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Codex Sinaiticus
Der Codex Sinaiticus enthält zusätzlich zum Alten und Neuen Testament zwei frühchristliche Schriften: den Barnabasbrief und den „Hirten“ des Hermas. Erhalten …
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Bedeutung und Grunddaten
Der Codex Sinaiticus ist eine unvollständig erhaltene koine-griechische Vollbibel aus dem 4. Jahrhundert. In der Forschung wird er nach Rahlfs als S und nach Gregory-Aland als א oder 01 bezeichnet. Er gehört zu den wichtigsten Handschriften der Bibel, weil er das älteste vollständig erhaltene Manuskript des Neuen Testaments ist. Außerdem enthält er neben Altem und Neuem Testament zwei frühchristliche Schriften: den Barnabasbrief und den „Hirten“ des Hermas.
Der Codex befand sich bis 1869 im Katharinenkloster am Fuß des Sinai in Ägypten. Heute sind seine Teile auf vier Einrichtungen verteilt: den größten Teil besitzt die British Library in London, kleinere Teile liegen in der Universitätsbibliothek Leipzig, im Katharinenkloster und in der Russischen Nationalbibliothek in Sankt Petersburg. Erhalten sind etwa die Hälfte des Alten Testaments, das ganze Neue Testament, der vollständige Barnabasbrief und etwa ein Drittel des „Hirten“.
Auffällig sind das große Format von etwa 38 × 34,5 cm, die vier schmalen Textkolumnen pro Seite, das hochwertige Pergament und die ungewöhnlich vielen Korrekturen. Der Codex gehört mit den Codices Vaticanus, Alexandrinus und Ephraemi Rescriptus zu einer kleinen Gruppe spätantiker Bibeln, die Altes und Neues Testament enthalten. Insgesamt sind aus der handschriftlichen Überlieferung nur sieben griechische Vollbibeln erhalten. Als möglicher Herstellungsort werden besonders Caesarea Maritima beziehungsweise Palästina und Alexandria beziehungsweise Ägypten diskutiert. Sicher ist das nicht.
Herstellung und Aufbau
Der ursprüngliche Umfang wird auf 730 Blätter oder 365 gefaltete Bögen geschätzt; erhalten sind 407 Blätter. Das Pergament ist sehr dünn, hell und hochwertig. Untersuchungen ergaben bei 28 gut erhaltenen Blättern, dass 15 sicher aus Kalbshaut und zwei aus Schafshaut bestanden; die übrigen waren wahrscheinlich Kalbshaut oder nicht eindeutig bestimmbar.
Meist bildeten vier Bögen eine Lage, also 8 Blätter oder 16 Seiten. Die Anordnung folgte dem sogenannten Gregory’s Law: Gegenüberliegende Seiten sollten in Farbe, Oberfläche und Linienführung zusammenpassen. Vor dem Schreiben wurden Kolumnen und Zeilen durch Einstiche und Linien vorbereitet. Prosatexte stehen in vier Kolumnen zu je 48 Zeilen; poetische Bücher wie der Psalter wurden in zwei breiten Kolumnen geschrieben.
Die Schreiber verwendeten braun-schwarze und rote Tinte. Der Haupttext wurde mit sepia-brauner Tinte geschrieben, rote Tinte markierte im Psalter unter anderem Nummern, Überschriften und Gliederungssignale. In den Evangelien wurde der Eusebische Apparat teilweise mit roter Tinte eingetragen. Dieser Apparat sollte Parallelstellen zwischen den Evangelien auffindbar machen, blieb aber unvollständig.
Später wurde der Codex mehrfach gebunden. Als der Hauptteil 1933 in London ankam, war die Bindung in schlechtem Zustand. David Cockerell restaurierte ihn und band ihn in zwei Bänden neu. Ältere Spuren zeigen, dass es vorher mindestens eine, vielleicht mehrere Bindungen gegeben hatte.
Schreiber, Hilfen und Korrekturen
Am Codex arbeiteten professionelle Schreiber in einer Majuskelschrift, der sogenannten Bibelunziale. Sie schrieben ohne Worttrennung. Typische Merkmale dieser Schrift sind ein Schriftwinkel von 65 bis 75 Grad, quadratisch wirkende Buchstaben, horizontale Haarstriche, vertikale Schattenstriche sowie Ober- und Unterlängen bei bestimmten Buchstaben. Die Form der Schrift gilt traditionell als Hinweis auf die Mitte des 4. Jahrhunderts; Brent Nongbri hält paläographisch nur eine breitere Datierung zwischen 300 und 425 für möglich.
