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Estnische Sprache

Vokale. Bearbeiten. Das Estnische besitzt 9 Monophthonge, die in drei Quantitätsstufen (kurz vs. lang vs. überlang) auftreten können. Die Quantität gilt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Verbreitung
  2. 2. Schrift und Lautsystem
  3. 3. Substantive und Fälle
  4. 4. Verben, Zeiten und Verneinung
  5. 5. Satzbau und Fragen
  6. 6. Wortschatz, Dialekte und Sprachpolitik

Einordnung und Verbreitung

Estnisch, auf Estnisch eesti keel, ist eine flektierend-agglutinierende Sprache: Grammatische Informationen werden sowohl durch Veränderungen am Wortstamm als auch durch angefügte Endungen ausgedrückt. Es gehört zum ostseefinnischen Zweig der finno-ugrischen Sprachen innerhalb der uralischen Sprachfamilie. Eng verwandt ist es mit dem Finnischen und dem 2013 ausgestorbenen Livischen; zum Ungarischen besteht eine entfernte Verwandtschaft.

Estnisch ist die einzige Amtssprache der Republik Estland und außerdem eine Amtssprache der Europäischen Union. In Estland sprechen es etwa 950.000 Menschen. Estnische Gemeinden im Ausland umfassen ungefähr 150.000 weitere Sprecher, sodass die Gesamtzahl der Muttersprachler bei rund 1,1 Millionen liegt. Die Sprachcodes lauten et beziehungsweise est nach ISO 639; Standardestnisch trägt den Code ekk.

Schrift und Lautsystem

Das estnische Alphabet umfasst die Buchstaben a, b, c, d, e, f, g, h, i, j, k, l, m, n, o, p, q, r, s, š, z, ž, t, u, v, w, õ, ä, ö, ü, x und y. Die Buchstaben c, f, q, š, z, ž, w, x und y erscheinen vor allem in Fremdwörtern und fremden Namen. Mit b, d oder g beginnen nur Fremdwörter. In der ersten Silbe können alle neun Vokale a, e, i, o, u, õ, ä, ö und ü stehen; in der letzten Silbe sind gewöhnlich nur a, e, i und u möglich, in einzelnen Fremdwörtern auch o, etwa metroo.

Das Estnische besitzt neun Monophthonge, also einfache Vokale. Sie können kurz, lang oder überlang sein. Diese Quantität ist distinktiv, das heißt, sie kann die Bedeutung eines Wortes unterscheiden. Auch Lippenrundung und die Stellung der Zunge sind bedeutungsunterscheidend. Anders als im Deutschen muss sich die Vokalqualität bei unterschiedlicher Länge nicht verändern. Ein besonderer Laut ist [ɤ], geschrieben õ: ein ungerundeter halbgeschlossener Hinterzungenvokal. Je nach Zählweise gibt es 19 bis 36 Diphthonge, also Verbindungen zweier Vokale. Die unterschiedliche Zahl entsteht dadurch, dass manche Lautfolgen als lose Verbindungen gelten und einige nur dialektal vorkommen.

Es gibt 17 Konsonantenphoneme, die ebenfalls in drei Quantitätsstufen auftreten können. Die Plosive p, t und k werden nicht aspiriert, also nicht behaucht. Das geschriebene s wird grundsätzlich stimmlos ausgesprochen; [ʃ] und [ʒ] kommen nur in Fremdwörtern vor.

Der Wortakzent liegt grundsätzlich auf der ersten Silbe, auffällig etwa bei teater („Theater“). Eine Ausnahme ist aitäh! („danke!“). Lehn- und Fremdwörter behalten meistens die Betonung ihrer Ausgangssprache. Estnische Wörter können zusätzlich einen Nebenakzent auf der dritten oder einer anderen ungeraden Silbe tragen, besonders in zusammengesetzten Wörtern.

Substantive und Fälle

Das Estnische besitzt kein grammatisches Geschlecht. Das Pronomen tema, kurz ta, bezeichnet in der dritten Person Singular Personen jeden Geschlechts. Auch Berufsbezeichnungen unterscheiden nicht zwischen weiblichen und männlichen Personen: õpetaja kann „Lehrerin“ oder „Lehrer“ bedeuten.

