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Europa (Novalis)

Europa ist eine Rede von Novalis (Friedrich von Hardenberg), die 1799 entstand und 1802 erstmals in Auszügen im Druck erschien.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Entstehung
  2. 2. Aufbau und geschichtliche Entwicklung
  3. 3. Neue Religion und europäische Friedensgemeinschaft
  4. 4. Deutung, Wirkung und Ausgaben

Gegenstand und Entstehung

„Europa“ ist eine Rede von Novalis, also Friedrich von Hardenberg. Sie entstand zwischen Oktober und November 1799 und behandelt die Zukunft Europas nach den politischen und geistigen Umbrüchen der Französischen Revolution. Novalis entwarf darin eine Zukunftsutopie: Aus der Krise und dem „Untergang“ der bisherigen europäischen Ordnung soll ein neues Europa entstehen, das durch Religion, geistige Erneuerung und ewigen Frieden geprägt ist.

Novalis verwendete den Kurztitel „Europa“. Die Bezeichnung „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“ stammt dagegen nicht von ihm, sondern von einer unbekannt gebliebenen Person. Der Zusatz „Ein Fragment“ ist auffällig, weil Novalis selbst sowie seine Herausgeber Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck stets von einem vollendeten Aufsatz oder einer abgeschlossenen Rede ausgingen.

Die Rede war zunächst für die Zeitschrift Athenäum vorgesehen. Als Novalis sie am 13. und 14. November 1799 in Jena seinem frühromantischen Freundeskreis vortrug, wurde sie zwiespältig aufgenommen. Tieck hielt sie für zu schwach und meinte, ihre Schwächen seien leicht zu erkennen. Schelling verfasste als Antwort ein satirisches Gedicht. Goethe riet später davon ab, beide Texte gemeinsam im Athenäum zu veröffentlichen. Die frühe Rezeption war daher von Unverständnis und Missverständnissen geprägt.

Aufbau und geschichtliche Entwicklung

Ausgangspunkt der Rede ist die politische und religiöse Krise Europas am Ende des 18. Jahrhunderts. Papst Pius VI. war in der Zitadelle von Valence gestorben; die Franzosen verhinderten eine Neuwahl, sodass die katholische Christenheit ohne Oberhaupt blieb. Der drohende Krieg gegen Frankreich verschärfte die Lage. Europa befand sich nach Novalis an einem „Kairos“, also an einem entscheidenden günstigen Augenblick, in dem der Übergang in ein besseres Zeitalter möglich wird.

Gattungsmäßig handelt es sich um eine oratio deliberativa. Diese rhetorische Gattung zielt darauf, das Publikum zu einer Handlung zu bewegen oder von ihr abzuhalten, insbesondere wenn diese den Lauf der Geschichte beeinflussen kann. In „Europa“ fordert der Sprecher zur Herstellung eines ewigen Friedens auf.

Die Rede folgt einem für Novalis typischen Triadenschema: Auf eine glückliche „Urzeit“ folgt eine Phase des Zerfalls; anschließend soll ein „goldenes Zeitalter“ entstehen, das die frühere Ordnung auf einer höheren Stufe wiederherstellt. Die Urzeit ist in „Europa“ das frühmittelalterliche Christentum. Die Darstellung des Mittelalters ist deshalb nicht vollständig historisch, sondern stilisiert. Sie bleibt jedoch so gestaltet, dass sie innerhalb der Rede historisch glaubwürdig wirkt.

Das mittelalterliche Europa erscheint zunächst als religiöse Einheit. Der christliche Glaube verbindet den Kontinent. Als wichtige Elemente nennt die Rede die Liebe zur Kirche, die Heiligenverehrung, den Reliquienkult, Wallfahrten und sogar die päpstliche Zensur, die zur Bewahrung der religiösen Einheit und der Gläubigkeit gerechtfertigt wird. Dieses Idealbild steht im Gegensatz zu rationalistischen und materialistischen Aufklärungsströmungen, die das Mittelalter als Zeitalter der Barbarei verstanden.

Danach beginnt der Zerfall. Die Geistlichen werden träge und verlieren ihre Stellung als Gelehrte; die Gelehrsamkeit geht auf die Laien über. „Glaube und Liebe“ werden durch „Wissen und Haben“ ersetzt. Damit gewinnen rationale Erkenntnis und das Streben nach materiellem Besitz die Oberhand.

Als Beginn der Zerfallsphase gilt die Reformation. Sie wird zunächst als berechtigter Protest gegen kirchliche Missstände anerkannt. Nach der Darstellung der Rede führt sie jedoch nicht zu einer besseren Ordnung. Der Protest wird zur dauerhaften Haltung. Die Reformation zerstört die Einheit der Kirche und ermöglicht schließlich die Herrschaft der Politik über die Kirche. Außerdem lässt Luthers philologische Bibelbetrachtung den lebendigen Geist der Kirche erstarren. Der Hass gegen den katholischen Glauben entwickelt sich nach mehreren Stufen zu einem Hass gegen Religion überhaupt.

