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Dorothee Sölle

Sölle gehörte zu den profiliertesten Vertretern eines „anderen Protestantismus“. Sie übte Kritik an der Allmachtsvorstellung über Gott und versuchte in ihren …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Grundgedanken
  2. 2. Ausbildung, Beruf und politisches Engagement
  3. 3. Theologische Lehre
  4. 4. Schriftstellerisches Werk
  5. 5. Wirkung und Würdigung

Bedeutung und Grundgedanken

Dorothee Steffensky-Sölle, geborene Nipperdey (30. September 1929 in Köln–27. April 2003 in Göppingen), war eine deutsche evangelische Theologin, Dichterin und Vertreterin feministischer und politischer Theologie. Sie gehörte zu den profiliertesten Stimmen eines „anderen Protestantismus“. Obwohl ihr die Anerkennung im deutschen Wissenschaftsbetrieb weitgehend versagt blieb, wurde sie weltweit als theologische Schriftstellerin und Rednerin bekannt.

Im Mittelpunkt ihres Denkens stand die Verbindung von Religion mit konkreten Erfahrungen wie Leiden, Armut, Benachteiligung und Unterdrückung. Religion war für sie nichts nur Abstraktes oder Jenseitiges, sondern etwas Diesseitiges und Politisches. Sie kritisierte traditionelle Vorstellungen von der Allmacht Gottes und betonte die Verantwortung des Menschen: Gottes Wirken in der Welt sei von menschlichem Handeln abhängig; Gott habe „keine anderen Hände als unsere“. Ihre Theologie war eng mit ihrem Engagement in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung verbunden.

Ausbildung, Beruf und politisches Engagement

Sölle studierte ab 1949 Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an den Universitäten Köln, Freiburg und Göttingen. 1954 legte sie das Staatsexamen ab und wurde mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit über die „Nachtwachen von Bonaventura“ zum Dr. phil. promoviert. 1971 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln mit „Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung“. Einen Lehrstuhl erhielt sie in Deutschland nicht; erst 1994 verlieh ihr die Universität Hamburg eine Ehrenprofessur.

Von 1954 bis 1960 arbeitete sie als Lehrerin in Köln, anschließend auch als Schriftstellerin und freie Rundfunkmitarbeiterin. Es folgten Tätigkeiten an der TH Aachen und der Universität Köln. Nach ihrer Habilitation lehrte sie als Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturgeschichte. Von 1975 bis 1987 hatte sie eine Professur für systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York.

Reisen nach Nordvietnam im November 1972 und nach Nicaragua 1984 prägten ihr politisches Engagement. In Nicaragua beobachtete sie mit der amerikanischen Friedensgruppe Witness for Peace die Wahlen. Sie setzte sich aufgrund eigener Eindrücke aus Asien und Lateinamerika für Frieden, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Veränderungen ein.

Von 1968 bis 1972 gehörte sie zu den Mitbegründern des Politischen Nachtgebets in der Kölner Antoniterkirche. Dabei wurden Gottesdienst, politische Information und gesellschaftliches Handeln miteinander verbunden. Sie arbeitete in der Friedensbewegung sowie in linken kirchlichen und ökumenischen Organisationen mit und war 1968 an der Gründung der Kölner Journalistenschule beteiligt. Wegen Sitzblockaden vor dem NATO-Mittelstreckenraketendepot auf der Mutlanger Heide und dem Giftgasdepot in Fischbach wurde sie wegen versuchter Nötigung verurteilt; einige dieser Urteile wurden später höchstrichterlich aufgehoben. Am 26. Oktober 2002 hielt sie, ein halbes Jahr vor ihrem Tod, eine Rede bei einer Friedensdemonstration in Hamburg.

Sölle starb mit 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts, den sie in der Evangelischen Akademie Bad Boll erlitten hatte. Ihr Grab liegt auf dem Friedhof Nienstedten in Hamburg und trägt die Inschrift: „In deinem Licht sehen wir das Licht“.

Theologische Lehre

Sölle erklärte 1969, ihre Theologie habe sich aus zwei Quellen entwickelt: aus Rudolf Bultmanns Entmythologisierung des neutestamentlichen Glaubens und aus der marxistischen Religionskritik. Entmythologisierung bedeutet hier, biblische Aussagen nicht einfach als übernatürliche Berichte zu lesen, sondern nach ihrer Bedeutung für das menschliche Leben zu fragen. Sie bekannte sich damals zu einem „christlichen Atheismus“ und bestritt, dass Menschen ihrer Zeit noch persönliche, direkte Gotteserlebnisse haben könnten.

Ihr Denken war vom Bewusstsein bestimmt, „nach Auschwitz“ zu leben. Die Erfahrung der nationalsozialistischen Verbrechen stellte für sie herkömmliche Aussagen über einen allmächtigen Gott infrage. Den reichen westlichen Ländern warf sie Konsumorientierung, kulturelle Verödung und tödliche Gewalt vor. 1983 sprach sie vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver von Deutschland als einem Land „mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte“ und bezeichnete die Dritte Welt zugespitzt als ein „Dauer-Auschwitz“.

