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Faust. Der Tragödie zweiter Teil
Faust. Der Tragödie zweiter Teil (auch Faust. Der Tragödie zweiter Teil in fünf Akten oder kurz Faust II) ist die Fortsetzung von Johann Wolfgang von …
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Werk und Grundidee
Faust. Der Tragödie zweiter Teil, kurz Faust II, ist die Fortsetzung von Johann Wolfgang von Goethes Faust I. Das Drama wurde 1831 vollendet und 1832, einige Monate nach Goethes Tod, veröffentlicht. Nachdem Goethe seit der Fertigstellung des ersten Teils im Jahr 1805 rund zwanzig Jahre nicht am Fauststoff gearbeitet hatte, erweiterte er ab 1825 bis Sommer 1831 frühere Notizen.
Das Werk besteht aus fünf Akten mit jeweils in sich weitgehend abgeschlossenem Inhalt. Der Sinnzusammenhang entsteht erst aus der Verbindung von Faust I und Faust II. Im Mittelpunkt steht nun weniger das Seelen- und Gefühlsleben des einzelnen Menschen als Fausts Entwicklung zum sozial und geschichtlich handelnden Unternehmer. Er wirkt in Kunst, Politik, Wirtschaft und Technik, scheitert dabei jedoch wiederholt und verursacht Schuld. Sein Grundantrieb bleibt das rastlose Streben nach dem „höchsten Dasein“.
Faust bildet im zweiten Teil viele Fähigkeiten aus und entspricht damit einem Ideal der Klassik: Der Mensch soll seine Anlagen umfassend entwickeln. Die drei Hauptthemen sind „Faust und Kaiser“ in den Akten I und IV – Kultur, Macht und Schuld –, „Faust und Helena“ in den Akten II und III – Natur, Sehnsucht und Trieb – sowie „Fausts Tod und Gnade“ im V. Akt – Sinn und Vergebung.
Die Entwicklung Fausts in den fünf Akten
Zu Beginn des ersten Akts liegt Faust erschöpft in einer anmutigen Gegend. Der Luftgeist Ariel lässt Elfen ihm nach der Gretchentragödie einen Heilschlaf des Vergessens bereiten. Nach dem Erwachen strebt Faust erneut nach Erkenntnis. Die unmittelbare Einsicht in das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, bleibt ihm jedoch versagt; in der Erde und im Regenbogen erkennt er nur einen „farbigen Abglanz“ des Lebens. Das Drama stellt damit fest, dass das Leben nicht eindeutig und unmittelbar erkannt werden kann.
Am Hof des Kaisers wird Mephisto zum Hofnarren. Wegen allgemeiner Geldnot führt er Papiergeld ein, das durch noch nicht gehobene Bodenschätze und Schatzfunde gedeckt werden soll. Der Kaiser und seine Berater geben das neue Geld bedenkenlos aus. Beim höfischen Karneval, dem Mummenschanz, erscheinen allegorische Figuren wie Furcht, Hoffnung, Klugheit, Geiz und Vergnügungssucht. Faust wird als Plutus, also als Allegorie des Geldes, dargestellt; der Knabe Lenker steht für Euphorion und die Poesie. Später soll Faust Helena und Paris, die Urbilder der Schönheit, an den Hof holen. Dazu muss er mit einem magischen Schlüssel in das zeit- und ortlose Reich der „Mütter“ hinabsteigen. Als Helena und Paris nur als flüchtige Geister erscheinen, verwechselt Faust seine Kunstschöpfung mit der Wirklichkeit und wird paralysiert.
Im zweiten Akt kehrt Mephisto in Fausts alte Studierstube zurück und begegnet dem inzwischen zum Bakkalaureus gereiften Schüler. Dieser verkörpert das anmaßende Selbstbewusstsein der Jugend. Im Laboratorium erschafft Wagner den künstlichen Menschen Homunkulus. Er kann zunächst nur in einer Phiole existieren und sucht nach seiner Menschwerdung. Homunkulus führt Faust und Mephisto zur Klassischen Walpurgisnacht nach Griechenland.
Im dritten Akt verbindet sich Faust mit Helena. Die Verbindung der nordisch-romantischen Kunst mit der griechischen Klassik wird durch ihre Beziehung symbolisiert. Ihr gemeinsamer Sohn Euphorion steht für den Geist der Poesie. Er wächst unmittelbar nach seiner Geburt zum leidenschaftlichen jungen Mann heran, stürzt sich bei einem übermütigen Flugversuch in den Tod und zieht Helena in die Unterwelt. Euphorions Tod zeigt, dass die Poesie, das Kind von Schönheit und Kraft, die Welt nicht dauerhaft verändern, sondern nur flüchtige Eindrücke schaffen kann.
