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Fritz Reuter (Musikpädagoge)

Fritz Reuter (* 9. September 1896 in Löbtau; † 4. Juli 1963 in Dresden) war ein deutscher Musikwissenschaftler, Musikerzieher, Komponist und Kapellmeister.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und musikalische Ausbildung
  2. 2. Lehre in Leipzig und Tätigkeit im sächsischen Schuldienst
  3. 3. Professuren und Aufbau der universitären Musikpädagogik
  4. 4. Kompositorisches Werk
  5. 5. Musiktheorie und Musikpädagogik
  6. 6. Schüler, Nachlass und Ehrungen

Bedeutung und musikalische Ausbildung

Fritz Reuter (9. September 1896 in Löbtau–4. Juli 1963 in Dresden) war deutscher Musikwissenschaftler, Musikerzieher, Komponist und Kapellmeister. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Musikpädagogen des 20. Jahrhunderts. 1952 wurde er als erster Lehrstuhlinhaber für Musikpädagogik an eine deutsche Universität berufen. Außerdem leitete er Institute an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Reuter stammte aus einer sächsisch-erzgebirgischen Handwerkerfamilie. Seine Mutter Johanna, geborene Noack, hatte sorbische Wurzeln und förderte seine musikalische Ausbildung. Er erhielt Klavierunterricht bei Max Stranssky und Richard Schmidt sowie Theorieunterricht bei Paul Walde. Besonders die Musik Johann Sebastian Bachs, mit der ihn Schmidt vertraut machte, prägte ihn. 1912 legte Reuter ein Examen ab und unterrichtete später selbst Musiktheorie und Klavier.

Nach der Reifeprüfung am Annenrealgymnasium 1916 entschied er sich gegen die Übernahme des väterlichen Baugeschäfts und für ein Musikstudium. Er finanzierte es unter anderem durch zwei „Riemann-Stipendien“, durch seine Tätigkeit als Korrepetitor im Dresdner Zirkus Sarrasani (1917) und als Theaterkapellmeister in Allenstein/Ostpreußen. In Leipzig studierte er am Königlichen Konservatorium der Musik und am Seminar für Musikwissenschaft „Collegium musicum“. Zu seinen Lehrern gehörten Otto Weinreich, Robert Teichmüller, Stephan Krehl, Bernhard Porst, Hugo Riemann, Hermann Abert und Arnold Schering. Zusätzlich besuchte er Lehrveranstaltungen in Germanistik, Philosophie und Pädagogik.

1922 wurde Reuter an der Universität Leipzig mit der Arbeit Die Geschichte der deutschen Oper in Leipzig am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts (1693–1720) zum Dr. phil. promoviert.

Lehre in Leipzig und Tätigkeit im sächsischen Schuldienst

Ab 1921 arbeitete Reuter als Lehrer für Musiktheorie am Leipziger Konservatorium. Auf Empfehlung Hugo Riemanns führte er dort das Generalbassspiel in die Theorielehre ein. Generalbass bezeichnet eine bezifferte Bassstimme, aus der die begleitenden Harmonien entwickelt werden. Außerdem beschäftigte er sich mit der psychologischen Grundlage der Gehörbildung. Am Kirchenmusikalischen Institut unterrichtete er ab 1922 kirchliche Komposition, Musiktheorie und Geschichte der Kirchenmusik. 1924/25 erhielt er an der Universität Leipzig einen Lehrauftrag für die Pädagogik der Schulmusik; ab 1932 lehrte er auch Musikgeschichte. 1925 wurde er Mitglied der Prüfungskommission für das musikalische Staatsexamen. 1931 legte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt in Musik und Deutsch ab.

