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Die nervöse Großmacht

Trotz der Repression gewinnen die Sozialdemokraten weiter an Zulauf, woraufhin Bismarck mit seiner Sozialgesetzgebung versucht, ihr das Wasser abzugraben – …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Aufbau des Films
  2. 2. Reichsgründung, Außenpolitik und Innenpolitik
  3. 3. Bismarcks Familie und politisches Umfeld
  4. 4. Sozialdemokratie und Auswirkungen auf Arbeiterfamilien

Gegenstand und Aufbau des Films

Die nervöse Großmacht ist ein deutscher dokumentarisch-historischer Fernsehspielfilm von Bernd Fischerauer aus dem Jahr 2012. Das Drehbuch verfassten Bernd Fischerauer und Klaus Gietinger. Der Film ist 87 Minuten lang und bildet zusammen mit Die Reichsgründung einen Zweiteiler über die deutsche Geschichte von 1862 bis 1890. Zeitlich setzt er am Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 ein und endet kurz nach Otto von Bismarcks Entlassung als Reichskanzler im Jahr 1890. An die politische Entwicklung, die später zum Ersten Weltkrieg führte, schließt Fischerauers Film Europas letzter Sommer an.

Der Film stellt die politischen Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Im Mittelpunkt stehen Bismarck, die deutsche Reichsführung und die Hohenzollern, daneben aber auch sozialdemokratische Politiker, Arbeiterfamilien, Staatsbeamte und Militärs. Dadurch verbindet der Film Regierungshandeln und internationale Politik mit den Auswirkungen staatlicher Entscheidungen auf unterschiedliche Gesellschaftsschichten. Wegen der vielen Handlungsstränge wird die Handlung im Artikel nicht streng chronologisch, sondern nach einzelnen Themen und Personengruppen geordnet.

Reichsgründung, Außenpolitik und Innenpolitik

Im Januar 1871 wird im Schloss von Versailles das Deutsche Reich ausgerufen. Kaiser Wilhelm I. entscheidet, Paris durch Artilleriebeschuss zur Aufgabe zu zwingen. Nach der französischen Kapitulation unterstützt Deutschland die Zerschlagung der revolutionären Pariser Kommune. Im Vorfrieden von Versailles und im Frankfurter Frieden muss Frankreich hohe Reparationszahlungen leisten und Elsaß-Lothringen an Deutschland abtreten. In der Umgebung des Kaisers besteht die Sorge, dass dadurch eine dauerhafte Feindschaft zu Frankreich und ein neuer Krieg entstehen könnten. Der neue Reichskanzler Otto von Bismarck betrachtet das Deutsche Reich deshalb als „saturiert“: Es soll keine weiteren Eroberungskriege führen, sondern den Frieden nach außen sichern.

Bismarcks Außenpolitik beruht auf einem Netz von Bündnissen. Nach dem Deutschen Krieg von 1866 sucht Deutschland die Aussöhnung mit Österreich unter Kaiser Franz Joseph I. Außerdem nähert sich Bismarck Russland unter Zar Alexander II. an. Diese Verbindung wird durch den Konsultativpakt des Dreikaiserabkommens besiegelt. Nach dem Russisch-Osmanischen Krieg von 1877–1878 und dem Berliner Kongress fühlen sich pan-slawistische Kräfte in Russland um ihren Sieg betrogen. Deutschland und Österreich schließen deshalb den defensiven Zweibund, der beide Staaten gegen einen russischen Angriff absichern soll. 1882 kommt Italien zum Dreibund hinzu, wodurch sich die Kräfte gegenüber Russland und Frankreich bündeln. Bismarck erneuert außerdem den Dreikaiserbund.

Im Innern gewinnt die Nationalliberale Volkspartei bei der Reichstagswahl 1871 deutlich. Auch die katholische Zentrumspartei erzielt mit mehr als 18 % der Stimmen einen großen Erfolg. Bismarck richtet seinen politischen Kampf gegen sogenannte innere „Reichsfeinde“, besonders gegen Katholiken und Sozialdemokraten. Im Kulturkampf versucht der Staat, den Einfluss des Katholizismus in Preußen und im Deutschen Reich zurückzudrängen; ein Beispiel dafür ist das Jesuitengesetz.

Der Wiener Börsenkrach von 1873 löst eine Wirtschaftskrise aus. Im Juni 1878 wird Kaiser Wilhelm I. bei einem Anschlag Karl Eduard Nobilings ernstlich verletzt. Bismarck macht die Sozialdemokratie für die politische Gefahr verantwortlich. Der Reichstag verabschiedet 1878 das Sozialistengesetz, das die sozialistische Bewegung einer starken staatlichen Repression aussetzt. Gleichzeitig führt Bismarck Sozialreformen ein, um der Sozialdemokratie Anhänger zu entziehen. Diese Politik bleibt erfolglos: Bei der Reichstagswahl 1890 wird die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschland stärkste politische Kraft und benennt sich kurz darauf in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) um.

