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Faust. Eine Tragödie

Die 1808 veröffentlichte Tragödie greift die Geschichte des historischen Doktor Faustus auf und wird in Faust II zu einer Menschheitsparabel ausgeweitet. Johann …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Aufbau und Hauptfiguren
  2. 2. Gelehrtentragödie und Teufelswette
  3. 3. Gretchentragödie
  4. 4. Form, Zeit und zentrale Deutungsfragen
  5. 5. Entstehung und Wirkung

Werk, Aufbau und Hauptfiguren

Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Eine Tragödie“, auch „Faust. Der Tragödie erster Teil“ oder „Faust I“, erschien 1808. Das Drama greift die Geschichte des historischen Johann Georg Faust (ca. 1480–1538) auf und gehört zu den bedeutendsten und meistzitierten Werken der deutschsprachigen Literatur. In „Faust II“ wird die Geschichte zu einer Menschheitsparabel erweitert.

Im Zentrum stehen zwei verbundene Handlungsstränge: Die „Gelehrtentragödie“ handelt vom Erkenntnisdrang und Scheitern des Gelehrten Heinrich Faust. Aus seinem Bündnis mit Mephistopheles entsteht die „Gretchentragödie“ um die Verführung und den Untergang der jungen Margarete, genannt Gretchen. Die Gelehrtentragödie wird im zweiten Teil fortgesetzt, während „Faust I“ mit Gretchens Verurteilung und der Rettung ihrer Seele endet.

Die wichtigsten Figuren sind:

  • Dr. Heinrich Faust, ein angesehener, aber verzweifelter Gelehrter.
  • Mephistopheles, kurz Mephisto, ein Teufel mit Zauberkräften, Humor und Charme.
  • Margarete beziehungsweise Gretchen, ein junges Mädchen aus einfachen Verhältnissen.
  • Marthe Schwerdtlein, Gretchens Nachbarin und Mephistos Helferin bei der Anbahnung der Beziehung.
  • Wagner, Fausts Famulus, also sein wissenschaftlicher Gehilfe.
  • Valentin, Gretchens Bruder.
  • Der Herr, drei Erzengel und der Erdgeist.

Gelehrtentragödie und Teufelswette

Nach der elegischen „Zueignung“ diskutieren im „Vorspiel auf dem Theater“ ein Direktor, ein Dichter und eine Lustige Person darüber, ob Theater vor allem wirtschaftlich erfolgreich, künstlerisch anspruchsvoll oder unterhaltsam sein soll. Das folgende Drama erscheint als Kompromiss und als Universalstück, das „vom Himmel durch die Welt zur Hölle“ führt.

Im „Prolog im Himmel“, der zur Handlung gehört, wetten der Herr und Mephisto um Faust. Wie bei der biblischen Hiob-Wette darf Mephisto versuchen, Faust vom rechten Weg abzubringen. Der Herr ist überzeugt: „Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange / ist sich des rechten Weges wohl bewusst“ (V. 328–329).

Faust hält die Wissenschaft für unfähig zu erklären, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (V. 383). Auch seine Studien der Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie haben ihm keine befriedigende Erkenntnis verschafft. Er wendet sich deshalb der Magie zu und beschwört den Erdgeist. Dieser weist ihn jedoch zurück und erinnert ihn an seine menschlichen Grenzen. Aus Verzweiflung will Faust Gift trinken, wird aber durch die Osterglocken und die Erinnerung an seine Kindheit vom Selbstmord abgehalten.

Beim Osterspaziergang zeigt sich Fausts innere Spaltung zwischen sinnlichem Leben und geistigem Streben: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ (V. 1112). Ein schwarzer Pudel folgt ihm nach Hause und verwandelt sich dort in Mephisto. Dieser bezeichnet sich als „ein Teil von jener Kraft, / die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ (V. 1335–1336) und als „Geist, der stets verneint“ (V. 1338).

Faust und Mephisto schließen eine Wette: Mephisto dient Faust im Diesseits und erfüllt seine Wünsche. Faust verliert seine Seele, falls Mephisto ihm einen Augenblick vollkommener Erfüllung verschafft, zu dem er sagt: „Verweile doch! du bist so schön!“ (V. 1700). In Auerbachs Keller soll Faust banalen Genuss kennenlernen, ist von der betrunkenen Gesellschaft aber abgestoßen. In der Hexenküche erhält er einen Zaubertrank, der ihn verjüngt und seine Begierde steigert.

