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Diskursanalyse
Diskursanalyse. Oberbegriff für die sozial-, sprach- politik- oder geschichtswissenschaftliche Analyse von Diskursphänomenen. Artikel · Diskussion.
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Grundidee
Diskursanalyse ist ein Oberbegriff für sozial- und geisteswissenschaftliche Untersuchungen von Diskursphänomenen. Je nachdem, was als Diskurs gilt, unterscheiden sich die Herangehensweisen. Im Mittelpunkt steht der Zusammenhang zwischen sprachlichem Handeln und sprachlicher Form sowie zwischen sprachlichem Handeln und gesellschaftlichen, besonders institutionellen Strukturen.
In den Sozialwissenschaften untersucht die Diskursanalyse vor allem Ordnungen der Sinnproduktion: Sie fragt, wie Aussagen in einer Gesellschaft entstehen, geordnet werden und Wirklichkeit mit hervorbringen. In der Linguistik wird dagegen besonders zwischen Diskurs und Text unterschieden. Der Diskurs wird als pragmatisches, also situations- und handlungsbezogenes Phänomen verstanden; der Text ist die sprachliche Struktur, in der sich ein Diskurs ausdrücken kann und die unter anderem Gegenstand der Textlinguistik ist.
Unterschiedliche theoretische Verständnisse
Michel Foucault stellte mit L’ordre du discours (1970) die traditionelle Geistesgeschichte infrage. Nicht das erkennende Subjekt steht im Mittelpunkt, sondern faktisch ergangene Aussagen. Diese Aussagen hätten die moderne Subjektivität erst hervorgebracht. Foucault entwickelte keine festgelegte Methode, sondern theoretische Grundlagen für eine neue Denkweise und ein ausdrücklich positivistisches Forschungsprogramm, das unter anderem in Literaturwissenschaft, Soziologie und Geschichtswissenschaft angewendet und weiter reflektiert wird.
Michel Pêcheux trieb in Frankreich in den 1960er Jahren die methodologische Umsetzung einer empirisch orientierten Diskursanalyse voran. Wegen der unterschiedlichen Ideenschulen gibt es jedoch kein einheitliches Verfahren.
Die von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas geprägte deutsche Diskurstheorie ist von der an Foucault orientierten poststrukturalistischen Diskurstheorie zu unterscheiden. Zu dieser Denkschule gehören Diskursethik, Diskurstheorie des Rechts und Konsenstheorie der Wahrheit. Sie ist nach Habermas dem Denken der Moderne verbunden und versucht, deren Errungenschaften zu bewahren, während Foucaults Analyse diesen gegenüber ausgesprochen kritisch ist. Aus dieser Strömung stammt auch Kritik an Foucault, etwa von Hans-Ulrich Wehler, Herbert Schnädelbach und Urs Marti.
Herbert Schnädelbach entwickelte mit Reflexion und Diskurs (1977) ein methodisches Instrumentarium. Seine Diskursanalyse rekonstruiert auf der Ebene pragmatischer Sinn-Explikationen den jeweiligen Diskursgegenstand als satzförmige Sachgehalte. Dadurch soll die Geltung dieser Sachgehalte bestimmt werden können, auch unter modernen und postmodernen Bedingungen einer Diskurspluralität.
Gesellschaftliche und historische Analyse
Die historische Diskursanalyse geht von einer doppelten Vermittlung von Geschichte aus: Geschichte wird durch Quellen und durch ihre Darstellung in Geschichtsbüchern oder geschichtswissenschaftlichen Abhandlungen vermittelt. Historische Ereignisse, Strukturen und Prozesse sind daher untrennbar mit ihrer Repräsentation verbunden. Geschichte ist nur als „re-präsentierte Realität“ zugänglich. Die Analyse untersucht folglich die Formen und Regeln, nach denen Geschichte dargestellt und dadurch als sinnvolle Zeichenkonstruktion zugänglich wird.
Die sozialwissenschaftliche Diskursforschung untersucht Regeln und Regelmäßigkeiten des Diskurses, seine Möglichkeiten zur Wirklichkeitskonstruktion, seine gesellschaftliche Verankerung und seine historischen Veränderungen. Sie fragt insbesondere, in welchen sozialen und institutionellen Zusammenhängen Aussagen auftreten und nach welchen Prinzipien sie angeordnet sind: Warum erscheinen gerade diese Aussagen, warum in dieser Form und in diesen Zusammenhängen?
Anders als die Hermeneutik versucht die Diskursanalyse nicht in erster Linie, einen literarischen Text als Ganzes zu verstehen und zu interpretieren. Sie untersucht vielmehr Diskursformationen, also Strukturen und Praktiken, die sich durch viele verschiedene Texte hindurchziehen können. Sie richtet sich auch nicht primär auf sozialstrukturelle Formen des Sprachgebrauchs wie die Sprachsoziologie oder die ethnomethodologisch fundierte Konversationsanalyse. Ebenso sucht sie nicht nach Idealbedingungen für Argumentationsprozesse im Sinne der Habermasschen Diskursethik. Im Zentrum stehen institutionelle Regulierungen von Aussagepraktiken und deren performative, wirklichkeitskonstituierende Macht.
