Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Einkommensverteilung in Österreich

Die personelle Einkommensverteilung betrachtet, wie das Einkommen einer Volkswirtschaft auf einzelne Personen oder Gruppen (z. B. Privathaushalte) verteilt ist …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Datengrundlage
  2. 2. Wichtige Verteilungsmaße
  3. 3. Armut, Spitzeneinkommen und Geschlechterunterschiede
  4. 4. Lohnquote und Ursachen der Entwicklung
  5. 5. Regionale Unterschiede

Grundbegriff und Datengrundlage

Die Einkommensverteilung in Österreich beschreibt, wie Einkommen auf Personen oder Gruppen, zum Beispiel Privathaushalte, verteilt sind. Gemeint ist hier die personelle Einkommensverteilung: Sie fragt nicht danach, aus welcher Quelle Einkommen stammt, sondern wer wie viel Einkommen erhält. Davon unterschieden wird die funktionale Einkommensverteilung, die Einkommen nach Produktionsfaktoren wie Arbeit oder Kapital betrachtet.

Eurostat misst die personelle Verteilung meist mit dem verfügbaren Äquivalenzeinkommen. Dieses ist definiert als „das Gesamteinkommen eines Haushalts nach Steuern und anderen Abzügen, das für Ausgaben und Sparen zur Verfügung steht, geteilt durch die Zahl der Haushaltsmitglieder, umgerechnet in Erwachsenenäquivalente“. Dadurch werden Haushalte unterschiedlicher Größe vergleichbarer gemacht. Für Österreich sind EU-SILC-Daten ab 2003 verfügbar. EU-SILC ist eine Haushaltserhebung, auf deren Grundlage mehrere Ungleichheitsindikatoren berechnet werden.

Im Jahr 2017 betrug der Gini-Koeffizient für Österreich 0,28. Damit lag Österreich im Vergleich der Mitgliedstaaten der Europäischen Union auf Rang 9. Insgesamt beschreibt der Artikel Österreich als Land mit im Zeitverlauf relativ stabilen Ungleichheitsindikatoren und im EU-Vergleich eher niedriger Einkommensungleichheit.

Wichtige Verteilungsmaße

Ein zentrales Maß ist der Gini-Koeffizient, auch Gini-Index genannt. Er kann Werte zwischen 0 und 1 annehmen. 0 bedeutet perfekte Gleichverteilung, also dass alle Personen das gleiche Einkommen beziehen. 1 bedeutet perfekte Ungleichheit, also dass eine Person das gesamte Einkommen erhält. In Österreich veränderte sich der Gini-Koeffizient der verfügbaren Einkommen über die betrachteten Jahre nur wenig. Zwischen dem niedrigsten Punkt der verfügbaren Einkommen nach OECD/IDD von 0,276 und dem höchsten Punkt 2009 von 0,289 lag nur ein kleiner Unterschied. Seit Beginn der Aufzeichnungen 2005 lag Österreich stets unter dem Durchschnitt der EU27-Staaten. 2017 betrug der Abstand zum EU27-Durchschnitt 0,028 Punkte. Österreich lag auch unter den Gini-Werten Deutschlands und Italiens; Italien lag in der Darstellung durchgehend über dem EU27-Durchschnitt. Ein höheres Niveau des Gini-Index seit 2008 gegenüber 2006 wird einem Zeitreihenbruch zugeschrieben.

Wichtig sind außerdem Mittelwert und Median. Der Mittelwert ist das durchschnittliche Einkommen. Der Median ist das mittlere Einkommen: Die eine Hälfte der Personen liegt darunter, die andere darüber. In Österreich betrug das nominelle Durchschnittseinkommen 2017 27.629 Euro, das Medianeinkommen 24.752 Euro. Seit 1995 stiegen beide nominell deutlich: Das Durchschnittseinkommen lag 1995 bei etwa 16.000 Euro und 2017 bei etwa 27.500 Euro; das Medianeinkommen stieg von etwa 14.000 Euro auf etwa 24.500 Euro. Real, also um den harmonisierten Verbraucherpreisindex bereinigt, fiel der Anstieg schwächer aus: Das reale Durchschnittseinkommen stieg von etwa 23.000 Euro 1996 auf etwa 27.000 Euro 2017, das reale Medianeinkommen von etwa 21.000 Euro auf etwa 24.000 Euro. Da der Median unter dem Mittelwert liegt, wird von einer rechtsschiefen Einkommensverteilung gesprochen.

