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Eugen Drewermann
Drewermann setzt sich für den Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften ein. Mit seiner Tierethik wendet er sich gegen die Vorstellung, Tiere seien dem …
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Person und kirchlicher Konflikt
Eugen Drewermann (* 20. Juni 1940 in Bergkamen) ist deutscher Theologe, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Er gilt als wichtiger Vertreter der tiefenpsychologischen Exegese, also einer Bibelauslegung, die Texte mit Erkenntnissen über unbewusste seelische Vorgänge deutet. Bekannt wurde er außerdem durch Kritik an der römisch-katholischen Kirche, durch politische Stellungnahmen und als Redner der Friedensbewegung.
Er wuchs in einer gemischtkonfessionellen Bergmannsfamilie auf; sein Vater war evangelisch, seine Mutter katholisch. Nach dem Abitur 1960 studierte er von 1960 bis 1965 Philosophie in Münster und Katholische Theologie in Paderborn. 1966 wurde er zum Priester geweiht. Ab 1968 arbeitete er an der Klinik für Psychotherapie, Psychiatrie und psychosomatische Medizin im späteren Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn bei Göttingen und ließ sich dort in Neopsychoanalyse nach Harald Schultz-Hencke ausbilden.
1978 habilitierte er sich in katholischer Theologie und lehrte ab 1979 als Privatdozent in Paderborn. Nachdem er 1991 die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache angezweifelt hatte, entzog Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt ihm am 8. Oktober 1991 die Lehrerlaubnis für Dogmatik. Es folgten Predigtverbot und ein kirchliches Verfahren; im März 1992 wurde Drewermann vom Kirchenamt suspendiert. Am 20. Juni 2005 trat er aus der römisch-katholischen Kirche aus. Er arbeitet als Schriftsteller, Redner, Psychotherapeut und Lehrbeauftragter und betreibt einen YouTube-Kanal.
Tiefenpsychologische Bibelauslegung
Drewermann geht davon aus, dass neutestamentliche Texte von Menschen geschrieben und erzählt wurden und daher psychologisch ausgelegt werden können. Seine tiefenpsychologische Exegese orientiert sich unter anderem an Carl Gustav Jung. Sie will die historisch-kritische Methode, welche Entstehungszeit und historische Zusammenhänge der Texte untersucht, relativieren oder überwinden: Nach Drewermann bleibe diese an der „Außenseite“ des Verstehens, während die psychologische Deutung die tieferen Schichten einer Erzählung für Leserinnen und Leser erschließen könne.
Ziel ist, dass ein Text im „inneren Erfahrungsraum seelischer Zustände“ der lesenden Person anknüpft. Durch Verfahren wie Amplifikation (gerichtete Assoziationen), aktive Imagination oder freie Assoziation sollen tiefere Schichten der Psyche zugänglich werden. Dort verortet Drewermann Archetypen: grundlegende, wiederkehrende Bilder und Symbole menschlichen Erlebens.
Für eine archetypische Exegese nennt er drei Schritte:
- Zuerst werden Erzählbestandteile motivgeschichtlich untersucht, also als mögliche wiederkehrende Motive gelesen.
- Danach werden Bilder religionsgeschichtlich mit ihrem Auftreten in Mythen verschiedener Völker verglichen.
- Auf der „Subjektstufe“ wird gefragt, welche Bedeutung die Bilder für die lesende Person haben. Dabei unterscheidet Drewermann Wachbewusstsein, subliminales Unterbewusstsein und intuitiv gesteigertes Überbewusstsein.
Zentrale Aussagen seiner Theologie sind: Der Mensch finde Heil, indem er sich innerlich selbst finde und dadurch zu Gott komme; biblische Texte müssten vor allem wegen ihrer angstlösenden Wirkung verstanden werden; und Sünde sei nicht nur ein ethischer Verstoß, sondern ein Zustand innerer Verzweiflung. Menschen solle man deshalb nicht verurteilen, sondern verstehend begleiten. Gott dürfe nicht als strafend oder Höllenqualen verhängend dargestellt werden.
Jesus Christus deutet Drewermann als Verkörperung vollendeter Humanität. Jesus solle Menschen zu einem absoluten Vertrauen in Gottes Güte führen und sie so aus Angst angesichts von Endlichkeit, Sterblichkeit und Sündhaftigkeit befreien. Festgelegte äußere Glaubensbedingungen seien dafür nicht entscheidend. Auch symbolisch deutet er zentrale katholische Glaubensinhalte wie Jungfrauengeburt, Auferstehung, Himmelfahrt und Wunder; er bestreitet, dass sie Ereignisse der äußeren Tatsachenwirklichkeit seien. Dies führte zum Konflikt mit dem kirchlichen Lehramt.
Drewermann fordert zudem einen Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaften. Er verneint die Vorstellung eines allmächtigen und allwissenden Schöpfergottes, der die Welt auf den Menschen hin bestimmt habe, und setzt die Liebe an die Stelle eines solchen Schöpfergottes als Ort der Gotteserkenntnis. Die Evolutionstheorie bezeichnete er als „zusammenhängendes Erklärungsmodell“; Kirche müsse Evolutionstheorie und Hirnforschung ernst nehmen.
