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Erwin Piscator
Erwin Friedrich Max Piscator (* 17. Dezember 1893 in Ulm, heute zu Greifenstein gehörig; † 30. März 1966 in Starnberg) war ein deutscher Theaterintendant, …
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Bedeutung und Theaterkonzept
Erwin Friedrich Max Piscator (* 17. Dezember 1893 in Ulm, heute zu Greifenstein gehörig; † 30. März 1966 in Starnberg) war ein deutscher Theaterintendant, Regisseur und Theaterpädagoge. Als wichtiger Avantgardist der Weimarer Republik entwickelte er ein politisches Theater, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse untersuchen, Stellung beziehen und das Publikum zum Nachdenken und Handeln anregen sollte. Die Bühne verstand er als „politisches Tribunal“ und als Mittel „in dem einsetzenden Prozess der geistigen Revolutionierung“.
Piscator wandte sich gegen die Vorstellung, ein Kunstwerk sei unveränderlich und allein nach seiner Schönheit zu beurteilen. Texte, Romane und historische Stoffe waren für ihn bearbeitbares Material, das an aktuelle politische Fragen angepasst werden konnte. Der gesellschaftliche Aussagewert hatte Vorrang vor dem rein ästhetischen Erlebnis. Dieses Vorgehen wird als Materialästhetik bezeichnet. Zugleich verstand Piscator eine Inszenierung als kollektiven Arbeitsprozess, an dem Autoren, Dramaturgen, Bühnenbildner, Filmfachleute, Komponisten und Schauspieler gemeinsam beteiligt waren.
Kennzeichnend waren kommentierende Bild- und Textprojektionen, Filmdokumente als „lebende Kulisse“, Tonaufnahmen sowie Simultanbühnen, auf denen mehrere Spielorte zugleich sichtbar waren. Hinzu kamen Drehbühnen, Gerüste, Laufbänder, Rolltreppen, Fahrstühle und andere technische Konstruktionen. Diese Mittel sollten keine bloße Illusion erzeugen, sondern Zusammenhänge erklären und politische oder ökonomische Entwicklungen sichtbar machen. Durch starke Kontraste und unerwartete Anordnungen entstanden häufig satirische Wirkungen.
Piscator nahm damit wichtige Verfahren des epischen Theaters vorweg und beeinflusste Bertolt Brechts Theatertheorie. Anders als Brecht wollte er die Zuschauer besonders stark in das Geschehen einbeziehen: Erschütterung und Aktivierung sollten zusammenwirken. Gemeinsam mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius entwarf er 1927 ein „Totaltheater“, das die räumliche Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum aufheben sollte. Wegen fehlender Finanzierung wurde es nicht gebaut.
Vom Krieg zum politischen Theater
Piscator stammte aus einer calvinistischen Kaufmannsfamilie. Seit 1913 ließ er sich in München zum Schauspieler ausbilden und besuchte zugleich Lehrveranstaltungen in Kunstgeschichte, Philosophie und Germanistik. Im Ersten Weltkrieg wurde er 1915 an der Ypern-Front eingesetzt und schwer verwundet. Die Kriegserfahrung prägte seine pazifistische und sozialistische Haltung. Während des Krieges veröffentlichte er antimilitaristische Gedichte und arbeitete ab 1917 an einem Fronttheater, dessen Spielleitung er später übernahm.
Nach der Novemberrevolution trat Piscator in die KPD ein und schloss sich in Berlin dem Dadaismus um George Grosz und John Heartfield an. Ein erstes eigenes Theaterprojekt in Königsberg scheiterte nach wenigen Monaten. Im Herbst 1920 gründete er in Berlin das „Proletarische Theater“.
Mit Alfons Paquets Fahnen setzte Piscator 1924 an der Volksbühne Berlin Projektionen und Zwischentitel ein. Damit nahm er zentrale Stilmittel des später so bezeichneten epischen Theaters vorweg. Nach dem Erfolg wurde er Oberspielleiter der Volksbühne am Bülowplatz. Daneben inszenierte er für die KPD politische Revuen, Satireabende und Sprechchorwerke und erprobte dabei filmische Mittel.
