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Einkommensverteilung in Ungarn
Die Einkommensverteilung in Ungarn betrachtet die Verteilung der Einkommen in Ungarn. Bei der Analyse der Einkommensverteilung wird im Allgemeinen zwischen …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Entwicklung
Die personelle Einkommensverteilung beschreibt, wie das Einkommen einer Volkswirtschaft auf einzelne Personen oder Gruppen wie Privathaushalte verteilt ist – unabhängig von der Einkommensquelle. Eurostat verwendet dafür meist das verfügbare Äquivalenzeinkommen: Das verfügbare Haushaltseinkommen nach direkten Steuern und Sozialabgaben sowie einschließlich öffentlicher Transfers, etwa Sozialhilfe und Arbeitslosengeld, und privater Transfers, etwa Unterhalt, wird rechnerisch den Haushaltsmitgliedern zugeordnet. Bei Vergleichen muss beachtet werden, ob Bruttoeinkommen, Einkünfte, zu versteuerndes Einkommen, Nettoeinkommen oder verfügbares Einkommen gemeint sind.
Seit 2005 stiegen Durchschnitts- und Medianeinkommen überwiegend. Zugleich nahm die Ungleichheit von 2005 bis 2010 tendenziell ab und danach wieder stetig zu. Der Gini-Koeffizient erhöhte sich von 0,241 beziehungsweise 24,1 % im Jahr 2010 auf 0,281 beziehungsweise 28,1 % im Jahr 2017. Mit diesem Wert gehörte Ungarn dennoch zu den europäischen Ländern mit vergleichsweise gleichmäßiger Einkommensverteilung.
Einkommen und zentrale Ungleichheitsmaße
Das verfügbare Durchschnittseinkommen stieg von rund 4.000 € im Jahr 2005 auf 6.100 € im Jahr 2018; das Medianeinkommen von rund 3.500 € auf 5.500 €. Für 2017 werden 5.589 € im Durchschnitt und 4.988 € als Median angegeben. Der Median ist der mittlere Wert: Eine Hälfte der Personen liegt darunter, die andere darüber. Dass er stets unter dem Durchschnitt lag, zeigt eine rechtsschiefe Verteilung, bei der hohe Einkommen den Mittelwert nach oben ziehen. Beide Größen gingen während der Finanzkrise zurück. Nach Bereinigung mit dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex, HVPI mit Basis 2015 = 100, stagnierten die realen Durchschnittseinkommen ungefähr zwischen 5.000 € und 6.500 €, die realen Medianeinkommen zwischen 4.500 € und 5.500 €.
Der Gini-Koeffizient misst die Ungleichheit: 0 bedeutet vollständige Gleichverteilung, 1 vollständige Ungleichheit, bei der eine Person oder ein Haushalt das gesamte Einkommen erhält. OECD-Daten zeigen 0,273 im Jahr 1991, 0,299 im Jahr 1994, 0,303 im Jahr 2003 und 0,29 im Jahr 2012. Eurostat-Daten aus EU-SILC weichen deutlich ab: Sie beginnen 2001 bei 0,26 gegenüber 0,293 bei der OECD, erreichen 2006 plötzlich 0,333, fallen bis 2010 und steigen anschließend auf 0,287 im Jahr 2018. Der Sprung von 2006 ist nicht erklärt. Ungarns Wert lag unter dem EU27-Durchschnitt, stieg seit 2010 aber über die Werte Österreichs und der Slowakei.
Das Einkommensquintilverhältnis S80/S20 setzt das Einkommen der reichsten 20 % zum Einkommen der ärmsten 20 % ins Verhältnis. 2006 lag es bei Männern bei 5,7 und bei Frauen bei 5,3: Das oberste Fünftel erhielt somit das 5,7- beziehungsweise 5,3-Fache des untersten Fünftels. Danach sank das Verhältnis bis 2010 und stieg wieder. Bis 2017 war die Ungleichheit unter Männern etwas größer; 2018 lag sie erstmals bei Frauen höher. Ob dies ein dauerhafter Trend ist, blieb offen. Auch der Ausschlag von 2006 ist nicht zufriedenstellend erklärt.
