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Digitalcourage
Digitalcourage ist ein 1987 gegründeter Verein für technik- und gesellschaftspolitisch interessierte Menschen mit Sitz in Bielefeld, der sich vor allem für …
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Überblick
Digitalcourage ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein mit Sitz in Bielefeld. Er wurde am 31. Mai 1987 gegründet und setzt sich vor allem für Informationsfreiheit, also ungehinderte Kommunikation, und Datenschutz ein. Weitere Arbeitsfelder sind Politik, Umwelt und Menschenrechte. Bis November 2012 hieß der Verein FoeBuD, ausgeschrieben „Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs e. V.“
Der Verein richtet sich an technik- und gesellschaftspolitisch interessierte Menschen. 2022 hatte Digitalcourage einen Umsatz von 1.232.478 Euro, 2023 beschäftigte der Verein 22 Personen, und 2024 hatte er 4187 Mitglieder. Vorsitzende sind Thilo Weichert, Daniela Schlegel, Detlev Sieber, Hartmut Goebel und Christine Wittig; die Geschäftsführung liegt bei Rena Tangens.
Digitalcourage ist in zahlreichen Organisationen und Bündnissen Mitglied, darunter der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, EDRi, FIfF, torservers.net, das Whistleblower-Netzwerk und seit dem 1. Januar 2021 der Verbraucherzentrale Bundesverband. Außerdem gehört Digitalcourage zur Chaos-Family; die Mitbegründer Rena Tangens und padeluun sind Ehrenmitglieder des Chaos Computer Club.
Kampagnen für Datenschutz
Bekannt ist Digitalcourage besonders durch die deutschen Big Brother Awards, die der Verein seit 2000 vergibt. Dabei handelt es sich um einen Negativpreis für Unternehmen, Institutionen und Einzelpersonen, die nach Ansicht der Jury besonders stark gegen die Grundsätze der informationellen Selbstbestimmung verstoßen haben. Informationelle Selbstbestimmung bedeutet, dass Menschen grundsätzlich selbst über die Verwendung ihrer persönlichen Daten entscheiden sollen.
2001 gab der Verein die „Privacy Card“ heraus, um auf Datenschutzprobleme bei Rabatt- und Bonusprogrammen aufmerksam zu machen. Die Karte ähnelte einer Payback-Karte und nutzte die Nummer einer auf den Verein angemeldeten Karte. So konnten Nutzerinnen und Nutzer Rabattpunkte sammeln, ohne persönliche Daten preiszugeben; zugleich wurde das Profil der Karte verwässert. Nach einem halben Jahr waren etwa 2.000 Karten im Einsatz, dann sperrte Payback die zugrundeliegende Karte und kündigte den Vertrag.
Seit Oktober 2003 beschäftigt sich Digitalcourage mit RFID, einer Technik zur berührungslosen Identifikation per Funk, und startete die StopRFID-Kampagne. Ziel war eine kritische Begleitung der Einführung dieser Technologie.
Digitalcourage engagierte sich auch gegen Vorratsdatenspeicherung. Der Verein unterzeichnete eine Erklärung des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung und unterstützte die Demonstrationen „Freiheit statt Angst“. Eine 2018 vom Bundesverfassungsgericht angenommene Verfassungsbeschwerde von Digitalcourage gegen die Vorratsdatenspeicherung führte 2022 zu einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, dass die deutschen Regeln nicht mit EU-Recht vereinbar sind.
2010 organisierte Digitalcourage eine Verfassungsbeschwerde gegen das ELENA-Verfahren, ein Verfahren zum elektronischen Entgeltnachweis. Am 31. März 2010 reichte der Verein die bis dahin zweitzahlreichste Verfassungsbeschwerde mit 22.005 Beschwerdeführern ein. Am 4. November 2011 stimmte der Bundesrat einem Gesetz zu, mit dem das ELENA-Verfahren aufgehoben wurde.
Weitere Kampagnen und Klagen richteten sich gegen den Staatstrojaner, gegen biometrische Überwachungssysteme im Rahmen der Kampagne „Reclaim Your Face“, gegen die Fingerabdruckpflicht im Personalausweisgesetz von 2021, gegen Chatkontrolle und gegen Tracking in der Smartphone-App „DB-Navigator“. Die Klage gegen die Fingerabdruckpflicht wurde nach Vorlage und Entscheidung beim Europäischen Gerichtshof vom Verwaltungsgericht Wiesbaden im Dezember 2024 abgelehnt. Seit dem 23. Mai 2024 sammelt Digitalcourage Unterschriften für eine Petition gegen Digitalzwang. Ziel ist eine Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes, damit Menschen bei der Grundversorgung nicht benachteiligt werden, wenn sie ein bestimmtes Gerät oder eine digitale Plattform nicht nutzen.
Öffentliche Internetdienste
Digitalcourage betreibt durch eine Gruppe teils ehrenamtlicher IT-Administratoren mehrere Internetdienste für die Allgemeinheit. Auf der Website werden sie unter „Swarm Support“ zusammengefasst. Ziel ist, praktische Alternativen anzubieten, die Datenschutz und freie Kommunikation unterstützen.
Ein Beispiel sind zwei DNS-Server. DNS ist das System, das Internetadressen wie Domainnamen in IP-Adressen übersetzt. Beide Server unterstützen DNS-over-TLS, also eine verschlüsselte DNS-Abfrage, und protokollieren nur im Fehlerfall. Zur Lastverteilung sollte nach Stand Mai 2021 nur der Server mit der IP-Adresse 5.9.164.112 beziehungsweise dem Hostnamen dns3.digitalcourage.de genutzt werden. Bereits seit dem 17. April 2009 hatte Digitalcourage einen DNS-Server betrieben; Anlass war ein Gesetzentwurf zur Sperrung von Webseiten in Deutschland.