Das Einkommensquintilsverhältnis S80/S20 vergleicht das Gesamteinkommen der obersten 20 % mit jenem der untersten 20 % der Einkommensverteilung. Auch hier wird das verfügbare Äquivalenzeinkommen verwendet. 1995 lag der Wert bei Männern bei 4,1 und bei Frauen bei 4,0. Das bedeutet: Das oberste Quintil der Männer hatte ein 4,1-mal so hohes Einkommen wie das unterste Quintil der Männer; bei Frauen war es das Vierfache. Bis 2000 sank der Wert auf 3,4 für beide Geschlechter, stieg später wieder und erreichte 2010 4,4 bei Männern und 4,3 bei Frauen. 2017 lag der Wert wieder auf dem Niveau von 2010. 2018 sank er leicht auf 4,1 bei Männern und 4,0 bei Frauen. Ein Geschlecht weist nicht durchgehend höhere Werte auf; die Unterschiede sind meist gering.

Armut, Spitzeneinkommen und Geschlechterunterschiede

Die Armutsgefährdungsquote gibt an, welcher Anteil der Bevölkerung weniger als 60 % des medianen Äquivalenzeinkommens nach Sozialtransfers zur Verfügung hat. In Österreich lag sie 2017 bei 14,4 %. Zwischen 2003 und 2017 schwankte sie nur wenig. Eine Ausnahme war ein rascher Anstieg im Krisenjahr 2008; dieser wird ebenfalls mit einem Zeitreihenbruch der Eurostat-Daten in Verbindung gebracht.

Der Einkommensanteil der oberen 10 % beschreibt, welchen Anteil das oberste Dezil, also die Top-10-%-Verdiener, am Gesamteinkommen erhält. In Österreich lag dieser Anteil 2017 bei 22,4 %. Das bedeutet, dass die oberen 10 % der Einkommensbezieher rund 22 % des Gesamteinkommens erhielten. Von 2005 bis 2017 blieb dieser Anteil relativ stabil; der Schwankungsbereich lag bei etwa 1 %. Der Wert lag unter dem Durchschnitt der EU27, der im selben Zeitraum etwa 24 % betrug. Der Artikel weist aber darauf hin, dass weitere Einkommensquellen, zum Beispiel aus Vermögen, in Erhebungen traditionell untererfasst werden.

Das geschlechtsspezifische Verdienstgefälle, meist Gender-Pay-Gap genannt, misst Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen. Es wurde mit EU-SILC-Daten nach NACE2-Sektoren für EU-Mitgliedstaaten ermittelt. In den Sektoren Industrie, Baugewerbe und Dienstleistungen sank der Gender-Pay-Gap in Österreich von 25,1 % bis 2017 auf 19,9 %. Frauen verdienten dort 2017 also durchschnittlich 19,9 % weniger als Männer. Österreich lag damit deutlich über dem EU27-Durchschnitt. 2008 betrug der EU27-Durchschnitt 17,3 %, was einen Abstand von 7,8 Prozentpunkten bedeutete. Bis 2017 verringerte sich der Abstand, betrug aber noch 3,8 Prozentpunkte.

Lohnquote und Ursachen der Entwicklung

Die Lohnquote ist der Anteil der Löhne und Gehälter an der gesamten Wertschöpfung beziehungsweise am Volkseinkommen. In Österreich sank sie von 75 % im Jahr 1994 auf 68 % im Jahr 2019. Beschäftigte profitierten damit nicht im gleichen Verhältnis von wachsender Wirtschaftsleistung und steigender Produktivität. Besonders betroffen war das unterste Viertel der Einkommensverteilung: Es hatte 2017 netto 16 % weniger Einkommen als das unterste Viertel 20 Jahre zuvor.

Als Hintergründe für Veränderungen der Einkommensverteilung nennt der Artikel verändertes Erwerbsverhalten, besonders den Trend zur Teilzeitarbeit, sowie gestiegene Arbeitslosigkeit. Beide Faktoren tragen auch zu geschlechtlichen Unterschieden bei der Einkommensverteilung bei. Zusätzlich wird auf die Einkommensteuerreform 2015 und 2016 verwiesen. Nach einer Analyse des Budgetdienstes des österreichischen Parlaments von 2015 betrug die Entlastung des verfügbaren äquivalisierten Haushaltseinkommens 829 Euro, also rund 3,3 %. Allerdings entfielen rund 52,6 % des gesamten Entlastungsvolumens auf die obersten drei Dezile. Männer profitierten wegen unterschiedlichem Erwerbsverhalten tendenziell stärker als Frauen.

Eine WIFO-Studie von 2016 beschreibt Österreich wegen einer Abgabenquote von 40,8 % und einer Staatsausgabenquote von 53 % als Staat mit hohem Umverteilungspotenzial. Das Abgabensystem selbst verteile aber nur in geringem Maß um, während wohlfahrts- und sozialstaatliche Leistungen eindeutig umverteilend wirkten. Davon profitieren besonders untere Einkommensschichten. Für steigende Ungleichheit bei Primäreinkommen werden anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, der Strukturwandel von Hochlohnbranchen zu niedriger entlohnten Dienstleistungssektoren und die Zunahme atypischer Beschäftigung genannt.

