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Pierre Bayle
NAME, Bayle, Pierre ; KURZBESCHREIBUNG, französischer Philosoph und Schriftsteller ; GEBURTSDATUM, 18. November 1647 ; GEBURTSORT, Le Carla, heute: Carla-Bayle, …
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Bedeutung und Grundideen
Pierre Bayle (* 18. November 1647 in Le Carla, heute Carla-Bayle; † 28. Dezember 1706 in Rotterdam) war ein französischer Schriftsteller und Philosoph. Zusammen mit Bernard le Bovier de Fontenelle gilt er als zentrale Figur der Aufklärung. Sein wichtigstes Werk ist das Dictionnaire historique et critique von 1697.
Bayle steht für eine kritisch-rationale Denkweise: Wissen soll ständig überprüft werden, überlieferte Tatsachen sollen nicht einfach übernommen werden, und Glaube, Meinung und Wissen müssen streng unterschieden werden. Besonders wichtig wurde er durch seine Forderung nach Gewissensfreiheit, auch für Andersgläubige und Atheisten. Außerdem wollte er die Bereiche von Staat und Religion voneinander abgrenzen.
Herkunft und Ausbildung
Bayle wuchs in einem evangelischen Pfarrhaus auf. Sein Vater Jean Bayle war hugenottischer Prediger; seine Mutter hieß Jeanne Bayle, geborene de Bruguière. Bayle wurde als zweiter Sohn von zwei Geschwistern geboren und lebte zunächst in einer okzitanisch geprägten Sprachumgebung.
Ab 1666 studierte er an der protestantischen Akademie von Puylaurens, der Académie de Montauban et de Puylaurens. Dort musste er seine Kenntnisse der französischen Standardsprache verbessern. 1669 wechselte er an das Jesuiten-Kolleg von Toulouse, erhielt dort ein Stipendium und konvertierte am 16. März 1669 zum Katholizismus. Nach seinem Schulabschluss im August 1670 verließ er Toulouse. 18 Monate später machte er die Konversion rückgängig und floh als relaps, also als Rückfälliger oder Renegat, ins calvinistische Genf. Ein solcher Rückfall war in Frankreich mit Sanktionen bedroht: seit 1663 mit Bußgeld, seit 1665 mit Verbannung und seit 1669 sogar mit Enteignung des Besitzes.
Lehrtätigkeit und Exil
In Genf arbeitete Bayle von September 1670 bis Juni 1674 als Hauslehrer und beschäftigte sich intensiv mit Philosophie, besonders mit René Descartes. Danach ging er ebenfalls als Hauslehrer nach Rouen und Paris, wo es noch größere reformierte Gemeinden gab. Diese Tätigkeiten übte er bis Juni 1681 aus.
1675 wurde Bayle Philosophieprofessor an der protestantischen Akademie Sedan in der Champagne. Als diese Akademie 1681 während der zunehmenden Einschränkung des französischen Protestantismus geschlossen wurde, ging Bayle wie viele andere calvinistische französische Intellektuelle nach Holland. Im Oktober 1681 erhielt er in Rotterdam am neu eröffneten Städtischen Gymnasium, der schola illustris, eine Professur für Philosophie und Geschichte. Auch seinem früheren Freund Pierre Jurieu verhalf er dort zu einer Professur für Theologie.
Schriften zu Kometen, Moral und Toleranz
1682 veröffentlichte Bayle sein erstes Buch, Lettre sur la comète de 1680. Es erschien 1683 erweitert als Pensées diverses sur la comète de 1680. Darin widerlegte Bayle abergläubische Vorstellungen über Kometen und vertrat die Idee, dass Wissen ständig kritisch geprüft werden müsse. Zugleich entwickelte er Grundlagen einer nicht religiös bestimmten Moral oder Ethik. Gegen die damals verbreitete Meinung meinte er, ein Atheist müsse nicht zwangsläufig sittenlos sein oder unmoralisch handeln.
Von 1684 bis 1687 gab Bayle mit Hilfe des Druckers Henri Desbordes die Zeitschrift Nouvelles de la République des Lettres heraus und schrieb selbst wichtige Beiträge. Die Zeitschrift richtete sich an ein über Europa verstreutes, gebildetes Publikum, das Französisch als Sprache von Literatur, Philosophie und Wissenschaft beherrschte. Bayle verkörperte damit einen neuen Typ des Wissenschaftsorganisators und Journalisten, für den Kommunikation selbst zum Beruf wurde.
