Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Emil Brunner (Theologe)

In Der Mensch im Widerspruch (1937) fasste Brunner seine Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen (s. o.) im Gespräch mit der philosophischen und …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Leben und Wirken
  3. 3. Grundzüge seiner Theologie
  4. 4. Streit mit Karl Barth
  5. 5. Wichtige Werke und Gedanken
  6. 6. Öffentliches Engagement und Rezeption

Person und Bedeutung

Emil Brunner (23. Dezember 1889 in Winterthur; 6. April 1966 in Zürich) war ein evangelisch-reformierter Schweizer Theologe. Er gehörte zu den frühen Weggefährten Karl Barths und war Mitbegründer der dialektischen Theologie. Diese theologische Richtung betonte besonders den Abstand zwischen Gott und Mensch und stellte Gottes Offenbarung in den Mittelpunkt.

Brunner wurde wichtig, weil er die dialektische Theologie eigenständig weiterentwickelte. Besonders bekannt wurde sein Streit mit Karl Barth über die Frage, ob es neben der Offenbarung Gottes in Christus auch eine Art natürliche Gotteserkenntnis gibt. Barth lehnte dies entschieden ab; Brunner entwarf dagegen eine neue natürliche Theologie. Damit wurde er seit 1932 von Barth als Gegenspieler angesehen.

Leben und Wirken

Brunner wurde als drittes Kind des Lehrers Heinrich Emil Brunner und Sophie Brunner, geb. Müller, geboren und wuchs in Zürich-Enge auf. Als Jugendlicher wurde er unter anderem von Hermann Kutter geprägt. Er studierte Evangelische Theologie an den Universitäten Zürich und Berlin. Nach seiner Ordination 1912 wurde er Vikar in Leutwil im Aargau. 1913 promovierte er an der Universität Zürich mit der Arbeit Das Symbolische in der religiösen Erkenntnis zum lic. theol.

Nach Tätigkeiten als Sprachlehrer in Great Yarmouth und Leeds kehrte er wegen des Ersten Weltkriegs in die Schweiz zurück. Dort leistete er Wehrdienst und arbeitete danach als Vikar an der Neumünstergemeinde. 1916 wurde er Pfarrer in Obstalden GL. Wie Karl Barth und Eduard Thurneysen stand er zunächst der religiös-sozialen Bewegung nahe.

1919/20 setzte Brunner sein Studium am Union Theological Seminary in New York fort. 1921 habilitierte er sich an der Universität Zürich mit Erlebnis, Erkenntnis und Glaube. 1924 wurde er Professor für Systematische und Praktische Theologie an der Universität Zürich. Dort wirkte er bis über seine Emeritierung hinaus, unterbrochen durch Gastdozenturen am Princeton Theological Seminary 1938/39 und an der International Christian University in Tokio 1953–1955. 1942/43 war er Rektor der Universität Zürich.

Brunner war seit 1917 mit Margrit Lauterburg verheiratet. Das Ehepaar hatte vier Söhne; der älteste, Hans Heinrich Brunner, wurde ebenfalls Theologe. Emil Brunner starb 1966 in Zürich und wurde auf dem Friedhof Rehalp bestattet.

Grundzüge seiner Theologie

Brunner entwickelte seine Theologie aus der dialektischen Theologie heraus. Schon 1919 verfasste er eine frühe Rezension zu Barths Römerbrief. In seiner Habilitationsschrift Erlebnis, Erkenntnis und Glaube zeigte er sich als eigenständiger Vertreter dieser Richtung. Die Schrift Die Mystik und das Wort von 1924 grenzte die dialektische Theologie gegenüber der anthropozentrischen Theologie Friedrich Schleiermachers ab, also gegenüber einer Theologie, die den Menschen stärker in den Mittelpunkt stellt. Auch Der Mittler von 1927 betonte noch stark die Macht der Sünde.

Ein zentrales Thema Brunners war das Verhältnis von Offenbarung und menschlicher Vernunft. Er unterschied eine dogmatische Aufgabe der Theologie, also die Verständigung nach innen, von einer „eristischen“ Aufgabe, also der Verständigung nach außen im Gespräch mit Zweiflern, Ungläubigen und Andersgläubigen. Theologie soll zeigen, wie das Wort Gottes die menschliche Vernunft einerseits als Quelle lebensfeindlichen Irrtums enthüllt und sie andererseits in ihrem Suchen erfüllt.

