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Einsteins kosmische Religion
Der Begriff bezeichnet das religiöse Gefühl der Bewunderung dem Kosmos gegenüber, der Dankbarkeit und der Verantwortung. Der Begriff „Kosmisches Bewusstsein“ …
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Kernidee der kosmischen Religion
Der Begriff „Kosmische Religion“ oder „Cosmic Religion“ geht auf Albert Einstein zurück. Er bezeichnet bei ihm kein kirchliches Glaubenssystem, sondern ein religiöses Gefühl: Bewunderung gegenüber dem Kosmos, Dankbarkeit und Verantwortung. Gemeint ist eine Haltung, die sich dem Wissen, der Menschlichkeit und dem Gefühl der Verbundenheit mit allem Leben im Kosmos verpflichtet fühlt.
Einstein schrieb dazu 1930 den Aufsatz „Religion und Wissenschaft“, der am 11. November 1930 im Berliner Tageblatt erschien. 1931 erschien er auf Englisch unter dem Titel „COSMIC RELIGION“ und wurde mit anderen Texten in dem Buch „Einstein. Cosmic Religion with Other Opinions and Aphorisms“ veröffentlicht. Der ähnliche Begriff „Kosmisches Bewusstsein“ existierte schon vorher und wurde von dem Religionsphilosophen Richard Maurice Bucke (1837-1902) für Formen religiösen Erlebens geprägt.
Drei Stufen religiösen Erlebens
Einsteins Religionstheorie beginnt mit der Annahme, dass alles menschliche Tun und Denken der Befriedigung gefühlter Bedürfnisse dient. Für Religion nennt er vor allem drei Bedürfnisse: Angst und Furcht, Sehnsucht nach Führung, Schutz und Liebe sowie den Wunsch nach Einheit und Sinn. Daraus ergeben sich drei Stufen religiösen Erlebens.
Die erste Stufe ist die Furcht-Religion. Menschen fürchten Hunger, wilde Tiere, Krankheit und Tod. Sie stellen sich menschenähnliche Wesen oder Götter vor, von denen solche Erlebnisse abhängen. Durch Rituale versuchen sie, diese Mächte gnädig zu stimmen. Häufig entsteht dabei eine Priesterkaste, die zwischen dem Volk und den Götterwesen vermittelt und sich oft mit der politischen Klasse verbindet.
Die zweite Stufe ist die Moral-Religion. Menschen erleben Vater, Mutter und Führerfiguren als sterblich und fehlbar. Aus der Sehnsucht nach Führung, Liebe und Stütze entsteht ein sozialer und moralischer Gottesbegriff. Furcht-Religion und Moral-Religion treten meist nicht rein getrennt auf, sondern verbinden sich zu einem Misch-Typus.
Die dritte Stufe nennt Einstein „kosmische Religiosität“. Sie ist nach ihm selten und wird „nur besonders reiche Individuen und besonders edle Gemeinschaften“ erreichen. Diese Religiosität beruht nicht auf Angst oder auf einem menschenähnlichen Gott, sondern auf Staunen über die Ordnung des Kosmos, auf Erkenntnisstreben und auf ethischer Verantwortung.
Einsteins persönlicher Weg
Einstein beschrieb sich 1954 in einem Brief an Hans Mühsam als „tief religiösen Ungläubigen“ und nannte dies „eine einigermaßen neue Art von Religion“. Seine Haltung hing eng mit seiner Biografie zusammen. Er wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus ohne religiöse Vorschriften auf. In der Volksschulzeit erhielt er eine Einweisung ins Judentum, wurde religiös, hielt religiöse Regeln ein, aß kein Schweinefleisch und schrieb sowie vertonte Lieder zur Ehre Gottes.
Mit 12 Jahren endete diese „tiefe Religiosität“ nach seiner eigenen Darstellung plötzlich. Durch populärwissenschaftliche Bücher kam er zu der Überzeugung, dass vieles in den biblischen Erzählungen nicht wahr sein könne. Daraus erwuchs nach Einstein sein Misstrauen gegen jede Art von Autorität. Das verlorene religiöse Paradies der Jugend wurde durch ein zweites Paradies ersetzt: die Wissenschaft. Später entstand für ihn ein drittes Paradies aus der Verbindung von Religion und Physik.
Einstein fühlte sich den Juden als „Stammesbruder“ nahe, blieb dem jüdischen Glauben gegenüber aber abweisend und bezeichnete sich als konfessionslos. Seine kosmische Religiosität gründete er auf das Gefühl für „die Erhabenheit und wunderbare Ordnung“, die sich in Natur und Gedankenwelt zeigt. Sie kennt nach seiner Darstellung keine Dogmen und keinen Gott nach menschlichem Bild; deshalb könne es auch keine Kirche geben, deren Hauptlehre darauf beruhe.
Gottesbegriff und Weltanschauung
Einsteins religiöse Position wird unterschiedlich beurteilt. Manche nannten sie atheistisch, was Einstein selbst zurückwies; andere ordneten sie als pantheistisch oder panentheistisch ein. Wichtig ist: Sein Gottesbegriff ist nicht mit einem personalen Gott gleichzusetzen, also nicht mit einem Gott, der wie eine Person denkt, entscheidet und in das Schicksal einzelner Menschen eingreift. Einen solchen persönlichen Gott nannte Einstein „Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen“ und „Incarnation des primitiven Aberglaubens“.
