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Freistadt Christiania

Die Freistadt Christiania (dänisch Fristad Christiania, auch Freies Christiania oder kurz Christiania) ist eine alternative Wohnsiedlung in der dänischen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundlagen und geografischer Rahmen
  2. 2. Vom Militärgelände zur Freistadt
  3. 3. Selbstverwaltung und Verhältnis zum Staat
  4. 4. Regeln, Alltag und soziale Einrichtungen
  5. 5. Cannabis und Pusher Street
  6. 6. Konflikte, Gewalt und kulturelle Kontroversen

Grundlagen und geografischer Rahmen

Die Freistadt Christiania (dänisch Fristad Christiania) ist eine alternative Wohnsiedlung in Kopenhagen, die seit dem 26. September 1971 besteht. Die dänischen Behörden betrachten sie als staatlich geduldete autonome Gemeinde. Christiania umfasst ein 34 Hektar großes Gebiet im Stadtteil Christianshavn; in den Basisdaten werden außerdem 0,07 km² Fläche und etwa 1000 Einwohner genannt.

Das Gelände liegt auf dem ehemaligen Militärgelände der Bådsmandsstrædes Kaserne und auf Teilen der historischen Wallanlagen. Es ist in 15 Gebiete gegliedert, darunter Bjørnekloen, Den Blå Karamel, Fabriksområdet, Fredens Ark, Loppebygningen, Løvehuset, Mælkebøtten, Mælkevejen, Midtdyssen, Nordområdet, Norddyssen, Prærien, Psyak, Syddyssen und Tinghuset.

Vom Militärgelände zur Freistadt

Die Wallanlagen von Christianshavn wurden ab 1617 unter Christian IV. durch Neulandgewinnung angelegt und zwischen 1682 und 1692 unter Christian V. zu einem Verteidigungsring ausgebaut. Die Kasernen beherbergten unter anderem das königliche Artillerieregiment, das Materialkommando der Armee sowie Munitionslabore und -lager. Zwischen 1967 und 1971 standen sie weitgehend leer. Teile der Anlage, darunter Pulverkammern aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sind bis heute erhalten; einige historische Gebäude wurden nach der Besetzung verändert.

Am 4. September 1971 rissen Bewohner umliegender Stadtteile die Zäune ein und nutzten das Gelände teilweise als Spielplatz. Die zunächst ungeordnete Übernahme wurde auch als Protest gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum verstanden. Am 26. September 1971 erklärte Jacob Ludvigsen Christiania für eröffnet und machte die Besetzung durch einen Zeitungsartikel bekannt.

Das Leitbild von 1971 formulierte als Ziel eine selbstregierende, wirtschaftlich selbsttragende Gesellschaft, in der jeder für das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft verantwortlich ist. Die Gemeinschaft entwickelte sich unter dem Einfluss von Hippiebewegung, Hausbesetzertum, Kollektivismus und Anarchismus. Die ursprüngliche militärische Nutzung wurde durch gemeinschaftliches Wohnen, alternative Architektur und kulturelle Aktivitäten ersetzt.

Selbstverwaltung und Verhältnis zum Staat

Die Bewohner verstehen Christiania als Freie Stadt. Die Gemeinschaft ist basisdemokratisch, anarchistisch geprägt und auf Konsens ausgerichtet. Eine eigene Polizei gibt es nicht. Versammlungen greifen bei Konflikten ein und können als Sanktion den Ausschluss aus der Gemeinschaft beschließen.

Das Plenum, das Fællesmøde, behandelt Angelegenheiten der gesamten Gemeinschaft, etwa den jährlichen Haushaltsplan, Verhandlungen mit dem dänischen Staat, die Zusammenarbeit mit Behörden und Konflikte mit der Polizei. Die Gebietssitzungen, Områdemøde, finden gewöhnlich einmal im Monat statt und beraten Probleme der 15 Gebiete.

1972 verständigten sich die Behörden darauf, die Besetzung wegen der Größe des Geländes und der Zahl von etwa 900 Bewohnern zunächst als „soziales Experiment“ zu dulden. Im Gegenzug übernahmen die Bewohner Betriebskosten wie Strom und Wasser; seit 1994 zahlen sie außerdem Steuern und Gebühren für Wasser, Strom, Müllentsorgung und weitere Nebenkosten. Es gibt weder Mietverträge noch Hauseigentum.

Gerichte bestätigten den staatlichen Anspruch auf Räumung und die Beendigung der Selbstständigkeit: Das Østre Landsret entschied am 26. Mai 2009 zugunsten der Regierung, im Februar 2011 bestätigte der Højesteret diese Entscheidung. Am 30. April 2011 stimmten die Bewohner dennoch dem Kaufangebot des Staates über Grundstücke und Gebäude für 150 Millionen Kronen beziehungsweise 20 Millionen Euro zu. Zum 1. Juli 2012 wurde ein Teil Christianias für eine einmalige Zahlung von 85,4 Millionen Kronen und eine jährliche Miete von 5,3 Millionen Kronen an eine Stiftung der Christianiter übertragen. Zur Finanzierung war zuvor eine „Volksaktie“ ausgegeben worden, durch die bis Ende Februar 2012 etwa 900.000 Euro zusammenkamen.

Regeln, Alltag und soziale Einrichtungen

Christiania hat eigene Regeln, die neben den allgemeinen dänischen Gesetzen gelten. Verboten sind insbesondere Diebstahl beziehungsweise der Handel mit Diebesgut, Gewalt, Waffen, harte Drogen, kugelsichere Kleidung, Abzeichen von Motorrad-Banden, Böller sowie Autos und Motorräder. Autos sind grundsätzlich nur für den Warentransport zugelassen; seit 2008 ist an der Einfahrt neben der Grauen Halle nur noch Güterverkehr erlaubt. Wegen des Autoverbots spielen Lastenräder eine wichtige Rolle im innerstädtischen Transport; Modelle unter dem Namen Christiania sind weltweit verbreitet.

