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Französische Literatur - Mehr als nur Liebe

BuchArena14:51 20 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

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Transkriptautomatisch erstellt · 109 Zeilen
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  1. Heute machen wir eine Reise durch die französische Literatur, aber wir wollen nicht einfach nur, sagen wir mal, Epochen und Namen abhaken.
  2. Mhm. Wir wollen einer zentralen Frage nachgehen. Wie hat die Literatur eigentlich das Ringen des Menschen um
  3. seine Rolle in der Welt abgebildet? Das ist eine sehr gute Herangehensweise vom treuen Ritter, der seinem König dient, bis hin zum modernen Individuum,
  4. das ja seinen eigenen Sinn im Leben finden muss. Du hast uns ja viele Quellen dazu geschickt und wir versuchen jetzt mal diesen roten Faden zu finden.
  5. Ja, das ist spannend, denn die französische Literatur war selten nur reine Unterhaltung. Okay. Sie war oft ein Seismograf für
  6. gesellschaftliche Beben, also ein Labor für neue Ideen und manchmal sogar äh die Zündschnur für Revolution. Wow.
  7. Es eine Geschichte von Rebellion und Ordnung, von Vernunft und Gefühl. Und die zeichnen wir jetzt Schritt für Schritt nach.
  8. Fangen wir mal ganz am Anfang an, also im Mittelalter. Wie muss ich mir die Literatur damals vorstellen? Gab es da überhaupt schon Literatur, wie wir sie
  9. kennen? Also nicht zum selber lesen im stillen Kämerlein. Die meisten Menschen konnten ja nicht lesen, richtig?
  10. Literatur war ein Ereignis, eine Performance. Man muss sich das so vorstellen, auf einem Marktplatz oder in einer Burg, da steht ein Sänger, ein
  11. Trubadur und trägt Heldengeschichten vor. Begleitet von einer Laute, stelle ich mir vor.
  12. Genau, begleitet von einer Laute. Das war sozusagen das Netflix des Mittelalters. Guter Vergleich. Das berühmteste
  13. Beispiel ist da das Rolandslied. Eine epische Geschichte über eine Schlacht, über Ehre und die absolute Treue zum König.
  14. Es ging also darum, die Leute bei Laune zu halten, aber eben auch darum, ihnen die gesellschaftlichen Regeln so ein bisschen einzubläuen. Seid loyal, seid
  15. fromm. Ganz genau. Diese Geschichten haben die Werte einer ganzen Gesellschaft geformt. Sie zeigten, wie ein idealer Ritter oder
  16. ein guter Christ zu sein hatte. Und Ritterromane gab es auch schon. Ja, daneben entstanden auch die ersten großen Abenteuergeschichten, die
  17. Ritterromane über König und die Tafelrunde. Ah ja. Was man aber nicht vergessen darf, die
  18. Sprache von damals, also das Altfanzösisch ist für uns heute so fremd, dass wir ohne eine Übersetzung kaum ein Wort verstehen würden.
  19. Und dann kommt die Renaissons, die große Wende. Man entdeckt die Antike wieder und plötzlich steht nicht mehr Gott, sondern der Mensch im Mittelpunkt. Wie
  20. hat sich das auf das Schreiben ausgewirkt? radikal. Plötzlich war es erlaubt, die Welt mit eigenen Augen zu betrachten und nicht nur durch die
  21. Brille der Kirche. Und Autoren wie François Rabet nutzten das für eine Art literarische Befreiung. Er schrieb unglaublich witzige, auch der
  22. Geschichten über Riesen Garagantour und Pan Cruell. Genau die. Und die waren eigentlich ein riesiger Angriff auf die verstaubte,
  23. dogmatische Gelehrsamkeit der mittelalterlichen Universitäten. Er hat das Leben gefeiert, den Körper, den Wissensdurst.
  24. Das ist interessant. Es reicht also nicht, eine geniale Idee zu haben. Man braucht ja auch die Technologie, um sie zu verbreiten.
  25. Absolut. Und da kam ja der Buchdruck genau in diese Zeit. Ohne den wäre Rabalet vielleicht nur eine lokale Kuriosität
  26. geblieben. Absolut. Der Buchdruck war der Katalysator. Neue Ideen konnten sich plötzlich rasend schnell verbreiten. Und
  27. parallel dazu hat ein anderer Autor etwas völlig Neues erfunden. Michelle de Montagne. Mhm.
  28. Er zog sich in seinen Schloschturm zurück und begann über sich selbst nachzudenken, über seine Ängste, seine Zweifel, seine Gewohnheiten.