Als Ludwig XIV. am 17. Oktober 1685 das von Heinrich IV. erlassene Toleranzedikt, das Édit de Nantes, aufhob, flohen über 200.000 Protestanten aus Frankreich. Bayle reagierte mit zwei kritischen Schriften: Ce que c'est que la France toute catholique sous le règne de Louis le Grand von 1686 und Commentaire philosophique sur ces paroles de Jésus-Christ „Contrains-les d'entrer“ von 1687. Darin kritisierte er religiöse Intoleranz und die Verbindung von Staat und Kirche. Er forderte Gewissensfreiheit auch für Andersgläubige und Atheisten, nicht nur als moralisches Prinzip, sondern als Gebot der Vernunft.
Das kritische Wörterbuch
1693 verlor Bayle seine Professur und widmete sich ganz seinem Dictionnaire historique et critique. Es erschien zunächst in 2 Bänden 1695/96 beziehungsweise 1697 und später in 4 Bänden 1702. Ursprünglich sollte es eine verbesserte Version des Grand Dictionnaire historique des Jesuiten Louis Moréri sein, entwickelte sich aber zu einem neuen Typ von Nachschlagewerk.
Bayle sammelte nicht nur Wissen über historische Personen und Figuren, auch aus der Bibel, sondern prüfte dieses Wissen kritisch. Seine Methode war neu: Die eigentlichen Artikel hielt er kurz und auf Fakten beschränkt. In ausführlichen Fußnoten zitierte er Quellen und Autoritäten, oft solche, die einander widersprachen. Dadurch zwang er die Leser, scheinbar gesicherte Tatsachen zu hinterfragen und selbst zu denken und zu entscheiden.
Damit zeigte Bayle, dass Geschichtsschreibung nicht nur aus dem Sammeln und Darstellen von Fakten besteht. Schon die Fakten selbst sind problematisch; ihre kritische Rekonstruktion und Interpretation ist eine Kernaufgabe historischer Forschung. Ernst Cassirer nannte Bayle deshalb den „eigentlichen Schöpfer der historischen Akribie“. Das Lexikon erlebte bis 1760 mehr als 10 Auflagen und wurde die erste kritische, für ein gebildetes Publikum bestimmte Zusammenfassung der Erkenntnisse der frühen Aufklärung. Eine deutsche Übersetzung erschien 1741–1744 unter Leitung von Johann Christoph Gottsched in Leipzig als „Peter Baylens historisches und kritisches Wörterbuch“.
Glaube, Konflikte und Werke
Bayle unterschied aufgrund seiner skeptischen Argumente streng zwischen Glaube beziehungsweise Meinung und Wissen. Die Möglichkeit absolut wahrer Erkenntnis bestritt er, betonte aber zugleich seinen persönlichen Glauben an die letztlich unbegreifliche christliche Religion. Er erklärte, das Christentum gehöre einer übernatürlichen Ordnung an; sein Fundament sei die höchste Autorität Gottes, der den Menschen Geheimnisse mitteile, nicht damit sie diese begreifen, sondern damit sie sie in Demut glauben.
Seine rationalistische und liberale Haltung machte ihn nicht nur Katholiken verdächtig, sondern auch vielen Protestanten. Besonders Pierre Jurieu griff ihn heftig an. Bayle wurde außerdem wohl nicht zu Unrecht die anonyme Schrift Avis important aux réfugiés von 1690 zugeschrieben, die vor radikalen Kräften unter den emigrierten Hugenotten warnte. Seine letzten Jahre verbrachte Bayle mit Verteidigungsschriften gegen Angriffe auf sein Lexikon und mit Polemiken gegen Jurieu und andere reformierte Theologen. Seit 1699 war er korrespondierendes Mitglied der Académie des sciences.
Zu seinen im Artikel genannten Werken und Ausgaben gehören Pensées diverses sur la comète, Addition aux Pensées diverses sur les comètes, Continuation des Pensées diverses, das Dictionnaire historique et critique, Ausgaben und Übersetzungen des Commentaire philosophique beziehungsweise Texte zur Toleranz sowie Sammlungen seiner Korrespondenz, politischen Schriften und philosophischen Artikel.