Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die neuen Leiden des jungen W.
Die neuen Leiden des jungen W. ist ein Roman und Bühnenstück von Ulrich Plenzdorf, das Parallelen zwischen Werther (aus Goethes Die Leiden des jungen …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Entstehung
Die neuen Leiden des jungen W. ist ein Roman und Bühnenstück von Ulrich Plenzdorf. Im Mittelpunkt steht Edgar Wibeau, ein siebzehnjähriger Jugendlicher aus der DDR. Das Werk verbindet Edgars Geschichte mit literarischen Vorbildern: Werther aus Goethes Die Leiden des jungen Werthers, Holden aus Salingers Der Fänger im Roggen und Robinson aus Daniel Defoes Robinson Crusoe. Besonders wichtig ist die Parallele zu Goethes Werther, weil Edgar dessen Sprache und Gefühlslage immer wieder auf sein eigenes Leben bezieht.
Plenzdorf schrieb 1968 zusammen mit der Dramaturgin Inge Heym eine erste Fassung als Filmszenarium für die DEFA. Diese wurde abgelehnt. Danach arbeitete Plenzdorf den Stoff zu einem Prosatext um. 1972 erschien dieser in der DDR-Zeitschrift Sinn und Form. Im selben Jahr wurde auch das Bühnenstück am 18. Mai 1972 in Halle (Saale) unter der Regie von Horst Schönemann mit Reinhard Straube in der Titelrolle uraufgeführt. Die Aufführung war ein großer Erfolg; in den folgenden Jahren wurde das Werk zu einem „Kult-Stück“ und wurde in der DDR, in der Bundesrepublik und in anderen Ländern gespielt. 1973 erschien eine erweiterte Buchfassung im Hinstorff Verlag, zeitgleich auch in der Bundesrepublik. 1976 wurde das Werk in Westdeutschland verfilmt.
Handlung der Fassung von 1973
Die Fassung von 1973 beginnt damit, dass Edgar Wibeau bereits tot ist. Sein Vater, der die Familie verlassen hatte, als Edgar fünf Jahre alt war, versucht nach Edgars Tod, seinen Sohn im Nachhinein kennenzulernen. Dafür spricht er mit Menschen, die Edgar nahestanden.
Edgar wächst in der fiktiven Kleinstadt Mittenberg bei seiner Mutter auf. Sie leitet die Berufsschule, an der Edgar seine Ausbildung macht. Er gilt als Musterschüler und Vorzeigeknabe, fühlt sich aber offenbar eingeengt. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming verlässt er Mittenberg zusammen mit seinem Freund Willi und geht nach Berlin. Willi kehrt bald zurück, Edgar bleibt allein in Berlin. Er lebt in einer verlassenen Gartenlaube neben einem Kindergarten in Berlin-Lichtenberg.
In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie, in die Edgar sich verliebt. Charlie ist jedoch mit Dieter verlobt und heiratet ihn später. Edgar hält nur mit Willi Kontakt und schickt ihm Tonbänder, auf denen er Zitate aus Goethes Werther spricht. Diese Zitate passen für ihn zu seiner eigenen Lage. Edgar nennt sie auch seine „Wertherpistole“, weil er sie benutzt, wenn Situationen unangenehm werden oder er unsicher ist.
Nachdem Edgar nicht an einer Kunsthochschule aufgenommen wird, arbeitet er als Anstreicher. Er will seinen Kollegen Addi und Zaremba beweisen, dass er mehr kann, und versucht ein „nebelloses Farbspritzgerät“ zu entwickeln. Addi war zuvor an einer solchen Konstruktion gescheitert. Beim ersten Versuch, die selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, stirbt Edgar durch einen Stromschlag.
Erzählweise, Sprache und Werther-Bezug
Die Erzählstruktur ist ungewöhnlich: Die Hauptfigur ist schon zu Beginn tot. Edgars Vater sammelt nachträglich Informationen über ihn, indem er mit Edgars Mutter, Willi, Charlie und seinem Meister Addi spricht. Edgar selbst kommentiert diese Gespräche aus dem Jenseits in längeren inneren Monologen. So entsteht ein Bild aus verschiedenen Perspektiven, das nicht ganz eindeutig ist.
Die Werther-Zitate haben mehrere Funktionen. Sie drücken Edgars Leidenschaft und innere Verfassung aus, die er mit seiner Alltagssprache nicht vollständig ausdrücken könnte. Zugleich schaffen sie Distanz zur Gesellschaft und wirken provozierend. Obwohl die Sprache aus einer älteren Literaturepoche stammt, wird ihr eine aktuelle seelische Bedeutung zugeschrieben.
Sprachlich mischt das Werk verschiedene Ebenen. Edgar spricht in einer von Plenzdorf konstruierten Jugendsprache, etwa mit Wendungen wie „und so“ oder „Leute“. Daneben stehen literarische Einschübe aus Goethes Werther und einzelne Anklänge an Salingers Der Fänger im Roggen. Außerdem kommen Umgangssprache und Fäkalsprache vor, zum Beispiel „rumkraucht“, „Sauerei“ oder „Du Scheiße!“. Diese Mischung erzeugt Kontraste und macht Edgars Stimme jugendlich, direkt und rebellisch.