  29. Und das hat er aufgeschrieben. Ja. Und er nannte diese Texte ha, also Versuche. Das war revolutionär. Zum ersten Mal
  30. sagte ein Autor: "Ich ein unbedeutender Mensch bin es wert, dass man über mich schreibt und liest." Das ist quasi die Geburtsstunde des
  31. modernen Individuums in der Literatur. So kann man das sehen. Ja, vom intellektuellen Versuch im Turzimmer geht es im 17. Jahrhundert dann auf die
  32. große Bühne, das goldene Zeitalter des Theaters. Aber was ich da gelesen habe, klingt nach sehr strengen Regeln.
  33. Mhm. Die Einheit von Zeit, Handlung. Hat das die Kreativität nicht total erstickt? Auf den ersten Blick wirkt das so. Man
  34. fragt sich, warum ein Stück an einem einzigen Tag, an einem einzigen Ort spielen und nur eine Haupthandlung haben durfte. Genau.
  35. Es war wie ein Experiment unter Laborbedingungen für die menschliche Seele. Man wollte den inneren moralischen Konflikt einer Figur quasi
  36. unter dem Mikroskop betrachten. Ein Labor für die Seele. Der Vergleich gefällt mir. Und in diesem Labor gab es dann ja zwei Hauptrichtungen, die zum
  37. Lachen und die zum Wein. Genau. Die Komödie und die Tragödie. Und das war Moliers Genstreich. Inwiefern? Er nutzte die Komödie als
  38. Schutzschild. Indem er die Leute zum Lachen brachte über den geizigen, den eingebildeten Kranken, den scheinheiligen Frömler, konnte er die
  39. Heuchelei am Hof von Versaill angreifen, was in einer ernsten Tragödie vielleicht zu gefährlich gewesen wäre. Lebensgefährlich, ja. Lachen war seine
  40. Waffe und seine Versicherung. Und auf der anderen Seite die Tragödien von Rassin und Cornell, wo es dann toternst wurde.
  41. Ja, dort ging es um die ganz großen unlösbaren Konflikte. Eine Prinzessin muss sich entscheiden. Folgt sie der Staatsraon oder ihrem Herzen?
  42. Pflicht gegen Gefühl. Pflicht gegen Gefühl. Genau. Und diese Stücke sind psychologisch so brillant und in einer so eleganten, klaren
  43. Sprache geschrieben, die gehören bis heute zum Kern des französischen Kulturkanons. Nach diesem hochkonzentrierten Theater
  44. am Hof kommt dann im 18. Jahrhundert die Aufklärung und die Literatur geht wieder auf die Straße. Sie wird zur Waffe. Ja, sie wurde zur Waffe gegen
  45. Aberglauben, gegen Ungerechtigkeit und die absolute Macht von König und Kirche. Und die Philosophen der Aufklärung Voltaire z.B.
  46. Genau. Allen voran Voltaire. Sie nutzten Erzählungen und Romane, um ihre Ideen von Vernunst und Toleranz unter die Leute zu bringen. Das war gefährlich.
  47. Das kann ich mir vorstellen. Viele Bücher wurden verboten. Die Autoren mussten mit Gefängnis rechnen. Und wie hat man das dann umgangen?
  48. Man hat die Bücher im Ausland drucken lassen in Holland oder der Schweiz und sie dann in Fässern oder Kisten versteckt über die Grenze geschmuggelt.
  49. Wahnsinn. Und das größte Projekt dieser Zeit war ja die Enzyklopädie, das Wikipedia des 18. Jahrhundert
  50. sozusagen. Genau. Aber jeder Eintrag war ein politischer Sprengsatz. Wenn man unter dem Stichwort Autorität erklärt hat,
  51. dass alle Macht vom Volk ausgehen sollte, war das ein direkter Angriff auf die Monarchie. Und diese Texte haben dann den Boden für
  52. die französische Revolution bereitet. Das haben sie ja. Okay. Die Aufklärung hat also alles auf den Prüfstand der Vernunft gestellt.
  53. Aber kann man das menschliche Leben wirklich nur durch Logik erfassen? Da musste es doch eine Gegenreaktion geben. Und genau das war die Romantik zu Beginn
  54. des 19. Jahrhunderts. Nach der Revolution und den napoleonischen Kriegen herrschte eine große Ernüchterung.
  55. Verstehe. Die jungen Leute fühlten sich von der reinen Vernunft alleinelassen. Sie entdeckten die Macht der Gefühle wieder.