Gretchentragödie

Faust begegnet Gretchen auf der Straße und begehrt sie sofort. Sie weist seine Begleitung zunächst zurück. Mephisto erklärt, er habe keine unmittelbare Macht über das unschuldige Mädchen, hilft Faust aber mit Geschenken und Täuschungen. Er versteckt Schmuck in Gretchens Zimmer und gewinnt Marthe als Vermittlerin. Faust stimmt dafür einer falschen Aussage über den Tod von Marthes verschollenem Mann zu.

Bei einem Treffen in Marthes Garten kommen Faust und Gretchen einander näher und küssen sich im Gartenhäuschen. Gretchen bewundert Faust, fühlt sich ihm aber wegen ihres Alters, ihrer Bildung und ihrer niedrigeren sozialen Stellung unterlegen. Faust zieht sich zeitweise in eine Waldhöhle zurück und erlebt die Natur intensiver als früher. Mephisto erinnert ihn jedoch an Gretchens Sehnsucht und entfacht seine Begierde erneut. In ihrer Stube beklagt Gretchen am Spinnrad den Verlust ihrer inneren Ruhe.

In Marthes Garten stellt Gretchen die berühmte „Gretchenfrage“: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ Faust antwortet ausweichend und beschreibt ein pantheistisches Weltbild, in dem das Göttliche in allem gegenwärtig ist: „Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch“ (V. 3456–3457). Gretchen bleibt dem traditionellen christlichen Glauben verbunden und empfindet zudem eine starke Abneigung gegen Mephisto. Faust gibt ihr ein angeblich harmloses Schlafmittel für ihre Mutter, damit beide ungestört zusammen sein können. Das Mittel ist jedoch tödlich.

Gretchen wird schwanger. Am Brunnen erkennt sie angesichts des Schicksals einer anderen unverheirateten Schwangeren ihre gesellschaftliche Ächtung. Vor einem Marienbild bittet sie um Beistand. Ihr Bruder Valentin will die Familienehre verteidigen, wird aber im Kampf mit Faust und durch Mephistos Hilfe erstochen. Sterbend beschimpft er Gretchen öffentlich. Im Dom erinnert ein böser Geist sie an ihre Schuld am Tod der Mutter und des Bruders; während des „Dies irae“, des Gesangs über das Jüngste Gericht, fällt sie in Ohnmacht.

Mephisto lenkt Faust während der Walpurgisnacht mit einem Hexenfest ab. Eine Erscheinung, die Gretchen mit einem roten Schnürchen am Hals ähnelt, deutet ihre Hinrichtung voraus. Später erfährt Faust, dass Gretchen ihr neugeborenes Kind aus Verzweiflung ertränkt hat, zum Tode verurteilt wurde und im Kerker sitzt. Er macht Mephisto Vorwürfe, doch dieser verweist auf Fausts eigene Verantwortung.

Faust dringt in den Kerker ein und will Gretchen zur Flucht bewegen. Sie erkennt ihn, schwankt aber zwischen Liebe und Angst und verweigert schließlich die Flucht. Als Mephisto erscheint, übergibt sie sich dem Gericht Gottes. Mephisto erklärt: „Sie ist gerichtet“, doch eine Stimme von oben widerspricht: „Ist gerettet.“ Faust flieht mit Mephisto, während Gretchens Seele durch Gottes Gnade erlöst wird.

Form, Zeit und zentrale Deutungsfragen

Mit Ausnahme der Prosaszene „Trüber Tag. Feld“ ist das Drama in Versen geschrieben. Goethe verwendet vor allem den am Versende gereimten Knittelvers und den Madrigalvers. Diese Formen passen zum historischen Hintergrund, ermöglichen aber zugleich lebendige, komische und poetisch überhöhte Sprache. Ein unreiner, mundartlich erklärbarer Reim ist „neige“ auf „Schmerzenreiche“: Im Frankfurter Hessisch, mit dem Goethe aufwuchs, reimen sich die Wörter. Viele Verse wurden zu geflügelten Worten, darunter „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ (V. 358), „Das also war des Pudels Kern!“ (V. 1323) und „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie“ (V. 2038).

Die Handlung spielt in Deutschland, unter anderem in Leipzig und im Harz, ungefähr zur Lebenszeit des historischen Faust und damit an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Faust arbeitet wie Luthers Zeitgenossen an einer Bibelübersetzung, beurteilt die Alchemie seines Vaters kritisch und sucht Erkenntnis durch Magie und Geisterbeschwörung. Gleichzeitig enthält das Drama bewusste Anachronismen, etwa den „Totenschein“, das „Wochenblättchen“ und Anspielungen auf den Heißluftballon des 18. Jahrhunderts.