Ein wichtiger Bezug zu Goethe ist die Dreiecksbeziehung: Edgar entspricht Werther, Charlie entspricht Lotte, Dieter entspricht Albert. Edgar liebt eine Frau, die bereits verlobt ist, und hofft dennoch auf eine Möglichkeit. Wie bei Goethe steht zwischen dem Liebenden und der Frau ein anderer Mann. Edgar respektiert Dieter teilweise, sieht ihn aber zugleich als Gegner. Am Ende bleibt Charlie bei ihrem ursprünglichen Partner.
Figuren und gesellschaftlicher Konflikt
Edgar Wibeau ist 17 Jahre alt, stammt aus Mittenberg und lebt nach seiner Flucht verwildert in Berlin. Er sieht sich selbst als verkanntes Genie und als erfahrenen Herzensbrecher, erlebt aber in der Liebe zu Charlie zum ersten Mal romantische Gefühle. Er interessiert sich für westliche Populärkultur wie „echte Jeans“, Jazz, besonders Satchmo, und US-amerikanische Filme. Gleichzeitig teilt er sozialistische Ideale, empört sich über den Vietnamkrieg, bewundert den alten Rotfrontkämpfer Zaremba und ist bereit zu arbeiten. Er lehnt aber das realsozialistische Spießertum ab, das für ihn durch seine Mutter, seinen Ausbilder oder Dieter verkörpert wird.
Charlie Schmidt ist 20 Jahre alt und Kindergärtnerin. Sie fühlt sich in mancher Hinsicht zu Edgar hingezogen, will aber ihre Beziehung zu Dieter nicht aufgeben. Dieter ist im Vergleich zu Edgar ein linientreuer „Spießer“. Er hat seine Armeezeit mustergültig abgeschlossen und will mit einem Stipendium Germanistik studieren. Edgars Vater, Herr Wibeau, ist 36 Jahre alt, lebt in Berlin und ist Statiker. Er interessiert sich erst nach Edgars Tod ernsthaft für seinen Sohn. Else Wibeau ist Edgars Mutter, eine linientreue Genossin und Schulleiterin. Sie fordert viel von Edgar, liebt ihn aber und unterstützt ihn so gut sie kann. Addi Berliner ist Brigadeleiter einer Malerbrigade, aufbrausend, aber im Kern gutmütig. Zaremba ist ein alter, überzeugter Sozialist und Anstreicher, der oft Streit schlichtet. Willi Lindner ist Edgars Jugendfreund und der einzige, zu dem Edgar nach seiner Flucht Kontakt hält.
Gesellschaftlich zeigt das Werk einen Jugendlichen, der gegen Enge und Anpassungsdruck rebelliert. Seine Kritik richtet sich nicht grundsätzlich gegen den Sozialismus, sondern gegen gesellschaftliche Verhältnisse, die Selbstfindung und persönliche Entfaltung erschweren. In der DDR spielen Jugendpolitik, SED und FDJ eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit sind Spontaneität und Kreativität unerwünscht. Edgar widersetzt sich diesen Erwartungen durch sein Aussehen, sein Verhalten und seine Flucht nach Berlin.
Fassungen, Unterschiede und Verfilmung
Es gibt mehrere Fassungen des Werks. 1968 entstand eine Urfassung als unbetiteltes Filmszenarium. 1972 folgte die Prosafassung in Sinn und Form sowie ein Bühnenstück in zwei Teilen, das auch als Bühnen-Manuskript gedruckt wurde. 1973 erschien die erweiterte Prosafassung als Buchausgabe ohne Gattungsbezeichnung. Ein wichtiger Unterschied ist, dass die Urfassung einen Selbstmordversuch enthält, während spätere Fassungen von einem Unfalltod sprechen. In der Buchfassung wurde der Schluss verändert; einiges wurde erweitert, anderes gestrichen.
Die Urfassung von 1968 wirkt eher wie ein unfertiges Filmskript. Edgar träumt dort noch stärker davon, wie sein Vater Maler und Bohemien zu sein. Die geliebte Figur heißt noch Charlotte. Edgars Aufzeichnungen laufen nicht über einen Kassettenrekorder, sondern über ein kompaktes Tonbandgerät. Nach dem Verlust Charlottes an Dieter setzt Edgar alles auf ein hydraulisches Farbspritzgerät. Der Probelauf ist mit einem geplanten doppelten Selbstmord durch Erschießen und Erhängen verbunden. Die Maschine explodiert, der Selbstmordversuch scheitert, doch die Konstruktion wird als genial erkannt. Edgar kehrt als Held in seine Heimatstadt zurück.
1976 wurde Die neuen Leiden des jungen W. in Westdeutschland verfilmt, obwohl die Handlung weiterhin in der DDR spielte. Das Drehbuch schrieb Ulrich Plenzdorf, Regie führte Eberhard Itzenplitz. Klaus Hoffmann spielte Edgar Wibeau und erhielt dafür Bambi und Goldene Kamera. Léonie Thelen spielte Charlie. Der Fernsehfilm wurde am 20. April 1976 um 21 Uhr in der ARD gesendet.
Das Werk erschien in vielen Ausgaben und Übersetzungen. Bis 1990 gab es 10 DDR-Auflagen und 38 westdeutsche Auflagen des Romans. Außerdem wurden Prosafassung oder Bühnenstück in zahlreichen Sprachen veröffentlicht, darunter Tschechisch, Italienisch, Schwedisch, Französisch, Englisch, Spanisch und Türkisch.