Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Europa – Unsere Geschichte
Bei Europa – Unsere Geschichte gelten Multiperspektivität sowie ein offenes Geschichtsbild als vordergründige didaktische Prinzipien der Schulbuchreihe.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Veröffentlichung
„Europa – Unsere Geschichte“ (polnisch „Europa – Nasza historia“) ist eine vierbändige Schulbuchreihe für den Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I. Sie kann in Deutschland und Polen verwendet werden und enthält das reguläre Curriculum der Sekundarstufe I. Inhalte und Gestaltung sind in beiden Sprachversionen identisch.
Die Reihe wurde von einer deutsch-polnischen Expertengruppe aus Historikern und Pädagogen entwickelt, die mehrheitlich der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission angehören. Historische Ereignisse aus Deutschland, Polen und weiteren europäischen Ländern werden in einen breiteren Zusammenhang eingeordnet und aus mehreren Perspektiven betrachtet.
Die Bände erschienen zwischen 2016 und 2020: Band 1 im Juni 2016, Band 2 im September 2017, Band 3 im Juni 2019 und Band 4 im Juli 2020. Auf deutscher Seite veröffentlicht Eduversum aus Wiesbaden die Bücher, auf polnischer Seite Wydawnictwa Szkolne i Pedagogiczne aus Warschau.
Entstehung und institutioneller Rahmen
Das Projekt begann 2008 auf Initiative des damaligen deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier und seines polnischen Amtskollegen Radosław Sikorski. Für die Organisation wurden ein Steuerungsrat und ein Expertenrat eingerichtet. Der Steuerungsrat übernahm die politische Koordination und die Förderung des Projekts.
In Deutschland beteiligen sich unter anderem das Auswärtige Amt sowie das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und weitere Kultusministerien. In Polen wird das Projekt vom Ministerium für Nationale Bildung, dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und dem Ministerium für Kultur und Nationales Erbe unterstützt. Ein weiterer Förderer ist die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.
Herausgegeben wird die Reihe von der Gemeinsamen Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission in Zusammenarbeit mit dem Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und dem Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Diese Einrichtungen übernehmen gemeinsam auch die wissenschaftliche Koordination. Koverantwortlich waren Robert Traba und Michael G. Müller.
Didaktische Grundsätze und Lernmethoden
Die wichtigsten didaktischen Prinzipien sind Multiperspektivität und ein offenes Geschichtsbild. Multiperspektivität bedeutet, dass historische Ereignisse aus unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet werden. Die Reihe vermittelt außerdem die Verschiedenheit der Erinnerungskulturen in Deutschland, Polen sowie anderen europäischen und außereuropäischen Ländern.
Autorentexte und Quellen sind so angelegt, dass sie nicht nur eine fertige Deutung vorgeben. Die Schülerinnen und Schüler sollen historische Ereignisse und Quellen selbst interpretieren. Die Rubrik „Blickwinkel“ stellt kontroverse Themen anhand der Meinungen unterschiedlicher Historiker dar.
Die Rubrik „Vergangenheit in der Gegenwart“ behandelt Erinnerungsorte und Erinnerungskulturen Deutschlands, Polens und anderer Länder. Methodenseiten in jedem Kapitel erklären anhand verschiedener Quellentypen, wie historisches Arbeiten funktioniert. Kompetenztests dienen dazu, Wissen zu überprüfen und zu festigen. Weitere Elemente ordnen bestimmte Ereignisse in ihren geschichtlichen Zeitraum ein.
Auszeichnung und Bewertung
Band 4 wurde 2021 in der Kategorie Gesellschaft als „Schulbuch des Jahres 2021“ ausgezeichnet. Verliehen wird dieser Preis vom Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Verband der didacta.
Eine Rezension des Gesamtwerks von 2021 hob besonders die Erweiterung des Blicks nach Osten hervor. Kritisiert wurden dagegen die sehr große, als „ungebändigt“ bezeichnete Faktenfülle des historischen Überblicks sowie das sprachliche Anforderungsniveau, etwa bei den kontroversen Historikermeinungen.
Polnische Zulassung und Bände
Die vier deutschsprachigen Bände behandeln folgende Zeiträume:
- Band 1: „Von der Ur- und Frühgeschichte bis zum Mittelalter“ (2016).
- Band 2: „Neuzeit bis 1815“ (2017).
- Band 3: „Vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg“ (2019).
- Band 4: „20. Jahrhundert bis zur Gegenwart“ (2020).
Die polnische Ausgabe ist den Klassenstufen der polnischen Grundschule zugeordnet: Tom 1 der Klasse 5, Tom 2 der Klasse 6, Tom 3 der Klasse 7 und Tom 4 der Klasse 8. Der polnische Tom 3 erschien in zwei Teilen: „Od kongresu wiedeńskiego do I wojny światowej“ sowie „Dwudziestolecie międzywojenne 1919–1939“. Tom 4 reicht „Od wybuchu drugiej wojny światowej do czasów współczesnych“.
Für Band 4 erteilte das polnische Bildungsministerium zunächst keine Zulassung; als Gutachter wird Prof. Grzegorz Kucharczyk vom Pilecki-Institut genannt. Dadurch konnten Schulen in Polen zunächst keinen Teilband anschaffen. Als Grund nennt der Artikel die Ablehnung des Projekts durch den damaligen Bildungsminister Przemysław Czarnek (PIS). Nach dem Regierungswechsel erteilte das von Barbara Nowacka geleitete Bildungsministerium die Zulassung. Seitdem kann die gesamte Reihe in den Klassen V bis VIII der polnischen Schulen genutzt werden.
Eine Projekthomepage ist auf Deutsch, Polnisch und Englisch verfügbar.