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Free Jazz

Free Jazz ist einerseits ein historischer Begriff für (harmonisch) freies Improvisationsspiel im Jazz seit den 1960er Jahren. Andererseits ist es ein bis …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung
  3. 3. Stilistische Merkmale
  4. 4. Herausragende Alben
  5. 5. Film

Begriff und Bedeutung

Free Jazz bezeichnet zum einen ein historisches Improvisationsspiel im Jazz, das sich seit den 1960er Jahren durch eine weitgehende harmonische Freiheit auszeichnet. Zum anderen ist Free Jazz ein bis heute wirksames Paradigma: Es eröffnet die Möglichkeit, immer neue Formen im Jazz und darüber hinaus, etwa in der Intuitiven Musik, frei zu entwickeln.

Der Begriff darf nicht mit völliger Regellosigkeit gleichgesetzt werden. Neben dem Free Form Jazz, bei dem die Form weitgehend frei entsteht, gibt es Improvisationen auf Grundlage von Kompositionen oder kompositionsähnlichen Absprachen über bestimmte Strukturen. Freiheit bezieht sich daher vor allem auf die herkömmlichen Spielhaltungen des Jazz, wird aber je nach Gruppe und Stück unterschiedlich umgesetzt.

Entwicklung

Der Name geht auf Ornette Colemans Schallplatte Free Jazz zurück, die er 1960 mit einem Doppelquartett unter anderem mit Don Cherry, Eric Dolphy und Charlie Haden aufnahm. Die Entwicklung begann in den USA und setzte wenig später auch in Europa ein. Zu den wegweisenden Vertreterinnen und Vertretern des frühen freien Jazz zählen John Coltrane, Eric Dolphy, Ornette Coleman, Sun Ra, Albert Ayler, Pharoah Sanders, Anthony Braxton, Roscoe Mitchell, Cecil Taylor, Alice Coltrane, Jeanne Lee, Sonny Sharrock und Rashied Ali.

Bereits seit Ende der 1950er Jahre experimentierten junge afroamerikanische und europäische Jazzmusiker mit neuen Klängen. Sie erweiterten das musikalische Material durch den Übergang in den Bereich der freien Tonalität, durch die Aufgabe der Funktionsharmonik und durch dissonante, also spannungsgeladene Akkorde. Vorbereitet war diese Entwicklung seit 1941 durch die Tristanoschule sowie durch George Russell, Paul Bley, Charles Mingus, Jaki Byard, Jackie McLean und Jimmy Giuffres kammermusikalische Experimente.

Die Musik der frühen 1960er Jahre wurde auch „Jazz der Avantgarde“ oder „The New Thing“ genannt. Ihre Wirkung beruhte nicht nur auf der harmonischen Freiheit, sondern auch auf neuartigen Spieltechniken und ungewöhnlichen Klang- und Geräuscheffekten. Dazu gehörten extrem hohe, schrille, „schreiende“, „pfeifende“, „quäkende“ oder „grunzende“ Töne. Außerdem wurde eine für frühere Jazzstile ungewöhnliche Intensität betont. Powerplay und eine ekstatische Spielweise erhielten dadurch eine zentrale Bedeutung.

Das Publikum reagierte überwiegend ablehnend, weil es diese Musik als Zumutung empfand. Die Musiker verstanden sie zugleich als Herausforderung und als Protest der jungen Generation gegen Rassendiskriminierung, soziale Ungerechtigkeit und überholte Konventionen.

Seit Mitte der 1960er Jahre entwickelte sich unabhängig von den Vorläufern ein eigenständiger europäischer Free Jazz. Zu den beteiligten Musikern gehörten unter anderem Derek Bailey, Willem Breuker, Peter Brötzmann, Gunter Hampel, Peter Kowald, Joachim Kühn, Maggie Nicols, Evan Parker, Friedhelm Schönfeld, Manfred Schulze, Irène Schweizer, John Stevens, Dick van der Capellen und Keith Tippett. Joe Harriott hatte bereits 1960 einen eigenständigen Zugang entwickelt.

