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Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik
Die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. (DSS) wurde im Jahr 1990 als wissenschaftlicher, ideeller Verein von Sozial-, Technik- und …
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Profil und Aufgabe
Die Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik e. V. (DSS) war ein 1990 gegründeter wissenschaftlicher, ideeller Verein von Sozial-, Technik- und Militärwissenschaftlern der Militärakademie „Friedrich Engels“ in Dresden. Sie arbeitete parteipolitisch und weltanschaulich unabhängig als wissenschaftliches Institut der Friedensforschung. Ziel war es, durch wissenschaftliche und publizistische Tätigkeit Erkenntnisse zu fördern, Wissen und Meinungen zu bilden und zu einer Außen- und Sicherheitspolitik beizutragen, die gemäß der UN-Charta einen Frieden ohne Anwendung oder Androhung militärischer Gewalt ermöglicht.
Zu den Aufgaben gehörten die Bewahrung und weitere Nutzbarmachung sicherheitspolitischer Forschungsergebnisse, vor allem aus dem letzten Jahrzehnt der DDR und der Militärakademie, sowie die Erhaltung und Förderung des Forschungspotenzials der Mitglieder. Außerdem wollte die DSS zur Forschung und Bildung beitragen, sicherheitspolitische Analysen und Konzeptionen veröffentlichen, Politik beraten und wissenschaftliche Kommunikation sowie offenen Meinungsstreit durch Beratungen, Publikationen und andere Initiativen fördern.
Von der Militärakademie zur Vereinsgründung
Seit Anfang der 1980er Jahre veränderten sich die methodologischen und weltanschaulichen Grundlagen des militärtheoretischen Denkens in der DDR grundlegend. Ausgangspunkt war die Einsicht, dass eine militärische Systemauseinandersetzung zur Vernichtung der Menschheit führen würde und ein solcher Krieg kein Mittel der Politik mehr sein könne. An der Militärakademie „Friedrich Engels“ entwickelte sich, zunächst am Lehrstuhl Philosophie, ein neues sicherheitspolitisches Denken über Krieg, Frieden und Streitkräfte.
Dieses Denken ging davon aus, dass ein „großer“ Krieg wegen der übersteigerten Waffenwirkungen keine politischen Ziele mehr durchsetzen könne und im Nuklearzeitalter das Ende der Politik bedeute. Deshalb wurde neben dem Krieg auch der Frieden zum Gegenstand militärakademischer Forschung. Die Friedensforschung behandelte unter anderem die Wesensveränderung des Krieges im Atomzeitalter sowie Frieden als höchsten Wert für das Überleben der Menschheit. Vorschläge für kooperative und entmilitarisierte Sicherheit gewannen 1989/90 während der Staatskrise und der Militärreform Einfluss.
Ein im Februar 1987 begonnenes interdisziplinäres Professorengespräch bot Professoren, Mitgliedern der Akademieführung und externen Gästen ein Forum für offene Diskussionen über sicherheitspolitische Fragen. Im Februar 1990 entstand der nichtstrukturmäßige Interdisziplinäre Wissenschaftsbereich Sicherheit (IWBS), der zunächst mit 24 Offizieren arbeitete. Seine Arbeitspapiere erschienen ab Anfang Mai 1990. Nach dem Beschluss der Volkskammer über den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 verloren die Wissenschaftler des IWBS ihre institutionelle, materielle und personelle Grundlage; bis Jahresende 1990 wurden die übrigen Wissenschaftler der Militärakademie entlassen. Ein eigenständiger wissenschaftlicher Folgeverein sollte die interdisziplinäre Arbeitsfähigkeit erhalten.