Tischendorf unterschied vier Schreiber A, B, C und D. Milne und Skeat nahmen später drei Schreiber A, B und D an. Das Codex Sinaiticus Project stellte diese Einteilung teilweise in Frage; Amy Myshrall schlug vor, den Schreiber B in B1 und B2 zu unterscheiden. Die Schreiber lassen sich unter anderem an Zeilenfüllung, Ligaturen und Korrekturgewohnheiten erkennen.
Ob der Text diktiert oder abgeschrieben wurde, ist umstritten. Skeat vermutete Diktat, weil bestimmte Fehler wie typische Hörfehler wirken. Andere Beobachtungen sprechen aber dafür, dass die Schreiber eine schriftliche Vorlage sahen, etwa wenn ein Schreiber ein Wort und dessen Korrektur aus der Vorlage zu einer sinnlosen Mischform verband.
Der Codex enthält mehr als 23.000 Textänderungen, im Durchschnitt etwa 30 pro Seite. Viele betreffen nur Rechtschreibung oder deutlichere Buchstaben, aber es gibt auch inhaltlich wichtige Korrekturen. Zuerst korrigierten die Schreiber im Skriptorium ihre eigene Arbeit und die ihrer Kollegen. Später, besonders im 6./7. Jahrhundert, arbeiteten weitere Korrektoren am Text. In der Forschung werden diese Gruppen unterschiedlich bezeichnet. Ein wichtiger Korrektor ist ca, der viele Sonderlesarten entfernte und den Text teilweise normalisierte. Andere wie cb2 und cpamph arbeiteten vor allem am Alten Testament; cpamph verwies in Kolophonen auf ein Exemplar, das mit der Hexapla des Origenes und Pamphilos von Caesarea verbunden gewesen sein soll.
Biblischer und frühchristlicher Inhalt
Im Alten Testament bietet der Codex eine griechische Septuaginta-Überlieferung. Von einem festen Septuaginta-Kanon kann für die Zeit der Buchrollen noch nicht gesprochen werden; die großen christlichen Vollbibeln des 4. und 5. Jahrhunderts zeigen erst einen „griechischen Kanon“, stimmen aber weder in allen Büchern noch in ihrer Reihenfolge überein. Im Codex Sinaiticus stehen die poetischen Schriften nach den Prophetenbüchern; Ijob steht ungewöhnlich am Ende des Alten Testaments.
Für einzelne alttestamentliche Bücher ist der Codex besonders wichtig. Im Buch Tobit ist er Hauptzeuge der Langfassung GII, die heute als älter gilt als die Kurzfassung im Codex Vaticanus. Für das 1. und 4. Makkabäerbuch gewinnt er an Gewicht, weil diese Bücher im Vaticanus fehlen. Beim Psalter ist er zusammen mit dem Vaticanus ein besonders wichtiger Zeuge; weil im Vaticanus eine Lage fehlt, wird der Sinaiticus für den Abschnitt von Psalm 105 bis Psalm 137 besonders wichtig.
Im Neuen Testament weicht die Reihenfolge von heutigen Bibeln ab. Die Apostelgeschichte steht nicht direkt nach den Evangelien, sondern zwischen den Paulusbriefen und den Katholischen Briefen. Der Hebräerbrief steht zwischen dem 2. Thessalonicherbrief und dem 1. Timotheusbrief, nicht wie heute üblich nach dem Philemonbrief.
Der neutestamentliche Text ist für die Textkritik sehr wichtig, also für die wissenschaftliche Rekonstruktion möglichst früher Textformen. Im Codex fehlen mehrere Abschnitte, die in späteren Bibelüberlieferungen vorkommen, etwa die Doxologie nach dem Vaterunser, der kanonische Markusschluss Mk 16,9–20 und die Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin Joh 7,53 bis 8,11. In diesen Fällen gilt ihr Fehlen zusammen mit anderen frühen Zeugen als wichtiger Hinweis darauf, dass sie nicht zum ältesten Text gehörten. Zugleich ist nicht jeder kürzere Text automatisch ursprünglicher; manche Auslassungen können durch Schreiberfehler entstanden sein.