Wichtig ist auch Brunners Lehre von der Gottebenbildlichkeit. Er unterschied zwischen materialer und formaler Gottebenbildlichkeit. Die materiale Gottebenbildlichkeit sei durch die Sünde völlig verloren. Die formale Gottebenbildlichkeit bleibe jedoch erhalten: Auch als Sünder besitze der Mensch Vernunft, Sprache, Personalität, ein Selbstverständnis als Person, eine gewisse allgemeinreligiöse Gotteserkenntnis, ein Wissen um ein göttliches Gesetz und ein Gewissen, das sich allerdings als böses Gewissen zeige. Diese formale Gottebenbildlichkeit sei keine Verbindung zu Gott, könne aber ein Anknüpfungspunkt für Gottes Reden und Handeln sein.

Streit mit Karl Barth

Der wichtigste Konflikt in Brunners Laufbahn war die Kontroverse mit Karl Barth. Brunner entwickelte eine neue theologia naturalis, also eine natürliche Theologie. Damit meinte er keine vollständige Erkenntnis Gottes aus Natur oder Vernunft, sondern einen Ansatzpunkt im Menschen, an den Gottes Offenbarung anknüpfen kann.

In Das Gebot und die Ordnungen von 1932 verband Brunner diesen Ansatz mit einer Ethik. Sie war personalistisch ausgerichtet, betonte also die Verantwortung des Menschen gegenüber dem Nächsten. Zugleich sah Brunner den Menschen in göttliche „Schöpfungs- und Erhaltungsordnungen“ gestellt, etwa Ehe, Staat, Kultur und Wirtschaft.

Barth griff Brunner 1932 in der Kirchlichen Dogmatik I/1 scharf an. Brunner antwortete 1934 mit Natur und Gnade. Zum Gespräch mit Karl Barth. Er warf Barth vor, gegen Römer 1 und gegen die reformatorische Tradition jede natürliche Offenbarung und jede göttliche „Schöpfungs- und Erhaltungsgnade“ zu bestreiten. Außerdem meinte Brunner, auf Barths Offenbarungsverständnis lasse sich keine christliche Ethik gründen. Barth antwortete noch 1934 mit Nein! Antwort an Emil Brunner und kündigte Brunner darin die Weggenossenschaft auf.

Wichtige Werke und Gedanken

Brunners bekanntestes Werk für ein breites Publikum war Unser Glaube von 1935. Es wurde für Laien geschrieben und in sechzehn Sprachen übersetzt. Darin behandelt er Grundfragen christlicher Unterweisung, etwa „Gibt es einen Gott?“ und „Ist die Bibel Gottes Wort?“. Für Brunner ist Gott kein Ding unter anderen Dingen in der Welt, sondern die Bedingung und Ermöglichung der Welt. Vernunft, Gewissen und Natur könnten sagen, dass es einen Gott gibt; wer Gott ist, sage aber nur Gott selbst in seiner Offenbarung. Diese Offenbarung geschehe durch die Bibel, in der Gott zum Menschen spricht, und in Christus als dem „fleischgewordenen Wort“.

In Wahrheit als Begegnung von 1938 fasste Brunner einen Grundgedanken seiner Theologie zusammen. Wahrheit ist für ihn nicht zuerst eine objektive Lehre, die man besitzt, sondern geschieht in der persönlichen Begegnung zwischen Gott und Mensch. Glaube bedeutet deshalb nicht nur das Für-wahr-Halten kirchlicher Dogmen, sondern eine Beziehung zu Gott.

In Offenbarung und Vernunft von 1941 verstand Brunner Offenbarung nicht als bloße Mitteilung von Lehre, sondern als personale Begegnung Gottes mit dem Menschen. Die geschichtliche Offenbarung habe ihre Mitte in Jesus Christus und setze sich im Zeugnis der Heiligen Schrift und der Kirche fort.

In Gerechtigkeit von 1943 entwickelte Brunner eine Sozialethik. Dem göttlichen Liebesgebot ordnete er das Gesetz der Gerechtigkeit zu, das aus Gottes Ordnungswillen stammt. Er wollte einen Ausgleich zwischen Individualismus und Kollektivismus beziehungsweise Totalitarismus sichern. Für die europäische Nachkriegsgesellschaft empfahl er eine föderal und funktional gegliederte Ordnung, die Freiheitsrechte wie Eigentum, Arbeit und Bildung anerkennt.