Die DSS wurde am 16. Oktober 1990 in Dresden von 33 Gründungsmitgliedern errichtet, am 4. Februar 1991 unter VR 877 in das Vereinsregister beim Kreisgericht Dresden eingetragen und am 21. Februar 1991 in der Sächsischen Zeitung amtlich bekanntgemacht. Das Finanzamt Dresden II erkannte ihre Gemeinnützigkeit an. Die Satzung stellte ausdrücklich die Verbindung zur wissenschaftlichen Tätigkeit der Sozial-, Militär- und Technikwissenschaftler des IWBS her. Die DSS war außerdem Sponsor des Trägerkreises „Atomwaffen abschaffen“ beim IPPNW.
Mitglieder, Forschung und Publikationen
Die Mitgliedschaft war natürlichen Personen vorbehalten, die ihre Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit auf sicherheitspolitischem Gebiet nachweisen konnten. Die Mitgliederzahl entwickelte sich von 33 im Jahr 1990 auf 39 (1991), 26 (1996), 22 (2001), 25 (2006), 27 (2011) und 23 (2016). Die Mitgliederversammlung tagte jährlich im Dezember und wählte den Vorstand für zwei Jahre. Rolf Lehmann war von 1990 bis 2005 Vorsitzender, danach Wolfgang Scheler. Der Vorstand bestimmte außerdem zwei Stellvertreter und den Schatzmeister. Die Finanzprüfung übernahmen zwei bis drei jährlich gewählte Finanzrevisoren.
Im Mittelpunkt der DSS-Studien standen die Militarisierung der Außen- und Sicherheitspolitik Deutschlands und der Europäischen Union, die Neuausrichtung der Bundeswehr auf Kampfeinsätze, die neuen Weltordnungskriege der USA und der NATO sowie Kriege in bedeutenden Krisenregionen. Weitere Schwerpunkte waren die Analyse der Sicherheits- und Verteidigungspolitik Russlands und die Übersetzung russischer sicherheits- und militärpolitischer Originaldokumente. Die Theorie über Frieden, Krieg und Streitkräfte diente als Erkenntnismittel zum Verständnis weltweiter sicherheitspolitischer Probleme. Veröffentlichungen untersuchten außerdem kritisch das sicherheitspolitische Denken in der DDR und dessen Umbruch, besonders an der Militärakademie der Nationalen Volksarmee.
In Kontinuität zu den IWBS-Arbeitspapieren gab die DSS ab Dezember 1990 die Reihe DSS-Arbeitspapiere heraus. Sie trug die ISSN 1436-6010 und umfasste die Hefte 1 bis 117 sowie 10 Teil- beziehungsweise Sonderausgaben, insgesamt etwa 130 Hefte in 27 Jahren. Rund 150 Autoren wirkten mit. Die DSS übernahm Übersetzungen, Redaktion, Druckvorbereitung, Vertrieb und Finanzierung. Von 2005 bis 2015 wurden etwa 5.200 Exemplare versandt. Die Reihe wurde unter anderem von Bibliotheken, dem Bundesverfassungsgericht und dem Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages bezogen. Nach der Auflösung wurden die Bestände in Bibliotheken gesichert, online als Titelübersicht dokumentiert und teilweise als kostenfreie E-Books über Qucosa bereitgestellt.
Veranstaltungen und wissenschaftlicher Austausch
Das Veranstaltungsjahr verband interne wissenschaftliche Arbeit mit öffentlicher Friedens- und Bildungsarbeit. In den Diskussionsforen wurden aktuelle außen- und sicherheitspolitische Themen, eigene Publikationen und die Entwicklungsgeschichte der DSS erörtert. Ein Impulsreferat leitete die Diskussion ein. Von 1990 bis 2016 fanden etwa 100 solcher Veranstaltungen statt; ungefähr die Hälfte wurde durch eingeladene Gäste gestaltet. Die Foren lagen vor allem im Januar, März, April, Mai und Oktober.
Das gemeinsam mit der Sächsischen Friedensinitiative Dresden e. V. organisierte Dresdner Friedenssymposium fand von 1992 bis 2010 18-mal jeweils im Februar statt. Es erinnerte an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg und versammelte Friedensfreunde aus Deutschland und Nachbarländern. Die Beiträge von sieben DSS- und zehn Gastreferenten wurden in 15 Heften der DSS-Arbeitspapiere dokumentiert.
