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Der Verdacht (Dürrenmatt)
Der Verdacht ist ein Roman von Friedrich Dürrenmatt. Der Text erschien erstmals von September 1951 bis Februar 1952 als Fortsetzungsgeschichte in der …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Ausgangslage
Der Verdacht ist ein Kriminalroman von Friedrich Dürrenmatt und die Fortsetzung von Der Richter und sein Henker. Die Handlung spielt um den Jahreswechsel 1948/1949. Im Mittelpunkt steht Kommissär Hans Bärlach, der am Ende seiner Polizeikarriere steht und an Krebs leidet.
Bärlach erholt sich nach einer Operation im Krankenhaus Salem. Dort bemerkt er, dass sein Freund, der Arzt Samuel Hungertobel, beim Anblick eines Fotos in der Zeitschrift Life erschrickt. Das Foto zeigt angeblich den deutschen Arzt Nehle. Dieser soll im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig grausame Operationen an Häftlingen ohne Narkose durchgeführt und sich 1945 umgebracht haben.
Hungertobel erkennt in Nehle eine große Ähnlichkeit mit seinem früheren Studienkollegen Fritz Emmenberger. Dieser soll während des Zweiten Weltkriegs in Chile gewesen sein und führt nun die Privatklinik Sonnenstein bei Zürich. Bärlach entwickelt deshalb den Verdacht, dass Nehle und Emmenberger ihre Rollen getauscht haben oder sogar dieselbe Person sind.
Bärlachs Ermittlungen
Bärlach überprüft Interpol-Dokumente sowie medizinische Artikel, die unter den Namen Nehle und Emmenberger veröffentlicht wurden. Bei seinen Nachforschungen wird deutlich, dass Emmenberger möglicherweise unter dem Namen Nehle die Verbrechen im Konzentrationslager begangen hat, nach dem Krieg in die Schweiz zurückkehrte und dort unbehelligt als angesehener Arzt weiterarbeitete.
Ein wichtiger Zeuge ist Gulliver, ein jüdischer Bekannter Bärlachs und ehemaliges Opfer des Arztes im Konzentrationslager Stutthof. Gulliver berichtet bei einem Besuch im Krankenzimmer von seinen Erlebnissen. Nach diesem Gespräch hält Bärlach den Verdacht gegen Emmenberger für besonders wahrscheinlich.
Bärlach lässt seine Vermutung durch den Journalisten Fortschig in dessen Zeitung Apfelschuss veröffentlichen. Anschließend begibt er sich unter dem falschen Namen Kramer als Patient in Emmenbergers Klinik Sonnenstein. Er hofft, Emmenberger dadurch psychisch unter Druck zu setzen, bis dieser sich selbst verrät.
Die Konfrontation in Sonnenstein
Emmenberger erweist sich tatsächlich als der gesuchte Täter. Bärlachs Plan scheitert jedoch. Wegen seiner Krankheit und körperlichen Schwäche verliert Bärlach, der in der Klinik gefangen ist, die Kontrolle über die Situation. Emmenberger ist völlig skrupellos und lässt sich durch Bärlachs Ermittlungen nicht beeindrucken. Außerdem wird er von absolut ergebenen Mitarbeitern unterstützt.
Bärlach erfährt, dass Emmenberger Fortschig töten ließ und auch ihn selbst durch eine grausame Operation beseitigen will. Im letzten Moment greift Gulliver ein und tötet Emmenberger. Mit Gullivers Hilfe kann Bärlach aus der Klinik Sonnenstein entkommen. Sein Freund Hungertobel bringt ihn zurück nach Bern.
Gerechtigkeit und Grenzen des Detektivs
Der Roman endet nicht mit einer polizeilichen Festnahme oder einer gerichtlichen Verurteilung des Täters. Emmenberger bleibt durch die regulären kriminalistischen und juristischen Methoden bis zuletzt unangetastet. Bärlachs Konfrontation mit ihm wird zum Fiasko, weil Emmenberger die Schachzüge des Kommissärs vorausgesehen hat.