In Das Missverständnis der Kirche von 1951 unterschied Brunner die ekklesia des Neuen Testaments von der Kirche als Organisation. Er lehnte Volkskirchen nicht grundsätzlich ab, meinte aber, kirchliche Institutionen dürften sich nicht mit der eigentlichen Ekklesia gleichsetzen. Sie könnten höchstens der „Christusgemeinschaft im Glauben und Bruderschaft in der Liebe“ dienen.

Öffentliches Engagement und Rezeption

Brunner engagierte sich früh in der ökumenischen Bewegung. Seit dem Studium war er dem Christlichen Studenten-Weltbund verbunden. Ab 1934 arbeitete er in der Forschungskommission der Bewegung für Praktisches Christentum mit und war eine wichtige Gestalt auf der Weltkonferenz von Oxford 1937. Bei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1948 hielt er einen Vortrag, zog sich später aber enttäuscht zurück. Seit 1949 arbeitete er als theologischer Berater des CVJM.

Politisch sah Brunner sich als Gegner jeder Art von Totalitarismus. Er unterstützte zeitweise die Oxford-Gruppenbewegung, wandte sich aber ab, weil deren Gründer Frank Buchman den Nationalsozialismus unterstützte. Nach 1945 betonte Brunner besonders den Antikommunismus. Seine sozialethische Schrift Gerechtigkeit wurde über seinen Schüler Eugen Gerstenmaier auch für Programmdiskussionen wichtig und bildete eine Voraussetzung für die Gründung der CDU als Partei aus Katholiken und Protestanten.

Brunner erhielt mehrere Ehrendoktorwürden, unter anderem von der Universität Münster, der University of Edinburgh 1931, der Princeton University 1946, dem Union Theological Seminary 1947 und der International Christian University in Tokio 1966. 1960 erhielt er das Grosse Bundesverdienstkreuz. 1937 hielt er an der Universität Uppsala die Olaus-Petri-Vorlesungen, 1947/48 an der University of St Andrews die Gifford Lectures. Zu seinem 50. Todestag fand 2016 in Zürich eine Tagung mit dem Titel Emil Brunner – ein missverstandener Pionier statt.

Weiterlesen

Zürich In den international gebräuchlichen Schulstufen-Einteilungen entspricht die Unter- und Mittelstufe der Primarstufe, die Oberstufe der Sekundarstufe 000001I. Reformierte Kirchen Die reformierten Kirchen (oft auch evangelisch-reformierte Kirchen) bilden eine der großen christlichen Konfessionen in reformatorischer Tradition, … Karl Barth 1934 verfasste er massgeblich die Barmer Theologische Erklärung, begründete die Bekennende Kirche mit und rief ab 1938 alle Christen zum auch bewaffneten … Natürliche Theologie Obwohl von Gott gesprochen wird, handelt es sich bei der natürlichen Theologie dem Anspruch nach nicht um Glauben und Religion, sondern um die rationale … Ordination In fast allen Kirchen werden durch die Ordination Gläubige (in römisch-katholischen, orthodoxen und vielen Freikirchen nur Männer) zum geistlichen Amt gesegnet, … Religiöser Sozialismus Als religiösen Sozialismus bezeichnet man das Eintreten von Angehörigen des Christentums aus Gründen ihres Glaubens für eine sozialistische … Tokio Mit 9.640.742 Einwohnern (Stand: 2021) ist die bevölkerungsreichste Metropole des Landes Sitz der japanischen Regierung und des Tennō als Teil des … Ökumenische Bewegung Die ökumenische Bewegung (von Ökumene, griechisch oikoumene, „Erdkreis, die ganze bewohnte Erde“) ist eine Bewegung innerhalb des Christentums, die eine … Ökumenischer Rat der Kirchen Die Kirche soll alles in ihren Kräften stehende tun, um konstruktive ökumenische Beziehungen zu anderen Kirchen ihres Landes oder ihrer Region zu pflegen … Nationalsozialismus Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919 … Totalitarismus Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaftsform mit einem uneingeschränkten Verfügungsanspruch der Herrschenden über die Beherrschten, auch im persönlichen … Naturrecht Das Naturrecht stützt sich auf einen Wertekanon, der Grundlage für die Verbindung von Recht und Moral bzw. Gerechtigkeit ist. Dem gegenüber verlangt der …