Substantive werden in 14 Fällen verwendet. Nominativ, Genitiv und Partitiv sind grammatische Fälle; die übrigen Fälle tragen vor allem räumliche oder andere semantische Bedeutungen. Die wichtigsten Formen und typischen Endungen sind:

• Nominativ: Singular ohne feste Endung, Plural meist -d, etwa maja/majad („Haus/Häuser“). • Genitiv: im Singular häufig Stammvokal, im Plural -de oder -te. • Partitiv: unter anderem -d, -t, -sid, -id oder -eid; seine Übersetzung hängt vom Kontext ab. • Illativ -sse oder besondere Stammform: Bewegung hinein, etwa majja beziehungsweise majasse („ins Haus“). • Inessiv -s: Aufenthalt in etwas, etwa majas („im Haus“). • Elativ -st: Bewegung aus etwas, etwa majast („aus dem Haus“). • Allativ -le, Adessiv -l und Ablativ -lt: Bewegung auf oder zu etwas, Lage auf oder bei etwas und Bewegung von etwas weg. • Translativ -ks: Übergang in einen Zustand, etwa majaks („zum Haus werden“). • Terminativ -ni: „bis zu“; Essiv -na: „als“; Abessiv -ta: „ohne“; Komitativ -ga: „mit“.

Daneben existieren traditionell nicht zu den 14 Fällen gerechnete Formen wie der Instruktiv in jalgsi („zu Fuß“) und käsitsi („von Hand“) sowie der ähnlich gebildete Prolativ, etwa meritsi („auf dem Seeweg“).

Ein eigener, heute nicht mehr erkennbarer Akkusativ besteht nicht: Der historische Akkusativ ist mit dem Genitiv zusammengefallen. Agens, also der Handelnde, und Patiens, also die von einer Handlung betroffene Größe, werden daher vor allem durch Wortstellung und Verbform gekennzeichnet. Verbstammerweiterungen können die Beziehung verändern: muutma („ändern“) ergibt ta muudab („er/sie/es ändert etwas“), während ta muutub „er/sie/es ändert sich“ bedeutet. Mit -ta kann ein Kausativ entstehen, der ein Verursachen ausdrückt: ta langeb („er/sie/es fällt“) gegenüber ta langetab („er/sie/es fällt oder senkt etwas“). Reflexive Konstruktionen sind auch mit ise („selbst“) möglich, etwa Ma küsin endalt („Ich frage mich“); der Artikel vermutet hierbei einen möglichen Germanismus.

Verben, Zeiten und Verneinung

Verben markieren Modus, Tempus, Genus verbi, Person und Numerus. Im Präsens des Indikativs lauten die Personalendungen -n, -d, -b, -me, -te und -vad. Mit kirjutama („schreiben“) entstehen etwa ma kirjutan („ich schreibe“), ta kirjutab („er/sie schreibt“) und nad kirjutavad („sie schreiben“).

Das Präteritum wird gewöhnlich mit -si zwischen Stamm und Personalendung gebildet: ma ootasin („ich wartete“), sa ootasid („du wartetest“). In der dritten Person Singular entfällt die Personalendung; die Kennzeichnung lautet -s oder -is, etwa ta ootas („er/sie wartete“) und ta andis („er/sie gab“). Besonders bei einsilbigen Stämmen mit langem Endvokal kann -i stehen: ma sain, ta sai, nad said („ich bekam“, „er/sie bekam“, „sie bekamen“).

Das Perfekt besteht aus der Präsensform von olema („sein“) und dem -nud-Partizip: ma olen oodanud („ich habe gewartet“). Das Plusquamperfekt verwendet olema im Präteritum: ma olin lugenud („ich hatte gelesen“). Ein besonderes Futursuffix gibt es nicht. Zukünftiges wird meist durch Präsens und Zeitangabe ausgedrückt, etwa Ta läheb esmaspäeval („Er wird Montag gehen“). Möglich ist außerdem saama („bekommen, werden“) mit dem ma-Infinitiv: See saab nii olema („Das wird so sein“).

