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Freinet-Pädagogik

Schüler und Lehrer haben im bestimmenden Gremium, dem Klassenrat, jeder eine Stimme. Der Klassenrat selbst wurde zwar von Barthélemy Profit entwickelt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Geschichtlicher Hintergrund
  3. 3. Organisation des Unterrichts
  4. 4. Vier Grundsätze
  5. 5. Wichtige Techniken
  6. 6. Wissenschaft und Verbreitung

Kernidee und Bedeutung

Die Freinet-Pädagogik ist ein reformpädagogisches Konzept, das seit etwa 1920 von Célestin Freinet (1896-1966) und Élise Freinet (1898-1983) in Frankreich entwickelt wurde. Sie verbindet viele Elemente der Reformpädagogik zu einem einheitlichen Ansatz. Ziel ist ein Unterricht, in dem Kinder möglichst selbstständig arbeiten, eigene Interessen einbringen, Verantwortung übernehmen und demokratisches Zusammenleben praktisch lernen.

Wichtig ist dabei die Organisation der Klasse als Kooperative oder Genossenschaft. Eine Kooperative ist hier eine Lerngemeinschaft, die sich in vielen Fragen selbst verwaltet. Lehrkräfte geben nicht einfach alles vor, sondern begleiten die Arbeit. Schülerinnen und Schüler entscheiden weitgehend mit, was sie lernen, mit wem sie zusammenarbeiten und wie viel Zeit sie für Aufgaben brauchen. Ihre Ergebnisse stellen sie der Klasse vor.

Die Freinet-Pädagogik ist heute in vielen Ländern verbreitet. In Vence gründeten die Freinets eine Schule, die seit 1934 nach diesem Ansatz unterrichtet. Sie hieß damals École Moderne und heißt heute École Freinet.

Geschichtlicher Hintergrund

Célestin Freinet gründete 1924 die Bewegung Coopérative de l’enseignement laic nach dem Motto: Lehrer helfen Lehrern. In solchen Kooperativen wurden vor allem Unterrichtsmaterialien hergestellt, mit denen Schülerinnen und Schüler selbstständig an Themen arbeiten konnten. Auch Texte von Schülerinnen und Schülern wurden in diesen Materialien verwendet.

Freinet suchte in der Reformpädagogik Lösungen für eine von ihm gewünschte sozialistische Gesellschaft. Zugleich wurde später diskutiert, ob sein Selbstverständnis als Lehrer eher pädagogisch oder politisch zu verstehen sei. In den 1990er Jahren wurde diese Gegensetzung durch einen neuen Zugang zurückgestellt: Freinets Selbstverständnis wird als laizistisch beschrieben. Laizität bedeutet bei Freinet nicht nur konfessionelle Neutralität der Schule, also die Befreiung von einer als unterdrückend erlebten Religion, sondern allgemeiner die Befreiung von unterdrückenden Bedingungen. Dazu gehören der Abbau von Herrschaft und die Aufarbeitung eigener und soziokulturell geprägter Erfahrungen.

Obwohl Freinet bis in die 1940er Jahre Mitglied der kommunistischen Partei war und dem Sozialismus sowie der Gewerkschaftsbewegung nahestand, lehnte er den direkten Einzug der Politik in die Schule ab. Dazu passt sein Satz: Wir sind Pädagogen und keine Politiker.

Organisation des Unterrichts

In der Freinet-Pädagogik wird lehrergelenkter Unterricht durch selbstbestimmten Schülerunterricht ersetzt. Die Klasse ist als Kooperative eingerichtet. Das wichtigste Gremium ist der Klassenrat. Dort haben Schülerinnen, Schüler und Lehrkraft jeweils eine Stimme. Der Klassenrat wurde zwar von Barthélemy Profit entwickelt, Freinet ging aber darüber hinaus, indem er die gesamte Klasse als Kooperative organisierte.

Selbstständiges Arbeiten, Exkursionen und Erkundungen ersetzen weitgehend den lehrerzentrierten Unterricht. Weil verschiedene Kinder an verschiedenen Themen arbeiten, verändert sich auch das Klassenzimmer: Es entstehen Arbeitsecken oder Ateliers, also themenorientierte Bereiche für unterschiedliche Tätigkeiten.

Eine besondere Rolle spielte die Schuldruckerei. Oft waren das einfache Pressen mit Bleilettern. Damit konnten Schülerinnen und Schüler eigene Texte setzen und daraus Klassenzeitungen oder Bücher herstellen. Außerdem fördert die Freinet-Pädagogik Korrespondenz zwischen Klassen. Dabei tauschen Klassen Bücher, Zeitungen, Dokumente, Arbeitsergebnisse und Ideen aus. Auch Lehrkräfte tauschen sich auf diese Weise aus. Anfragen von Korrespondenzklassen werden beantwortet.

Vier Grundsätze

Die Freinet-Pädagogik nennt vier zentrale Grundsätze. Damit sie umgesetzt werden können, sind Freinet-Klassen als Kooperativen organisiert, die sich in allen Belangen selbst verwalten.

Der erste Grundsatz ist die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Sie soll durch gemeinsames Schreiben, Gestalten und Musizieren unterstützt werden. Schülerinnen und Schüler begegnen einander dabei offen und entwickeln ihre Persönlichkeit. Wichtige Methoden sind Schuldruckerei, Klassenkorrespondenz, Tanz, Theater und plastisches Gestalten. Klassenkorrespondenz verbindet Lesen und Schreiben mit realer Kommunikation.

