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Die Physiker
Die Physiker ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt. Der Untertitel lautet: Eine Komödie in zwei Akten. Das Stück entstand 1961 …
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Werk, Thema und Entstehung
„Die Physiker“ ist ein deutschsprachiges Drama des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt mit dem Untertitel „Eine Komödie in zwei Akten“. Das 1961 entstandene Stück wurde am 21. Februar 1962 unter der Regie von Kurt Horwitz im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. 1980 nahm Dürrenmatt für die Werkausgabe geringfügige Änderungen vor. Das Werk wird wegen der Verbindung tragischer Folgen mit grotesken Situationen als Tragikomödie beziehungsweise Groteske eingeordnet.
Im Zentrum stehen drei Physiker in der privaten psychiatrischen Klinik „Les Cerisiers“. Johann Wilhelm Möbius hat die „Weltformel“ und das „System aller möglichen Erfindungen“ entdeckt. Da dieses Wissen die Vernichtung der Menschheit ermöglichen könnte, täuscht er Wahnsinn vor und lässt sich in die Klinik einweisen. Zwei weitere Patienten nennen sich Newton und Einstein, sind tatsächlich aber Geheimagenten rivalisierender Machtblöcke. Das Stück untersucht damit die Verantwortung von Wissenschaftlern für Entdeckungen, deren Anwendung sie nicht kontrollieren können.
Der Hintergrund ist der Kalte Krieg der späten 1950er und frühen 1960er Jahre mit der Gefahr eines Atomkriegs. 1957 wandten sich die „Göttinger Achtzehn“, 18 Atomforscher der Bundesrepublik, gegen die militärische Nutzung der Atomkraft und die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Dürrenmatt hatte sich bereits in seiner Besprechung von Robert Jungks 1956 erschienenem Buch „Heller als tausend Sonnen“ mit der Atombombe und wissenschaftlicher Verantwortung beschäftigt. Dort formulierte er den später für das Drama entscheidenden Gedanken, dass Denkbares nicht dauerhaft geheim bleiben könne, weil jeder Denkprozess wiederholbar sei.
Handlung des ersten Akts
Die Handlung spielt vollständig in der „Villa“ der Klinik. Zu Beginn untersucht Kriminalinspektor Richard Voß den Tod der Krankenschwester Irene Straub, die von dem Patienten Einstein erdrosselt worden ist. Bereits drei Monate zuvor hatte Newton seine Pflegerin Dorothea Moser auf dieselbe Weise getötet. Beide Schwestern liebten ihre Patienten und wollten mit ihnen die Klinik verlassen. Die Anstaltsordnung stellt jedoch gewöhnliche Maßstäbe auf den Kopf: Die Täter gelten vor allem als schutzbedürftige Kranke, während der ermittelnde Inspektor wie ein Störenfried behandelt wird. Newton verweist zudem auf den Widerspruch, dass man einen einzelnen Mörder bestrafe, nicht aber den Erfinder der Atombombe.
Die Leiterin der Klinik, Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, besitzt große Macht über die Deutung des Geschehens. Auf den Hinweis, Newton halte sich ebenfalls für Einstein, antwortet sie: „Für wen sich meine Patienten halten, bestimme ich.“ Sicherheitsmaßnahmen hält sie zunächst nicht für nötig und erklärt die Morde mit einer angeblichen Schädigung der Gehirne durch Radioaktivität.
Möbius erhält nach 15 Jahren in der Klinik Besuch von seiner geschiedenen Frau Lina Rose, ihrem neuen Mann, dem Missionar Oskar Rose, und seinen drei Söhnen Adolf-Friedrich, Wilfried-Kaspar und Jörg-Lukas. Um seine Familie endgültig von sich zu lösen und in der Klinik bleiben zu können, gibt er vor, sie nicht zu erkennen. In einem umgedrehten Tisch sitzend trägt er einen apokalyptischen „Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen“ vor und vertreibt die Familie schließlich mit einem gespielten Tobsuchtsanfall.
Danach gesteht Schwester Monika Stettler Möbius ihre Liebe. Sie hat seine Tarnung durchschaut, glaubt an seine Genialität und möchte ihn heiraten und mit ihm ein gemeinsames Leben beginnen. Weil dadurch seine Rückkehr in die Außenwelt und die Entdeckung seiner Forschung drohen, erdrosselt Möbius die Frau, die er ebenfalls liebt, mit einer Vorhangkordel. Damit ist auch er öffentlich als gefährlicher Geisteskranker festgelegt.