Im Laufe der Zeit entstanden soziale Dienste wie Straßenreinigung, eine eigene Post, Kindergärten, Schulfreizeitangebote und ein Bade- beziehungsweise Gesundheitshaus. Meditation und Yoga waren von Anfang an verbreitet. Die Theatergruppe Solvognen veranstaltete neben Aufführungen auch Aktionen in Kopenhagen und Schweden.

Christiania schottet sich nicht vollständig ab: Viele Bewohner arbeiten außerhalb, zahlen Steuern an den dänischen Staat und zusätzlich einen Beitrag an die eigene Verwaltung. Zugleich ist das Leben stärker konsumorientiert als zu Beginn der Hippiebewegung. Es gibt eine eigene Währung namens LØN („Lohn“); die Münzen haben einen Wert von 50 dänischen Kronen. Die individualistische Architektur und die ungewöhnliche Stadtanlage gelten als Ausdruck der alternativen Lebensform. Die Flagge ist ein rotes Banner mit drei gelben Punkten, die die i-Punkte des Namens Christiania darstellen; zusätzlich werden die Punkte mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ oder „Frieden, Liebe und Harmonie“ gedeutet.

Cannabis und Pusher Street

Christiania war jahrzehntelang für die Pusher Street bekannt, in der Cannabis an Verkaufsständen öffentlich angeboten wurde. Der Handel war innerhalb der Gemeinschaft umstritten, konnte nach dem Konsensprinzip aber nur durch einstimmigen Beschluss des Fællesmøde beendet werden. Der Konsum sogenannter weicher Drogen wie Cannabis wurde von der dänischen Regierung über mehr als 30 Jahre toleriert, blieb rechtlich jedoch illegal. 2015 betrug die Geldstrafe für unerlaubten Besitz 2000 Kronen; bei 10 Gramm wurden 3000 Kronen beziehungsweise 400 Euro genannt.

Nach Forderungen der Regierung, den Verkauf weniger sichtbar zu machen, verhüllten Händler ihre Stände 2002 satirisch mit Tarnmustern. Am 4. Januar 2004 rissen sie die Stände vor einer angekündigten Polizeiaktion selbst ab. In den folgenden Wochen nahm die Polizei mehr als 20 Personen fest. Bei Razzien wurden unter anderem 400.000 Euro und 200 Kilogramm Cannabis beschlagnahmt; Ende 2017 stellten Behörden bei einer dreitägigen Aktion etwa 30 Kilogramm Haschisch, 10.000 Joints und weitere Drogen sicher. In der Nähe der Pusher Street gilt ein Fotografierverbot.

Nach einer tödlichen Schießerei am 26. August 2023 mit einem Toten und vier Verletzten beschloss das Fællesmøde am 27. August 2023 einstimmig die Schließung des Drogenhandels im „Green Light District“. Im April 2024 entfernten die Bewohner gemeinsam mit der Stadt die Pflastersteine und rissen die Pusher Street damit ab. Der Artikel berichtet zugleich, dass Cannabisverkauf zuvor trotz offizieller Aktionen zeitweise im Verborgenen weiterging.

Konflikte, Gewalt und kulturelle Kontroversen

Seit 2000 kam es im Zusammenhang mit staatlichen Eingliederungs- und Bauplänen wiederholt zu Konflikten. 2004 wurde ein Journalist, der für eine Satiresendung eine Hütte ohne Genehmigung errichtete, von Bewohnern zum Verlassen des Geländes aufgefordert; andere erklärten ihm friedlich, dass das Plenum über Baugenehmigungen entscheidet. Am 14. Mai 2007 lösten der Abriss des Gebäuderests „Cigarkassen“ und die Begleitung durch die Polizei schwere Unruhen aus. Es gab Barrikaden, Sachbeschädigungen, Stein- und Feuerwerkskörperwürfe, den Einsatz von Tränengas und mehr als 50 Festnahmen.

Am 29. Oktober 2008 führte die Räumung des zweiten Stockwerks von „Vadestedet“ zu einem eintägigen Aufruhr und einer halbstündigen Brückenblockade. Am 23. April 2009 wurde das Café Nemoland mit einer Handgranate angegriffen; fünf Menschen wurden verletzt. Am 14. Dezember 2009 kam es am Rand der Siedlung während der UN-Klimakonferenz zu Krawallen. Die Polizei nahm auf dem Gelände etwa 150 bis 200 Personen fest; nach anderen Angaben waren es 210.

Am 24. April 2005 töteten maskierte Männer bei einem Angriff im Zusammenhang mit einem Streit um den Cannabismarkt einen 26-jährigen Bewohner und verletzten drei weitere. Am 31. August 2016 schoss ein mutmaßlicher Drogenhändler bei seiner Festnahme auf zwei Zivilpolizisten und einen Passanten. Ein Polizist wurde am Kopf, der andere am Bein getroffen; der Täter starb später an Schussverletzungen. Ein behaupteter Zusammenhang mit dem Islamischen Staat wurde von Polizei und Experten bezweifelt.

Zu den autonomen Einrichtungen gehört das Bøssehuset, seit den 1970er Jahren ein Zentrum der Schwulenbewegung mit Partys und Varietéshows. Die Gruppe Dunst führte dort ab 2002 Workshops und Veranstaltungen durch, wurde aber nach neun Monaten zum Verlassen Christianias aufgefordert. Trotz der Konflikte bleibt Christiania eine bedeutende Touristenattraktion und ein international bekanntes Symbol für einen progressiven, freien Lebensstil.

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