Der zweite Grundsatz ist die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelt. Ausgangspunkt sind Bedürfnisse, Lebenswelt und Interessen der Schülerinnen und Schüler. Gelernt wird durch Untersuchungen, Experimente und Exkursionen. Die Kinder sollen an der Realität lernen. Das gedruckte Wort soll entmystifiziert werden, also nicht als unantastbare Autorität erscheinen. Theorie und Praxis sollen eine Einheit bilden. Die Klassenzeitung wertet die Arbeit der Schülerinnen und Schüler auf, weil Ergebnisse sichtbar präsentiert werden.

Der dritte Grundsatz ist die Selbstverantwortlichkeit des Kindes. In der Freien Arbeit bestimmt das Kind selbst über seine Arbeit und folgt seinem persönlichen Rhythmus. Hilfsmittel wie eine Arbeitsbibliothek stehen zur Verfügung. Bei der Selbstbeurteilung schätzen Schülerinnen und Schüler ihre eigene Arbeit ein und ziehen Bilanz. Dadurch entwickeln sie die Fähigkeit zur kritischen Selbstbeurteilung. Es entstehen individuelle Tagespläne, und Fortschritte werden in Lerntagebüchern festgehalten. Auch Lehrkräfte sollen das Geschehen im eigenen Unterricht reflektieren.

Der vierte Grundsatz ist Zusammenarbeit und gegenseitige Verantwortlichkeit. Im Klassenrat oder in der Klassenversammlung werden Vorschläge zur Arbeit und ihrer Organisation besprochen. Außerdem sucht die Klasse Lösungen für Probleme und Konflikte. Schülerinnen und Schüler lernen, warum Regeln notwendig sind. Weil sie selbst an den Regeln mitarbeiten, verstehen sie diese besser. So soll zugleich ein Grundstein für Demokratisierung gelegt werden.

Wichtige Techniken

Die Freinet-Pädagogik wird häufig sofort mit der Schuldruckerei verbunden. Der Artikel betont aber, dass sie nur ein Teilaspekt ist und im Zeitalter des Computers stärker in den Hintergrund tritt.

Zu den wichtigsten Techniken gehören die Schuldruckerei, die Dokumentation von Arbeit, der freie schriftliche Ausdruck und die Herstellung einer Klassenzeitung. Die Druckerei trägt außerdem dazu bei, das gedruckte Wort zu entmystifizieren.

Weitere wichtige Methoden sind Korrespondenz, Freie Arbeit, Klassenrat, Arbeitsecken sowie Erkundungen und Exkursionen außerhalb des Klassenzimmers. Im Klassenrat werden Ämter für die Aufgaben der Klassenkooperative verteilt und gemeinsame Arbeitspläne für die ganze Klasse, Gruppen oder einzelne Schülerinnen und Schüler erarbeitet.

Wissenschaft und Verbreitung

Freinet begründete seine Pädagogik erst spät theoretisch-systematisch und wissenschaftlich. Er entwickelte seine Grundsätze und Techniken aus der Praxis, indem er vorhandene Ideen für seinen Unterricht aufgriff und sie im Sinne einer laizistischen Pädagogik in ein eigenes Konzept einfügte. Sein Schulkonzept entstand aus seiner eigenen Unterrichtspraxis und aus Ansätzen der Reformpädagoginnen und Reformpädagogen der 1920er Jahre.

Zur akademischen Pädagogik hatte Freinet zeitlebens ein kritisches Verhältnis. Auch die stärker praxisorientierte Erziehungswissenschaft hat Probleme mit der Freinet-Pädagogik, vor allem wegen ihrer strengen Praxisorientierung. Trotzdem wird Freinets Reformpädagogik in Lehrveranstaltungen an Hochschulen behandelt. Der Artikel sieht eine Ideengeschichte, die in den Traditionen der laizistischen französischen Schule wurzelt.

Verbreitet hat sich die Freinet-Pädagogik besonders im romanischen Sprachraum. Durch regelmäßige Seminare und Treffen wird versucht, sie weiterzugeben. In Deutschland wurde sie zunächst nur vereinzelt wahrgenommen, ist inzwischen aber auch im deutschen Sprachraum verbreitet. Die frühere Ablehnung durch deutsche Pädagogen wird unter anderem damit erklärt, dass Freinet ein sozialistischer Franzose war, gegen den es in der Weimarer Republik und teilweise noch in der frühen Bundesrepublik Deutschland Vorbehalte gab.

Der deutsche Verband der Freinet-Lehrer, die Freinet-Kooperative, gehört inzwischen zu den größten Gliederungen der internationalen Freinet-Bewegung FIMEM. Auf dem Freinet-Kongress 2004 in Deutschland waren etwa 250 Lehrer aus 35 Nationen anwesend. In Deutschland finden Freinet-Treffen oft als Fortbildungsveranstaltungen von Lehrern für Lehrer statt. Auch in Österreich und der Schweiz gibt es zahlreiche Freinet-Pädagogen. In Belgien werden Freinet-Schulen staatlich gefördert. Alle zwei Jahre findet ein internationaler Freinet-Kongress statt, auf Französisch Rencontre Internationale des Enseignants Freinet, RIDEF. Auch in osteuropäischen Ländern, Lateinamerika und Japan gibt es Freinet-Gruppen.

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