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Altfranzösische Sprache
Altfranzösisch bezieht sich auf die Oïl-Sprachen als Sammelbezeichnung der Varietäten romanischer Sprachen, die in der nördlichen Hälfte Frankreichs sowie …
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Einordnung und Überlieferung
Altfranzösisch bezeichnet als Sammelbezeichnung die Oïl-Sprachen: romanische Varietäten, die vom 9. Jahrhundert bis etwa zum Ende des 14. Jahrhunderts in der nördlichen Hälfte Frankreichs und in Teilen Belgiens gesprochen wurden. Es gehört innerhalb der indogermanischen Sprachen zu den italischen, romanischen und galloromanischen Sprachen. Es wurde durch das Mittelfranzösische abgelöst; die Sprachcodes ISO 639-2 und ISO 639-3 lauten jeweils fro.
Ein Beschluss des Konzils von Tours von 813 fordert, Predigten in die „landläufige romanische oder deutsche Sprache“ zu übertragen. Damit wurde das schriftlich und grammatisch geregelte Kirchenlatein von den als „rustikal“ bezeichneten Volkssprachen Romanisch und Deutsch abgegrenzt.
Als erstes altfranzösisches Sprachdokument gelten die Straßburger Eide von 842. Karl der Kahle und Ludwig der Deutsche schworen darin nach dem Tod Ludwigs des Frommen ein Bündnis gegen ihren Bruder Lothar. Nithard überlieferte die Eide in einem lateinischen Text, zitierte sie aber ausführlich in den jeweiligen Volkssprachen „romana lingua“ und „teudisca lingua“. Der romanische Text steht dem Vulgärlatein noch nahe, ist aber bereits französisch. Seine konservativ latinisierende Schreibweise folgt dem Latein der königlichen Kanzleien. Die Verwendung der Volkssprache war nötig, damit auch Personen mit unzureichenden Lateinkenntnissen den Inhalt des Rechtsakts verstanden.
Die Eulalia-Sequenz, etwa 884, ist die erste altfranzösische Dichtung und zeigt Merkmale des Pikardischen. Es folgten religiöse Dichtungen und kirchliche Texte wie das Jonas-Fragment. Seit der kapetingischen Dynastie von 987 verbreitete sich die vom franzischen Dialekt geprägte Sprache allmählich. Im 12. Jahrhundert begann die schriftliche Überlieferung der ursprünglich zum Vortrag durch Spielleute bestimmten Chansons de geste; später kamen Trouvère-Lieder, höfische Ritter- und Antikenromane, Historiendichtungen, Bibelbearbeitungen und didaktische Werke hinzu. Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert wurde Französisch zunächst in Privaturkunden und ab der Mitte des 13. Jahrhunderts auch neben Latein in königlichen Urkunden verwendet.
Laute und Schreibung
Das Vokalsystem beruht auf Veränderungen des Lateinischen nach dem Quantitätenkollaps im 3. Jahrhundert: Die lateinischen Vokallängen wurden durch unterschiedliche Vokalqualitäten ersetzt. Vor allem Vokale in freier Stellung, also am Silbenende, wurden diphthongiert; aus einfachen Vokalen entstanden Doppelvokale. Sehr früh entwickelte sich beispielsweise /ou/ aus /o/, etwa in louer und cour. Außerdem entstanden die Nasalierung von /an/ und /on/ sowie nasal gesprochene Diphthonge wie /aim/ und /ain/.
Fast alle Konsonanten und auch i vor Vokal wurden palatalisiert, das heißt ihre Aussprache rückte zum Vordergaumen hin. Das aus intervokalischem /t/ entstandene /d/ wurde als /ð/ gesprochen, wie heute im Spanischen, und verschwand später ganz aus dem Französischen. Die Entwicklung wird an lat. vita > altfrz. vida (um 980) > vithe /viðə/ (1050) > vie gezeigt.
Die Graphie unterschied sich deutlich von der tatsächlichen Aussprache. Sie konnte historisch-etymologisierend oder phonetisch sein. Die Aussprache wird unter anderem aus Reimen und aus Entlehnungen rekonstruiert: Englisches change, chapel und chief bewahren beispielsweise den altfranzösischen Anlaut /tʃ/, während neufranzösisch change, chapelle und chef dort /ʃ/ haben. In der Schrift wurde palatalisiertes c vor e und i (/ts/) nicht von c vor a, o und u (/k/) unterschieden. Die Cédille zur Kennzeichnung der palatalisierten Aussprache vor a, o und u kam erst im 16. Jahrhundert durch den Buchdruck auf.
Grammatik und Verbformen
Durch den Wegfall von Endkonsonanten, besonders -m und -s, veränderte sich die aus dem Latein überlieferte Formenlehre stark. Die Syntax wurde stärker festgelegt, Artikel entwickelten sich, und Präpositionen übernahmen die Kennzeichnung aller Objektfälle.
Altfranzösisch besaß eine Zweikasusflexion: den Rectus für das Subjekt und den Obliquus für andere Funktionen, besonders das Objekt. Beim Maskulinum lautet das Beispiel im Singular li murs im Rectus und le mur im Obliquus, im Plural li mur und les murs. Beim Femininum sind die Formen gleich: Singular la buche, Plural les buches. Später wurde eine endungslose Form allgemein als Singular und -s als Plural gedeutet, wie in neufranzösisch mur „Mauer“ und murs „Mauern“. Meist setzten sich die häufigeren Obliquusformen durch. Das vollständige Verstummen der Endkonsonanten und damit der Wegfall des Zweikasussystems im 14. Jahrhundert markieren den Übergang zum Mittelfranzösischen; die zuvor freiere Syntax erstarrte.