Im vierten Akt wendet sich Faust von weltlicher Macht und Frauenliebe ab und will die Natur, besonders das Meer, beherrschen. Mit Dämmen und Kanälen soll dem Meer Land abgerungen werden. Gemeinsam mit Mephisto und den drei Gewaltigen Raufebold, Habebald und Haltefest hilft er dem Kaiser, einen Gegenkaiser zu besiegen. Als Belohnung erhält Faust einen Bezirk am Strand. Zugleich wird der Kaiser durch die Aufteilung des eroberten Landes unter vier Fürsten teilweise vom absolut-dynastischen Herrschaftsprinzip abgebracht. Faust wird damit vom Suchenden zum politisch handelnden Tatmenschen.
Im fünften Akt wird das gewonnene Land durch technische Mittel dem Meer entrissen. Die alten Eheleute Philemon und Baucis leben jedoch weiterhin in ihrer Hütte mit Linden und Kapelle auf einem Grundstück, das Faust nicht besitzt. Faust empfindet diesen Rest alter Ordnung als störenden Makel und befiehlt: „So geht und schafft sie mir zur Seite!“ Mephisto und die drei Gewaltigen setzen die Alten gewaltsam unter Druck; Philemon und Baucis sterben vor Schreck, der Wanderer fällt im Getümmel, und das Haus brennt ab. Faust weist die Verantwortung zurück, obwohl sein Befehl die gewaltsame Beseitigung ermöglicht hat.
Die Sorge erblindet Faust. Hundertjährig hält er die Lemuren, die sein Grab schaufeln, für Arbeiter an einem neuen Deich. Nun will er Räume für „viele Millionen“ schaffen, damit ein „freies Volk“ auf freiem Grund tätig und frei wohnen kann. Im Konjunktiv sagt er: „Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!“ Dadurch verliert er die Wette nicht, denn „dürft’“ bezeichnet einen Irrealis: Er würde es gern sagen, spricht es aber nicht tatsächlich aus. Faust stirbt dennoch.
Klassische Walpurgisnacht und Schluss
Die Klassische Walpurgisnacht führt Faust in die Welt der griechischen Antike. Er gewinnt auf dem antiken Schlachtfeld neue Kräfte, während sich der mittelalterlich-nordische Teufel Mephisto dort fremd fühlt und zugleich „Nahverwandte“ unter den antiken Schreckgestalten erkennt. Faust sucht Helena, begegnet dem Kentauren Chiron und gelangt mit Manto in die Unterwelt. Mephisto wird von Lamien und anderen Gestalten abgelenkt. Anaxagoras und Thales vertreten gegensätzliche Vorstellungen vom Ursprung des Lebens: Für Anaxagoras entstand Lebendiges im Feuer, für Thales im Wasser. Homunkulus sucht bei Nereus und Proteus nach einem Weg zur Menschwerdung, besteigt schließlich den Delphin des Proteus und zerschellt am Muschelwagen der Galatee. Ein Meeresleuchten und ein Lobgesang auf Eros und die vier Elemente schließen den Akt.
Nach Fausts Tod versucht Mephisto, die verpfändete Seele zu gewinnen. Engel streuen Rosen, die bei Mephisto Liebesgelüste auslösen; während er abgelenkt ist, nehmen sie Fausts Unsterbliches mit sich. In den Bergschluchten denken Anachoreten über Liebe, Leben und Glauben nach. Die Mater gloriosa erscheint mit Büßerinnen; unter ihnen ist Una Poenitentium, „sonst Gretchen genannt“. Gretchen soll sich zu höheren Sphären erheben, und Faust kann ihr folgen, wenn er sie ahnt.
Der Chorus mysticus beendet das Drama mit den Versen: „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan“. Diese Schlussgestaltung wird unter anderem als Seelenreinigung in Anlehnung an den Neuplatonismus gedeutet. Die christlichen Motive sind dabei metaphorisch zu verstehen. Das „Ewig-Weibliche“ kann als Prinzip der Liebe und als Gegenkraft zu Fausts titanischem Streben gelesen werden; zugleich wird eine Verbindung zu den antiken Isis-Mysterien und der „Schau“ göttlicher Geheimnisse gesehen.
Erlösung und zentrale Deutungen
Die Engel begründen Fausts Errettung mit dem Satz: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“ (11936–11937). Der Spruch erklärt Fausts Rettung durch sein ununterbrochenes Streben. Diese Entscheidung ist umstritten, weil Faust zahlreiche schwere Verfehlungen begangen hat: Er glaubt nicht an die christliche Auferstehung, lässt sich von sexueller Begierde leiten, trägt Verantwortung für Gretchens Unglück sowie für den Tod ihrer Mutter und ihres Bruders Valentin, ist am Tod von Philemon und Baucis zumindest mitschuldig, betreibt zweifelhafte Geschäfte und hat sich mit Mephisto verbunden. Karl Friedrich Göschel kritisierte 1824 Fausts Begnadigung als „Unsittlichkeit“; aus traditionell christlicher Sicht wäre eine Höllenfahrt zu erwarten.
