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Ernesto Laclau

Ernesto Laclau (* 6. Oktober 1935 in Buenos Aires; † 13. April 2014 in Sevilla) war ein politischer Theoretiker aus Argentinien, Professor für Politische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Einordnung
  2. 2. Leben und akademische Laufbahn
  3. 3. Hegemonie und radikale Demokratie
  4. 4. Diskurs, Differenz und leere Signifikanten
  5. 5. Rezeption und Populismus
  6. 6. Wichtige Veröffentlichungen

Bedeutung und Einordnung

Ernesto Laclau (* 6. Oktober 1935 in Buenos Aires; † 13. April 2014 in Sevilla) war ein argentinischer politischer Theoretiker. Er war Professor für Politische Theorie an der Universität Essex und gilt als Begründer der Essex School. Seine Arbeit ist vor allem wichtig für politische Theorie, Diskursanalyse, Hegemonietheorie und die Theorie des Populismus.

Laclau rechnete sich selbst dem Postmarxismus zu. Damit ist eine Theorie gemeint, die an marxistische Fragestellungen anschließt, aber zentrale Annahmen des klassischen Marxismus, besonders den Ökonomismus, kritisch überarbeitet. Außerdem vertrat er Positionen des Poststrukturalismus und des Post-Fundationalismus. Diese Ansätze stellen feste, letzte Grundlagen von Bedeutung, Gesellschaft und Politik infrage.

Leben und akademische Laufbahn

1958 wurde Laclau Mitglied der sozialistischen Partei Argentiniens (PSA). 1963 trat er dem Partido Socialista de la Izquierda Nacional bei, einer Splittergruppe des PSA. Bis 1968 war er in der politischen Führung dieser Partei tätig. Außerdem arbeitete er zeitweise als Editor an der Parteiwochenzeitung Lucha Obrera.

Als Wissenschaftler unterrichtete Laclau an zahlreichen Universitäten in Südamerika, Europa, Australien, Nordamerika und Südafrika. 1969 wurde er von Eric Hobsbawm nach Oxford eingeladen und verbrachte danach den größten Teil seines akademischen Lebens in England.

Von 1986 bis 2008 war Laclau Professor für Politische Theorie an der Universität Essex. Dort leitete er auch das von ihm eingerichtete Master- und Doktoratsprogramm für Ideologie und Diskursanalyse. Von 1990 bis 1997 war er zusätzlich Direktor des Centre for Theoretical Studies in the Humanities and Social Sciences an derselben Universität. Er war mit der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe verheiratet. Er starb im Alter von 78 Jahren; als Todesursache wird in der Quelle ein Schlaganfall genannt, andere Quellen sprechen von einem Herzinfarkt.

Hegemonie und radikale Demokratie

Laclaus wichtigstes Werk ist Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, das er 1985 gemeinsam mit Chantal Mouffe veröffentlichte und das 1991 erstmals auf Deutsch erschien. Das Buch wird oft wegen seiner Kritik am marxistischen Ökonomismus als postmarxistisches Werk gelesen. Es leistet aber mehr: Laclau und Mouffe entwickeln darin Antonio Gramscis Hegemonietheorie weiter und formulieren zugleich das Projekt einer radikalen und pluralen Demokratie.

Hegemonie bedeutet hier, dass politische und gesellschaftliche Ordnungen nicht einfach naturgegeben sind, sondern durch Bedeutungen, Verknüpfungen und Machtverhältnisse hergestellt werden. Radikale und plurale Demokratie meint ein Demokratieverständnis, das Vielfalt und Konflikt nicht als bloße Störung betrachtet, sondern als grundlegende Bestandteile des Politischen.

Nach diesem Werk gingen Laclau und Mouffe teilweise unterschiedliche theoretische Wege. Mouffe arbeitete das Demokratie-Konzept weiter aus. Laclau systematisierte seine Theorie der kulturellen Hegemonie, unter anderem in New Reflections on the Revolutions of our Time. Dabei bezog er sich stark auf Jacques Lacan; dieser Einfluss wird besonders mit seinem Zusammentreffen mit Slavoj Žižek verbunden.