Aus dem europäischen Free Jazz der 1960er Jahre entstanden bis heute vielfältige Spielformen. Musiker der zweiten und dritten Generation wie Joëlle Léandre, Thomas Lehn und Tony Buck stehen teilweise stärker in der europäischen Musiktradition. Theo Jörgensmann, Mats Gustafsson, Axel Dörner und Christopher Dell integrieren dagegen vermehrt Jazzelemente. Dieser Entwicklungsprozess ist noch nicht abgeschlossen.

Stilistische Merkmale

Seit den 1960er Jahren wurde der Free Jazz zunehmend heterogen. Deshalb ist eine einfache stilistische Typologie nur eingeschränkt möglich. Der frühe Free Jazz orientierte sich noch an melodischen, harmonischen und rhythmischen Grundmustern der Jazztradition; auch die Besetzung entsprach zunächst meist der typischen Bebop-Combo. Die folgenden Merkmale gelten daher nicht für alle Gruppen und Tonträger:

  • Die harmonische Tonalität wird aufgehoben. Vereinzelt werden auch Zwölftonmusik oder serielle Tonreihen verwendet, vor allem aber freie Atonalität.
  • Die Rhythmik wird frei. Freie Rhythmik wurde erst durch die Innovationen von Sunny Murray zu einem Stilmerkmal.
  • Der Free Jazz nimmt Einflüsse aus verschiedenen Stilrichtungen auf, nach Joachim Ernst Berendt vor allem aus der Weltmusik.
  • Die Trennung zwischen Klang und Geräusch wird aufgehoben.
  • Solo- und Begleitungspart werden nicht mehr klar getrennt. Die Musiker kommunizieren miteinander und entwickeln dadurch ihre Stücke.
  • Das für den Jazz typische Leadsheet, also die herkömmliche Vorlage für ein Stück, existiert im Free Jazz zunehmend nicht mehr.

Auch allgemein lässt sich Jazz häufig nur schwer in klar voneinander getrennte Stilistiken einteilen. Besonders der Übergang zwischen Free Jazz und frei improvisierter Musik ist bisher kaum eindeutig bestimmbar.

Herausragende Alben

Als herausragende Alben des Free Jazz der 1960er und 1970er Jahre werden genannt:

  • Albert Ayler: Spiritual Unity (1965)
  • Art Ensemble of Chicago: A Jackson in Your House (1969)
  • Anthony Braxton: Town Hall (1972)
  • Peter Brötzmann: Machine Gun (1968)
  • Derek Bailey, Barry Guy, Paul Rutherford: Iskra 1903 (1972)
  • John Coltrane: Ascension (1965)
  • Ornette Coleman: Free Jazz: A Collective Improvisation (1961)
  • Don Cherry: Mu (1&2) (1969)
  • Jimmy Giuffre: Free Fall (1963)
  • Gunter Hampel: Heartplants (1964)
  • Tony Oxley: 4 Compositions for Sextett (1970)
  • Michel Portal: Alors (1970)
  • Sam Rivers: Crystals (1974)
  • Manfred Schoof: Voices (1966)
  • Alexander von Schlippenbach: Globe Unity (1966)
  • Archie Shepp: Mama Too Tight (1966)
  • Alan Silva & The Celestrial Communications Orchestra: Seasons (1971)
  • Spontaneous Music Ensemble: Oliv (1969)
  • Tomasz Stańko: Music for K (1970)
  • John Surman: The Trio (1970)
  • Cecil Taylor: Conquistador (1966)
  • Synopsis: Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil (1974)
  • Attila Zoller: The Horizon Beyond (1965)

Film

Der Dokumentarfilm Fire Music von Tom Surgal aus dem Jahr 2021 behandelt den Free Jazz.

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