser als Redakteur bei der Bild-Zeitung in Hannover. In Der Aufmacher. Der Mann, der bei „Bild“ Hans Esser war warf er der Zeitung schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden vor. Der Deutsche Presserat sprach sechs Rügen gegen Bild aus, rügte aber auch Wallraff wegen verdeckter Recherche. Nach Klagen der Axel Springer AG mussten Passagen geändert werden; seit 2012 erscheint das Buch wieder unzensiert. Es folgten Zeugen der Anklage (1979) und Das „Bild“-Handbuch (1981). Über die Autorenschaft gab es später Streit: Hermann L. Gremliza erklärte, er habe große Teile als Ghostwriter geschrieben; Wallraff bestätigte Zusammenarbeit mit Ko-Autoren, bestritt aber die Bedeutung dieser Vorwürfe.
Ab 1983 arbeitete Wallraff zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter „Ali Levent Sinirlioğlu“, unter anderem bei McDonald’s und Thyssen, und nahm an klinischen Studien teil. In Ganz unten beschrieb er aus seiner Sicht schlechte Behandlung von Gastarbeitern, Arbeitsschutzverstöße und andere Missstände. Das Buch erschien 1985, wurde in Deutschland über fünf Millionen Mal verkauft und in 38 Sprachen übersetzt. Es gilt laut Artikel als erfolgreichstes deutsches Sachbuch seit 1945.
Spätere verdeckte Recherchen
Seit den 1990er Jahren setzte Wallraff seine verdeckten Recherchen fort. In Japan recherchierte er als iranischer Arbeiter. Ab 2007 veröffentlichte er für das Zeit-Magazin Leben neue Undercover-Reportagen. In Callcentern kritisierte er unter anderem Belästigung von Angerufenen, falsche Informationen gegenüber Mitarbeitern und Verstöße gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb; 2007 zeigte das ZDF dazu Bei Anruf Abzocke.
2008 arbeitete Wallraff in der Gebr. Weinzheimer Brotfabrik, deren einziger Kunde damals Lidl war. Er kritisierte schlechte Bezahlung, Arbeitsbedingungen, Sicherheitsmängel und Hygienezustände. Der Betrieb sagte laut NDR später übertarifliche Bezahlung zu; 2010 wurde über seine Schließung berichtet. Der Besitzer wurde in einem Prozess wegen fahrlässiger Körperverletzung freigesprochen.
Von Dezember 2008 bis Februar 2009 lebte Wallraff zeitweise wie ein Obdachloser und recherchierte in Unterkünften in Köln, Frankfurt am Main und Hannover. Er berichtete über Angst, Gewalt, verschlossene Unterkünfte und zu wenig Betreuungspersonal. Nach der Reportage über den „Bunker am Welfenplatz“ in Hannover wurde diese Notunterkunft geschlossen.
2009 erschien Schwarz auf Weiß – eine Reise durch Deutschland. Wallraff ließ seine Haut dunkler schminken und reiste als Somalier „Kwami Ogonno“ durch Deutschland, um Rassismus sichtbar zu machen. Diese Methode wurde stark kritisiert, unter anderem von Noah Sow und der Süddeutschen Zeitung, weil ein „angemalter Weißer“ schwarze Erfahrungen nicht wirklich machen könne und die Methode selbst rassistisch sei. Wallraff wies den Vorwurf zurück.
2012 berichtete Wallraff über Arbeitsbedingungen beim Paketdienst GLS und warf dem Unternehmen Lohndumping, Scheinselbstständigkeit und Arbeitstage bis zu 14 Stunden vor. Ab 2012 entstanden außerdem RTL-Sendungen wie Team Wallraff, die verdeckte Recherchen fortführten und 2014 durch Berichte über Burger King große Aufmerksamkeit erhielten.
Kontroversen, DDR-Bezug und Engagement
Wallraff hatte nach eigenen Angaben Freundschaften zu DDR-Dissidenten wie Jürgen Fuchs und nahm nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns diesen zeitweise bei sich auf. Danach wurden Wallraffs Bücher in der DDR aus dem Vertrieb genommen, und er durfte nicht mehr einreisen. 2015 sagte er rückblickend, Menschenrechtsverletzungen im Sozialismus seien bekannt gewesen, aber nicht nachhaltig genug thematisiert worden.
Umstritten waren Vorwürfe einer Verbindung zur Staatssicherheit der DDR. Aus den Rosenholz-Dateien ergab sich, dass Wallraff 1968 und 1971 von der HVA als Inoffizieller Mitarbeiter mit Arbeitsakte „Wagner“ geführt wurde. Wallraff bestreitet nicht Kontakte und die Führung unter diesem Namen, bestreitet aber aktive Arbeit für die Stasi. Gerichte untersagten dem Axel-Springer-Verlag 2004 und endgültig 2006, ihn als Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit zu bezeichnen, weil der Nachweis nicht erbracht worden sei.
2012 erhob sein früherer Mitarbeiter André Fahnemann Betrugsvorwürfe, darunter angeblich gefälschte eidesstattliche Versicherungen und Beihilfe zum Sozialbetrug. Wallraffs Anwalt wies die Vorwürfe zurück; Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften Köln und Bad Kreuznach wurden eingestellt.
Wallraff engagierte sich in mehreren politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Er ist seit 1971 Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland und seit 2022 Gründungsmitglied des PEN Berlin. Er unterstützt die Initiative Respekt! Kein Platz für Rassismus, nahm 2012 den bedrohten Künstler Shahin Najafi auf und stellte 2020 mit anderen den Appell „Julian Assange aus der Haft entlassen“ vor.
Für seine Arbeit erhielt Wallraff zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Carl-von-Ossietzky-Medaille (1984), den Prix Jean d’Arcy für den Film Ganz unten (1987), den Deutschen Fernsehpreis für Team Wallraff (2014), den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehpreises (2016), den Hermann-Kesten-Preis (2020) und 2024 den Otto-Brenner-Preis für sein Lebenswerk. Seit 2015 vergibt die Initiative Nachrichtenaufklärung e. V. den mit 5.000 Euro dotierten Günter-Wallraff-Preis für Pressefreiheit und Menschenrechte.