Besonderes Aufsehen erregte 1926 seine aktualisierende Inszenierung von Friedrich Schillers Die Räuber am Preußischen Staatstheater. Moritz Spiegelberg erschien in einer Trotzki-Maske als revolutionäre Figur. Die Produktion löste eine scharfe Debatte darüber aus, wie weit Klassiker politisch umgedeutet werden dürften. 1927 zerstritt sich Piscator mit dem Vorstand der Volksbühne. Anlass war Ehm Welks Gewitter über Gottland, dem der Vorstand eine tendenziöse Umdeutung und die provozierende Darstellung „sozialer Revolution“ vorwarf.
Piscator-Bühnen und exemplarische Inszenierungen
1927 eröffnete Piscator am Berliner Nollendorfplatz die eigene, 1100 Plätze fassende Piscator-Bühne. Sie wurde zu einem Zentrum technisch innovativen und ausdrücklich politischen Theaters. Das dramaturgische Kollektiv umfasste zeitweise unter anderem Bertolt Brecht, Egon Erwin Kisch, Leo Lania, Heinrich Mann, Walter Mehring und Erich Mühsam. Bühnenbilder schufen etwa George Grosz, John Heartfield und László Moholy-Nagy; auch Filmproduzenten, Monteure und Komponisten waren eng in die Aufführungen eingebunden.
Ein typisches Beispiel war Ernst Tollers Hoppla, wir leben! von 1927. Das Stück handelt von einem Revolutionär des Jahres 1918, der nach acht Jahren Festungshaft an der veränderten Haltung seiner früheren Mitstreiter zerbricht. Piscator ließ die vielen kurzen Szenen auf einer vierstöckigen Bühne spielen. In der Bühnenmitte wurden Filme und Illustrationen gezeigt; ein Dokumentarfilm fasste die weltgeschichtlichen Ereignisse während der Haftzeit der Hauptfigur zusammen. Ein von Edmund Meisel vertonter Titelsong Walter Mehrings kommentierte die Handlung ironisch. Technik und Medien dienten somit der historischen Einordnung und kritischen Kommentierung.
Auch Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk nach Jaroslav Hašek von 1928 beeindruckte durch einen konstruktivistisch geprägten Bühnenapparat. Die technisch aufwendigen und kostspieligen Produktionen führten jedoch zu finanziellen Schwierigkeiten. 1928 erzwang ein Konkursantrag der Berliner Steuerbehörde die vorübergehende Schließung; zwei Wiedereröffnungen brachten keine dauerhafte Stabilisierung.
1929 veröffentlichte Piscator seine programmatische Schrift Das politische Theater. Darin beschrieb er wichtige Inszenierungen und erklärte seine Theaterauffassung. Das Buch wurde rasch übersetzt, unter anderem 1930 ins Spanische, 1931 ins Japanische und 1932 ins Ukrainische.
Emigration, Lehrtätigkeit und Rückkehr
Wegen finanzieller Probleme ging Piscator 1931 in die Sowjetunion. Dort drehte er seinen einzigen Spiel- und Tonfilm Der Aufstand der Fischer (1934) nach einer Novelle von Anna Seghers. Der Film schildert den Widerstand streikender Matrosen gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen. Nach der Tötung des Streikführers Kedennek wird dessen Beerdigung zum Ausgangspunkt eines Aufstands der Küstenfischer. Piscators bewegte Kameraführung sorgte für Aufsehen und wurde von Sergej Eisenstein kritisiert. Zugleich wurde Piscator von der sowjetischen Geheimpolizei GPU überwacht und von deutschen Kommunisten als „politisch unzuverlässig“ denunziert.
1935 erreichte ihn eine Einladung von Propagandaminister Goebbels zur Rückkehr nach Berlin, der er nicht folgte. Nach Erfahrungen mit dem Stalinismus, Denunziationen als Trotzkist und einem offenbar fremdenfeindlich motivierten Übergriff verließ Piscator 1936 die Sowjetunion und ging nach Frankreich. Im selben Jahr unterstützte er im Spanischen Bürgerkrieg öffentlich die demokratisch gewählte republikanische Regierung, inszenierte dort aber nicht selbst.