Ein Gutachten Reuters trug dazu bei, dass der Sächsische Landtag das Schulfach „Musik“ an Volksschulen und höheren Schulen einführte. Damit verband sich sein Anliegen, Musikerziehung wissenschaftlich und pädagogisch zu begründen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlor Reuter seine Lehraufträge. Als Gründe galten insbesondere seine Daghestanische Suite für Orchester (1927), sein Dirigieren von Leipziger Arbeiterchören, Kontakte zu jüdischen Musikern wie Alfred Szendrei und Kontakte zu sozialdemokratischen Politikern. Seine Werke erhielten ein Aufführungsverbot; die Reichs-Rundfunk-Gesellschaft kündigte laufende Verträge. Reuter und Szendrei blieben befreundet und hielten, mit einer Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg, Briefkontakt.

Am 1. Mai 1933 trat Reuter der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.429.811); 1934 wurde er außerdem Mitglied der NSV und des Nationalsozialistischen Lehrerbundes. 1934 wurde er Studienrat für Musik und Deutsch an der Rudolf-Hildebrand-Schule in Leipzig-Connewitz und baute dort ein Schüler-Blasorchester auf. 1937 wechselte er in das Sächsische Ministerium für Volksbildung nach Dresden, wo er die „Aufsicht über die schulmusikalischen Angelegenheiten“ im Gau Sachsen erhielt. 1944 wurde er Oberstudienrat und lehrte bis 1945 an einer Oberschule in Dresden-Plauen.

Der Musikhistoriker Fred K. Prieberg stufte ältere Darstellungen teilweise als „Geschichtsfälschung“ ein. Er betonte, Reuter habe vor 1933 – abgesehen von seinen Lehrverpflichtungen – keine „prominenten Ämter“ innegehabt und im Dritten Reich im Schuldienst Karriere gemacht. Zugleich lehnte Reuter in den 1940er Jahren die Nachfolge Günther Ramins als künstlerischer Leiter des 1941 gegründeten Musischen Gymnasiums Leipzig ab.

Professuren und Aufbau der universitären Musikpädagogik

Nach 1945 wurde Reuter zunächst aus dem Schuldienst entlassen. Er arbeitete als Dramaturg und Kapellmeister an der Volksoper in Dresden-Gittersee, den späteren Landesbühnen Sachsen. 1946 wurde er entnazifiziert. Dabei konnte er unter anderem nachweisen, dass er eine Jüdin unterstützt hatte und von der Gestapo überwacht worden war. Nach Angaben seines Schülers Günther Noll hielt er den Kontakt zu jüdischen Freunden aufrecht, half ihnen bei der Flucht und versteckte sie bei sich zu Hause.

1949 ernannte ihn die Landesregierung von Sachsen-Anhalt auf Antrag der Pädagogischen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zum Professor mit Lehrauftrag. Ab 1950 lehrte er zusätzlich Musiktheorie und Komposition an der Staatlichen Hochschule für Theater und Musik Halle. 1952 erhielt er an der Universität Halle eine Professur mit Lehrstuhl. Von 1949 bis 1955 war er Gründungsdirektor des Instituts für Musikerziehung. Dort richtete er einen Jahresfachlehrgang ein, in dem kriegsgediente Musiklehrer ihren Fachabschluss nachholen konnten.

Von 1955 bis zu seinem sowjetkritischen Abgang 1962 leitete Reuter das Institut für Musikerziehung an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Er setzte sich dort unter anderem für den Neubau eines Konzertsaals ein. Sein Nachfolger wurde sein Schüler Werner Busch. In der DDR war Reuter zeitweise Fachrichtungsleiter, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates für Musikerziehung beim Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Rates beim Ministerium für Volksbildung. Sein wesentlicher Beitrag bestand darin, die Musikerziehung als universitäre Disziplin zu etablieren.

Von 1951 bis 1955 war Reuter erster Vorsitzender des Bezirksverbandes Halle-Magdeburg des Verbandes Deutscher Komponisten und Musikwissenschaftler. Als Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Halle gehörte er neben Walter Draeger, Gerhard Wohlgemuth und anderen zu den Initiatoren der 1. Hallischen Musiktage 1955. Die Idee solcher Musiktage hatte er im Oktober 1954 erstmals konkretisiert.