Enthüllungen und schlimmstmögliche Wendung
Der zweite Akt beginnt als spiegelbildliche Wiederholung des ersten. Die ermordeten Krankenschwestern sind durch kräftige, im Kampfsport ausgebildete Pfleger ersetzt worden. Inspektor Voß hat die Regeln der Klinik inzwischen übernommen: Er bezeichnet Möbius nicht als „Mörder“, sondern als „Täter“ und verzichtet darauf, den Fall wirklich aufzuklären. Mathilde von Zahnd spielt dagegen nun die überraschte und verwirrte Ärztin.
Im Gespräch der drei Physiker fallen die Masken. Newton heißt tatsächlich Alec Jasper Kilton, hat die „Entsprechungslehre“ begründet und arbeitet für einen vermutlich westlichen Geheimdienst. Einstein ist in Wahrheit Joseph Eisler, Entdecker des „Eisler-Effekts“ und Agent des kommunistischen Ostblocks. Beide wollen Möbius und seine Forschung für ihr jeweiliges politisches System gewinnen. Kilton erklärt wissenschaftliches Wissen zum Allgemeingut, verspricht Freiheit und einen Nobelpreis, lehnt aber die Verantwortung für die Verwendung der Ergebnisse ab. Eisler fordert eine politische Entscheidung, räumt jedoch ein, dass er keinen wirklichen Einfluss auf seine Auftraggeber hat und keine verantwortliche Nutzung garantieren kann.
Möbius hält beide Wege für gefährlich. Er fordert, seine Erkenntnisse zurückzunehmen, und berichtet, seine Manuskripte verbrannt zu haben. Seine Position fasst er so zusammen: „Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ Er überzeugt Kilton und Eisler, in der Klinik zu bleiben. Ihre Morde sollen andernfalls keine Opfer zum Schutz der Menschheit, sondern gewöhnliche Verbrechen gewesen sein. Die drei betrachten ihre Gefangenschaft schließlich als Sühne und als Beitrag zur Rettung der Welt.
Dieser scheinbare Erfolg wird durch die schlimmstmögliche Wendung zerstört. Mathilde von Zahnd offenbart, dass sie die einzige wirklich Wahnsinnige ist. Sie glaubt tatsächlich, König Salomo erscheine ihr und befehle ihr, die Weltherrschaft zu übernehmen. Sie hat Möbius’ Manuskripte vor ihrer Vernichtung kopiert und die Krankenschwestern gezielt auf die Physiker angesetzt, damit deren Morde sie dauerhaft an die Klinik binden. Kilton und Eisler werden entwaffnet; die drei Männer können die Außenwelt nicht mehr warnen. Damit erfüllt sich der Satz: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“
In den Schlussmonologen treten die drei direkt vor das Publikum. Newton steht für das klassische Ideal einer Wissenschaft, deren Ergebnisse noch als eindeutiger Fortschritt erscheinen. Einstein verkörpert den Gewissenskonflikt einer Wissenschaft, die ihre politisch und militärisch eingesetzten Ergebnisse nicht mehr kontrolliert. Möbius steht für eine Zukunft, in der Wissenschaft ihre ethische Verantwortung zu spät erkannt hat. Er identifiziert sich schließlich mit Salomo: „Ich bin der arme König Salomo.“
Figuren und ihre Positionen
Johann Wilhelm Möbius ist ein genialer Physiker, der aus Verantwortungsgefühl auf Freiheit, Familie, Liebe und wissenschaftlichen Ruhm verzichtet. Er täuscht Erscheinungen König Salomos vor, um als unglaubwürdig zu gelten. Sein Versuch, die Menschheit durch Isolation und die Vernichtung seiner Aufzeichnungen zu schützen, scheitert jedoch. Zugleich wird seine Haltung moralisch problematisch, weil er Monika ermordet und glaubt, allein über den Umgang mit einer Angelegenheit entscheiden zu können, die alle Menschen betrifft.