1938 entwickelte er in Frankreich eine Bühnenfassung von Lew Tolstois Krieg und Frieden. Nach seiner Emigration in die USA leitete er von 1940 bis 1951 in New York den Dramatic Workshop, zunächst an der New School for Social Research. Die Schule bot vielen europäischen Flüchtlingen Arbeit. 1947/48 hatte sie annähernd 1000 Studierende. Zu Piscators später bekannten Schülern gehörten unter anderem Harry Belafonte, Marlon Brando, Walter Matthau, Rod Steiger und Tennessee Williams. Seine Arbeit beeinflusste das amerikanische Experimentaltheater und den Aufstieg des Off-Broadway; seine Studentin und Assistentin Judith Malina gründete später das Living Theatre.
Nach Ermittlungen des FBI erhielt Piscator 1951 während der McCarthy-Ära eine Vorladung des Komitees für unamerikanische Aktivitäten und kehrte daraufhin nach Deutschland zurück. Zunächst arbeitete er als Gastregisseur. Zu wichtigen Produktionen gehörten Georg Büchners Dantons Tod am 2. November 1952, Arthur Millers Hexenjagd am 20. September 1954 und Tolstois Krieg und Frieden am 20. März 1955. Krieg und Frieden wurde ein großer Publikumserfolg, obwohl die Presse vernichtend reagierte. Piscators mehrfach überarbeitete Bühnenfassung wurde in mehrere Sprachen übersetzt und in 16 Ländern gespielt.
Dokumentartheater und späte Wirkung
Von 1962 bis zu seinem Tod leitete Piscator als Intendant die Freie Volksbühne in West-Berlin. Sein zentrales Anliegen war nun die Auseinandersetzung mit dem „allgemeine[n] Vergessen-Wollen“ und mit der unzureichenden deutschen Erinnerung an den Holocaust. Damit wurde er zu einem wichtigen Impulsgeber des Gedächtnis- und Dokumentartheaters. Dokumentartheater verarbeitet belegbare historische Vorgänge und Quellen auf der Bühne, um politische und moralische Fragen öffentlich zu untersuchen.
Rolf Hochhuths Der Stellvertreter wurde am 20. Februar 1963 uraufgeführt. Das Stück fragte nach der Haltung der katholischen Kirche und Papst Pius’ XII. zum nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden. Piscator kürzte den Text um die Hälfte, verringerte auch die Zahl der Mitwirkenden auf die Hälfte und konzentrierte die Handlung auf Pius XII. und den Holocaust. In Berlin blieb der erwartete Skandal aus; international entstanden jedoch heftige publizistische Auseinandersetzungen, Demonstrationen, parlamentarische Debatten und diplomatische Konflikte.
Peter Weiss’ Die Ermittlung behandelte den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965. Piscator organisierte für den 19. Oktober 1965 eine Ring-Uraufführung an vierzehn west- und ostdeutschen Theatern sowie bei der Royal Shakespeare Company in London. In seiner West-Berliner Inszenierung mit Musik von Luigi Nono blickte das Publikum aus der Perspektive der Überlebenden auf den Prozess und die Angeklagten. Das Werk wurde anschließend unter anderem in Amsterdam, Moskau, New York, Prag, Stockholm und Warschau gespielt. Auch Heinar Kipphardts In der Sache J. Robert Oppenheimer von 1964, das die atomare Aufrüstung kritisierte, gehörte zu Piscators politisch ausgerichtetem Spätwerk.
Seine letzte Inszenierung, Der Aufstand der Offiziere nach Hans Hellmut Kirst, wurde am 2. März 1966 uraufgeführt, blieb aber erfolglos. Während der Proben erkrankte Piscator. Nach einer Notoperation an der Gallenblase starb er am 30. März 1966.
Piscators Bedeutung liegt vor allem in der Verbindung politischer Analyse mit Film, Projektion, Ton und moderner Bühnentechnik, in der gemeinschaftlichen Produktionsweise sowie in der Aktivierung des Publikums. Seine Verfahren wirkten auf Brechts episches Theater, das politische Massentheater der Weimarer Republik, das amerikanische Experimentaltheater und das westdeutsche Dokumentartheater der 1960er Jahre.