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Dehnungszeichen
In der deutschen Rechtschreibung kommen neben der Vokalverdoppelung die Buchstaben e und h als Dehnungszeichen vor, in einigen Eigennamen stehen c, i, u und w.
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Begriff und Grundprinzip im Deutschen
Ein Dehnungszeichen oder Längenzeichen ist ein zusätzliches Graphem oder graphematisches Merkmal, das sich auf einen Vokalbuchstaben bezieht und anzeigt, dass der Vokal lang gesprochen wird. Die deutsche Rechtschreibung verwendet dafür vor allem e und h sowie die Verdoppelung eines Vokalbuchstabens; in einigen Eigennamen kommen außerdem c, i, u und w in entsprechenden Schreibungen vor.
Im Deutschen kann die Vokallänge die Bedeutung unterscheiden, etwa bei Wahl/Wall, den/denn, ihn/in, Tönchen/Tönnchen und Fühler/Füller. Typisch ist der Gegensatz zwischen kurzen ungespannten und langen gespannten Vokalen. Grundsätzlich ergibt sich die Länge meist schon aus den folgenden Konsonantenbuchstaben: In offenen Silben und in Silben, die mit einem einzelnen Konsonantenbuchstaben geschlossen werden, ist der Vokal gewöhnlich lang, etwa in du, Duden und duzen. Vor zwei oder mehr Konsonantenbuchstaben ist er gewöhnlich kurz, wie in dumm, Dung und Dunst. Trotz einiger Ausnahmen folgt die überwältigende Mehrzahl der Wörter diesem Muster. Deshalb sind die zusätzlichen Dehnungszeichen meistens redundant: Sie markieren fast nur Langvokale, deren Länge ohnehin aus dem Silbenbau hervorgeht.
Dehnungs-h und Vokalverdoppelung
Das Dehnungs-h steht häufig nach langem a, ä, e, o, ö, u oder ü, ausnahmsweise auch nach i und in Eigennamen nach y. Beispiele sind Strähne, Lehm, hohl, Möhre, Stuhl, Sühne, ihn, Ihle und Wyhl. Es erscheint ausschließlich zusammen mit den folgenden Konsonantenbuchstaben l, m, n oder r. In Fremdwörtern kommt es niemals vor. Die 25. Auflage des Rechtschreibdudens enthält nur 128 Wortstämme mit Dehnungs-h. Teilweise unterscheidet es Bedeutungen, beispielsweise Wal/Wahl, malen/mahlen und leeren/lehren. Eine zusätzliche, nicht schon am Silbenrand erkennbare Längeninformation liefert es nur in ahnden gegenüber Anden, fahnden gegenüber fanden und Öhmd gegenüber Hemd.
Vom Dehnungs-h ist das Silbenfugen-h zu unterscheiden. Dieses trennt aufeinanderfolgende Vokale beziehungsweise verhindert einen Hiat und wird nicht wie ein gewöhnliches [h] behaucht, etwa in sehen. Auch in sah, lieh, sieht oder Vieh kann ein ursprünglich an einer Silbenfuge stehendes h erhalten bleiben; die Verbindung eh ist daher kein eigenes Dehnungszeichen.
Eine weitere Längenmarkierung ist die Verdoppelung des Vokalbuchstabens, etwa in Maar, Saal, Saat, Staat, Heer, Leere, See, scheel, Tee, Boot, Moor, Moos und Zoo. Dieses Verfahren ist im Deutschen nicht produktiv, wird also nicht regelmäßig auf neue Wörter übertragen. ii und uu werden stets getrennt gesprochen, beispielsweise in eineiig, variieren, assoziieren, Bebauung, Genugtuung und zuungunsten. Gelegentlich gilt dies auch für oo, etwa in zoologischer Garten. Doppelumlaute gibt es nicht: Beim Umlaut wird der Vokal vereinfacht, wie in säen, Sälchen und Bötchen.
Das Dehnungs-e und weitere Zeichen in Eigennamen
In betonten Silben deutscher Erbwörter wird langes geschlossenes [iː] fast regelmäßig als ie geschrieben, etwa in Liebe, kriechen, schief, Spiel, ziemlich, schmieren, niesen, genießen, bieten und Mieze. Auch dieses Dehnungs-e ist gewöhnlich redundant. Es fehlt unter anderem in dir, mir, wir, Biber, Bisam, Bise, Tide, Tiger und Wisent. Die Schreibweise kann Wörter unterscheiden, etwa Lid/Lied und wider/wieder. Unregelmäßige Verben zeigen ie teilweise erst in gebeugten Formen: schreiben–schrieb, blasen–blies, rufen–rief, gebären–gebiert, geschehen–geschieht und lesen–liest. Auch Ableitungen können ie erhalten, beispielsweise geben–ergiebig.