Weitere Themen und öffentliche Wirkung
Drewermann veröffentlichte zahlreiche tiefenpsychologische Deutungen biblischer Texte, Märchen, besonders der Brüder Grimm, und literarischer Werke. Dabei bezieht er sich unter anderem auf Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Heinz Kohut, Melanie Klein, Erich Fromm und Daniel Stern. Seine Interpretationen von Fjodor Dostojewski behandeln beispielsweise Sucht in „Der Spieler“ sowie Nächstenliebe und Vergebung in „Schuld und Sühne“. Daneben schrieb er populärwissenschaftliche Werke zum Verhältnis von Theologie, Biologie, Kosmologie und Neurologie.
Er war in vielen Ländern als Vortragender tätig und häufig Gast in Talkshows. Von 2008 bis 2015 moderierte er beim Nordwestradio die Sendung „Redefreiheit“. Dort deutete er neun Grimm’sche Märchen tiefenpsychologisch und sprach anschließend mit Anrufenden über Alltagssituationen. Er schreibt regelmäßig für die Wochenzeitung der Freitag. Seine rhetorischen Fähigkeiten und seine verständliche, persönliche Ansprache machten ihn zu einem gefragten öffentlichen Redner; zugleich wurde kritisiert, die mediale Aufmerksamkeit lasse zu wenig Raum für fachliche Auseinandersetzung mit seinen theologischen Thesen.
Politische und ethische Positionen
Drewermann verurteilt Kriege und militärische Einsätze, darunter die Golfkriege, israelische Luftangriffe im Libanonkrieg 2006 und deutsche Auslandseinsätze der Bundeswehr. Als Vertreter der Friedensbewegung forderte er 2008 die Abschaffung der Bundeswehr. Auch nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sprach er sich gegen Aufrüstung aus, weil dadurch nach seiner Auffassung das Böse nicht bekämpft, sondern vermehrt werde. Bei einzelnen Wahlveranstaltungen unterstützte er die Linkspartei.
Er kritisiert den Kapitalismus, das marktwirtschaftliche Erfordernis von Zins und Wachstum sowie Umweltzerstörung. Seine Tierethik richtet sich gegen die Vorstellung, Tiere seien dem Menschen untergeordnet. Menschen seien nicht Herren der Schöpfung oder Mittelpunkt der Evolution, sondern Teil des Lebens. Der Umgang mit Tieren müsse deshalb ihren evolutionären Entwicklungsgrad sowie ihre Empfindungs- und Leidensfähigkeit berücksichtigen. Außerdem setzt er sich für Sterbehilfe ein.
Im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche verurteilte Drewermann die Taten, äußerte aber zugleich Mitleid mit Tätern, die er auch als Opfer innerkirchlicher Zustände ansieht. Für Betroffene forderte er finanzielle Wiedergutmachung und Verständnis. Sein Grundgedanke ist, nicht die Tat zu entschuldigen, aber den Menschen und seine Nöte zu verstehen.
Kritik und Kontroversen
Kritiker aus Bibelwissenschaft und katholischer Theologie wenden ein, Drewermann vernachlässige historische Bezüge biblischer Texte und reduziere Glauben, Offenbarung und kirchliches Gemeindeleben auf die innerseelische Dynamik einzelner Menschen. Joseph Ratzinger sprach von einer Reduktion der Religion zum „psychotherapeutischen Trick“. Udo Schnelle kritisierte, Drewermanns Werturteile ließen sich weder historisch-kritisch noch aus der jeweiligen psychologischen Fragestellung begründen. Psychologen und Theologen beanstandeten außerdem seine starke Konzentration auf individuelle Angst; Manfred Lütz erklärte, Drewermann habe keine abgeschlossene psychotherapeutische Ausbildung und beurteilte dessen Methode als „Patchwork aus C. G. Jung und Freud“.
Umstritten sind auch Vorwürfe eines strukturellen Antijudaismus oder antisemitischer Stereotype in Teilen seiner Theologie und politischen Aussagen. Andere widersprechen ausdrücklich: Micha Brumlik erklärte, er halte Drewermann nicht für einen Antisemiten; der Biograf Matthias Beier bewertete Antisemitismusvorwürfe als schwere Missverständnisse und hob hervor, Drewermanns Auslegung könne christlichen Antijudaismus überwinden. Damit enthält die Rezeption gegensätzliche Bewertungen.
Auch seine politischen Äußerungen wurden kritisiert. Uwe Birnstein und Klaus-Peter Lehmann warfen ihm vor, Politik zu psychologisieren. Nach seiner Unterzeichnung des „Neuen Krefelder Appells“ im November 2021 wurde ihm die Beteiligung an Verschwörungstheorien vorgeworfen, weil der Appell positiv auf die Erzählung eines „Great Reset“ Bezug nahm. Drewermann bestritt, Verschwörungstheorien zu Corona oder Kapitalismus zu unterstützen, und erklärte später, den Appell nur überflogen zu haben. Kritiker hielten diese Erklärung für unzureichend. Aussagen zum Ukraine-Krieg, etwa Russland bedrohe Deutschland nicht und der Krieg könne bei Berücksichtigung russischer Sicherheitsinteressen rasch enden, lösten weitere Kritik aus.