Außerdem betreibt Digitalcourage Exit-Relays im Tor-Netzwerk. Tor ist ein Netzwerk, das Internetverbindungen über mehrere Stationen leitet, um die Privatsphäre zu schützen. Der Verein begründet dies mit dem Satz: „Wer seine Privatsphäre auch im Internet schützen will, surft mit Tor.“
Seit Mitte 2019 betreibt Digitalcourage mit „Nuudel“ eine Framadate-Instanz für Terminabstimmungen und Umfragen. Sie ist auch über eine Onion-Site erreichbar, speichert kein Logging und verlangt weder von Erstellern noch von Teilnehmern persönliche Daten oder E-Mail-Adressen. Seit Mai 2021 betreibt der Verein außerdem den automatischen Anrufbeantworter „Frank geht ran“ unter der seit 2007 verwendeten Hotline-Nummer 0163 1737743. Anrufende werden dort darüber aufgeklärt, dass Anrufe nicht erwünscht sind. Im Fediverse betreibt Digitalcourage zudem eine Mastodon- und eine PeerTube-Instanz.
Historische Netzprojekte
Aus dem Verein entstand 1987 die BIONIC-Mailbox. Mailboxen waren frühe Computersysteme zur digitalen Kommunikation, bevor das heutige Internet allgemein verbreitet war. Die Leitsätze der BIONIC waren der Verzicht auf Zensur und der Verzicht auf unbeschränkte Rechte für Systembetreiber. Stattdessen war sie als Gemeinschaftsprojekt angelegt.
Die BIONIC wurde zur Geburtsstätte weiterer früher Mailbox-Netze, zum Beispiel des früheren Netzwerks Solinet, das besonders von Gewerkschaftern genutzt wurde. Dadurch wurde die BIONIC zu einer frühen digitalen Heimat vieler linker und linksalternativer Gruppierungen.
Ab 1991 schuf Eric Bachman, ein BIONIC-Nutzer und Vereinsmitglied, mit Unterstützung von padeluun und anderen das Zamir Transnational Network. Es entstand als Reaktion auf den Krieg in Jugoslawien. „Za mir“ bedeutet „Für den Frieden“. Das Netzwerk sollte Friedensgruppen vor Ort kostengünstig und einfach vernetzen und damit gewaltfreien Widerstand unterstützen. Wegen begrenzter technischer Möglichkeiten kam die Zerberus-Software zum Einsatz; in Sarajevo standen zum Beispiel für 1.500 Nutzer nur drei Telefonleitungen zur Verfügung. Nach und nach entstanden weitere Mailboxen unter anderem in Ljubljana, Zagreb, Pakrac, Belgrad, Tuzla und Priština, die über das Zamir-Netzwerk verbunden waren.
Auszeichnungen und Kritik
Digitalcourage erhielt mehrere Auszeichnungen. 2008 wurde der Verein für sein Engagement im Bereich Bürgerrechte und Datenschutz, besonders als Ausrichter der deutschen Big Brother Awards, mit einer Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. Im April 2014 erhielt er den For..Net-Award der Universität Passau als „Sonderpreis für Engagement auf dem Gebiet des Datenschutzes“. Besonders gewürdigt wurde der „PrivacyDongle“, ein USB-Stick mit einer ohne Installation lauffähigen Kombination aus Firefox und der Anonymisierungssoftware Tor. Im September 2014 erhielt Digitalcourage den Taz-Panter-Preis als Preis der Jury.
Der Verein wurde auch kritisiert. 2011 gab es starke Kritik am Abstimmungsverhalten padeluuns in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“, in die er als Vorsitzender des FoeBuD von der FDP berufen worden war. Anlass war die Verschiebung einer Abstimmung zur Netzneutralität, obwohl eine Mehrheit für den Textentwurf möglich gewesen wäre. Die Verschiebung wurde mit 17:16 Stimmen beschlossen, wobei padeluuns Stimme entscheidend war. In der Debatte wurde ihm unter anderem vorgeworfen, Netzneutralität verhindert zu haben. Später wurde die Empfehlung zur Netzneutralität mit 17:17 Stimmen und mehreren Minderheitenmeinungen verabschiedet.
2019 kritisierte die Wochenzeitung „Die Zeit“ Digitalcourage, nachdem sie mit einem Big Brother Award ausgezeichnet worden war. Die Zeit warf dem Verein grobe Fehler in der Trackinganalyse vor. Digitalcourage räumte die Verwechslung eines Webfrontends mit der eigentlich zu prüfenden App ein, hielt aber im Wesentlichen an den Vorwürfen fest.
Anfang 2024 wurde ein Gedächtnisprotokoll einer Mitgliederversammlung vom November 2023 veröffentlicht. Danach soll padeluun mit Auflösung des Vereins und Entlassung aller Mitarbeitenden gedroht haben, falls seine nicht erfolgreiche Wahl zum zweiten Vereinsvorsitzenden nicht wiederholt werde. Digitalcourage bestätigte zunächst eine „Auseinandersetzung“, stellte aber die Korrektheit des Protokolls in Zweifel; später kritisierte eine Sprecherin, das Protokoll lasse andere Perspektiven außer Acht. Danach wurden neue Vorstandswahlen vorbereitet, mehrere Beschäftigte verließen die Organisation, und der Big Brother Award 2024 wurde von April auf Oktober verschoben. Im Juni 2024 wurden Thilo Weichert, Daniela Schlegel und Detlev Sieber als neue Vorstände gewählt. Rena Tangens wurde politische Geschäftsführerin, padeluun künstlerischer Leiter; beide wurden Ehrenmitglieder. Anschließend wurde der Organisation mangelhafte Aufarbeitung der Vorgänge vorgeworfen.