Einstein bezog sich ausdrücklich auf Spinozas unpersonalen „Gott“. Berühmt wurde seine Antwort auf die Frage eines New Yorker Rabbiners 1929, ob er an Gott glaube: „Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Handlungen der Menschen abgibt.“ Damit ist Gott für Einstein eher in der Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Harmonie der Wirklichkeit zu suchen als in einer persönlichen Macht.
Der Artikel beschreibt Einsteins Haltung als Verbindung von Rationalität und Ehrfurcht vor dem Leben. Rationalität bedeutet hier vernünftiges Denken und Erkenntnisstreben; Ehrfurcht meint staunenden Respekt gegenüber Leben und Welt. In diesem Punkt wird Einstein mit Albert Schweitzer (1875-1965) in Verbindung gebracht, der die Ehrfurcht vor dem Leben als Grundgefühl aller Religion bezeichnete.
Einstein wollte keine neue Religion gründen, sondern seiner eigenen Religiosität einen passenden Namen geben. „Kosmische Religion“ steht für Menschen, die hierarchischen Institutionen und dogmatischen Lehren skeptisch gegenüberstehen, aber eine Verpflichtung gegenüber Kosmos und Weltganzen empfinden. Ethisches Verhalten orientiert sich dabei an Vernunft, Menschlichkeit und Verantwortung für die Schöpfung. Rituale wie Hochzeiten oder Trauerfeiern können in eigener Verantwortung und je nach Kultur mit säkularen oder religiösen Elementen gestaltet werden.
Bedeutung und Ziele
Der Artikel deutet Einsteins Begriff als Neubestimmung von Religion. Für die einen kann kosmische Religion ein Korrektiv gegenüber dogmatischen Religionen sein; für andere kann sie ein Korrektiv gegenüber dogmatischem Atheismus und Materialismus sein. Sie soll ein entspannteres und konstruktiveres Verhältnis zu verschiedenen Weltanschauungen ermöglichen und dadurch zur Entideologisierung der Religionen und zum Weltfrieden beitragen.
Die Idee einer Meta-Religion, also eines einfachen gemeinsamen Grundkonsenses aller Religionen, ist nach dem Artikel nicht neu. Als Ziele werden genannt: keine fest vorgeschriebenen Rituale, Überwindung rassischer, kultureller, religiöser und sozialer Vorurteile, Aufbau einer gerechten Welt durch Politik, Wirtschaft und Kultur, Gleichberechtigung der Geschlechter und eine konstruktive Beziehung von Religion und Wissenschaft.
Einstein gab diesen Zielen einen griffigen Namen. Zugleich trat er nicht als Heilsprediger auf und lehnte religiöse Autoritäten ausdrücklich ab. Der Artikel betont auch eine Grenze: Die meisten Menschen fühlen sich wohler in großen Gruppierungen mit klaren Mehrheiten und starken Autoritäten. Kosmische Religiosität bleibt daher eher eine Option für „Einspänner“ und Minderheiten, wird aber als Beispiel einer ethisch hoch stehenden, eigenverantwortlichen Religion dargestellt.
Wichtige Aussagen Einsteins
Die Zitate im Artikel verdeutlichen Einsteins Verständnis von Religion. Für ihn liegt Religion nicht vor allem in Dogmen, sondern in Mitgefühl, Staunen, Erkenntnis und Verantwortung. Er sagt: „Das Wesen der Religion ist für mich die Fähigkeit, sich in die Haut des anderen zu versetzen, sich mit ihm zu freuen und mit ihm zu leiden.“
Mehrere Zitate verbinden Religion mit Wissenschaft. Besonders bekannt ist: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft blind.“ Damit wird Religion nicht als Gegensatz zur Erkenntnis dargestellt, sondern als Haltung, die wissenschaftliches Denken mit Sinn, Staunen und Verantwortung verbindet.
Einstein beschreibt seine religiöse Haltung auch als Bewunderung für die Ordnung der Natur: „Meine Überzeugungen sind denjenigen Spinozas verwandt: Bewunderung für die Schönheit und Glaube an die logische Einfachheit der Ordnung und Harmonie, welche wir demütig und nur unvollkommen fassen können.“ In ähnlichem Sinn sagt er, sein religiöses Gefühl liege „in der Bewunderung der Harmonie, die sich in den Naturgesetzen zeigt“.
Ein weiteres zentrales Zitat lautet: „Je weiter die geistige Entwicklung des Menschen vorschreitet, in desto höherem Grade scheint es mir zuzutreffen, dass der Weg zu wahrer Religiosität nicht über Daseinsfurcht, Todesfurcht und blinden Glauben, sondern über das Streben nach vernünftiger Erkenntnis führt.“ Das fasst die Richtung seiner kosmischen Religiosität zusammen: weg von Angst und blindem Glauben, hin zu vernünftiger Erkenntnis, Staunen und ethischer Verantwortung.