Alec Jasper Kilton, der sich Newton nennt, vertritt den westlichen Machtblock und das Ideal einer angeblich freien, „reinen Wissenschaft“. Er fordert die Veröffentlichung von Möbius’ Wissen, überträgt die Verantwortung für dessen Anwendung aber auf die Allgemeinheit. Joseph Eisler, der sich Einstein nennt, steht für den kommunistischen Machtblock und eine politisch gebundene, angewandte Wissenschaft. Er verlangt die Entscheidung für ein System, kann jedoch selbst weder frei handeln noch die moralische Verwendung der Forschung garantieren. Beide Agenten ermorden ihre Pflegerinnen, um ihre Tarnung zu schützen.
Mathilde von Zahnd ist die 55 Jahre alte Besitzerin und Leiterin des Sanatoriums. Zunächst erscheint sie als fürsorgliche und vernünftige Ärztin; am Ende erweist sie sich als machtbesessen, skrupellos und wahnsinnig. Durch Intrige und Manipulation gelangt Möbius’ gefährliches Wissen gerade in ihre Hände. Damit bildet sie den zentralen grotesken Gegensatz des Stücks: Die angeblich Verrückten handeln planvoll, während die Ärztin tatsächlich wahnsinnig ist.
Inspektor Voß vertritt den Staat. Anfangs möchte er Gerechtigkeit herstellen, scheitert aber an der Ordnung der Klinik. Im zweiten Akt passt er sich dieser Ordnung an und entzieht sich seiner Verantwortung. Schwester Monika ist eine enthusiastische, einfühlsame, aber naive Pflegerin. Ihre Zukunftspläne berücksichtigen Möbius’ Warnungen und Wünsche kaum; ihre Liebe enthält daher auch egoistische Züge. Ihr Tod zeigt zugleich, wie weit Möbius für seine Vorstellung wissenschaftlicher Verantwortung geht.
Deutung, Aufbau und Dramentheorie
Die zentrale Frage lautet, wer für gefährliches Wissen verantwortlich ist. Kilton erklärt die Allgemeinheit für zuständig, Eisler die politische Führung, und Möbius versucht, das Problem allein durch Geheimhaltung zu lösen. Alle drei Ansätze scheitern. Das Drama betont deshalb: Wissenschaftliche Erkenntnisse können in falsche Hände geraten, und ein Problem, das alle betrifft, kann nicht von einem Einzelnen gelöst werden. Der „Weltraumfahrerpsalm“ unterstreicht, dass die Erde der einzige Lebensraum der Menschen ist und durch wissenschaftliche Technik nicht gefährdet werden darf.
Der Aufbau unterstützt diese Aussage. Das Stück besteht aus zwei Akten; der zweite kehrt den ersten um. Wiederkehrende Vorgänge wie die Untersuchung eines Mordes, das Fotografieren des Tatorts sowie die Motive des Rauchens und Trinkens erscheinen unter veränderten Vorzeichen. Voß gibt seinen Widerstand auf, von Zahnds fürsorgliche Fassade zerfällt, und die angeblich kranken Physiker enthüllen ihre vernünftigen Absichten. Vertreter von Bildungsbürgertum, Kirche und Staat – Frau Rose, Missionar Rose und Voß – entziehen sich jeweils der Verantwortung.
Dürrenmatts Dramentheorie erklärt die Handlung als paradox, also scheinbar widersprüchlich, aber nicht sinnlos. Eine Geschichte sei erst zu Ende gedacht, wenn sie ihre „schlimmstmögliche Wendung“ genommen habe. Diese Wendung sei nicht vorhersehbar, sondern trete durch Zufall ein. Je planmäßiger Menschen handelten, desto härter könne der Zufall sie treffen, indem sie genau das Gegenteil ihres Ziels erreichten. Möbius will sein Wissen sichern und ermöglicht durch seinen Aufenthalt bei von Zahnd gerade dessen Missbrauch.
Die „21 Punkte zu den Physikern“ halten außerdem fest, dass ein Drama über Physiker nicht den Inhalt der Physik, sondern ihre Auswirkungen behandeln müsse: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen.“ Daraus folgt: „Was alle angeht, können nur alle lösen“, und jeder individuelle Lösungsversuch muss scheitern. Die Komödie zwingt das Publikum nicht zu einer Lösung, setzt es aber durch die groteske Katastrophe der Wirklichkeit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung aus.
Das Stück wurde bereits bei seiner Uraufführung ein Erfolg und war 1962/63 mit 1598 Aufführungen das meistgespielte Stück an deutschsprachigen Bühnen. Es wurde unter anderem als Hörspiel, Fernsehspiel, Oper und Comic adaptiert.
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