In Lehn- und Fremdwörtern fehlt das Dehnungs-e grundsätzlich, steht jedoch in den Endungen -ier(en) und -ie sowie in einigen Lehnwörtern wie Fries, hieven, Miene, mies und Niete. Der Unterschied zwischen i in Lehnwörtern und ie in Erbwörtern trennt unter anderem Fiber/Fieber, Mine/Miene, Sigel/Siegel und Stil/Stiel. Fremdwörter auf unbetontes -ie sprechen die Endung als Diphthong, beispielsweise Amphibie, Arie, Familie, Folie, Komödie, Linie, Prämie, Serie und Studie. In Eigennamen kann ie ebenfalls ausnahmsweise einen Diphthong bezeichnen, etwa in Ziesar [tsiˈeːzaʁ].
Historisch geht ie teilweise auf den mittelhochdeutschen Diphthong [iɛ] zurück, der beim Übergang zum Frühneuhochdeutschen zu [iː] monophthongiert wurde, also zu einem einzelnen Vokal verschmolz. Beispiele sind ahd. tiuf → mhd. tief [ˈtiɛf] → nhd. tief [tiːf] und ahd. liubī → mhd. liebe [ˈliɛbə] → nhd. Liebe [ˈliːbə]. Später wurde ie nach diesem Muster auch in Wörtern verwendet, die früher kein e enthielten, etwa Schmied, Giebel und Wiese. Vor h ist zu beachten: In ziehen steht ie vor einem Silbenfugen-h. In nackten Silben am Wortanfang entfällt das e, wie in Igel, Ida und Isegrimm; vor l, m, n oder r kann stattdessen ih stehen, etwa in ihr, ihm, ihn und Ihle.
Nach anderen Vokalen blieb das Dehnungs-e nur in Eigennamen erhalten, besonders vom Niederrhein über Westfalen bis Norddeutschland und in Ostbelgien. Beispiele sind Coesfeld, Soest, Kevelaer, Straelen, Bad Oldesloe, Itzehoe, Baelen und Raeren sowie Namen wie Bloem [bloːm], Huesmann [ˈhuːs-] und Schoenmakers [ˈʃoːn-]. Nicht jedes solche e ist ein Dehnungszeichen: In Buchloe bildet es eine eigene Silbe, in Laboe, Moers, Laer, Oelde und Uelzen bezeichnet es andere Lautverhältnisse oder einen Umlaut.
Ein nicht gesprochenes Dehnungs-i findet sich vor allem in rheinischen Namen wie Troisdorf, Roisdorf, Grevenbroich und Fussbroich. In Duisburg wandelte sich die ältere Aussprache mit [uː] zu [yː]; üblich ist [ˈdyːsbʊʁk]. Das Dehnungs-u ist wohl einzigartig im Ortsnamen Pouch, wo es ein langes o anzeigt. In vielen ost- und nordostdeutschen Ortsnamen auf -ow ist w stumm und markiert /oː/, etwa in Finow, Güstrow, Hagenow, Jerichow, Lüchow, Pankow, Teltow und Treptow.
Sonderfall ck und Reformvorschläge
Nach der heutigen deutschen Rechtschreibung zeigt ck normalerweise einen kurzen vorausgehenden Vokal oder ein Silbengelenk an. In norddeutschen Orts- und Familiennamen steht es historisch jedoch teilweise nach langem Vokal, beispielsweise in Ahlbeck, Bardowick, Beeck, Bleckede, Bockenem und Fredenbeck. Solche Schreibungen werden zunehmend nach der heutigen Regel kurz ausgesprochen: Beim ursprünglich lang gesprochenen e in Lübeck und Mecklenburg ist die kurze Aussprache bereits verbreitet.