Kompositorisches Werk

Reuters kompositorisches Œuvre umfasst etwa 300 Werke; einige gingen während des Krieges verloren. Dazu gehören Vokalmusik, darunter ein weltliches Oratorium, sieben Kantaten, eine Messe und Sololieder, Bühnenwerke wie vier Opern und zwei Melodramen sowie Instrumentalmusik, darunter drei Sinfonien, je ein Konzert für Cello, Violine und Orgel, mehrere Orchestersuiten sowie Klavier- und Orgelmusik.

Sein Stil entwickelte sich laut Dieter Härtwig „vom spätromantisch-expressionistischen Beginn zu melodisch-satztechnischer Prägnanz auf der Basis polyphoner Stimmführung“. Gilbert Stöck zufolge nahm Reuter in der DDR teilweise kritische Distanz zu Dogmen des sozialistischen Realismus ein und verfolgte einen neuromantischen Stil. Günther Noll bescheinigte ihm einen Hang zu „progressiver Stilistik“. In den 1930er Jahren lehnte Reuter jedoch zunehmend die musikalische Moderne, besonders die Neue Musik, ab.

Ein erster größerer Erfolg war die Kantate Der Struwwelpeter (1930). Um 1934 entstand nach einem Text von Ernst Wiechert das Oratorium Das Spiel vom deutschen Bettelmann. Problematisch sind Kompositionen aus der NS-Zeit, etwa die Sudetendeutsche Suite (1939), deren Titel die Abtretung des Sudetenlandes feierte, sowie Aufführungen von Der Mütter Kreis (1935) bei Veranstaltungen der NS-Frauenschaft und der NS-Kulturgemeinde. 1937 wurde Reuter bei der „Gaukulturwoche“ Sachsen in Bautzen vorgestellt.

Zwischen 1945 und 1949 entstanden mehrere Bühnenwerke, darunter Neubearbeitungen von Pergolesis Intermezzo La serva padrona (1947) und des Balletts Henrikje (1947) von Inka Unverzagt. Die Komische Oper Ein Funken Liebe, die um 1940 entstanden war, wurde 1948 an der Dresdner Volksoper uraufgeführt. Als hoch entwickelt gilt seine Weimarer Rezeption (1948/49) von Goethes Singspiel Scherz, List und Rache. Reuters Musik wurde unter anderem von der Dresdner Philharmonie, bei Konzerten der „Sektion Neue Musik“ des Kulturbundes 1949 und bei den Hallischen Musiktagen 1955 aufgeführt.

Musiktheorie und Musikpädagogik

Reuter war ein bedeutender Musiktheoretiker. 1926 kritisierte er die Entfremdung von Kompositionslehre und Musiktheorie. Daraus leitete er ab, dass Musiktheorie stärker wissenschaftlich und pädagogisch ausgerichtet werden müsse. Seine Methodik des musiktheoretischen Unterrichts auf neuzeitlichen Grundlagen (1929) galt nach den Bemühungen Salomon Jadassohns im späten 19. Jahrhundert als wegweisend.

Reuter und sein Freund Sigfrid Karg-Elert vertraten eine polaristische und funktionale Harmonik. Polaristische Harmonik erklärt Klang- und Tonalitätsverhältnisse aus Spannungen und Beziehungen zwischen musikalischen Polen. Sein Lehrbuch Praktische Harmonik des 20. Jahrhunderts (1952) beruhte unmittelbar auf Karg-Elerts „Polaristischer Klang- und Tonalitätslehre“ und wurde von Magret Hager als „Manifest des Polarismus“ bezeichnet. Die damit verbundene fachwissenschaftliche Debatte in der DDR-Zeitschrift Musik und Gesellschaft führte auch zu einem Konflikt mit Georg Knepler, der einen Widerspruch zum dialektischen Materialismus sah. Schließlich setzte sich aus sachlichen Gründen Hermann Grabners auf Riemann zurückgehende monistische Funktionstheorie durch.