Die vier Modi sind Indikativ, Imperativ, Konditional und Modus obliquus. Der Imperativ verwendet -g- oder -k- und besondere Personalendungen; eine erste Person Singular fehlt. Die zweite Person Singular entsteht ohne die Präsensendung -n: kirjuta! („schreib!“). Der Konditional trägt -ks-, etwa ma loeksin („ich läse/ich würde lesen“); in einer Kurzform entfallen die Personalendungen, weshalb das Pronomen nötig ist. Der Modus obliquus bezeichnet eine nicht sicher bestätigte Handlung oder einen Zustand und erscheint besonders in Schriftsprache und indirekter Rede. Er trägt -vat und keine Personalendungen: ta magavat bedeutet „er/sie schläft angeblich“. Im Perfekt heißt es beispielsweise ta olevat lugenud („er/sie hat angeblich gelesen“).

Subjekt und Prädikat stimmen normalerweise in Person und Numerus überein. Bei Existenzsätzen mit einem Subjekt im Partitiv Plural fehlt jedoch die Numeruskongruenz. Eine eigene morphologische Aspektform besitzt das Estnische nicht; Aspekt wird durch den Objektkasus oder Verbpartikeln ausgedrückt.

Die gewöhnliche Verneinung erfolgt mit dem unveränderlichen ei vor dem Verb. Im Präsens folgt der Präsensstamm: mina ei mängi („ich spiele nicht“). Im Präteritum steht das -nud-Partizip: mina ei mänginud. Perfekt und Plusquamperfekt lauten beispielsweise mina ei ole mänginud („ich habe nicht gespielt“) und ma ei olnud näinud („ich hatte nicht gesehen“). Ei ole wird häufig zu pole verkürzt. Verbote verwenden das besondere Verneinungsverb ära, etwa Ära loe! („Lies nicht!“). Mitte verneint gezielt einen Satzteil oder steht in infiniten Sätzen: Allan on tööl, mitte kodus („Allan ist bei der Arbeit, nicht zu Hause“) und Palun teid mitte karjuda („Ich bitte dich, nicht zu schreien“).

Satzbau und Fragen

In Hauptsätzen sind zwei Grundmuster ungefähr gleich häufig. Der normale Satz folgt SVX: Subjekt – Verb – übrige Satzglieder, etwa Jaan sööb suppi („Jaan isst Suppe“). Der inverse Satz folgt XVS und beginnt häufig mit einer Zeit- oder Ortsangabe; besonders Existenzsätze werden so gebildet. In nicht verneinten Aussagesätzen steht das Verb gewöhnlich an zweiter Stelle. Bei Negationen, Fragen und manchen Nebensätzen kann es dagegen am Ende stehen. Am Satzanfang kann das Verb eine Frage, einen Imperativ oder die lebhafte Schilderung eines vergangenen Ereignisses kennzeichnen.

Adjektive und andere Modifizierer stehen normalerweise vor dem Substantiv: huvitav raamat („interessantes Buch“). Auch Genitive gehen ihm voraus; in Peetri vana maja („Peeters altes Haus“) steht der Genitiv vor dem Adjektiv. Nachgestellte Ergänzungen haben häufig adverbiale Funktion. Estnisch hat keine bestimmten oder unbestimmten Artikel. Definitheit kann durch see („dieser/diese/dieses“), Indefinitheit durch üks („ein/eine“) ausgedrückt werden. Sowohl Präpositionen als auch Postpositionen kommen vor; manche Wörter können beide Positionen einnehmen.

Entscheidungsfragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden können, beginnen gewöhnlich mit kas: Kas sa tuled täna koju? („Kommst du heute nach Hause?“). Für negative Fragen dient ega. Eine Frage kann außerdem durch ein Verb am Satzanfang oder durch steigende Intonation entstehen; in der gesprochenen Sprache wird auch või („oder?“) gebraucht. Inhaltsfragen beginnen mit einem Fragepronomen oder Frageadverb, etwa Kes sa oled? („Wer bist du?“) und Kuhu te lähete? („Wohin geht ihr?“).