1888 stirbt Wilhelm I. Sein Sohn Friedrich III., der schwer an Kehlkopfkrebs erkrankt ist, folgt ihm als Kaiser, stirbt aber nur wenige Monate später. Danach wird Wilhelm II. deutscher Kaiser. Bismarcks Rückhalt im Reichstag und beim neuen Kaiser schwindet; Wilhelm II. entlässt ihn 1890 als Reichskanzler. Danach gerät das von Bismarck geschaffene außenpolitische Gleichgewicht aus den Fugen. Neben dem Dreibund entsteht eine Allianz aus Russland, Frankreich und Großbritannien. Die Spannungen eskalieren 1914 in der Julikrise zum Ersten Weltkrieg.

Bismarcks Familie und politisches Umfeld

Für seine politischen Leistungen wird Otto von Bismarck in den Fürstenstand erhoben. Außerdem erhält er den Sachsenwald im Herzogtum Sachsen-Lauenburg und das Schloss Friedrichsruh. Der Film zeigt auch seine privaten Belastungen: Sein ungesunder Lebensstil, insbesondere Fresssucht und Fettleibigkeit, wirkt sich zunehmend auf seine Gesundheit aus.

Bismarcks Tochter Marie heiratet den Diplomaten Kuno zu Rantzau. Sein Sohn Herbert führt eine uneheliche Beziehung mit der verheirateten Fürstin Elisabeth zu Carolath-Beuthen. Als die Affäre 1879 öffentlich bekannt wird, drängt Bismarck seinen Sohn, sie zu beenden. Herbert folgt dieser Aufforderung schließlich. Zu Bismarcks engem Umfeld gehören außerdem sein politischer Berater Lothar Bucher sowie verschiedene Staatsbeamte und Militärs, darunter Alexander von Schleinitz und der Generalfeldmarschall Helmut von Moltke. Der Schleinitz-Salon, den Marie von Schleinitz als Salonnière führt, bildet einen weiteren gesellschaftlichen Ort des Films; dort werden unter anderem Richard Wagner und Theodor Fontane genannt.

Sozialdemokratie und Auswirkungen auf Arbeiterfamilien

August Bebel und Wilhelm Liebknecht gehören zu den zentralen Wortführern der sozialdemokratischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Beide werden bei der Reichstagswahl 1871 in den Reichstag gewählt. Gegen sie wird ein Hochverratsprozess geführt; nach einem Schauprozess werden sie 1872 zu jeweils zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Trotzdem werden beide bei der Reichstagswahl 1874 erneut in den Reichstag gewählt. Die SDAP verdoppelt ihr Ergebnis und erreicht 6,8 % der Stimmen. 1874 empfängt Liebknecht Karl Marx, der die Annäherung der SDAP an den von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein kritisch beurteilt. Beide Strömungen sollen zu einer gemeinsamen Partei zusammengeführt werden. 1875 entsteht die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, die 1890 stärkste Partei wird und sich anschließend SPD nennt. In Liebknechts Familie wird Karl Liebknecht geboren, der später Reichstagsabgeordneter und Führer des Spartakusbundes wird.

Der Arbeiter Franz Wölke kehrt 1871 als Wehrpflichtsoldat aus dem Deutsch-Französischen Krieg zu seiner Familie nach Berlin zurück. In der Lokomotivenfabrik von Borsig erhält er seine frühere Arbeitsstelle wieder. In einem Arbeiterbildungsverein erwirbt er elementare Schulbildung und politisches Wissen und lernt die junge Hanne kennen. Die beiden beginnen eine uneheliche Beziehung und heiraten, als Hanne schwanger wird. Während Bismarcks Kampf gegen die Sozialdemokratie verliert Franz zeitweise seine Arbeit. Später wird er im Arbeiterbildungsverein Dozent. 1878 wird er wegen der Repression gegen die Sozialdemokraten zu acht Monaten Haft verurteilt; während dieser Zeit stirbt seine Mutter.

1886 verletzt sich Franz bei Borsig bei einem Arbeitsunfall so schwer, dass ihm ein Bein amputiert werden muss. Seine Familie profitiert anschließend von Bismarcks Sozialreformen. Diese Reformen sollen die Anhängerschaft der Sozialdemokraten verringern, erreichen dieses Ziel aber nicht. Am Beispiel der Familie Wölke zeigt der Film, wie politische Repression, Arbeitswelt, Bildung, Familienleben und soziale Sicherung miteinander verbunden sind.

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