Kern ihrer sogenannten Gott-ist-tot-Theologie war die Abkehr von einer „Papa-wird’s-schon-richten-Theologie“: Menschen dürften nicht darauf warten, dass Gott Leiden und Unrecht ohne ihr Zutun beseitige. Stattdessen müssten sie selbst Verantwortung übernehmen. Ihre politische Theologie verband eine radikale Diesseitigkeit mit der Forderung nach praktischen Folgen. In „Gegenwind“ von 1995 formulierte sie: „Theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen kommt einer Heuchelei gleich. Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein.“

Ein weiterer Schwerpunkt war eine feministisch geprägte Mystik, die ohne die Vorstellung eines persönlichen Gottes auskam. Mystik bezeichnet bei ihr die intensive religiöse Erfahrung der Verbundenheit mit Gott, Welt und Mitmenschen; sie war mit Widerstand gegen ungerechte Verhältnisse verbunden. Sölle wurde stark von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie beeinflusst, die den christlichen Glauben aus der Sicht armer und unterdrückter Menschen versteht, sowie von Ernst Blochs Büchern „Das Prinzip Hoffnung“ (1959) und „Atheismus im Christentum“ (1968).

In ihrem Glaubensbekenntnis schrieb sie, sie glaube „an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat“ und „den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände“. Nach Antje Vollmer betrachtete Sölle Natur und Musik als die einzigen Gottesbeweise.

Schriftstellerisches Werk

Sölle veröffentlichte 38 Bücher und Gedichtbände zu religiösen und politischen Themen. Ihr poetisches Werk erschien zwischen 1969 und 2000 in sieben Ausgaben. Theologie, Literatur und politische Praxis waren darin eng miteinander verknüpft.

Zu ihren wichtigen frühen Schriften gehören „Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem ‚Tode Gottes‘“ (1965), „Atheistisch an Gott glauben“ (1968), „Politische Theologie“ (1971) und „Leiden“ (1973). Spätere Bücher behandelten unter anderem Schöpfung, feministische Theologie, Gewalt, Aufrüstung und religiöse Erfahrung. „Gott denken“ (1990) bot eine Einführung in die Theologie. Besondere Beachtung fanden ihre Erinnerungen „Gegenwind“ von 1995 und das als Hauptwerk eingestufte Buch „Mystik und Widerstand: du stilles Geschrei“ von 1997.

Ihre Gedichtbände umfassen unter anderem „Meditationen & Gebrauchstexte“ (1969), „Die revolutionäre Geduld“ (1974), „Fliegen lernen“ (1979), „Spiel doch von Brot und Rosen“ (1981), „Verrückt nach Licht“ (1984), „Zivil und ungehorsam“ (1990) und „Loben ohne Lügen“ (2000). Einzelne Texte wurden später vertont, darunter „Credo für die Erde“, „Ich bin dein Baum“, „Atem Gottes hauch mich an“ und „Kreuzigen“.

Wirkung und Würdigung

Sölles provokante Theologie und ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit lösten innerhalb und außerhalb der Kirchen Kontroversen aus. Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter würdigte nach Sölles Tod ihre prophetische und poetische Stimme. Sölle habe nach einer neuen Sprache für das Reden mit Gott gesucht und alte Gottesbilder, etwa das Bild Gottes als Herrscher, abgebaut. Dass deutsche Universitäten sie nicht akzeptiert hätten, bezeichnete Wartenberg-Potter als eine bemerkenswerte Torheit der Kirchengeschichte der Nachkriegszeit.

Margot Käßmann hob hervor, Sölles Rede vom Tod Gottes habe Menschen zum eigenen Nachdenken angeregt. Ihre zugespitzten Aussagen über Armut und Reichtum seien unbequem, hätten der evangelischen Kirche aber wichtige Anstöße gegeben. Sölle habe wesentlich zur Verbreitung feministischer Theologie beigetragen und vielen Protestanten einen neuen Zugang zur Mystik eröffnet. Als besonders bleibend bewertete Käßmann ihre Poesie.

Sölle erhielt 1974 die Theodor-Heuss-Medaille, 1982 gemeinsam mit Maria Menz den Droste-Preis der Stadt Meersburg für Lyrik und 1996 den Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung. In Hamburg wurde ihr ein Frauenort gewidmet. Das Dorothee-Sölle-Haus in Hamburg trägt ihren Namen; 2016 wurde außerdem ein Platz vor der Christuskirche am Kölner Stadtgarten nach ihr benannt.

Seit 2011 vergibt die Initiative Kirche von unten in unregelmäßigen Abständen den Dorothee Sölle-Preis für aufrechten Gang. Ausgezeichnet wurden Fanny Dethloff (2011), Jutta Lehnert (2013), Boniface Mabanza Bambu (2015) sowie zum 95. Geburtstag Sölles im September 2024 Carlotta Israel und Katharina von Kellenbach. Der Preis würdigt unter anderem Engagement für Geflüchtete, gegen sexualisierte Gewalt, für afrikanische Perspektiven, gesellschaftliche Vielfalt und Feminismus sowie gegen antijüdische und antisemitische Traditionen in der Kirche.

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