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Fritz Bauer
Juli 1944 im Remer-Prozess, die Verhaftung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst Mossad und die Frankfurter Auschwitzprozesse, aber auch …
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Bedeutung und Lebensweg
Fritz Bauer (16. Juli 1903 in Stuttgart; 1. Juli 1968 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Jurist und von 1956 bis 1968 hessischer Generalstaatsanwalt. Er setzte sich für eine demokratische Justiz, die strafrechtliche Verfolgung nationalsozialistischer Verbrechen und Reformen des Straf- und Strafvollzugsrechts ein. Besonders mit ihm verbunden sind der Remer-Prozess, die Ergreifung Adolf Eichmanns, die Frankfurter Auschwitzprozesse sowie Ermittlungen zu den NS-„Euthanasie“-Verbrechen.
Bauer stammte aus einer liberalen jüdischen Familie, bezeichnete sich selbst jedoch als Atheist. Nach dem Besuch des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart studierte er Rechtswissenschaft in Heidelberg, München und Tübingen. 1927 promovierte er mit der Arbeit Die rechtliche Struktur der Truste. 1928 wurde er Gerichtsassessor am Amtsgericht Stuttgart; zwei Jahre später war er der jüngste Amtsrichter der Weimarer Republik.
Politisch engagierte sich Bauer früh: Er trat 1920 der SPD bei, gründete den Republikanischen Richterbund in Württemberg mit und leitete ab 1931 die Stuttgarter Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde er am 23. März 1933 festgenommen, acht Monate in den Konzentrationslagern Heuberg und Oberer Kuhberg festgehalten und Ende 1933 entlassen. Aus dem Staatsdienst wurde er aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entfernt.
1936 emigrierte Bauer nach Dänemark. Nach der deutschen Besetzung wurde er 1940 drei Monate interniert. Im Oktober 1943 floh er im Rahmen der Rettung der dänischen Juden mit Hilfe einheimischer Unterstützer nach Schweden. Dort arbeitete er als Archivgehilfe und gab mit Willy Brandt und anderen die Zeitschrift Sozialistische Tribüne heraus. Eine spätere Einordnung Bauers als homosexuell beruht auf Verdächtigungen der dänischen Fremdenpolizei; eindeutige Belege oder ein eigenes Bekenntnis Bauers liegen laut Artikel nicht vor.
1949 kehrte Bauer nach Deutschland zurück. Er wurde Landgerichtsdirektor in Braunschweig, 1950 Generalstaatsanwalt beim dortigen Oberlandesgericht und 1956 auf Initiative des hessischen Ministerpräsidenten Georg-August Zinn Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main.
Remer-Prozess und Widerstandsrecht
1952 trat Bauer als Ankläger im Remer-Prozess hervor. Der Prozess richtete sich gegen Otto Ernst Remer wegen Verleumdung des Widerstands vom 20. Juli 1944. Bauer vertrat die Auffassung, dass der nationalsozialistische Staat kein Rechtsstaat, sondern ein „Unrechtsstaat“ gewesen sei. Sein Satz lautete: „Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“ Auch formulierte er: „Ein Unrechtsstaat wie das Dritte Reich ist überhaupt nicht hochverratsfähig.“
Das Gericht folgte dieser Argumentation. Damit wurden die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 rechtlich und moralisch rehabilitiert: Ihr Versuch, Adolf Hitler zu töten, wurde als legitim eingeordnet. Der Fall verdeutlichte Bauers Verständnis von Widerstandsrecht: Gegen einen Staat, der schweres Unrecht begeht, kann Widerstand gerechtfertigt sein.
Verfolgung von NS-Verbrechen
Bauer misstraute nach eigener Einschätzung Teilen der deutschen Justiz und Polizei, weil viele Juristen zuvor der NS-Diktatur gedient hatten. Er soll seine Lage mit den Worten beschrieben haben: „In der Justiz lebe ich wie im Exil“ und „Wenn ich mein [Dienst-]Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“
1957 informierte Bauer über den Leiter der Israel-Mission in Köln den israelischen Geheimdienst Mossad über Adolf Eichmanns Aufenthaltsort in Argentinien. Eine deutsche Auslieferungsinitiative war zuvor von der Bundesregierung abgelehnt worden. Als wichtiger Hinweisgeber wird auch der deutsche Geologe und Historiker Gerhard Klammer genannt: Eichmann hatte zwischen 1950 und 1953 in Tucumán unter dem Namen „Landvermesser“ mit ihm gearbeitet. Klammer erhielt 1959 in Buenos Aires Kenntnis von Eichmanns genauer Adresse; seine Informationen und Belege gelangten im November 1959 zu Bauer. Bauer übermittelte sie im Dezember 1959 in Jerusalem an den Mossad, ohne den Informanten zu nennen. Kurz darauf ordnete David Ben Gurion Eichmanns Ergreifung an; sie erfolgte 1960.