Auch die Gegenreformation wird erst teilweise befürwortet, dann aber kritisiert. Sie scheitert unter anderem an einem Mangel an Phantasie und Gefühl. Anschließend richtet sich die Kritik gegen rationalistische und materialistische Strömungen der Aufklärung, nicht gegen die gesamte Aufklärung. Diese Strömungen glauben, Glaubensfragen durch Wissen lösen zu können, und machen die Welt dadurch zu einem bloßen Mechanismus. Der Sprecher bezeichnet sie in Analogie zur Reformation als „weltlichen Protestantismus“. Reformation und Rationalismus erscheinen so als Gegner des religiösen Sinns.

Die Französische Revolution wird als zweite und umfassendere Reformation gedeutet. Sie verschärft zunächst die Krise, eröffnet aber zugleich die Möglichkeit für den Übergang in das goldene Zeitalter. Indem die Revolution Religion vollständig in den privaten Bereich drängt, kann eine persönlichere und innigere Beschäftigung mit ihr entstehen. Der Sprecher formuliert: „Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion.“ Damit ist ein vollständiger Untergang der bisherigen Ordnung als Voraussetzung ihrer Reinigung gemeint. Aus der Zerstörung kann Religion anschließend wieder als ordnende Kraft hervorgehen.

Neue Religion und europäische Friedensgemeinschaft

Das Geschichtsbild der Rede beruht auf einem Wechsel entgegengesetzter Bewegungen. Geschichte bewegt sich zwischen Ideal und Wirklichkeit, wobei die Nähe zum Ideal allmählich größer werden soll. Die Hörer werden aufgefordert, für die Wiedergeburt des goldenen Zeitalters bereit zu sein und den entscheidenden historischen Augenblick zu nutzen. Der Sprecher warnt zugleich davor, ständig in den Lauf der Geschichte einzugreifen. Der richtige Zustand werde sich einstellen, wenn man der Geschichte die Möglichkeit dazu gebe.

Religion ist für Novalis notwendig, weil weltliche Mächte sich nicht selbst dauerhaft ins Gleichgewicht bringen können. Deshalb braucht es ein drittes Element, das zugleich überirdisch und weltlich ist: die Religion. Zeichen einer möglichen Wende erkennt der Sprecher bereits in der Entwicklung der Wissenschaften gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Am Ende fordert die Rede eine Kirche, die nicht an Landesgrenzen gebunden ist und dadurch die europäischen Staaten enger verbindet. Diese neue, dauerhafte und von konfessionellen Schranken befreite Kirche soll an die Stelle von Papsttum und Protestantismus treten. Gemeint ist damit jedoch weniger eine konkrete Institution als eine europäische Friedensgemeinschaft. Sie wäre der erste Schritt zu einer Weltgemeinschaft.

Novalis verlangt „ächte Freiheit“, also einen freieren und poetischeren Umgang mit den biblischen Schriften. Das Christentum soll dadurch ausgeweitet werden. Wenn es seine Abgrenzung gegenüber anderen Religionen aufgibt, nähert es sich einer allgemeinen Weltreligion. Diese Zukunftsreligion soll im Alltag erfahrbar sein, soziale Gemeinschaft schaffen und dennoch die Freiheit nicht einschränken. Während in der alten goldenen Zeit Ehrfurcht und Gehorsam im religiösen Bereich vorherrschen, soll in der neuen goldenen Zeit die Freiheit der Religion maßgeblich sein. Diese Entwicklung ist nach der Rede noch nicht vollendet, wird aber als sicher bevorstehend dargestellt; notwendig sei vor allem Geduld.

Deutung, Wirkung und Ausgaben

In der Deutung der Rede erscheint das goldene Zeitalter als sakrale Zeit. Alles zwischen dem Menschen und dem Unendlichen, dem Göttlichen, kann zum Mittler werden. Darin zeigt sich die frühromantische Vorstellung einer Mittlerreligion. Religiöse Ideen sollen zwischen weltlichen und politischen Kräften vermitteln und zugleich diese Ebenen mit dem Unendlichen und der Natur als großem Ganzen verbinden. Die Rede fordert daher besonders die intellektuelle Avantgarde auf, Religion, Wissenschaft und Kunst zu einer Einheit zusammenzuführen.

„Europa“ wurde im Lauf der Geschichte unterschiedlich ausgelegt. Häufig deutete man den Text als Befürwortung einer Restauration, also einer Wiederherstellung früherer Zustände. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Rede keine bloße „laudatio temporis acti“, keine Verherrlichung der vergangenen Zeit, ist, sondern ein Zukunftspathos entwickelt. Im Nationalsozialismus wurde sie beispielsweise als Vision der Machtergreifung von 1933 interpretiert.

Die erste Veröffentlichung erfolgte 1802 in Auszügen. Der erste vollständige Abdruck erschien 1826 in der vierten Auflage der „Schriften“, herausgegeben von Ludwig Tieck und Friedrich Schlegel. Der Druck trug den Titel „Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment“ und umfasst die Seiten 187–208 des ersten Bandes der bei Reimer in Berlin erschienenen Ausgabe.

Als wichtige Forschungsliteratur nennt der Artikel den Eintrag „Die Christenheit oder Europa“ in Walter Jens’ „Kindlers neuem Literatur Lexikon“ (1988–1992), Hermann Kurzkes „Novalis“ (1988), Lothar Pikuliks „Frühromantik. Epoche – Werke – Wirkung“ (1992) sowie die Arbeiten von Herbert Uerlings über Friedrich von Hardenberg und Novalis.

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