Die wissenssoziologische Diskursanalyse Reiner Kellers verbindet die phänomenologisch und alltagsweltlich ausgerichtete Wissenstheorie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann mit Foucaults Diskurstheorie. Untersucht werden gesellschaftliche Praktiken und Prozesse, durch die symbolische Ordnungen kommunikativ konstruiert, verändert und stabilisiert werden, einschließlich ihrer Folgen.
Wichtige Untersuchungsschritte und Kategorien sind:
- der institutionelle Rahmen und Kontext, etwa Autor, Medium und Ereignishintergrund;
- die Textoberfläche, also Gestaltung, Sinneinheiten und die Strukturierung der behandelten Themen;
- sprachlich-rhetorische Mittel wie Argumentationsstrategien, Implikationen, Anspielungen, Logik, Komposition, Kollektivsymbolik, Redewendungen, Wortschatz, Stil, Akteure und Referenzbögen;
- inhaltlich-ideologische Aussagen, etwa Menschenbild, Gesellschaftsbild sowie Vorstellungen von Zukunft und Technik;
- die systematische Interpretation eines Diskursfragments, bei der die einzelnen Elemente aufeinander bezogen werden.
Zentrale Analysekategorien sind Diskursstränge, diskursive Ereignisse, Diskursebenen und Diskurspositionen.
Linguistische Perspektive
Dominique Maingueneau beschreibt eine an Foucault angelehnte linguistische Diskursanalyse durch vier miteinander verbundene Merkmale:
- Der Ort ist der historische, soziale und kulturelle Ausgangspunkt einer Serie ähnlicher Aussagen und zugleich der Ort legitimen Sprechens. Ein Sachverhalt kann dort institutionalisiert werden, etwa „Wahnsinn“ im Rahmen der Psychiatrie. Der Ort ist mit Macht verbunden, weil ein Subjekt eine bestimmte Position einnehmen muss, damit seine Aussage als Wahrheit gelten kann.
- Einschreibung bedeutet, dass Äußerungen durch die Wiederholung ähnlicher Äußerungen zu Aussagen werden. Die Verbindung und Wiederholung erzeugen ein Ordnungsschema beziehungsweise eine diskursive Regelmäßigkeit.
- Grenzen und Interdiskurse bezeichnen die Beschränkungen eines Diskurses, etwa Verbote und Ausgrenzungen des Sagbaren und Sichtbaren, aber auch seine Verbindungen zu anderen Diskursen. Solche Verbindungen können durch Kollektivsymbole sichtbar werden. Kollektivsymbole sind diskursive Elemente, die zu einer bestimmten Zeit in vielen Diskursen vorkommen und als Quelle von Evidenz und Deutbarkeit dienen.
- Das Archiv entsteht aus Ort, Einschreibung sowie Grenzen und Interdiskursen. Auf dieser Grundlage lässt sich untersuchen, wie Diskurse die soziale Welt des Bezeichneten in ihrer historischen Besonderheit hervorbringen.
Zusätzlich beschreibt die linguistische Diskursanalyse die diskursimmanente Ordnung, die Medialität und die Polysemie der Sprache. Medialität bedeutet, dass jedes Medium eigene Darstellungsformen besitzt; Polysemie bezeichnet die Mehrdeutigkeit sprachlicher Ausdrücke. Die Perspektive knüpft besonders an Foucaults Aussagen- und Äußerungskonzept in Archäologie des Wissens (1969) sowie an seine Antrittsvorlesung Die Ordnung des Diskurses am Collège de France von 1970 an.
Theologie und verwandte Konzepte
In der Theologie ist die Diskursanalyse weiterhin eher eine Ausnahme. Kristin Merle und Stefan Meier sehen in ihr ein Mittel, um selbstreflexive Prozesse der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit in der praktischen Theologie zu untersuchen. Kirche und Theologie stehen dabei nicht außerhalb dieser Prozesse, sondern sind besonders durch religiöse Kommunikation mit ihnen verflochten. Diskursanalysen sollen symbolische Ordnungen innerhalb und außerhalb der Kirche sichtbar machen und die Prozesse ihrer Einschreibung nachvollziehen.
Raik Heckl hebt das Potenzial der Diskursanalyse für die Exegese biblischer Texte hervor. Die Literaturgeschichte der Bibel beruht auf umfangreichen Traditions- und Rezeptionsprozessen, in denen Positionen und Gegenpositionen legitimiert oder delegitimiert werden. Biblische Texte dienten demnach ursprünglich als Kommunikationsmittel zur Vermittlung religiöser Positionen und Weltsichten sowie zur Festigung von Gruppenidentitäten. Norbert Reck bezeichnet die Diskursanalyse in Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums als eine Art Gelenk zwischen Exegese und Dogmatik.
Für die Analyse von Gesprächen und öffentlichen Diskursen können einzelne Konzepte herangezogen werden: Sprechakttheorie, Deixis, Interjektionen und Responsive, Reparaturmechanismus, Sprecherwechsel, Thema-Rhema-Gliederung und Geltung.
Verwandte Konzepte sind Gesprächsanalyse, Deutungsrahmen, Ethnographie des Sprechens, Ethnomethodologie, Kritische Diskursanalyse, Objektive Hermeneutik und wissenssoziologische Diskursanalyse.