Für die Aufarbeitung der Verbrechen in Auschwitz war Bauer ebenfalls entscheidend. 1958 sorgte er dafür, dass 100 000 Fahndungsakten nicht an das Bundesarchiv, sondern an die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen gingen. Dort traf außerdem eine UNO-Liste mit 30 000 neuen Tatverdächtigen ein. 1959 erreichte Bauer beim Bundesgerichtshof, dass die Strafsache gegen Auschwitz-Täter dem Landgericht Frankfurt am Main übertragen wurde. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft begann daraufhin Ermittlungen gegen frühere Angehörige und Führer der SS-Wachmannschaft des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Im Dezember 1963 begann der erste Auschwitzprozess in Westdeutschland, die „Strafsache gegen Mulka u. a.“, gegen 22 Angeklagte.
Die Frankfurter Auschwitzprozesse dauerten von 1963 bis 1981. Viele Beteiligte wurden nur wegen Beihilfe zum Mord und meist zu wenigen Jahren Haft verurteilt; breite Teile der Gesellschaft lehnten die Verfahren ab. Dennoch leiteten die von Bauer angestrengten Prozesse ab Mitte der 1960er Jahre eine breitere öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust ein.
Bauer ermittelte außerdem gemeinsam mit der 1958 in Ludwigsburg gegründeten Zentralen Stelle der deutschen Landesjustizverwaltungen und österreichischen Behörden gegen Verantwortliche der Aktion T4, also der NS-Krankenmorde. Verfahren gegen Georg Renno und Werner Heyde kamen wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit beziehungsweise Suizids nicht zustande.
Demokratie, Rechtsreform und öffentliche Aufarbeitung
Bauer trat öffentlich für eine dauerhafte Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein. Er hielt 1960 vor Jugendverbänden das Referat Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns. Darin wandte er sich gegen die Vorstellung, der NS-Staat sei nur ein „Betriebsunfall der Geschichte“ gewesen. Ein Vorschlag, den Text als Broschüre an Oberstufengymnasien und Berufsschulen zu verteilen, wurde in Rheinland-Pfalz abgelehnt. Der Text erschien erst 1965 im Buchhandel.
Er gehörte zum Kuratorium der 1959 gegründeten Deutsch-Israelischen Studiengruppe Frankfurt. Diese setzte sich an der Frankfurter Universität für NS-Aufarbeitung, gegen Antisemitismus und für die Annäherung an Israel ein. 1961 war Bauer Mitbegründer der Humanistischen Union. Diese stiftete 1968 den Fritz-Bauer-Preis für Verdienste um die Humanisierung, Liberalisierung und Demokratisierung des Rechtswesens.
Als Hauptwerk gilt Das Verbrechen und die Gesellschaft von 1957. Bauer bezweifelte darin die Willensfreiheit als Grundlage des geltenden Schuldstrafrechts. Statt Strafe befürwortete er, an Franz von Liszt und Gustav Radbruch anknüpfend, ein „Kriminalrecht, das – unter Verzicht auf Strafe – ausschließlich Maßnahmen resozialisierenden und sichernden Charakters kennt“. Resozialisierung bedeutet dabei, Menschen wieder zu einem Leben in der Gesellschaft zu befähigen; sichernde Maßnahmen sollen die Gesellschaft schützen.
Weitere Schriften befassten sich unter anderem mit nationalsozialistischem Denken und Handeln, Widerstand gegen Staatsgewalt, Sexualität und Verbrechen sowie Alternativen zum politischen Strafrecht. Bauers Nachlass wird teilweise im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn und im Archiv des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main aufbewahrt.
Tod und Erinnerung
Bauer wurde am 1. Juli 1968 tot in der Badewanne seiner Frankfurter Wohnung aufgefunden. Bei einer Verwaltungssektion wurden eine Herzvorschädigung, schwere akute Bronchitis und die Einnahme eines Schlafmittels festgestellt. Hinweise auf Fremdverschulden ergaben sich nicht. Der Gerichtsmediziner Joachim Gerchow vermutete in seinem Gutachten und späteren Äußerungen einen Suizid; laut Artikel fehlen jedoch entsprechende Verhaltensweisen Bauers vor seinem Tod. Eine gerichtliche Leichenöffnung wurde trotz Anweisung seines Stellvertreters nicht beantragt. Bauer wurde auf eigenen Wunsch eingeäschert und im jüdischen Teil des Östra kyrkogårdens in Göteborg beigesetzt.
Sein Name wird unter anderem vom 1995 gegründeten Fritz Bauer Institut zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, dem Fritz Bauer Forum Bochum – Zentrum für Menschenrechte, dem Fritz-Bauer-Haus der Justizvollzugsanstalt Darmstadt sowie Schulen, Straßen und Sälen getragen. 2016 wurde vor dem Oberlandesgericht Frankfurt ein 4,5 Tonnen schwerer Gedenkstein mit dem Titel „Nur die Spitze des Eisbergs“ aufgestellt. Die Form bezieht sich auf Bauers Aussage: „Sie müssen wissen, es gibt einen Eisberg und wir sehen einen kleinen Teil und den größeren sehen wir nicht“.
Auch Ausstellungen, Dokumentationen, Spielfilme, Ton- und Filmdokumente und ein Videospiel befassen sich mit Bauer. Der Artikel nennt unter anderem den Spielfilm Der Staat gegen Fritz Bauer von 2015 und das 2025 erschienene Videospiel The Darkest Files.