Damit ist nicht nur die Überführung des Täters das Thema, sondern vor allem die Herstellung von Gerechtigkeit. Gulliver kritisiert die überkommene Vorstellung, ein scharfsinniger Detektiv könne das Böse allein besiegen. Die Zeit habe den klassischen Detektiv angesichts der Verbrechen der Gegenwart „ad absurdum“ geführt. Die Rettung Bärlachs durch Gulliver erscheint als „Deus ex Machina“, also als überraschendes Eingreifen von außen. Gulliver wird dabei als „unmöglicher Racheengel“ bezeichnet.
Ein wiederkehrendes Motiv in Dürrenmatts Kriminalromanen ist das „unentdeckte Verbrechen“. Gemeint sind Handlungen, die bei Kenntnis aller Umstände eindeutig verbrecherisch wären, deren entscheidende Fakten der Justiz aber nicht bekannt werden. Emmenberger behandelt in seiner Privatklinik vorwiegend sterbenskranke Millionäre. Diese erdulden die Torturen, weil sie auf eine nur minimal verlängerte Lebenszeit hoffen.
Die kostspielige und angesehene Fassade der Klinik verwandelt den Sadismus des ehemaligen KZ-Arztes scheinbar in die Wohltaten eines Starmediziners. Die Klinik wird dadurch als „mitten im braven Zürich“ liegende „Hölle der Reichen“ beschrieben. Gerade diese professionelle Fassade verhindert eine juristische Verfolgung.
Der Roman stellt außerdem die philosophische Frage, was Menschen daran hindert, Böses zu tun, wenn sie an keine höhere Macht glauben. Emmenberger glaubt ausschließlich an wissenschaftlich greifbare Dinge: an die Materie, die zugleich Kraft und Masse ist. Aus diesem materialistisch-nihilistischen Denken leitet er eine grenzenlose Freiheit ab, die keine Verpflichtung kennt, außer das zu tun, was er selbst will. Bärlach, der als Christ zwar kriminalistisch scharfsinnig, philosophisch aber eher schlicht erscheint, kann dieser Haltung zunächst nichts entgegensetzen.
Entstehung und Einordnung
Der Verdacht entstand als Auftragsarbeit für den Schweizerischen Beobachter. Angeblich bot der Verleger Dürrenmatt das doppelte Honorar für den Fortsetzungsroman an, wenn Kommissär Bärlach am Ende des ersten Bandes nicht starb, wie Dürrenmatt es ursprünglich vorgesehen hatte.
Der Roman entstand in Ligerz und in einem Berner Krankenhaus unter großem Zeitdruck, nahezu parallel zu seiner Veröffentlichung. Er erschien erstmals von September 1951 bis Februar 1952 als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Der Schweizerische Beobachter.
Die Kriminalromane Dürrenmatts folgen grundsätzlich dem klassischen Schema, gehen aber durch Ironie, Zynismus sowie gesellschaftskritische und philosophische Ansätze über das im Krimigenre Übliche hinaus.
Adaptionen und Ausgaben
1972 produzierte das italienische Fernsehen eine Adaption mit dem Originaltitel Il sospetto. Das Drehbuch schrieb Diego Fabbri, Regie führte Daniele D’Anza; Kommissär Bärlach wurde von Paolo Stoppa gespielt.
Die Originalausgabe erschien 1953 bei Benziger in Einsiedeln. Eine gemeinsame Ausgabe von Der Richter und sein Henker und Der Verdacht erschien 1980 bei Diogenes in Zürich als Die zwei Kriminalromane um Kommissär Bärlach, ISBN 3-257-20849-9, innerhalb der Werkausgabe 16. Eine aktuelle Ausgabe des Kriminalromans erschien 1985 bei Diogenes in Zürich, ISBN 3-257-21436-7. 1993 veröffentlichte Edition Exodus in Luzern außerdem einen Comic auf der Grundlage des Romans, ISBN 3-905575-79-5.