  56. Sehnsucht, Melancholie, die Leidenschaft. Und der große Held dieser Epoche ist Viktor Hugo.
  57. Absolut. Sein Roman Der Glöckner von Notredam ist das perfekte Beispiel, den kennt ja jeder. Richtig. Im Mittelpunkt stehen
  58. Außenseiter, der missgestaltete Quasi Modo, die Tänzerin Esmeralda und deren persönliches Schicksal wird untrennbar mit den großen historischen Umwälzungen
  59. verbunden. Und die Natur spielte plötzlich auch eine ganz andere Rolle, nicht mehr nur als Kulisse.
  60. Genau. Die Natur wurde zum Spiegel der Seele. Ein stürmisches Meer stand für den inneren Aufruhr, ein nebliger Wald für die verlorene Seele. Die Sprache
  61. wurde unglaublich bildhaft. Aber die Romantiker waren nicht nur Träume, oder? Nein, viele wie Viktor Hugo waren extrem politisch. Sie haben sich Zeitlebens für
  62. soziale Gerechtigkeit eingesetzt. Die Romantik war also beides: Weltflucht und Weltverbesserung. Auf diesen überschwang der Gefühle folgt
  63. dann wieder eine Art Katerstimmung, der Realismus. Die Autoren wollten die Welt zeigen, wie sie wirklich ist. Aber was heißt das?
  64. So objektiv wie eine Kamera. Das war zumindest das Ziel. Autoren wie Gustav Flaube haben versucht, jede persönliche Emotion aus ihren Texten zu
  65. verbannen. Er sah sich selbst als eine Art Chirurg der Gesellschaft, der die Krankheiten seiner Zeit sizziert.
  66. Genau. In seinem Roman Madame Bovari beschreibt er das Leben einer Arztgattin in der Provinz, die an der Banalität ihres Alltags zerbricht, mit einer fast
  67. quälenden Präzision. Und dann kam jemand wie Honored Balsack und hat das Ganze auf die Spitze getrieben. Der wollte ja gleich die ganze Gesellschaft sezieren.
  68. Exakt. Balsacks Projekt Die menschliche Komödie ist größenwahnsinnig und genial zugleich. Er wollte in fast 100 Romanen ein komplettes Panorama der
  69. französischen Gesellschaft zeichnen. Alle Schichten vom Bankier über den Journalisten bis zur Näheren. Ja, es ging ihm um die
  70. neuen Triebkräfte der Gesellschaft. Geld, Macht, sozialer Aufstieg. Er hat gezeigt, wie der Kapitalismus die alten Werte zerstört.
  71. Puh, das klingt schon ziemlich disillusionierend, aber der Naturalismus, der dann mit Emil Solar kam, ging ja sogar noch einen
  72. Schritt weiter. Ja, man kann den Naturalismus als Realismus unter dem Einfluss der Naturwissenschaften beschreiben.
  73. Okay, wie meinst du das? Solar sah den Menschen nicht mehr als freies Wesen, sondern als Produkt von drei Faktoren Vererbung, Milieu und dem historischen
  74. Moment. Er hat seine Figuren untersucht wie ein Biologe, ein Insekt in Labor. Das klimmt aber auch anstrengend zu lesen. Musste man sich da als Leser
  75. nicht regelrecht durch das ganze Elend kämpfen? Absolut. Solar hat seine Leser mit der
  76. ungeschönten Realität konfrontiert, dem brutalen Alltag der Bergarbeiter in Geminal oder dem Elend der Alkoholiker in der Totschläger.
  77. Das war bestimmt schockierend. Ja, das war es. Aber Solar hatte eine klare politische Mission. Er wollte durch die genaue Beschreibung des Leids
  78. auf soziale Missstände aufmerksam machen und Reformen anstoßen. Gegen Ende des Jahrhunderts scheint es dann aber wieder eine Fluchtbewegung zu
  79. geben. Weg von dieser harten Realität hinein in die Welt der Sprache selbst, der Symbolismus. Sie wollten das Unsichtbare einfangen,
  80. das Unbewusste, Träume, Stimmungen. Dazu nutzten sie die Sprache nicht mehr logisch, sondern äh musikalisch. Kannst du ein Beispiel geben? Denk an
  81. ein Gedicht von Bodele, wo er von Düften frisch wie Kinderhaut, süß wie Oben spricht. Logisch ergibt das keinen Sinn, aber du fühlst sofort eine bestimmte
  82. Stimmung. Man spricht die Sinne an, nicht den Verstand. Genau.
  83. Und diese Idee, die innere Welt zu erforschen, hat Marcel Prust dann Anfang des 20. Jahrhunderts ja in eine monumentale Form gegossen.