Diskurs, Differenz und leere Signifikanten

Ein zentraler Teil von Laclaus Theorie ist die Diskursanalyse. Diskurs meint hier nicht nur Sprache im engen Sinn, sondern eine politische Logik der Bedeutungsbildung: Gesellschaftliche und politische Wirklichkeit entsteht durch Bedeutungen, Abgrenzungen und Verknüpfungen.

Laclau fragt, wie der Zusammenhang diskursiver Formationen hergestellt wird. Er interessiert sich für kulturelle Techniken, durch die ein komplexes politisches System als zusammengehörig erscheint, obwohl es sich nicht mehr auf essentialistische Begründungen stützen kann. Essentialistisch wäre eine Begründung, die Identität oder Ordnung aus einem festen Wesen ableitet. Stattdessen beschreibt Laclau moderne Gesellschaftssysteme als Ensemble differentieller Positionen, also als Gefüge von Elementen, die ihre Bedeutung durch Unterschiede zu anderen Elementen erhalten.

Für politische Identität sieht Laclau einen doppelten Mechanismus. Einerseits hat jedes Element nur insofern Identität, als es von anderen verschieden ist: „Differenz gleich Identität.“ Andererseits können diese Unterschiede einander äquivalent werden, wenn sie gemeinsam auf einer Seite einer Grenze stehen und einem ausgeschlossenen Außen gegenübergestellt werden.

Daraus entsteht eine doppelte Bewegung politischer Formierung: Eine politische Identität bildet sich einerseits durch interne Unterschiede, andererseits werden diese Unterschiede eingeebnet, sobald sie antagonistisch, also gegnerisch, von einem Außen abgegrenzt werden. So wird eine Einheit des Systems hergestellt.

Wichtig ist dabei der Begriff der leeren Signifikanten. Ein Signifikant ist ein Zeichen oder Ausdruck, der Bedeutung trägt. Ein leerer Signifikant ist bei Laclau ein Ausdruck, der nicht mehr fest an ein einzelnes Signifikat, also eine bestimmte Bedeutung, gebunden ist. Gerade dadurch kann er für das Ganze eines politischen Systems stehen. Solche leeren Signifikanten machen eine politische Identität sichtbar, obwohl diese Identität aus vielen Unterschieden besteht und nicht vollständig darstellbar ist.

Rezeption und Populismus

Laclaus Arbeiten wurden in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend in den Kultur- und Sozialwissenschaften rezipiert. Besonders seine Theorie der leeren Signifikanten wurde wichtig: Sie versteht die Logiken der Äquivalenz und Differenz als Kräfte des Diskursiven, die einander entgegengesetzt sind und sich zugleich gegenseitig bedingen.

In neuerer Zeit wurde diese Theorie als „allgemeine Ontologie des Seins“ bezeichnet. Ontologie bedeutet eine Lehre vom Sein, also davon, was Wirklichkeit grundsätzlich ausmacht. Außerdem gilt Laclau als einer der bedeutendsten Theoretiker des Populismus und besonders des Linkspopulismus.

Wichtige Veröffentlichungen

Zu Laclaus ausgewählten Veröffentlichungen gehören Politik und Ideologie im Marxismus. Kapitalismus, Faschismus, Populismus (deutsch 1981; Originalausgabe Politics and ideology in Marxist theory, 1977), Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus mit Chantal Mouffe (Originalausgabe Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics, 1985), New Reflections on the Revolutions of our Time (1990) und Emanzipation und Differenz (Originalausgabe Emancipation(s), 1996).

Weitere wichtige Titel sind Kontingenz – Hegemonie – Universalität. Aktuelle Dialoge zur Linken mit Judith Butler und Slavoj Žižek (Originalausgabe Contingency, Hegemony, Universality, 2000), On Populist Reason (2005; deutsch Die populistische Vernunft, 2022), The Rhetorical Foundations of Society (2014) sowie Post-Marxism, populism and critique mit David Howarth (2015).

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