Die zusätzlich enthaltenen Schriften Barnabasbrief und Hirte des Hermas gehören heute zu den Apostolischen Vätern. Ob sie im Codex als kanonisch verstanden wurden oder als Anhang zum Neuen Testament, ist umstritten. Für den Barnabasbrief ist der Codex Sinaiticus besonders wichtig, weil er einer der wenigen vollständigen griechischen Textzeugen ist. Für den Hirten des Hermas hat er ebenfalls großes Gewicht, obwohl der Text des Schreibers B viele Korrekturen nötig machte.
Entdeckung, Besitz und Digitalisierung
Die erste mögliche Erwähnung stammt von Vitaliano Donati, der 1761 im Katharinenkloster eine große griechische Bibelhandschrift sah. Bekannt wurde der Codex durch Konstantin von Tischendorf. Er besuchte 1844 das Katharinenkloster und sah dort 129 Blätter aus dem Alten Testament. Nach seiner eigenen, nicht in allen Einzelheiten überprüfbaren Darstellung durfte er 43 Blätter mitnehmen; sie kamen nach Leipzig und wurden 1846 als Codex Frederico-Augustanus veröffentlicht.
1859 kehrte Tischendorf im Auftrag des russischen Zaren Alexander II. zurück. Ihm wurden 347 Blätter ausgehändigt, zunächst als Leihgabe zur Abschrift und Publikation. 1862 veröffentlichte er den Text in einer vierbändigen Prachtausgabe unter dem Titel Bibliorum codex Sinaiticus Petropolitanus. 1869 wurde eine formelle Schenkung an den Zaren unterzeichnet, doch die rechtliche Bewertung der Vorgänge zwischen 1859 und 1869 blieb später umstritten. 1933 verkaufte die Sowjetregierung den Hauptteil für 100.000 £ nach Großbritannien; seither liegt er in der British Library. Russische Fragmente blieben in Sankt Petersburg.
1975 wurden im Katharinenkloster bei einem Fund von Fragmenten aus rund 1200 Manuskripten und Drucken weitere Teile entdeckt. Heute werden 18 vollständige oder fragmentarische Blätter sicher dem Codex Sinaiticus zugeordnet, dazu einige kleine schwer identifizierbare Fragmente. Sie gehören unter anderem zum Pentateuch, zu Josua, Richter, 1. Chronik und zum Hirten des Hermas.
Seit 2006 arbeiteten die British Library, die Universitätsbibliothek Leipzig, die Russische Nationalbibliothek und das Katharinenkloster am Codex Sinaiticus Project. Ziel waren Konservierung, Digitalisierung, kodikologische Beschreibung und vollständige Transkription. Seit Juli 2009 sind alle bekannten Teile des Codex in hoher Qualität online zugänglich.
Forschung und Streitfragen
In der Forschung wurde der Codex Sinaiticus besonders wegen seines vollständigen Neuen Testaments wichtig. Seine Entdeckung fiel in eine Zeit, in der der ältere Textus receptus durch wissenschaftliche Ausgaben auf Grundlage früher Handschriften ersetzt werden sollte. Schnell erkannte man die Nähe zwischen Sinaiticus und Codex Vaticanus. Tischendorf bevorzugte in seiner Ausgabe von 1872 den Sinaiticus; Westcott und Hort bevorzugten 1881 den Vaticanus. Spätere Papyrusfunde, besonders P75 aus dem frühen 3. Jahrhundert, stärkten die Einschätzung, dass der Vaticanus insgesamt einen früheren Text bietet als der Sinaiticus.
Früher sprach man oft von alexandrinischem, westlichem und byzantinischem Texttyp. Heute gelten solche Begriffe nur noch als grobe Charakterisierung. Das Institut für Neutestamentliche Textforschung nutzt stattdessen die Kohärenzbasierte genealogische Methode, die computergestützt Abhängigkeitsverhältnisse zwischen einzelnen Textvarianten untersucht.
Der Codex war auch umstritten. Konstantinos Simonides behauptete 1862, er habe ihn im 19. Jahrhundert selbst geschrieben. Diese Darstellung wurde durch Untersuchungen und Nachfragen auf dem Athos diskreditiert. Eine andere Kritik war der Vorwurf, der Codex enthalte häretisch veränderte Lesarten, weil er an einigen Stellen vom Textus receptus abweicht. Besonders John William Burgon lehnte im 19. Jahrhundert Sinaiticus, Vaticanus und Bezae ab und verteidigte den Textus receptus. Diese Haltung lebt heute in Teilen der King-James-Only-Bewegung weiter.