Zu Reuters musikpädagogischen Schriften gehören Musikpädagogik in Grundzügen (1926), Das musikalische Hören auf psychologischer Grundlage (1925), Zur Methodik der Gehörübungen und des Musikdiktats (1927), Praktische Gehörbildung auf Grundlage der Tonika-Do-Lehre (1928), Methodik des musiktheoretischen Unterrichts (1929), Praktisches Partitur-Spielen (1951), Praktisches Generalbass-Spielen (1951), Praktische Harmonik des 20. Jahrhunderts (1951) und Grundlagen der Musikerziehung (1962). Außerdem gab er unter anderem Klavierübung, Alte Programm-Musik für Klavier und Alfred Szendreis Dirigierkunde heraus.

Reuter forderte in den 1950er Jahren, empirische Forschungsmethoden in die Musikpädagogik einzubeziehen. Zugleich hielt er traditionelle Tonalität und Konsonanz für Maßstäbe der Musikerziehung. Unterhaltungsmusik und Jazz lehnte er unter Berufung auf Platons Ethoslehre ab. Gerd Rienäcker ordnete ihn deshalb einem konservativen Kreis zu, der zeitgenössisches Musikschaffen in der DDR diskreditiert habe. Andere Einschätzungen nennen ihn einen „Gründungsvater“ der deutschen Musikpädagogik, einen international angesehenen Fachvertreter und den „Nestor der DDR-Musikerziehung“.

Schüler, Nachlass und Ehrungen

Als Hochschullehrer betreute Reuter 19 Dissertationen und vier Habilitationsschriften. Zu den genannten Doktoranden und Habilitanden zählen Siegfried Bimberg, Hella Brock, Werner Busch, Walter Clemens, Werner Felix, Johannes Hanspach, Lothar Höchel, Hans John, Magdalene Kemlein, Karl Kleinig, Rudolf Lüdecke, Rolf Lukowsky, Paul Michel, Günther Müller, Günther Noll, Günter Olias, Johannes Georg Pahn, Otto Preu und Kurt Wichmann. Zu seinen Schülern gehörten außerdem unter anderem sein Sohn Rolf Reuter sowie Heinz Roy, Manfred Schubert, Gerhard Wohlgemuth, Herbert Collum, Franz Konwitschny und Georg Trexler.

Reuter war evangelisch-lutherisch, seit 1924 mit der Sängerin Erna Sophie Reuter, geborene Votteler (1896–1968), verheiratet und Vater von vier Kindern. Sein Sohn Rolf Reuter (1926–2007) wurde Dirigent. Fritz Reuter starb 1963, ein Jahr nach seinem Ruhestand, in Dresden und wurde auf dem Inneren Plauenschen Friedhof in Dresden-Plauen beigesetzt. Sein etwa neun Regalmeter umfassender Nachlass mit Autographen und Briefen liegt in der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz. Weitere Unterlagen befinden sich unter anderem in Bibliotheken in Dresden, Schwerin, Leipzig, München, Trier und in der Sammlung Steven Swanson in Frisco, Texas.

Für sein Konzert für Violine und Orchester (1953) erhielt Reuter 1955 den Musikpreis der Stadt Halle. Die Humboldt-Universität benannte den Fritz-Reuter-Saal in der Dorotheenstraße 24 nach ihm und stellte dort 1958 eine Schuke-Orgel auf. Zu seinem 65. Geburtstag 1961 erhielt er eine Festschrift von Siegfried Bimberg sowie den Vaterländischen Verdienstorden in Silber. Zu seinem 100. Geburtstag wurde ihm postum ein Gedenkkonzert gewidmet.

Eine Diskografie dokumentiert unter anderem Aufnahmen von 1963 und 1964 mit der Sonate für Violine und Klavier (Lausitzer Sonate), der Phantastischen Suite für Flöte und Klavier op. 6 sowie Der Hase und Der Igel; beteiligt waren unter anderem Rolf Reuter, Barbara Reuter-Rau, Heinz Fügner, Ursula Wendler-Reuter und das Gewandhausorchester Leipzig.

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