Das öffentliche Podium zum Weltfriedenstag am 1. September wurde von 1993 bis 2013 21-mal veranstaltet. Zu den Podiumsgästen gehörten unter anderem Mitglieder des Europäischen Parlaments und des Bundestages, ein Botschafter a. D., Bundeswehroffiziere, ein Militärdekan, ein Pfarrer und Wissenschaftler. Einige Beiträge erschienen in den DSS-Arbeitspapieren.
Das Dresdner Symposium „Globale Friedensordnung“ wurde von 1997 bis 2014 als 1. bis 18. Symposium weitergeführt. Themen waren unter anderem das Verhältnis von Gesellschaft und Natur, Völkerrecht, „Pax Americana“ oder gerechter Frieden, europäische Integration, Militarismus und Antimilitarismus, die Weltwirtschaftskrise sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Die Reihe wurde in 19 Heften dokumentiert; ein Resümee erschien in Heft 108.
Kolloquien, Kooperationen und Abschluss
Das Kolloquium „Philosophisches Denken über Krieg und Frieden“ fand am 13. September 2005 im Rathaus Dresden mit etwa 40 Teilnehmern statt. Es behandelte die umwälzenden Einsichten an der Militärakademie und deren Fortwirken in der DSS. Neun Referentenbeiträge wurden in Heft 76/2005 der DSS-Arbeitspapiere veröffentlicht.
Am 10. Januar 2009 veranstaltete die DSS anlässlich des 50. Gründungstags der Militärakademie „Friedrich Engels“ das Kolloquium „Historisch-kritische Nachbetrachtung zum 50. Jahrestag ihrer Gründung“. Mit mehr als 240 angemeldeten Teilnehmern und Gästen war es die größte und aufwändigste DSS-Veranstaltung. Referat und Korreferat hielten Paul Heider und Rüdiger Wenzke; die Diskussion umfasste Beiträge von DSS-Mitgliedern, Gästen und einen Auslandsgast. Die Ergebnisse erschienen als Konferenzband in Heft 95.
Ab September 1990 gab es Werkstattgespräche zwischen der Arbeitsgemeinschaft für Internationale Politik und Strategieforschung am Zentrum für Sozialwissenschaften der Universität Mannheim und Wissenschaftlern des IWBS beziehungsweise der DSS. Themen waren eine europäische Strategie- und Militärwissenschaft, internationale Sicherheit in einer multipolaren Welt und die kritische Bewertung der Militärwissenschaft in der DDR. Von 1997 bis 2001 beteiligten sich DSS-Mitglieder außerdem an einer soziologischen Befragung ehemaliger Professoren der Militärakademie Dresden.
Die DSS wirkte mit Organisationen der politischen Bildung und Friedensarbeit zusammen, darunter Konrad-Adenauer-Stiftung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Deutscher BundeswehrVerband, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Kasseler Friedenspolitischer Ratschlag, Arbeitskreis Darmstädter Signal und Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit.
Am 29. Oktober 2015 beschloss die Vollversammlung zum 25-jährigen Jubiläum die Auflösung und Liquidation des Vereins. Die Liquidatoren unter Leitung von Wolfgang Scheler führten publizistische und organisatorische Aktivitäten zunächst weiter. Für die amtliche Löschung nennt der Artikel zwei Angaben: den 25. Januar 2017 in der Übersicht und den 27. Januar 2017 bei der Bekanntmachung im Bundesanzeiger. Danach wurde die Vereinstätigkeit beendet. Der wissenschaftliche Nachlass blieb durch Bibliotheksbestände, Digitalisierungen und neue Diskussionsforen nutzbar. Ehemalige Mitglieder konnten ihre Arbeit in den kostenfrei online verfügbaren DGKSP-Diskussionspapieren fortsetzen.