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Echte Feige
Sie zählt zu den ältesten domestizierten Nutzpflanzen und wird vor allem im Mittelmeerraum angebaut. Sie hat wie alle Feigen eine komplexe Bestäubungsökologie.
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Merkmale und Aufbau
Die Echte Feige (Ficus carica) ist eine Art der Gattung Feigen (Ficus) aus der Familie der Maulbeergewächse (Moraceae). Sie gehört zu den ältesten domestizierten Nutzpflanzen und wird besonders im Mittelmeerraum angebaut. Die Pflanze und ihre Frucht heißen beide „Feige“. Sie wächst als sommergrüner, laubabwerfender Strauch oder kleiner Baum und erreicht drei bis zehn Meter Höhe; in Deutschland meist höchstens fünf bis sechs Meter. Ihre Krone ist häufig breit, unregelmäßig und niedrig, der Stamm oft knorrig oder gedreht.
Die ganze Pflanze führt Milchsaft. In Verbindung mit Sonnenlicht kann dieser nach Hautkontakt eine Photodermatitis auslösen, also Hautentzündungen und Bläschenbildung. Die wechselständigen, festen und fast ledrigen Blätter sind 10 bis 20 Zentimeter lang und breit, breit-eiförmig und drei- bis siebenlappig. Ihre Form unterscheidet sich je nach Sorte deutlich und hilft daher bei der Sortenbestimmung.
Die scheinbar einzelne Feige ist ein Blütenstand: Viele hundert Einzelblüten liegen im Inneren eines birnen- oder flaschenförmigen Hohlraums. Seine enge Öffnung heißt Ostiolum. Kulturfeigen sind gynodiözisch, aber funktionell diözisch: Es gibt funktionell männliche Bocks- oder Capri-Feigen und funktionell weibliche Haus- oder Ess-Feigen. Die Ess-Feige besitzt langgrifflige, fruchtbare weibliche Blüten; die Bocks-Feige besitzt männliche Blüten sowie kurzgrifflige, sterile „Gallenblüten“.
Nach Bestäubung entsteht in drei bis fünf Monaten die bekannte Feige. Botanisch ist sie ein Fruchtverband, genauer ein Sykonium oder Hypanthodium: Die weiblichen Blüten entwickeln sich zu kleinen Achänen, den beim Essen spürbaren „Kernen“, innerhalb des fleischig gewordenen Blütenbodens. Die Frucht kann grün bis dunkelviolett sein. Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 26.
Bestäubung und Fruchtbildung
Die Echte Feige besitzt eine besonders enge Beziehung zur Feigengallwespe (Blastophaga psenes), einer zwei bis drei Millimeter großen Wespe. Diese entwickelt sich in den kurzgriffligen Gallblüten der Bocks-Feige. Die fast blinden, nicht flugfähigen Männchen begatten die Weibchen noch innerhalb der Feige. Die Weibchen nehmen beim Verlassen der Feige, falls vorhanden, Pollen von den männlichen Blüten auf.
Gelangen Weibchen in eine Bocks-Feige, können sie mit ihrem Legestachel Eier in die kurzgriffligen Gallblüten legen. Gelangen sie in eine Ess-Feige, bestäuben sie die langgriffligen weiblichen Blüten, können dort aber keine Eier ablegen, weil deren Griffel länger als ihr Legestachel sind. In der Bocks-Feige wächst somit die nächste Wespengeneration heran; in der bestäubten Ess-Feige entstehen Samen und essbare Früchte. Das Einhängen blühender Bocks-Feigenzweige in Ess-Feigenbäume heißt Caprifikation.
Pro Jahr sind bis zu drei Feigengenerationen möglich: Februar/März, Mai/Juni und August/September. Bei Bocks-Feigen heißen sie Vorfeigen, Sommerfeigen und Nachfeigen. Nur die Vorfeigen enthalten viel Pollen. Deshalb entwickeln sich durch Caprifikation nur Ess-Feigen der zweiten Generation sicher zu Früchten; bei der ersten und dritten Generation fehlt Pollen.
Parthenokarpe, also jungfernfrüchtige, Sorten bilden Früchte ohne Bestäubung. Beim Smyrna-Typ reifen Feigen nur nach Bestäubung. Der Adriatische Typ fruchtet parthenokarp; in Mitteleuropa werden fast nur solche Sorten angebaut, weil die Feigengallwespe dort lange fehlte. Der San-Pedro-Typ bildet Blühfeigen ohne Bestäubung, die zweite Generation jedoch nur mit Bestäubung. Seit mindestens 2021 gibt es in Deutschland an mehreren Standorten reproduzierende Populationen der Feigenwespe.
