Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Dominat
Der Begriff wurde von Theodor Mommsen geprägt, der damit einen von ihm empfundenen Gegensatz zwischen der späten Kaiserzeit einerseits und der frühen und hohen …
Inhalt3 Abschnitte
Begriff und zeitliche Einordnung
Der Dominat ist eine ältere, heute in der Forschung weitgehend abgelehnte Bezeichnung für den spätantiken Abschnitt der römischen Geschichte. Gemeint ist die Zeit zwischen Kaiser Diokletian und Justinian beziehungsweise Herakleios, also ungefähr das 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr. Für die Periode von 284 bis 565 beziehungsweise 641 werden heute meist die neutraleren Begriffe Spätantike oder Spätrömisches Reich verwendet.
Mit dem Begriff sollte ein grundlegender Gegensatz zum Prinzipat bezeichnet werden. Der Prinzipat war die frühere Kaiserzeit, in der der Kaiser formal als princeps, also als „erster Bürger“ des Staates, auftrat. Der Dominat sollte dagegen eine Herrschaftsform beschreiben, in der der Kaiser als dominus, also als „Herr“, erschien. Damit verband die ältere Forschung die Vorstellung eines tiefgreifenden Wandels des römischen Staates und seiner Verfassung.
Mommsens Deutung des spätrömischen Staates
Geprägt wurde der Begriff von Theodor Mommsen. Er wollte zeigen, dass sich das Imperium Romanum in der späten Kaiserzeit von den politischen Verhältnissen der frühen und hohen Kaiserzeit unterschieden habe. Nach seiner Deutung entwickelte sich der Kaiser vom princeps zum dominus, teilweise auch zum dominus et deus. Die äußerlich noch republikanische Verfassung habe sich dadurch immer stärker in einen „orientalischen Zwangsstaat“ verwandelt.
Unter einem solchen Zwangsstaat verstand die ältere Forschung einen Staat, dessen Verwaltung immer stärker in das Leben der Untertanen eingriff und dessen Herrscher eine nahezu uneingeschränkte Macht besaß. Mommsen nahm an, dass auch Konstantins Annahme des Christentums und die anschließende religiöse Entwicklung an dieser Grundrichtung nichts geändert hätten. Der Begriff Dominat bezog sich somit vor allem auf die angenommene Veränderung der kaiserlichen Stellung und der staatlichen Ordnung, nicht auf eine einzelne Institution oder ein einzelnes Gesetz.
Kritik und heutige Forschung
Neuere Forschungen haben Mommsens Vorstellung weitgehend relativiert oder revidiert. Die Anrede dominus war kein ausschließlich spätantikes Merkmal; sie ist bereits deutlich früher belegt, etwa unter Kaiser Domitian (81–96 n. Chr.). Außerdem erwies sich die These vom spätrömischen „Zwangsstaat“ als grob vereinfachend, wenn nicht sogar als falsch. Zwar beanspruchte die kaiserliche Verwaltung tatsächlich, stärker in das Leben der Untertanen einzugreifen. Ihre praktischen Möglichkeiten waren jedoch begrenzt.
Die spätantiken Herrscher waren ebenso wie die Kaiser des Prinzipats dem Gesetz unterworfen und achteten es. Die neuere Forschung kritisiert deshalb, dass sich die ältere Forschung zu stark auf formale Merkmale und gesetzliche Bestimmungen konzentrierte. Weniger beachtet wurden die tatsächliche Umsetzung der Herrschaftsordnung und ihre in den Quellen erkennbaren Auswirkungen. In keinem neueren historischen Handbuch wird die bis in die 1970er Jahre verbreitete Zwangsstaatthese noch vertreten. Alexander Demandt bezeichnete den „sogenannten antiken Zwangsstaat“ als ein „Wahngebilde von Forschern“, die gesetzliche Bestimmungen mit historischen Tatsachen verwechselten.
Auch die gesellschaftlichen Folgen der spätantiken Ordnung waren wahrscheinlich weniger dramatisch als früher angenommen. Die gesamte Antike kannte keine individuellen Freiheiten gegenüber dem Staat, sondern nur Privilegien einzelner Gruppen innerhalb des Staates. Gleichzeitig nahm die soziale Mobilität in der Spätantike offenbar deutlich zu. Selbst einfache Bauern konnten bis zum Kaisertum aufsteigen; als Beispiel wird Justin I. genannt.
Vieles spricht außerdem dafür, dass die spätantiken Kaiser nicht stärker, sondern eher schwächer waren als ihre Vorgänger im 1. bis 3. Jahrhundert. Ihr Handlungsspielraum wurde durch den wachsenden Einfluss des Heeres, insbesondere der magistri militum, des Hofes, der Verwaltung und – als neuem Faktor – der Kirche eingeschränkt. Einige Kaiser gelangten bereits in sehr jungen Jahren auf den Thron und besaßen deshalb kaum tatsächliche Macht. Nach Ansicht vieler Forscher sollten die Anrede als dominus und die zeremonielle Überhöhung des Herrschers diese begrenzte Macht eher verdecken.
Die Ablehnung des Begriffs bedeutet nicht, dass sich der römische Staat seit Diokletian grundlegend verändert hätte. Bestreitten wird vielmehr, dass diese Veränderung im Sinne Mommsens als Übergang zu einem allmächtigen orientalischen Zwangsstaat verstanden werden kann. Für die betreffende Epoche sind daher Spätantike und Spätrömisches Reich die üblichen neutralen Bezeichnungen.