Für die Analyse ist auch wichtig, ob Haushalte Lohneinkommen, Einkommen aus Selbstständigkeit oder Kapitaleinkommen beziehen. Lohneinkommen sind relativ egalitär verteilt, Gewinn- beziehungsweise Betriebs- und Kapitaleinkommen dagegen stark am oberen Rand konzentriert, besonders bei den Top-1 %. Vermögenseinkünfte spielen für den Großteil der Bevölkerung nur eine kleine Rolle; ein Lebensunterhalt aus Vermögenseinkünften ist in Österreich nur für die obersten Perzentile möglich. Gleichzeitig bleibt bei Haushaltserhebungen das Problem, dass die Ränder der Verteilung empirisch untererfasst werden.

Regionale Unterschiede

Auch räumlich sind Einkommen in Österreich ungleich verteilt. Allgemein ist das verfügbare reale Haushaltseinkommen im Norden höher als im Süden; Wien bildet eine Ausnahme. 2016 waren die verfügbaren Haushaltseinkommen in Niederösterreich und Vorarlberg am höchsten, mit etwa 22.900 beziehungsweise 22.600 Kaufkraftstandards (KKS). Am niedrigsten lagen sie in Wien und Kärnten mit 20.900 KKS beziehungsweise 21.000 KKS.

Die Bevölkerung, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht ist, ist ebenfalls regional ungleich verteilt. Allgemein ist der Osten weniger armutsgefährdet als der Westen. Auch hier ist Wien eine Ausnahme: Dort wurde mit 26,7 % die höchste Armutsgefährdung angenommen. Die niedrigste Armutsgefährdung fand sich in Niederösterreich mit 12,6 %.

Ein Vergleich der Metropolregionen Wien, Linz und Graz zeigt für 2015 jeweils denselben Gini-Koeffizienten von 0,3. Das spricht für eine ungefähr gleiche Verteilung beziehungsweise Ungleichverteilung in diesen Regionen. Der nationale Gini-Koeffizient von 0,27 im Jahr 2015 steht damit im Einklang. Auch der Anteil der Bevölkerung mit weniger als 60 % des Medianeinkommens lag in den drei Metropolregionen ähnlich, nämlich bei etwa 10 %. Die Regionen unterscheiden sich aber beim verfügbaren realen Haushaltseinkommen pro Einwohner in USD nach Kaufkraftparität: Wien lag 2016 bei 28.725 $, Graz bei 30.441 $ und Linz bei 32.032 $. Alle drei lagen damit unter dem österreichweiten Wert von 35.653,3 $. Für andere Metropolregionen wie Salzburg oder Innsbruck lagen für diesen Zeitraum keine Daten für einen weiteren Vergleich vor.

Weiterlesen

Einkommensverteilung 1 Allgemeines · 2 Arten. 2.1 Personelle Einkommensverteilung. 2.1.1 Darstellung mittels Gini-Koeffizient · 3 Nettoeinkommen · 4 Verfügbare Einkommen · 5 … Gini-Koeffizient Der Gini-Koeffizient oder auch Gini-Index ist ein statistisches Maß für die Ungleichverteilungen in einer Gruppe, das vom italienischen Statistiker Corrado … Europäische Union Die Europäische Union, kurz EU, ist ein Staatenverbund aus 27 Staaten, davon 26 in Europa und mit Zypern einem geographisch in Asien liegenden Land. Österreich Geographie. → Hauptartikel: Geographie Österreichs. Satellitenbild von ... Bruttonationaleinkommen, Beschäftigte. Industrie, 28 %, 25,7 %. Landwirtschaft, 1,3 … Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Italien Mit knapp 59 Millionen Einwohnern ist es das viertbevölkerungsreichste vollständig zu Europa zählende Land. Die Hauptstadt und bevölkerungsreichste Stadt ist … Mittelwert Ein Mittelwert (kurz auch nur Mittel; anderes Wort Durchschnitt) ist eine Zahl, die aus gegebenen Zahlen nach einer bestimmten Rechenvorschrift ermittelt … Median In der Statistik ist der Median (Plural Mediane) – auch Zentralwert genannt – ein Mittelwert und Lageparameter. Der Median der Messwerte einer Urliste ist … Schiefe (Statistik) Die Schiefe (englisch skewness bzw. skew) ist eine statistische Kennzahl, die die Art und Stärke der Asymmetrie einer Wahrscheinlichkeitsverteilung … Empirisches Quantil Diese sind Kennzahlen einer Wahrscheinlichkeitsverteilung und damit einer abstrakten (Mengen-)Funktion (ähnlich dem Erwartungswert), während die empirischen … Gender-Pay-Gap Der Gap („Lücke“) wird dabei als prozentualer Anteil des durchschnittlichen Brutto-Stundenlohns von Männern angegeben. ... Dabei wird zwischen dem unbereinigten … Einkommensverteilung in Ungarn Die Einkommensverteilung in Ungarn betrachtet die Verteilung der Einkommen in Ungarn. Bei der Analyse der Einkommensverteilung wird im Allgemeinen zwischen …