Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Freie Tonalität
Freie Tonalität bezeichnet eine Tonalität, die sich nicht an das System der Dur-Moll-Tonalität gebunden fühlt, andererseits noch nicht als rein atonal …
Inhalt4 Abschnitte
Begriff und Einordnung
Freie Tonalität bezeichnet Musik, die nicht mehr an das System der Dur-Moll-Tonalität gebunden ist, aber auch noch nicht als rein atonal gilt. Dur-Moll-Tonalität ordnet Klänge einer Dur- oder Molltonart und ihren harmonischen Funktionen zu. Bei freier Tonalität werden solche Bindungen weitgehend gelöst, ohne dass jeder tonale Bezug verschwindet.
Die Übergänge von Tonalität zu völliger Atonalität sind fließend. Ende des 19. Jahrhunderts trugen Chromatik, also die Verwendung von Tönen außerhalb der jeweiligen Grundtonleiter, und immer komplexere Akkorde zur Auflösung der traditionellen Tonalität bei. Dadurch wurde es sowohl für den Höreindruck als auch bei der Analyse einer Partitur schwieriger, Klänge als funktionsharmonische Abfolge einzuordnen.
Schönbergs Übergang zur Atonalität
Bei Arnold Schönberg bezeichnet freie Tonalität eine Übergangsphase zwischen seinen spätromantisch-tonalen Frühwerken und der ab op. 11 praktizierten freien Atonalität. Zu dieser Phase gehören die 1. Kammersymphonie und das 2. Streichquartett. Beide Werke lösten seinerzeit kontroverse Reaktionen bei Publikum und Kritik aus.
Die Werke lassen sich noch im üblichen Sinn einer Dur- oder Molltonart zuordnen. In ihrer musikalischen Struktur zeigen sie jedoch bereits eine weitgehende Loslösung von festen tonartlichen Bindungen. Schönberg entwickelte sich dabei von der herkömmlichen Tonalität über freie Tonalität und freie Atonalität zur strengen Atonalität der Zwölftonmusik.
Hindemiths tonales System
Paul Hindemith hielt im Unterschied zu Schönberg an der Tonalität fest. In seiner Unterweisung im Tonsatz stellte er ein tonales System vor, das nicht auf den traditionellen Dur- und Molltonarten beruht. Entscheidend sind dort Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der chromatischen Tonleiter.
Hindemith maß diesem System große Bedeutung bei und „verherrlichte“ es in Ludus tonalis, einem dem Wohltemperierten Klavier nachempfundenen Werk. Formal zeigt sich seine freie Tonalität in seinen Partituren daran, dass jede Vorzeichnung fehlt.
Freie Tonalität in Moderne und Jazz
Werke von Prokofjew, Schostakowitsch, Skrjabin und Ornstein werden ebenfalls an der Grenze zwischen Tonalität und Atonalität eingeordnet.
Im Jazz dient der Begriff zur Beschreibung und Analyse moderner Spielformen wie des Free Jazz. Dort kann sich die Tonalität auflösen, ohne dass reine Atonalität entsteht. Autoren betonen zugleich, dass Ansätze dieser Auflösung bereits in frühen Jazzformen wie Swing und New Orleans vorhanden sind.