Als Erklärungen für das positive Ende werden mehrere Möglichkeiten genannt: die „Wiederbringung Aller“ beziehungsweise apokatastasis panton; Fausts unermüdlicher Tatendrang und sein Fortwirken als entelechische Monade; die Hilfe des „Ewig-Weiblichen“ als christlich-ethisches Prinzip von Liebe und Gnade; oder die Aufnahme Fausts in einen schöpferischen Naturkreislauf. Nur der dritte Ansatz versteht Erlösung ausdrücklich als Gnade. Unklar bleibt, von wem diese Gnade ausgeht, da der „Herr“ am Schluss nicht auftritt. Wolfgang Wittkowski deutet „Erlösung“ dagegen als technischen Prozess des Scheidens und Reinigens. Nach Johann Peter Eckermanns Gesprächsnotiz erklärte Goethe, Fausts Rettung beruhe auf „immer höhere[r] und reinere[r] Tätigkeit“ und der „ewigen Liebe“ von oben.
Die Deutung wird durch den Umfang von Faust I und II mit zusammen 12.000 Versen, durch Anspielungen auf Geschichte, Wissenschaft und Mythologie sowie durch die „labyrinthische Topographie“ erschwert. Goethe wollte den „geheimeren Sinn dem Aufmerksamen“ offenbaren und das Werk als „offenbares Rätsel“ gestalten. Ein wichtiges Gesamtmotiv ist die Dynamik von Natur und Gesellschaft. Kritiker sehen in Faust sowohl den genialen, aber moralisch unkontrollierten Menschen als auch einen Technokraten, der Natur und Menschen als Material seiner Ideen behandelt. Deshalb wird das Werk zugleich als Kritik an rücksichtsloser Ausbeutung und als Versöhnung mit einem humanistischen Menschheitsideal gelesen. Ökonomische Deutungen betonen besonders die Geldschöpfung, Papiergeld, Eigentum und die Landgewinnung.
Ausgaben, Aufführungen und Vertonungen
Ein autorisierter Teildruck erschien 1827 mit Helena und 1828 in einer Fassung, die mit Vers 6036 der Szene Kaiserliche Pfalz und dem Hinweis „Ist fortzusetzen“ endet. Die vollständige Ausgabe erschien 1832 und 1833 als Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten in Band 41 der Vollständigen Ausgabe letzter Hand, redigiert von Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Peter Eckermann. Die Weimarer Ausgabe von 1888 stützte sich auf die ursprünglich versiegelte vollständige Haupthandschrift von 1831. Spätere wichtige Ausgaben sind unter anderem die Hamburger Ausgabe von 1949, die Münchner Ausgabe von 1997 und die digitale historisch-kritische Faust-Edition von 2018.
Das als lange Zeit unspielbar geltende Drama wurde in sehr unterschiedlichen Formen aufgeführt. Eckermann richtete 1852 bis 1856 eine weitgehend vollständige Fassung in drei Teilen ein. 1875/76 entstand unter Otto Devrient in Weimar eine stark gekürzte Aufführung als „Mysterium in zwei Tagwerken“, die einschließlich Pausen von 6 bis 11 1/2 h dauerte. Max Reinhardt nutzte 1909/11 eine Drehbühne; die Aufführung von Faust II dauerte nach Kürzungen acht Stunden. Im Goetheanum in Dornach wurde das Werk seit 1938 in sieben Tagen ungekürzt gespielt, zuletzt 2017 in einer Inszenierung von Christian Peter.
Zu den besonders umfangreichen Projekten zählt Peter Steins erste ungestrichene Gesamtaufführung beider Teile im Jahr 2000. Sie hatte 21 Stunden Aufführungsdauer einschließlich Pausen, 15 Stunden reine Spielzeit und verteilte sich auf drei Wochenend- beziehungsweise sechs Abendvorstellungen. Weitere wichtige Inszenierungen entstanden 1957/58 unter Gustaf Gründgens, 1977 in Stuttgart unter Claus Peymann, Achim Freyer und Hermann Beil, 1990 in Dresden unter Wolfgang Engel, 2007 in Meiningen unter Ansgar Haag und 2009 am Wiener Burgtheater unter Matthias Hartmann.
Der Stoff wurde unter anderem von Robert Schumann, Eduard Lassen, Gustav Mahler, Franz Liszt, Lili Boulanger, Moritz Eggert und Rudolf Volz vertont. Die Bilddokumente zum Artikel zeigen vor allem zeitgenössische Einbände und Titelblätter, den unvollendeten Vorabdruck von 1828, den Eröffnungsmonolog und die Schlussverse der Tragödie.