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1923
Gustav Stresemann wird Reichskanzler und beendet den passiven Widerstand gegen die Ruhrbesetzung.
Inhalt6 Abschnitte
Überblick: Krisenjahr 1923
1923 war vor allem durch politische und wirtschaftliche Krisen in Deutschland und durch große Umbrüche in Europa und der Welt geprägt. In der Weimarer Republik verbanden sich die Ruhrbesetzung, der staatlich unterstützte passive Widerstand, Hyperinflation, separatistische Bewegungen und Putschversuche. Die Einführung der Rentenmark stoppte die Inflation nahezu schlagartig. International entstanden oder festigten sich neue politische Ordnungen, besonders die Republik Türkei; zugleich prägten Staatsstreiche, Konflikte und internationale Verträge das Jahr.
Weimarer Republik: Ruhrkampf, Staatskrise und Hitlerputsch
Am 11. Januar besetzten französische und belgische Truppen wegen des Konflikts über deutsche Reparationsleistungen das Ruhrgebiet. Die Regierung von Reichskanzler Wilhelm Cuno rief am 13. Januar zum „passiven Widerstand“ auf: Reparationen wurden nicht mehr gezahlt, Arbeiter und Beamte streikten oder verweigerten den Besatzern ihre Arbeit. Besonders bei der Reichsbahn wurden Unterlagen mitgenommen, Beschriftungen entfernt sowie Fahrzeuge in unbesetzte Gebiete gebracht. Die Besatzer führten daraufhin einen eigenen Regiebetrieb ein. Andere technische Normen und fehlende Unterlagen verursachten Unfälle und verringerten die Leistungsfähigkeit des Eisenbahnnetzes. Gegen den Widerstand wurden 150.000 Strafen verhängt; viele Eisenbahner wurden ausgewiesen. Beim Essener Blutsamstag am 31. März erschossen französische Truppen 13 Arbeiter der Krupp-Werke.
Die Krise verschärfte die politische Radikalisierung. Nationalistische Wehrverbände wie Wehrwolf und Bund Wiking bildeten Mitglieder militärisch aus; am 31. Mai ermordeten Rechtsradikale beim Parchimer Fememord den Lehrer Walter Kadow. Nach einer Streikwelle trat Cuno am 12. August zurück. Gustav Stresemann wurde am 13. August Reichskanzler und beendete am 26. September den passiven Widerstand.
Bayern reagierte darauf mit einem Ausnahmezustand. Gustav von Kahr erhielt als Generalstaatskommissar diktatorische Vollmachten und bildete mit Otto von Lossow und Hans von Seißer ein „Triumvirat“, das eine „nationale Diktatur“ nach dem Vorbild Benito Mussolinis anstrebte. Kahr ließ ab Mitte Oktober mehrere hundert aus Osteuropa eingewanderte jüdische Familien ausweisen. Reichspräsident Friedrich Ebert verhängte ebenfalls den Ausnahmezustand im gesamten Reich. Reichsexekutionen, also Zwangsmaßnahmen des Reiches gegen Länder, erfolgten am 29. Oktober gegen Sachsen und am 6. November gegen Thüringen wegen der Beteiligung der KPD an deren Regierungen.
Am 8. November begann in München der Hitler-Ludendorff-Putsch: Adolf Hitler, Erich Ludendorff, Hermann Göring und weitere Nationalsozialisten besetzten den Bürgerbräukeller und erklärten die „nationale Revolution“. Beim Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November stoppte die Landespolizei die Putschisten; 16 Putschisten, ein Zivilist und vier Polizisten starben. Am 23. November wurden KPD, NSDAP und Deutschvölkische Freiheitspartei verboten. Am 30. November wurde Wilhelm Marx Reichskanzler.
Hyperinflation und Rentenmark
Der passive Widerstand gegen die Ruhrbesetzung musste finanziert werden. Damit Streikende weiter Löhne erhielten, erhöhte die Regierung die Geldmenge. Dies beschleunigte die Hyperinflation, also den extrem schnellen Wertverlust des Geldes. Am 30. August kostete ein US-Dollar an der New Yorker Devisenbörse 11.111.111 Mark. Versuche mit „wertstabilem Papiernotgeld“, das sich auf Goldmark oder Golddollar bezog, blieben erfolglos.
Am 15. Oktober wurde auf Grundlage einer Verordnung die Deutsche Rentenbank gegründet. Immobilien aus Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe wurden zu ihren Gunsten zwangsweise mit Hypotheken und Grundschulden belastet; diese Sachwerte hatten ihren Wert nicht wie die Papiermark verloren. Am 15. November gab die Rentenbank mit Datum 1. November Rentenmark-Banknoten und Rentenpfennig-Münzen aus. Die Rentenmark war „kein gesetzliches Zahlungsmittel, sondern Inhaberschuldverschreibung der Rentenbank“. Der Kurs betrug 1 Rentenmark zu 1 Billion Papiermark. Dadurch kam die Inflation nahezu schlagartig zum Stillstand. Hjalmar Schacht, der maßgeblich an der Einführung beteiligt war, wurde am 23. Dezember Präsident der Reichsbank.
Ein Beispiel für die Folgen der Inflation ist Wilhelm Kollhoff: Als erster deutscher Rundfunkteilnehmer meldete er am 31. Oktober sein Radio an und zahlte für die Genehmigung 350 Milliarden Mark.
Europa, Türkei und internationale Politik
Im Memelland besetzten litauische Freischärler am 10. Januar das französisch verwaltete Gebiet. Frankreich leistete kaum Widerstand; am 16. Februar erkannte die Botschafterkonferenz die Annexion als Faktum an und übergab Litauen die Hoheit.
