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Bismarckturm
Die überwiegende Mehrheit dieser Türme wurde zwischen Otto von Bismarcks Tod 1898 und seinem 100. Geburtstag im Jahr 1915 errichtet. Einige Bismarcktürme wurden …
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Begriff und Entstehungszeit
Bismarcktürme sind Bismarckdenkmäler in Turmform. Die meisten entstanden zwischen Otto von Bismarcks Tod 1898 und seinem 100. Geburtstag 1915; einzelne Bauten wurden erst nachträglich als Bismarcktürme gewidmet. Der erste zu Ehren Bismarcks geplante Turm wurde ab 1863 vorbereitet und 1869 in Ober Johnsdorf in Niederschlesien von einem privaten Bauherrn fertiggestellt. Bei weiteren, vor 1898 errichteten Türmen ist nicht gesichert, dass sie von Anfang an Bismarck gewidmet waren.
Seit der Reichsgründung 1871 gab es meist private Initiativen für solche Türme. Nach Bismarcks 70. Geburtstag 1885 und besonders nach seiner Entlassung als Reichskanzler 1890 nahm im Deutschen Kaiserreich die Bismarck-Verehrung stark zu. Nach seinem Tod am 30. Juli 1898 verstärkte sie sich nochmals.
Feuersäulen und Musterentwurf
Nach 1898 setzten sich vor allem national gesinnte Studenten, überwiegend Burschenschaften, für ein Netz einheitlicher „Bismarcksäulen“ ein. Auf ihren Spitzen sollten Feuerschalen stehen. Die Feuer sollten an bestimmten Tagen gleichzeitig brennen und als Feuerkette durch das Deutsche Reich Dank, Vaterlandsliebe und Treue zu Bismarck ausdrücken.
Der erste Turm dieser Richtung entstand im Frühjahr 1899 in Rudolstadt. Im April 1899 gewann der Architekt Wilhelm Kreis den Wettbewerb der Deutschen Studentenschaft mit dem Musterentwurf „Götterdämmerung“. Dieser sah eine wuchtige, innen besteigbare Feuersäule vor und war für eine deutschlandweite Serienproduktion gedacht. Bis 1911 wurden 47 Bismarcktürme auf dieser Grundlage gebaut, oft verändert; deshalb ähnelt der Entwurf einem Typenbau.
Viele Türme wurden jedoch nach örtlichen Vorstellungen individuell gestaltet. Neben Steintürmen entstanden auch Holzbauten, etwa 1904 im ostpreußischen Elbing. Von insgesamt 240 errichteten Bismarcktürmen besaßen 167 tatsächlich Vorrichtungen zum Befeuern mit unterschiedlichen Brennstoffen. Die geplante Feuerkette kam nicht zustande: Es gab keinen gemeinsamen Termin, da Bismarcks Geburtstag am 1. April in die Semesterferien fiel, und die Standorte waren zu ungleich verteilt.
Politischer und gesellschaftlicher Hintergrund
Das nationalkonservative Bürgertum griff die Idee auf und finanzierte die Bauten meist durch Spenden. Als Trutzburgen sollten die Türme eine Abwehrhaltung gegenüber sozialen Gruppen ausdrücken, die das politische System des Kaiserreichs grundlegend infrage stellten. Sie gehörten zu einer aggressiven nationalen Bewegung, aus der die Sozialdemokratie ausgeschlossen war. Die sozialdemokratische Zeitung Freie Presse lehnte Bismarcks Erhebung zum „Nationalgötzen“ ab.
Anders als Initiativen für Kaiserdenkmäler, die stärker von der traditionellen Elite preußischer Verwaltungsbeamter ausgingen, wurden Bismarckdenkmäler häufig von kleinbürgerlichen Angestellten, Handwerkern, kleinen Fabrikanten und kleineren Beamten gestiftet. Die damit verbundenen Rituale waren Teil einer völkisch-nationalen Festivalkultur. Der Historiker Thomas Nipperdey ordnete Bismarcktürme als bürgerliche Opposition gegen den Wilhelminismus ein, also gegen dessen „theatralische[s] Machtpathos“.
Vorgesehen war jeweils Gestein aus der näheren Umgebung, beispielsweise Granit oder Sandstein. Von 410 geplanten Türmen wurden 240 verwirklicht, auch außerhalb Deutschlands und Übersee, etwa in Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania, Chile, Dänemark und Papua-Neuguinea. Vorhaben scheiterten oft an Geldmangel, lokalem politischen Widerstand oder am Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. Zu Bismarcks 100. Geburtstag im April 1915 entstanden noch etwa 10 Türme; danach wurde nur noch der Bismarckturm Concepción in Chile als neues Projekt verwirklicht.
Weimarer Republik und Nationalsozialismus
In der Weimarer Republik pflegte vor allem die antirepublikanische Rechte den Bismarckkult. Neue Türme entstanden nicht mehr; nur wenige bereits vor dem Ersten Weltkrieg begonnene Bauten wurden fertiggestellt. Der letzte offiziell eingeweihte Bismarckturm war 1934 der Bismarckturm Delecke nahe Möhnesee.
Im Nationalsozialismus dienten Türme gelegentlich als Kultstätten oder Orte für Aufmärsche. Das NS-Regime belebte den Bismarckkult jedoch nicht erneut, weil es eine Konkurrenz zum Führerkult fürchtete. 1938 wurde das ostpreußische Dorf Kallnen dennoch in Bismarckhöh umbenannt. An einigen Bismarcktürmen und -säulen, darunter in Hannover und Dresden-Räcknitz, wurden am 10. Mai 1933 Bücherverbrennungen durchgeführt. Geplant und inszeniert wurden sie von NSDAP, Hitlerjugend, SA-Körperschaften und Deutscher Studentenschaft.
Erhaltung und heutige Nutzung
Von ursprünglich etwa 240 Bismarcktürmen und -säulen stehen noch 173 Bauwerke auf den heutigen Gebieten von Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile. Weitere 66 Bauwerke, unter anderem in den heutigen Gebieten Dänemarks und Papua-Neuguineas, existieren nicht mehr. In Deutschland sind 146 von ursprünglich 184 Türmen erhalten.
Mit der nach dem Zweiten Weltkrieg nachlassenden Bismarck-Verehrung verloren die Türme weitgehend ihre Funktion als Personendenkmäler. Heute werden sie vor allem als touristische Landmarken oder kulturhistorische Denkmäler genutzt. Ursprünglich bestanden rund 300 Bismarck-Vereine und rund 700 Bismarck-Denkmäler, zu denen auch die Türme gezählt wurden.