  84. Man kann sagen, er hat dem Gehirn beim Erinnern zugeschaut. Sein riesiges Werk auf der Suche nach der verlorenen Zeit hat kaum eine äußere Handlung.
  85. Es geht nur um die Erinnerung. Fast ausschließlich. Der berühmteste Moment ist, als ein Madelehengebäck in seinen Tee taucht und der Geschmack
  86. katapultiert ihn Jahrzehnte in die Vergangenheit. Und eine Flut von Erinnerungen kommt hoch. Genau. Und um diese verschlungenen
  87. Wege des Gedächtnisses abzubilden, brauchte Prust extrem lange verschachtelte Sätze, die sich über ganze Seiten ziehen können.
  88. Nach den beiden Weltkriegen scheint dann aber jede Form von nostalgische Erinnerung unmöglich. Die Welt dickt in Trümmern und die Literatur stellt die
  89. Frage, wozu das alles? Das ist dann der Existentialismus. Genau. Autoren wie Jean-Puls Artre und Albert Kamü standen vor dem Nichts. Die alten Gewissheiten,
  90. Gott, der Fortschrittsglaube, waren im Grauen der Kriege untergegangen. Und ihre Antwort: "Isre Kernaussage war radikal. Das
  91. Universum hat keinen vorgegebenen Sinn. Wir sind einfach in die Welt geworfen. Das bedeutet aber nicht nur Verzweiflung, sondern auch absolute
  92. Freiheit, weil wir unseren eigenen Sinn schaffen müssen. Genau. Wir sind verurteilt frei zu sein
  93. und damit auch für jede einzelne unserer Taten voll verantwortlich. Wenn also Sartre und Kamü diese Sinnlosigkeit philosophisch beschrieben
  94. haben, war das absurde Theater von Becket dann quasi die praktische Vorführung davon auf der Bühne? Das ist eine perfekte Zusammenfassung.
  95. Samuel Becketts berühmtes Stück Warten auf God zeigt genau das. Zwei Männer warten auf jemanden, der nie kommt und vertreiben sich die Zeit mit
  96. sinnlosen Spielen. Ja, und Gesprächen, die sich im Kreis drehen. Es ist die Darstellung der menschlichen Existenz als Warten auf
  97. einen Sinn, der ausbleibt. Das ist zutiefst tragisch, aber gleichzeitig urkomisch. Und wenn wir jetzt den Sprung in die letzten Jahrzehnte und die
  98. Gegenwart machen, wie hat sich die französische Literatur aus diesem Erbe entwickelt? Sie ist globaler und vielfältiger
  99. geworden. Eine ganz wichtige Entwicklung ist die sogenannte frankopone Literatur. Was genau ist das? Autoren aus ehemaligen Kolonien in Afrika oder der
  100. Karibik nutzen die französische Sprache, um ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Sie schreiben quasi aus den Rändern des ehemaligen Imperiums zurück ins Zentrum
  101. und stellen dabei neue Fragen nach Identität und Herkunft. Richtig, die Literatur ist also nicht mehr nur Französisch, sondern eine
  102. globale Angelegenheit in französischer Sprache und darüber hinaus. Daneben gibt es eine riesige Bandbreite. Themen wie die
  103. digitale Welt, der Klimawandel oder die Suche nach Identität in einer globalisierten Gesellschaft stehen im Vordergrund und auch die Formen sind
  104. vielfältiger geworden. Comics z.B. Ja, die Bessin also der Comic oder die Graphic Novel wird heute als eigenständige hochkomplexe Kunstform
  105. anerkannt. Was aber geblieben ist über all die Jahrhunderte ist diese Tendenz, die Gesellschaft kritisch zu hinterfragen und immer wieder mit der
  106. Sprache selbst zu experimentieren. Wir haben also gesehen, wie die französische Literatur immer ein Seismograf für gesellschaftliche Beben
  107. war. Mal hat sie die Ordnung gefestigt, meistens hat sie aber daran gerüttelt. Eine Frage, die für mich bleibt und über die du vielleicht nachdenken möchtest.
  108. Wenn ein Autor in zwei Jahren unsere heutige Zeit verstehen wollte, welches Buch, welches Werk müsste er lesen, um uns wirklich zu begreifen?
  109. Deutliche Pause von 3 Sekunden. Das war der Überblick. Danke fürs Zuhören.

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