Die Türkei und Griechenland vereinbarten am 30. Januar in Lausanne einen „Bevölkerungsaustausch“, also wechselseitige Zwangsumsiedlung oder Vertreibung. Etwa 1,6 Millionen Menschen waren betroffen: rund 1,2 Millionen anatolische Griechen und 400.000 Muslime in Griechenland. Der Vertrag von Lausanne vom 24. Juli revidierte den Vertrag von Sèvres teilweise; die heutige Grenze zwischen Griechenland und der Türkei geht auf ihn zurück. Ankara wurde am 13. Oktober zur Hauptstadt bestimmt. Am 29. Oktober rief die Große Nationalversammlung die Republik Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches aus. Mustafa Kemal Pascha wurde Staatspräsident, İsmet Pascha Ministerpräsident.
Weitere wichtige Entwicklungen waren die Militärdiktatur Miguel Primo de Riveras in Spanien ab 13. September, ein Militärputsch in Bulgarien am 9. Juni und die Abtrennung Transjordaniens von Palästina durch Großbritannien am 25. März. Das Gebiet entwickelte sich später zum Königreich Jordanien. Ägypten erhielt am 19. April eine Verfassung als konstitutionelle Monarchie. Im Iran wurde Reza Chan am 26. Oktober Premierminister. In China vereinbarten Sun Yat-sen und der sowjetische Botschafter Adolf Joffe am 26. Januar die Zusammenarbeit der Sowjetunion mit der Kuomintang; daraus entstand die Erste Einheitsfront von Kuomintang und Kommunisten.
Nach dem Tod Warren G. Hardings am 2. August wurde Calvin Coolidge als 30. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Am 7. September beschloss ein internationaler Polizeikongress in Wien die Gründung der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission, einer Vorläuferorganisation von Interpol. Mit dem am 17. August wirksam werdenden Washingtoner Flottenabkommen wollten Großbritannien, die USA, Frankreich, Italien und Japan ein Wettrüsten durch Begrenzung des Flottenbaus verhindern.
Wissenschaft, Technik und Kultur
Am 16. Februar wurde das 1922 entdeckte Grabmal KV62 des Pharaos Tutanchamun erstmals geöffnet. Das Deutsche Museum stellte am 21. Oktober in München das weltweit erste Projektionsplanetarium vor, das Walther Bauersfeld bei Zeiss in Jena entwickelt hatte. Edwin Hubble bewies am 7. Dezember anhand des Andromedanebels, dass Himmelskörper außerhalb der Milchstraße existieren. Die Funk-Stunde Berlin begann am 29. Oktober vom Vox-Haus aus als erster deutscher Hörfunksender mit regelmäßigem Betrieb.
Wichtige technische Entwicklungen waren das erste Straßenfahrzeug mit Dieselmotor von MAN, die von John Harwood patentierte automatische Armbanduhr und Vladimir Zworykins Patentantrag für das Ikonoskop, eine grundlegende Entwicklung für das Fernsehsystem. Zu den Unternehmensgründungen zählten Warner Bros. Pictures am 4. April und das Disney Brothers Studio am 16. Oktober. Die erste Ausgabe von TIME erschien am 3. März. Am 8. Oktober erhielt der Flughafen Berlin-Tempelhof die vorläufige Betriebskonzession.
In Kunst und Kultur war die Bauhausausstellung in Weimar vom 15. August bis 30. September bedeutsam: Sie war die erste öffentliche Präsentation des 1919 gegründeten Staatlichen Bauhauses; das Musterhaus Am Horn zeigte das neue architektonische Denken. Literarisch erschienen Felix Saltens Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde und Khalil Gibrans The Prophet. Im Film kamen unter anderem Safety Last! mit Harold Lloyd, Charlie Chaplins A Woman of Paris und Cecil B. DeMilles The Ten Commandments heraus. In der Musikgeschichte nahm King Oliver’s Creole Jazz Band am 5. April Chimes Blues auf; der Titel gilt als Jazzstandard und wird mit Louis Armstrongs erstem Kornett-Solo verbunden.
Katastrophen, Sport und Nobelpreise
Das Große Kantō-Erdbeben vom 1. September hatte die Stärke 7,9. Die Erschütterung und anschließende Brände zerstörten Yokohama sowie große Teile Tokios; rund 143.000 Menschen starben. Weitere schwere Ereignisse waren ein Erdbeben der Stärke 7,3 in China am 24. März mit etwa 5.000 Toten, ein Erdbeben der Stärke 5,7 im Iran am 25. Mai mit etwa 2.200 Toten und der Bruch der Gleno-Talsperre in Italien am 1. Dezember mit bis zu 600 Toten. Beim Untergang des Starrluftschiffs LZ 114 am 23. Dezember kamen mindestens 50 Menschen ums Leben.
Sportlich wurden das Wembley-Stadion am 28. April eröffnet und vom 26. bis 27. Mai das erste 24-Stunden-Rennen von Le Mans ausgetragen. Der FC Villarreal wurde am 10. März gegründet.
Die Nobelpreise gingen an Robert Andrews Millikan für Arbeiten über die elektrische Elementarladung und den photoelektrischen Effekt, an Fritz Pregl für Mikroanalyse organischer Substanzen sowie an Frederick Banting und John James Rickard Macleod für die Entdeckung des Insulins. William Butler Yeats erhielt den Literaturnobelpreis. Der Friedensnobelpreis wurde nicht verliehen.
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