Der Anteil der einkommensstärksten 10 % misst deren Anteil am gesamten nationalen Äquivalenzeinkommen. Für 2017 nennt der Text 22 % gegenüber 23,8 % im gewichteten EU-Durchschnitt; die Tabelle gibt für Ungarn dagegen 23,9 % an. Trotz dieser abweichenden Angaben zeigt sich seit 2010 ein Anstieg und damit wachsende Ungleichheit.
Geschlecht und regionale Unterschiede
Der Gender-Pay-Gap bezeichnet den Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen. In Industrie, Baugewerbe und Dienstleistungen verdienten ungarische Frauen 2008 im Durchschnitt 17,5 % weniger als Männer; der EU27-Wert lag bei 17,3 %. Nach einem anfänglichen Rückgang stieg die Lücke 2012 auf 20,1 %, sank bis 2015 auf 14 % und lag damit 2,6 Prozentpunkte unter dem EU27-Durchschnitt. 2017 betrug sie 14,2 %. Eine andere Arbeitsmarktangabe nennt eine Lohnschere von rund 5 % und bezieht sich auf den OECD-Vergleich; die unterschiedlichen Bezugsgrößen dürfen daher nicht gleichgesetzt werden.
Auch regional waren die verfügbaren Haushaltseinkommen ungleich verteilt. 2016 reichten sie von 9.200 bis 11.000 Kaufkraftstandards, KKS, pro Person und Jahr. Das Komitat Pest erreichte 11.000 KKS; Nordungarn und die Nördliche Große Tiefebene lagen mit 9.200 beziehungsweise 9.300 KKS am niedrigsten. Höhere Einkommen gingen meist mit geringerer Gefahr von Armut oder sozialer Ausgrenzung einher. Der gefährdete Bevölkerungsanteil reichte von 12,5 % in Westtransdanubien bis 32,9 % in Nordungarn; landesweit waren es 19,6 %. Die regionalen Unterschiede blieben groß, hatten aber in den vorhergehenden Jahren abgenommen.
Wirtschaftspolitischer Wandel
Nach 1989 konnten viele kleine und mittlere Unternehmen aus dem halb-marktwirtschaftlichen System der Kádár-Ära dem globalen Wettbewerb nicht standhalten. Der Zusammenbruch von Teilen der Industrie kostete eine Million der insgesamt vier Millionen Arbeitsplätze. Ungarn setzte deshalb auf ausländische Direktinvestitionen, FDI, und wurde Anfang der 1990er Jahre zu einem bevorzugten Investitionsstandort. EU-Integration und am „acquis communautaire“ orientierte Institutionen unterstützten die Entwicklung. Mit der EU-Osterweiterung nahm jedoch die Konkurrenz anderer mittel- und osteuropäischer Länder zu.
Die MSZP-SZDSZ-Regierung von 2002 bis 2010 erweiterte staatliche Leistungen. Sie erhöhte die Gehälter von 600.000 öffentlich Beschäftigten um 50 %, schaffte die Besteuerung des Mindestlohns ab, erhöhte die Familienbeihilfe um 20 % und zahlte sie für einen 13. Monat. Für drei Millionen Pensionisten wurde testweise eine 13. Monatspension eingeführt. Da höhere Staatseinnahmen fehlten, wurden diese Maßnahmen überwiegend über Schulden finanziert; die gesamtstaatliche Schuldenquote stieg bis 2007 von 52 % auf 65 %.
Nach dem Wahlsieg 2010 verfügte FIDESZ mit knapp über 50 % der Stimmen über eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit. Laut Artikel veränderte die Regierung demokratische Regeln zugunsten der Regierungspartei, beschränkte die Kompetenzen des Verfassungsgerichtshofs und brachte einen Großteil der Medien unter staatliche Kontrolle.