Ein zentrales Motiv ist das rastlose, irrende menschliche „Streben“. Faust überschreitet Grenzen, behandelt andere Menschen teilweise als Mittel für seine Wünsche und löst mit Mephistos Hilfe Katastrophen aus. Interpretationen bewerten dies unterschiedlich: Faust kann als problematischer genialer Mensch, als Technokrat oder als Vertreter der Beherrschung und Ausbeutung der Natur erscheinen. Umstritten ist auch, ob Faust Gretchen wirklich liebt oder vor allem körperlich begehrt. Für Liebe spricht sein Versuch, sie aus dem Kerker zu retten; gegen eine uneingeschränkte Liebesbeziehung spricht unter anderem, dass dauerhafte Erfüllung Faust die Wette kosten könnte. Gretchen und Faust unterscheiden sich außerdem durch Alter, soziale Stellung und Religion: Gretchen ist bürgerlich und christlich geprägt, Faust sucht jenseits fester Glaubensbegriffe nach Erkenntnis.

Die Deutung gilt wegen der zahlreichen Bezüge zu Bibel, Mythologie, Geschichte und Wissenschaft als schwierig. Goethe wollte keinen einzelnen abstrakten Gedanken als eindeutige Erklärung festlegen. Er bezeichnete das Werk sinngemäß als „offenbares Rätsel“, das fortdauernd erfreuen und beschäftigen solle.

Entstehung und Wirkung

Goethe arbeitete mit langen Unterbrechungen etwa sechs Jahrzehnte am gesamten „Faust“. Er kannte den seit dem Volksbuch von 1587 vielfach bearbeiteten Faust-Stoff unter anderem aus einem Puppenspiel. Um 1770 begann er den später so genannten „Urfaust“, angeregt durch den Prozess gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt. In dieser frühen Fassung steht die Gretchentragödie im Vordergrund; der eigentliche Teufelspakt, die Hexenküche und die Walpurgisnacht fehlen. Der Text wurde 1887 im Nachlass Luise von Göchhausens gefunden und von Erich Schmidt veröffentlicht.

Aus dem „Urfaust“ entstand „Faust. Ein Fragment“, 1788 vollendet und 1790 gedruckt. Hier wird neben der Liebestragödie deutlicher die Tragödie des zweifelnden Wissenschaftlers sichtbar. Die Hexenküche kam hinzu, während Gretchens Kerkerende noch fehlte. 1797 ergänzte Goethe „Zueignung“, „Vorspiel auf dem Theater“ und „Prolog im Himmel“. Bis 1806 wurden ältere Szenen endgültig bearbeitet und die Walpurgisnacht ausgeführt; 1808 erschien „Faust. Eine Tragödie“. Der 24 Jahre später veröffentlichte zweite Teil war teilweise parallel zum ersten konzipiert. Beide Teile bilden entstehungsgeschichtlich ein zusammenhängendes Werk, das für Fausts Seele letztlich positiv endet.

Frühe Bühnenfassungen kürzten und veränderten den als schwer spielbar geltenden Text. Die Uraufführung fand am 19. Januar 1829 am Hoftheater Braunschweig statt und betonte vor allem die Gretchentragödie. Bedeutende spätere Inszenierungen nutzten neue Bühnenformen: Max Reinhardt arbeitete 1909/11 mit der Drehbühne; Gustaf Gründgens prägte seit 1932 die bekannte schwarz-weiße Erscheinung Mephistos. Peter Stein brachte 2000 erstmals beide Teile professionell vollständig auf die Bühne; das Projekt hatte eine reine Spielzeit von 15 Stunden.

Das Werk wurde vielfach verfilmt und vertont. Zu den bekannten Filmen gehören Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust – eine deutsche Volkssage“ von 1926 und die Verfilmung der Gründgens-Inszenierung von 1960. Musikalische Bearbeitungen stammen unter anderem von Franz Schubert, Hector Berlioz, Robert Schumann, Franz Liszt, Charles Gounod und Gustav Mahler. Auch spätere Literatur und Dramatik greifen das Werk auf. Im 20. Jahrhundert wurde besonders Fausts Umgang mit Wissen und Macht auf die Risiken moderner Wissenschaft bezogen, etwa auf Umweltzerstörung und Nuklearwaffen; die Frage „Wie weit darf ein Wissenschaftler gehen?“ steht auch im Mittelpunkt von Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ und Heinar Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“.

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