Seit ungefähr dem 11. Jahrhundert wurden Personalpronomen wegen des Verstummens besonders von -s und -t obligatorisch. Der Artikelabschnitt bezeichnet dies als Verschiebung morphologischer Markierung vom Wortende zum Wortanfang, enthält aber selbst einen Überarbeitungshinweis: Die Behauptung eines generell „analytischeren“ Baus und besonders die Einordnung von cantare + habeo > chanterai werden dort als problematisch markiert.
Bei Verben entstanden aus Umschreibungen mit Hilfsverben neue Formen: Das Futur entwickelte sich aus cantare + habeo („ich habe zu singen“) zu chanterai. Das Passiv klass.-lat. amor wurde durch vlat. amatus sum ersetzt und führte zu nfrz. je suis aimé. Das Perfekt habeo + cantatum bezeichnet einen abgeschlossenen Vorgang; die neufranzösische Entsprechung ist j'ai chanté. Das klassische Perfekt cantavi entwickelte sich zu je chantai, dem passé simple. Andere Zeiten entstanden lautgesetzlich, etwa lat. cantabam > vlat. cantava > altfrz. chanto(u)e im Westen oder chanteve im Osten. Im zentralen Gebiet wurden Imperfektendungen der e-Konjugation verallgemeinert: -ebam > -eie, später -oie, -ois; daraus etwa chanteie, -oie, -ois > nfrz. chantais. Das Hilfsverb estre „sein“ hatte drei eigene Formenbildungen.
Wortschatz und Sprachkontakt
Der Wortschatz geht vor allem auf Latein zurück, das sich nach der Eroberung durch Julius Caesar 51 v. Chr. in Mittel- und Nordgallien durchsetzte. Seit etwa dem 3. Jahrhundert n. Chr. unterschied sich das gesprochene Latein deutlich vom Schriftlatein der Bildungselite; dafür werden die Begriffe Sprechlatein oder Vulgärlatein verwendet. Aus dem in Gallien gesprochenen Latein entstanden im Süden das Okzitanische und im Norden die Oïl-Sprachen. Ihre ungefähre Grenze verlief entlang einer Linie von Grenoble bis La Rochelle.
Ein Substrat ist der Einfluss der vor der Romanisierung gesprochenen Sprache auf die neue Sprache. Das gallische Substrat ist im Altfranzösischen nur begrenzt nachweisbar, besonders in Ortsnamen und Wörtern aus Landwirtschaft und Brauwesen, etwa boe „Schlamm“, charrue „bodenwendender Pflug“, motun „Schafbock“ und cerveise „Gerstenbier, Weizenbier mit Honig“.
Ein Superstrat ist der Einfluss später zugewanderter oder erobernder Sprachen. Altfränkisch und Altniederländisch beziehungsweise Altniederfränkisch wirkten vergleichsweise stark. Der Einfluss zeigt sich in Namen wie Gérard, Louis und Charles, Ortsnamen auf -anges < -ingas sowie Wörtern aus Wehrwesen, Recht, Kleidung, Wohnkultur und Jagd. Ein Kennzeichen fränkischer Erbwörter ist die Wiedergabe von germanischem anlautendem /w/ als gesprochenes /g/ und graphisches gu, etwa *werru > frz. guerre. Gotisch hatte nur geringen Einfluss.
Erbwörter entwickelten sich aus dem Sprechlatein nach den Lautgesetzen des Französischen; Buchwörter wurden später, häufig als gelehrte Entlehnungen, aus dem Latein übernommen und nahmen an der Lautentwicklung nicht oder später teil. Beispiele sind chose gegenüber cause aus lat. causa, table gegenüber tôle aus lat. tabula sowie droit gegenüber direct aus lat. dīrēctus.
Dialekte und Literatur
Bevor sich das Franzische der Île de France ab dem 13. Jahrhundert als Grundlage des heutigen Französisch und als Nationalsprache durchsetzte, bestanden relativ eigenständige Dialekte. Dazu gehörten Burgundisch, Pikardisch, Wallonisch, Champagnisch, Normannisch beziehungsweise nach der Eroberung Englands Anglonormannisch sowie Lothringisch. Das Pikardische ist für einige der ältesten Texte wie die Eulalia-Sequenz bedeutsam. Chrétien de Troyes schrieb seine Epen im Champagnischen; anglonormannische Dichtungen wie die von Marie de France beeinflussten auch die Entwicklung des Englischen. Dialektzuordnungen sind oft unsicher, weil Werke meist nur in späteren Abschriften erhalten sind. Nicht zu den Oïl-Sprachen zählen Frankoprovenzalisch zwischen Lyon und der französischsprachigen Schweiz sowie die okzitanischen Dialekte Südfrankreichs. Der Status der Dialekte im Grenzgebiet Croissant in der Auvergne ist umstritten.
Die altfranzösische Literatur begann mit religiösen Werken und Heiligenviten, darunter La séquence de Sainte Eulalie (ca. 880), Homélie sur Jonas (Ende 10. Jh.), Vie de Saint Alexis (11. Jh.) und Jeu d’Adam (etwa 1150–1175). Danach dominierten Chansons de geste, also Heldenepen, etwa Chanson de Roland (etwa 1075–1100) und Chanson de Guillaume (12. Jh.). Im 12. Jahrhundert entstanden Antikenromane, die antike Texte altfranzösisch bearbeiteten, darunter Roman de Thèbes, Roman de Troie und Roman d’Énéas. Im Hochmittelalter erreichte der höfische Roman eine Blüte. Als herausragender Autor gilt Chrétien de Troyes (etwa 1140 bis etwa 1190), unter anderem mit Erec et Enide, Cligès, Lancelot, Yvain und Li Contes del Graal.