Standort, Anbau und Ernte
Die ursprüngliche Heimat und Wildform der Echten Feige sind nicht sicher bekannt. Sie werden in Südwestasien vermutet; genetische Untersuchungen lassen jedoch eine ursprüngliche Verbreitung im gesamten Mittelmeergebiet vermuten. Die Art gedeiht bei warmen Sommern und milden Wintern, stellt geringe Bodenansprüche und ist relativ salzverträglich. Sie verträgt Trockenheit, reagiert aber empfindlich auf Staunässe und hohe Feuchte zur Fruchtreife.
In geschützten Weinbaulagen Mitteleuropas kann sie fruchten und ist je nach Sorte bis etwa −15 °C frosthart. Kahlfrost und Spätfröste nach Knospenaufbruch sind jedoch gefährlich. In Deutschland werden vor allem parthenokarpe Sorten wie Ronde de Bordeaux, Brown Turkey und Brunswick angebaut. Meist reifen dort nur die frühen „Brebas“, während Herbstfrüchte selten reif werden.
Vermehrt wird die Kulturfeige vor allem durch Stecklinge aus ein- oder zweijährigen verholzten Trieben. Je nach Sorte, Boden und Niederschlag werden 80 bis 1200 Bäume je Hektar gepflanzt. Die Pflege besteht hauptsächlich aus Rückschnitt vor dem Frühjahrsaustrieb und dem Entspitzen der Fruchttriebe. Ein hoher Stickstoffgehalt ist für die Fruchtqualität, besonders kurz vor der Reife, ungünstig.
Bäume können bereits im Pflanzjahr Früchte tragen; voller Ertrag beginnt meist nach fünf bis acht Jahren und hält etwa 50 Jahre an. Gute Standorte liefern 15 bis 20 Tonnen Frischfrüchte je Hektar und Jahr, entsprechend etwa fünf bis sieben Tonnen Trockenfrüchten. Ein ertragreicher Brown-Turkey-Baum kann bis zu 100 Kilogramm frische Feigen jährlich tragen. Frischfeigen werden vor der Vollreife geerntet, müssen aber nahe am Verbrauchsort angebaut werden, weil sie nach der Ernte nicht nachreifen und wenig haltbar sind. Trockenfeigen erntet man vollreif.
Nutzung, Inhaltsstoffe und Wirtschaft
Reife Feigen enthalten etwa 80 % Wasser, etwa 1,3 % Protein, 0,5 % Fett, 12,9 % Kohlenhydrate, etwa 4,5 % Ballaststoffe und 0,7 % Mineralstoffe, besonders Kalzium, Phosphor und Eisen. Sie enthalten zudem Vitamin B₁. Pro 100 g nennt die Nährwerttabelle 310 kJ (74 kcal), 19,2 g Kohlenhydrate, davon 16,3 g Zucker, 2,9 g Ballaststoffe und 232 mg Kalium.
Die meisten Feigen werden getrocknet, entweder in der Sonne oder in Heißluftöfen. Dabei sinkt ihr Wassergehalt auf 33 bis 18 %, während der Zuckeranteil auf rund 60 % steigt. Feigen werden frisch oder getrocknet als Obst gegessen; aus ihrem Saft kann Dessertwein entstehen. Weitere Erzeugnisse sind Feigenkäse und Feigenkaffee. Der Milchsaft wird in der Volksmedizin bei Insektenstichen und Warzen genutzt; das enthaltene Enzym Ficain dient zur Blutgruppenbestimmung und als Fleischzartmacher.
2022 wurden laut FAO weltweit 1.242.449 t Feigen geerntet. Die größten genannten Produzenten waren Türkei mit 350.000 t, Ägypten mit 187.873 t und Algerien mit 112.267 t. Kommerzieller Anbau konzentriert sich auf den Mittelmeerraum, erfolgt aber auch unter anderem im Iran, in den USA und Brasilien.
Domestikation und kulturelle Bedeutung
Die Domestizierung der Feige begann wahrscheinlich bereits vor dem Ackerbau. In einem etwa 11.400 Jahre alten Haus bei Jericho wurden Feigenreste gefunden, die nicht mehr der Wildform entsprachen. Assyrer bauten Feigen schon 3000 v. Chr. in Gärten an; in Griechenland wurde sie 700 v. Chr. eingeführt und verbreitete sich von dort im Mittelmeerraum.
In der Bibel ist die Feige die erste namentlich genannte Pflanze und die einzige namentlich erwähnte Pflanze des Garten Eden. Adam und Eva verwendeten Feigenblätter als Bedeckung ihrer Nacktheit (Genesis 3,7); daraus stammt die Metapher des „Feigenblatts“ für schamhafte Verhüllung. Im Alten Testament steht die Feige im Allgemeinen für Frieden und Wohlstand. Auch im Koran wird sie genannt, etwa in der 95. Sure at-Tīn („der Feigenbaum“).