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Julien Offray de La Mettrie

Julien Offray, sieur de La Mettrie (* 23. November 1709 in Saint-Malo; † 11. November 1751 in Potsdam) war ein französischer Arzt, Schriftsteller, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernbedeutung
  2. 2. Leben und Konflikte
  3. 3. Seele, Körper und Maschine
  4. 4. Glück, Lust und Gewissen
  5. 5. Tod und Nachwirkung

Kernbedeutung

Julien Offray de La Mettrie (* 23. November 1709 in Saint-Malo; † 11. November 1751 in Potsdam) war ein französischer Arzt, Schriftsteller, Pamphletist und radikaler Aufklärungsphilosoph. Bekannt wurde er vor allem durch ein mechanistisch-materialistisches Menschenbild: Der Mensch ist für ihn kein von einer unsterblichen Seele gelenktes Wesen, sondern ein körperliches, natürlich erklärbares Lebewesen.

Seine Grundposition war materialistisch, also auf Materie als Grundlage der Wirklichkeit bezogen, und monistisch, das heißt: Er nahm nicht zwei getrennte Substanzen wie Körper und Seele an, sondern nur eine Natur, die verschieden organisiert ist. Deshalb wurde er wegen seiner Schrift L’Homme-Machine (1748) als „Monsieur Machine“ bekannt. Seine Positionen galten im 18. Jahrhundert als besonders provozierend, weil er die Unsterblichkeit der Seele, die Willensfreiheit, religiöse Erklärungen und eine von Natur aus gegebene Moral bestritten haben soll.

Leben und Konflikte

La Mettrie wurde 1709 als Sohn eines wohlhabenden Textilkaufmanns in Saint-Malo geboren. Er studierte ab 1725 Medizin in Paris, promovierte 1733 in Rennes, arbeitete als Arzt und ging später nach Leiden, wo er bei Herman Boerhaave, einem führenden Mediziner Europas, arbeitete und dessen Schriften aus dem Lateinischen ins Französische übersetzte. 1739 heiratete er, 1741 wurde er Vater einer Tochter.

In Paris schrieb La Mettrie nicht nur medizinische Texte, sondern auch scharfe Kritik an Ärzten und ihren Praktiken. 1746 wurden mehrere seiner Schriften, darunter die Naturgeschichte der Seele, verboten und öffentlich verbrannt. Obwohl sie anonym erschienen waren, floh er aus Frankreich in die Niederlande. Dort entstand L’Homme-Machine, doch auch dieses Werk brachte ihn in Gefahr. Er musste erneut fliehen.

Durch Vermittlung von Pierre Louis Maupertuis erhielt La Mettrie 1748 Asyl am Hof Friedrichs II. in Potsdam. Friedrich machte ihn zu seinem Leibarzt und Vorleser und nahm ihn in die Preußische Akademie der Wissenschaften auf. La Mettrie durfte grundsätzlich publizieren, stieß aber auch dort auf Widerstand. Besonders sein Discours sur le bonheur, den er selbst als Hauptwerk ansah, führte zu Verstimmung am Hof.

Seele, Körper und Maschine

In der Naturgeschichte der Seele deutete La Mettrie geistige Vorgänge als Funktionen des Körpers, besonders des Gehirns. Die Seele erschien ihm nicht als selbstständige, unsterbliche Substanz, sondern als Ergebnis körperlicher Organisation. Das stand im Gegensatz zu theologischen Vorstellungen vom Menschen als beseeltem Geschöpf Gottes.

In L’Homme-Machine formulierte er seine bekannteste These: „Ziehen wir also kühn den Schluss, dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Weltall nur eine Substanz gibt, die freilich verschieden modifiziert ist.“ Damit meinte er nicht eine Maschine im heutigen technischen Sinn, sondern einen Organismus, dessen Denken, Fühlen und Handeln natürlich und körperlich erklärbar sind.

La Mettrie lehnte den Dualismus von Leib und Seele ab. Dualismus bedeutet hier die Annahme zweier grundsätzlich verschiedener Bereiche: körperliche Materie und geistige Seele. Stattdessen vertrat er einen materialistischen Monismus. Er stellte Mensch und Tier stärker auf eine Stufe und verwarf metaphysische Erklärungen, also Erklärungen, die über Erfahrung und Naturbeobachtung hinausgehen.

Glück, Lust und Gewissen

In Discours sur le bonheur ou Le Souverain Bien, Anti-Sénèque entwickelte La Mettrie eine Lehre über Glück, Lust und Gewissensbisse. Er hielt dieses Werk für sein philosophisches Hauptwerk. Zentral ist seine Theorie der Schuldgefühle: Gewissensbisse entstehen nach ihm durch frühe Erziehung und gesellschaftliche Prägung. Diese innere Prägung könne Menschen daran hindern, authentisches Glück zu erleben.

La Mettrie wendete sich gegen überflüssige Schuldgefühle und gegen eine Moral, die Menschen innerlich krank oder unglücklich mache. In diesem Zusammenhang wird er in der Rezeption gelegentlich als Vorläufer Freuds bezeichnet, weil seine Gedanken an spätere Vorstellungen von Über-Ich-Bildung erinnern. Das Über-Ich meint eine verinnerlichte moralische Instanz.

Auch L’Art de jouir von 1750 behandelt die Frage, warum viele Menschen unfähig seien, echte Wollust und echtes Glück zu empfinden. La Mettrie argumentiert dabei hedonistisch: Hedonismus bedeutet, Lust und Glück als wichtige Ziele menschlichen Lebens zu betrachten. Seine Texte waren jedoch nicht nur Genusslehre, sondern auch Kritik an religiösen und moralischen Dogmen.

Tod und Nachwirkung

La Mettrie starb am 11. November 1751 in Potsdam im Alter von 41 Jahren. Die genaue Todesursache wurde nie geklärt. Bekannt wurde die Legende vom „Pastetentod“: Er soll nach dem Verzehr einer übergroßen getrüffelten Fasanenpastete gestorben sein. Der Artikel betont jedoch, dass diese Geschichte vermutlich erfunden oder zumindest unsicher ist. Friedrich II. erwähnte außerdem ein Fieber, Delirium und einen Aderlass; auch Vergiftung wurde wegen La Mettries eigener Andeutungen vermutet, bleibt aber unbelegt.

Die Aufnahme seiner Werke verlief wechselhaft. Zunächst genoss er in aufklärerischen Kreisen Ansehen, verlor es aber ab 1749 besonders wegen seines Discours sur le bonheur. Viele Aufklärer grenzten ihn aus oder schwiegen ihn tot. Im 19. Jahrhundert wurde er durch Friedrich Albert Lange wieder stärker diskutiert; 1875 erschien L’Homme-Machine erstmals auf Deutsch. Später entstanden differenziertere Deutungen, unter anderem durch Panajotis Kondylis und neuere Werkausgaben.

Umstritten ist auch sein Verhältnis zum Marquis de Sade: Manche sehen La Mettrie als Einfluss auf Sade, andere als dessen Gegenspieler, weil La Mettries Beschreibungen menschlicher Natur nicht einfach als Aufforderungen zum Verbrechen verstanden werden dürfen. In moderner Perspektive wird L’Homme-Machine gelegentlich mit Neurowissenschaften verglichen, weil heutige materialistische Deutungen das Gehirn als Grundlage von Bewusstsein und Denken betrachten. Andere Philosophen kritisieren solche Reduktionen ausdrücklich. 1997 wurde der Asteroid (7095) Lamettrie nach ihm benannt.

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