Das neue Wirtschaftsmodell wird als selektiver Nationalismus und selektiver Wohlfahrtsstaat beschrieben. In von staatlichen Aufträgen abhängigen Bereichen förderte die Regierung inländische Schlüsselunternehmen und begünstigte den Übergang ausländischer Privatunternehmen an ungarische Anbieter oder den Staat. In Bereichen wie der Industrie, die auf FDI angewiesen sind, betrieb sie dagegen eine neoliberale Politik mit flexiblerem Arbeitsmarkt und gekürzten Sozialleistungen. Von der Pauschalsteuer von 16 % profitierten besonders die obersten 10 % der Steuerzahler, während die Belastung niedriger Einkommen erheblich stieg. Gewerkschaften wurden geschwächt. Als langfristige Probleme nennt der Artikel niedrige Löhne, geringe inländische Wertschöpfung, ein niedriges Qualifikationsniveau, fehlende öffentliche Investitionen in Bildung und Ausbildung, die demografische Entwicklung und Risiken des Rentensystems.
Finanzkrise, Arbeitsmarkt und Sozialausgaben
Die Weltwirtschaftskrise ab 2008 erhöhte die Staatsschuldenquote auf etwa 80 %; bis 2019 sank sie auf 67,5 %. In der zweiten Hälfte 2008 entstanden zunächst Verluste am Geldmarkt, vor allem für Besitzer von Wertpapieren und Ersparnissen. Diese Phase ist in Einkommensstatistiken nicht unmittelbar sichtbar. Danach belasteten der ungünstige Forint-Wechselkurs Haushalte mit Devisenkrediten für Wohnungen oder Autos sowie Beschäftigungsrückgang und Arbeitslosigkeit. Im Frühjahr 2009 folgten Sparmaßnahmen: Die 13. Monatspension entfiel, Familienbeihilfen wurden gekürzt und die Zahl der Sozialbeihilfen pro Haushalt begrenzt.
Die Arbeitslosenquote erreichte 2009 rund 12 %, gegenüber etwa 8 % im OECD-Durchschnitt. 2014 lag sie bei ungefähr 8 % und sank anschließend weiter. Die Jugendarbeitslosigkeit, gemessen am NEET-Anteil der jungen Menschen außerhalb von Beschäftigung, Bildung oder Ausbildung, betrug rund 21 % gegenüber 17 % im OECD-Durchschnitt. Etwa 48 % der Arbeitslosen waren mindestens ein Jahr ohne Arbeit; im OECD-Durchschnitt waren es 33 %. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen lag bei rund 61 % und damit auf einem der niedrigsten Werte unter den OECD-Ländern. Der Mindestlohn entsprach etwa 55 % des Medianlohns und war damit innerhalb der EU relativ hoch. Eine sinkende Arbeitsproduktivität wirkte sich ebenfalls auf die Einkommensverteilung aus.
Seit der Krise nahm die öffentliche Beschäftigung zu; allein 2014 kamen etwa 125.000 Beschäftigte hinzu. Dies trug zum Wirtschaftswachstum und zur Abschwächung der Rezession bei. Die Staatsausgaben entsprachen rund 50 % des Bruttoinlandsprodukts und lagen damit über dem OECD-Durchschnitt von 45 %.
Bildung als strukturelle Herausforderung
Ungarische Schülerinnen und Schüler erzielten bei internationalen Leistungsvergleichen schlechtere Ergebnisse als Lernende in vielen anderen OECD-Ländern. Besonders groß waren die Leistungsunterschiede zwischen den Schulen; sie lagen deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Der Lehreranteil an der Bevölkerung war zwar vergleichsweise hoch, doch viele Lehrkräfte hatten geringe Beschäftigungsperspektiven und wurden im OECD-Vergleich schlecht bezahlt. Von den 24- bis 35-Jährigen hatten rund 20 % einen tertiären Bildungsabschluss, also einen Abschluss an einer Hochschule oder einer vergleichbaren höheren Bildungseinrichtung. Der OECD-Durchschnitt betrug 32 %. Das niedrige Qualifikationsniveau und unzureichende Investitionen in Bildung und Ausbildung werden als Hindernisse für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung genannt.