In Nebensätzen steht das Verb meistens am Ende, kann aber auch die zweite Position einnehmen. Insgesamt ist die Wortstellung flexibel und folgt der Informationsstruktur. Das Topik, also das bereits bekannte Thema, wird an den Anfang gestellt. Der Fokus, also die neue oder besonders hervorgehobene Information, steht häufig am Satzende oder erhält die Hauptbetonung. Bei solchen Umstellungen behalten die Satzglieder ihre grammatischen Funktionen.

Wortschatz, Dialekte und Sprachpolitik

Das Estnische hat stärker als andere finno-ugrische Sprachen Wörter aus dem Hoch- und Niederdeutschen übernommen. Ihre Zahl wird auf etwa 2000 geschätzt. Beispiele sind riik („Staat“), müts („Mütze“), käärid („Schere“) und vürts („Gewürz“). Hinzu kommen deutsche Lehnübersetzungen, besonders bei Partikelverben, sowie ungefähr 350 russische Lehnwörter, darunter pirukad. Ältere Entlehnungen wurden häufig der estnischen Lautstruktur angepasst: Ein anlautendes st wurde vereinfacht, etwa in tool, tikk, tudeng und torm. Bei neueren Wörtern wie staadion ist dies weniger üblich. Wortanfängliches b, d und g wurde früher zu p, t und k; f wurde teilweise zu hv, etwa in krahv („Graf“) und kohv („Kaffee“), wobei hv heute oft [f] ausgesprochen wird.

Auf einer Fläche von 45.227 km² besitzt Estland acht Hauptdialekte mit insgesamt etwa 117 Mundarten. Zum Nordestnischen gehören West-, Zentral- und Ostdialekt; zum Südestnischen Mulk-, Tartu-, Võru- und Seto-Dialekt. Der Nordostküsten- und der Inseldialekt werden keiner dieser beiden Gruppen zugeordnet. Die Standardsprache beruht vor allem auf der nordestnischen Gruppe. Historisch besaß jedoch auch das Südestnische durch Tartu als erste Universitätsstadt schriftsprachliche Bedeutung.

Die Sprachpolitik wurde durch wechselnde Herrschaft und Russifizierung geprägt. Estland gehörte von 1721 bis 1918 als Ostseeprovinz zum Russischen Reich. Nach der Unabhängigkeit von 1918 und dem Frieden von Tartu 1920 erhielten zunächst alle Einwohner die Staatsbürgerschaft; Gesetze schützten die Kultur ethnischer Minderheiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Eingliederung in die Sowjetunion entstanden ein weitgehend eigenständiges russisches Schulsystem und eine neue Russifizierung. Mehrere Zehntausend Esten wurden deportiert, während Russen angesiedelt wurden. Der Anteil der Esten an der Bevölkerung sank von 88 % vor Kriegsbeginn auf 61,5 % im Jahr 1989; der Anteil ostslawischer Einwohner stieg von 8,2 % auf 35,2 %.

Nach der erneuten Unabhängigkeit folgte 1991 eine mehrfach überarbeitete Gesetzgebung. Für die estnische Staatsbürgerschaft werden Estnischkenntnisse auf Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens und ein bestandener Test zum Grundgesetz verlangt. Angehörige der russischsprachigen Minderheit und Amnesty International bezeichnen besonders die Sprachanforderung als diskriminierend. Das Programm „Integration in der estnischen Gesellschaft 2000–2007“ verfolgte sprachlich-kommunikative, rechtlich-politische und sozialwirtschaftliche Integration. An allen Schulen wird Estnisch unterrichtet; beim Abschluss der Mittelstufe soll Niveau B2 erreicht sein. Erwachsene können kostenlose Sprachkurse und Zertifizierungen nutzen. Russischsprachige Schulen werden weiterhin staatlich gefördert. Die Einbürgerung der 2007 noch 130.000 Staatenlosen verlief langsam; zugleich stieg der Anteil der Bevölkerung mit Estnischkenntnissen von etwa 67 % im Jahr 1989 auf 82 % im Jahr 2008.

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