Das c in ck ist dennoch kein Dehnungszeichen, denn es markiert die Länge nicht eindeutig; sonst müsste etwa das zweite o in Rostock lang sein. Die Formen sind Überreste der im 16. Jahrhundert verbreiteten Letternhäufelung und aus heutiger Sicht nicht regelgerechte Konsonantenverdoppelungen. Entsprechende Namensschreibungen gibt es auch mit ff, ss, tz, pp, tt und dt. Um die lange Aussprache zu sichern, entfernte Hamburg 1947 bei Flurnamen die Schreibweise -beck zugunsten von -bek; Wandsbek und Reinbek waren bereits 1877 geändert worden.
Weil Dehnungszeichen meist redundant und zugleich unsystematisch verteilt sind, müssen ihre Schreibungen häufig auswendig gelernt werden. Deshalb wurde ihre Abschaffung mehrfach vorgeschlagen. Rudolf von Raumer wollte 1855 das Dehnungs-h durch Vokalverdoppelung ersetzen. Eine Sachverständigenkommission aus Deutschland, Österreich und der Schweiz schlug am 8. April 1921 die Abschaffung der Dehnungszeichen vor, wobei das Dehnungs-e am Wortende bleiben sollte; der Vorschlag scheiterte besonders am Widerstand der Buchhändler. Das Erfurter Rechtschreibungsprogramm von 1931 verlangte die Abschaffung außer bei Homophonen. Bernhard Rusts Vorschlag von 1941 wurde als „nicht kriegswichtig“ abgelehnt. Weitere Pläne folgten 1946 und mit den Stuttgarter Empfehlungen von 1954. Diese wollten ie generell und das Dehnungs-h nach a, ä, o, ö, u und ü beseitigen, aber Vokalverdoppelungen und das Dehnungs-h nach e erhalten. Nach starker öffentlicher Ablehnung distanzierte sich die Kultusministerkonferenz davon.
Längenkennzeichnung in anderen Sprachen
Andere Sprachen kennzeichnen Vokallänge regelmäßiger. Im Niederländischen sind Vokale in offenen Silben lang und in geschlossenen Silben kurz. Ein Langvokal muss daher in geschlossenen Silben durch Verdoppelung markiert werden; bei i wird stattdessen ein e angehängt. Das gedehnte e wird auch in offenen Silben verdoppelt, etwa in zee und mee. Wegen wechselnder Silbengrenzen können Singular und Plural trotz gleicher Aussprache verschieden geschrieben werden: zoon gegenüber zonen. Umgekehrt markiert ein Doppelkonsonant die Kürze, wenn der Konsonant zur Folgesilbe gehört: zon gegenüber zonnen.
Finnisch und Estnisch schreiben lange Vokale und Konsonanten konsequent doppelt, da ihre Länge auch in unbetonten Silben bedeutungsunterscheidend sein kann. Finnische Beispiele sind tuli gegenüber tuuli und tulli sowie talon gegenüber taloon.
In japanischer Silbenschrift kann ein nachgestelltes Vokalzeichen die Länge anzeigen: おかあさん besteht aus den Moren o-ka-a-sa-n, wobei ka-a als /kaː/ gesprochen wird. In まほう wird ho-u als /hoː/ gesprochen, in とおり wird to-o lang gesprochen. Umschriften verwenden dafür je nach System Doppelvokale, ein Makron oder einen Zirkumflex. Ein selbstständiges Zeichen ist der Längsstrich chōon, beispielsweise in ラーメン rāmen. Er erscheint hauptsächlich in mit Katakana geschriebenen Fremdwörtern, kann aber auch in Hiragana sowie bei Interjektionen und lautmalenden Wörtern vorkommen.
Viele Schriftsysteme verwenden diakritische Zeichen, also Zusatzzeichen an Buchstaben. Normalisiertes Mittelhochdeutsch markiert Langvokale mit Zirkumflex, etwa mîn; im Lateinischen wird gelegentlich ein Makron verwendet, etwa Rōmānī. Ungarisch kennzeichnet Langvokale konsequent, beispielsweise a–á, e–é, o–ó, ö–ő, u–ú und ü–ű. Im Tschechischen dient die čárka: a–á, e–é, i–í, o–ó, u–ú beziehungsweise ů und y–ý. Dabei können auch unbetonte Vokale lang sein.
Im niederländischen Sprachgebiet Belgiens kommt das Dehnungs-e häufig in Ortsnamen vor, bleibt durch die modernisierte niederländische Orthografie jedoch oft nur in französischen Formen erhalten, etwa Schaerbeek/Schaarbeek, Laeken/Laken und Roedebeek/Roodebeek. Weitere Beispiele sind Welkenraedt und Eben-Emael.